Infusionstherapie: Grundlagen, Lösungen und Flüssigkeitsberechnung

Infusionstherapie Grundlagen: Infusionslösungen im Vergleich, Kristalloide vs. Kolloide, perioperativer Flüssigkeitsersatz und Dehydratation.

Klinische Medizin · Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi · 1. April 2026 · 12 Min. Lesezeit

Die intravenöse Flüssigkeitstherapie gehört zu den häufigsten ärztlichen Anordnungen im stationären Alltag — und wird dennoch oft unkritisch und schematisch durchgeführt. Dabei ist die Wahl der richtigen Infusionslösung, die korrekte Berechnung des Flüssigkeitsbedarfs und das Monitoring der Volumentherapie klinisch hochrelevant: Eine zu aggressive Flüssigkeitszufuhr ist ebenso schädlich wie eine zu restriktive.

Dieser Artikel vermittelt die physiologischen Grundlagen, vergleicht die gängigen Infusionslösungen und gibt praxisnahe Empfehlungen für verschiedene klinische Situationen. Für die schnelle Berechnung des Erhaltungsbedarfs nutzen Sie unseren Infusionsrechner.

Physiologische Grundlagen

Körperwasser und Verteilung

Der Gesamtkörperwasseranteil beträgt beim Erwachsenen etwa 60 % des Körpergewichts (bei Frauen ca. 50 %, bei Adipositas weniger, bei Neugeborenen bis zu 75 %). Dieses Wasser verteilt sich auf drei Kompartimente:

Kompartiment Anteil am Körpergewicht Volumen (70 kg)
Intrazellulär (IZR) 40 % 28 L
Interstitiell 15 % 10,5 L
Intravasal 5 % 3,5 L

Die Verteilung der infundierten Flüssigkeit auf diese Kompartimente hängt entscheidend von der Art der Lösung ab: Kristalloide verteilen sich auf den gesamten Extrazellulärraum (intravasal + interstitiell), sodass nur etwa 25 % intravasal verbleiben. Kolloide und Blutprodukte verbleiben primär intravasal.

Täglicher Flüssigkeitsbedarf

Der basale Flüssigkeitsbedarf eines Erwachsenen beträgt etwa 25–30 ml/kg/Tag, zusammengesetzt aus:

Zusätzliche Verluste entstehen bei Fieber (+500 ml pro Grad über 37°C), Erbrechen, Durchfall, offenen Wunden, Drainagen und intraoperativer Verdunstung.

Elektrolytbedarf

Elektrolyt Tagesbedarf (Erwachsener)
Natrium 1–2 mmol/kg/d (70–140 mmol)
Kalium 1–1,5 mmol/kg/d (70–105 mmol)
Chlorid 1–2 mmol/kg/d
Magnesium 0,1–0,2 mmol/kg/d
Calcium 0,1 mmol/kg/d
Phosphat 0,3–0,5 mmol/kg/d

Infusionslösungen im Vergleich

Kristalloide Lösungen

Kristalloide enthalten Elektrolyte und/oder Glukose in wässriger Lösung. Sie sind der Grundpfeiler der intravenösen Flüssigkeitstherapie.

Eigenschaft NaCl 0,9 % Ringer-Laktat Ringer-Acetat Jonosteril Glukose 5 %
Na⁺ (mmol/l) 154 131 131 137 0
K⁺ (mmol/l) 0 5 5 4 0
Ca²⁺ (mmol/l) 0 2 2 1,65 0
Cl⁻ (mmol/l) 154 112 112 110 0
Puffer Laktat 28 Acetat 27 Acetat 36,8
Osmolarität (mosm/l) 308 278 276 291 278
pH 5,0 6,5 6,5 5,9 4,0

Merke: NaCl 0,9 % ist keine "physiologische Kochsalzlösung" — der Chloridgehalt ist 50 % höher als im Plasma (154 vs. 103 mmol/l). Große Mengen NaCl 0,9 % verursachen eine hyperchlorämische metabolische Azidose und können die Nierenperfusion verschlechtern. Balancierte Kristalloide (Ringer-Laktat, Ringer-Acetat, Jonosteril) sind in den meisten Situationen vorzuziehen.

NaCl 0,9 % vs. Ringer-Laktat: Die Evidenz

Die SMART-Studie (2018, > 15.000 Patienten) und die SALT-ED-Studie zeigten, dass balancierte Kristalloide im Vergleich zu NaCl 0,9 % mit weniger Nierenschäden, weniger Dialysebedarf und niedrigerer Mortalität assoziiert sind — insbesondere bei Sepsis und größeren Flüssigkeitsmengen (> 2 L).

Indikationen für NaCl 0,9 % bleiben:

Kolloide

Kolloide enthalten große Moleküle (Stärke, Gelatine, Albumin), die den onkotischen Druck im Intravasalraum aufrechterhalten und somit einen größeren Volumeneffekt haben als Kristalloide.

Kolloid Volumeneffekt Wirkdauer Besonderheiten
HES 130/0,4 (Voluven) 100 % 4–6 h In Deutschland nur noch für akute Hypovolämie, NICHT bei Sepsis
Gelatine (Gelafundin) 70–80 % 1–2 h Allergierisiko, geringe Evidenz
Humanalbumin 5 % 80–100 % 16–24 h Teuer, Indikation: Sepsis, Leberzirrhose, Aszitespunktion
Humanalbumin 20 % 200–400 % 16–24 h Hyperonkotisch, zieht Wasser in den Intravasalraum

Kristalloide vs. Kolloide: Die aktuelle Evidenz

Die Debatte um Kristalloide vs. Kolloide wurde durch mehrere große Studien geklärt:

Merke: Hydroxyethylstärke (HES) ist bei Sepsis, Niereninsuffizienz und kritisch Kranken kontraindiziert. Die EMA hat die Zulassung stark eingeschränkt. Balancierte Kristalloide sind die Erstlinientherapie in den meisten klinischen Situationen.

Perioperativer Flüssigkeitsersatz

Nüchternheitsdefizit

Das Nüchternheitsdefizit wird häufig überschätzt. Moderne Enhanced-Recovery-Protokolle (ERAS) erlauben klare Flüssigkeiten bis 2 Stunden vor Narkoseeinleitung. Ein relevantes Nüchternheitsdefizit besteht daher selten, und die routinemäßige "Auffüllung" mit 1–2 L Kristalloiden vor Narkoseeinleitung ist obsolet.

Intraoperativer Flüssigkeitsersatz

Die moderne perioperative Flüssigkeitstherapie folgt einem zielgerichteten (goal-directed) Ansatz:

Parameter Ziel
Urinausscheidung 0,5–1 ml/kg/h
Mittlerer arterieller Druck (MAP) > 65 mmHg
Laktat < 2 mmol/l
Schlagvolumenvariation (SVV) < 13 % (bei maschineller Beatmung)
Zentralvenöse Sättigung (ScvO2) > 70 %

Blutverlust: Kristalloide ersetzen Blutverlust im Verhältnis 3:1 (z. B. 1500 ml Ringer-Laktat für 500 ml Blutverlust), Kolloide im Verhältnis 1:1. Bei Überschreiten des Transfusionstriggers (Hb < 7 g/dl, bei KHK < 8 g/dl): Erythrozytenkonzentrate.

Postoperative Flüssigkeitstherapie

Postoperativ sollte so früh wie möglich auf orale Flüssigkeitszufuhr umgestellt werden (ERAS-Konzept). Bei parenteraler Zufuhr: 25–30 ml/kg/d balancierte Kristalloide + Kaliumsubstitution (cave: Hyperkaliämie durch Gewebetrauma in den ersten 24 h). Eine Überinfusion in den ersten 24 h postoperativ ist mit Ileus, Anastomoseninsuffizienz und pulmonalen Komplikationen assoziiert.

Dehydratation: Erkennung und Therapie

Klinische Einschätzung des Dehydratationsgrades

Grad Flüssigkeitsverlust Klinische Zeichen
Leicht 3–5 % des KG Durst, trockene Schleimhäute, konzentrierter Urin
Mittel 6–9 % des KG Stehende Hautfalten, Tachykardie, Oligurie, Schwindel
Schwer > 10 % des KG Hypotonie, Schock, Bewusstseinsstörung, Anurie

Therapie der Dehydratation

Leichte bis mittelschwere Dehydratation: Orale Rehydratation ist die Erstlinientherapie (WHO-Rehydratationslösung oder vergleichbar). Intravenös nur bei Unmöglichkeit der oralen Zufuhr oder schwerer Dehydratation.

Schwere Dehydratation / Schock:

  1. Initialbolus: 500 ml balancierte Kristalloide über 15–30 Minuten
  2. Reassessment: Herzfrequenz, Blutdruck, Urinausscheidung, Kapillärrefill
  3. Weitere Boli nach Bedarf (max. 30 ml/kg in der ersten Stunde bei Sepsis)
  4. Elektrolyte und Blutgase kontrollieren
  5. Ursache behandeln

Hypernatriämische Dehydratation

Eine besondere Situation: Der Flüssigkeitsverlust überwiegt den Natriumverlust (z. B. bei Diabetes insipidus, Fieber, unzureichender Flüssigkeitszufuhr bei geriatrischen Patienten). Die Korrektur muss langsam erfolgen — Natriumsenkung maximal 8–10 mmol/l/24 h, um ein Hirnödem zu vermeiden. Infusion: Glukose 5 % oder halbisotone NaCl (0,45 %).

Hyponatriämische Dehydratation

Natriumverlust überwiegt den Flüssigkeitsverlust (z. B. bei Erbrechen, Diuretika). Therapie mit NaCl 0,9 % — bei schwerer Hyponatriämie (< 120 mmol/l) mit Symptomen: hypertone NaCl 3 % (100 ml über 10 min, max. 300 ml). Natriumkorrektur maximal 8 mmol/l/24 h zur Vermeidung der osmotischen Demyelinisierung.

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Spezielle Populationen

Pädiatrische Patienten

Kinder haben einen proportional höheren Flüssigkeitsbedarf als Erwachsene. Der Erhaltungsbedarf wird meist nach der Holliday-Segar-Formel berechnet. Als Infusionslösung wird bei Kindern eine balancierte isotone Kristalloidlösung empfohlen — hypotone Lösungen (z. B. Glukose 5 % in 0,45 % NaCl) können eine lebensbedrohliche Hyponatriämie verursachen.

Dehydratation beim Kind: Die klinische Einschätzung erfolgt über Gewichtsverlust, Hautturgor, Fontanellenstatus (Säuglinge), Schleimhautfeuchtigkeit und Urinausscheidung. Orale Rehydratation ist bis zur schweren Dehydratation die Methode der Wahl.

Geriatrische Patienten

Ältere Patienten sind besonders vulnerabel für Flüssigkeitsstörungen:

Empfehlung: Niedrigere Infusionsraten (20–25 ml/kg/d), engmaschiges Monitoring (Gewicht, Ein-/Ausfuhr, klinische Zeichen der Überwässerung) und frühzeitige orale Rehydratation.

Niereninsuffizienz

Bei Patienten mit akutem Nierenversagen oder chronischer Niereninsuffizienz (eGFR < 30 ml/min) gelten besondere Regeln. Prüfen Sie die aktuelle eGFR mit dem GFR-Rechner.

Monitoring der Flüssigkeitstherapie

Klinische Parameter

Laborparameter

Parameter Hinweis auf Dehydratation Hinweis auf Überwässerung
Hämatokrit Erhöht (Hämokonzentration) Erniedrigt (Hämodilution)
Natrium Variabel (je nach Typ) Erniedrigt (Verdünnungshyponatriämie)
Harnstoff/Kreatinin-Ratio Erhöht (> 20:1, prärenal) Normal
Urinosmolarität > 500 mosm/kg < 300 mosm/kg
Spezifisches Gewicht Urin > 1,025 < 1,010

Erweiterte hämodynamische Überwachung

Bei kritisch Kranken reichen klinische Parameter oft nicht aus. Dynamische Vorlastparameter (Pulsdruckvariation, Schlagvolumenvariation, passive Beinanhebung) sind dem ZVD überlegen zur Vorhersage der Volumenresponsivität.

Merke: Der ZVD (zentralvenöser Druck) allein ist kein zuverlässiger Parameter zur Steuerung der Flüssigkeitstherapie. Ein ZVD von 12 mmHg kann bei einem Patienten eine Hypovolämie und bei einem anderen eine Überwässerung bedeuten. Dynamische Parameter und das klinische Gesamtbild sind entscheidend.

Zusammenfassung

Die intravenöse Flüssigkeitstherapie ist eine therapeutische Maßnahme, die individuell dosiert, überwacht und angepasst werden muss — nicht ein harmloses Routineverfahren. Balancierte Kristalloide sind die Erstlinientherapie in den meisten klinischen Situationen. Eine zielgerichtete, restriktive Volumentherapie verbessert die Ergebnisse in der perioperativen und intensivmedizinischen Versorgung.

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Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Warum ist Ringer-Laktat besser als NaCl 0,9 %? Ringer-Laktat hat eine plasmaähnlichere Elektrolytzusammensetzung als NaCl 0,9 %. Der Chloridgehalt von NaCl 0,9 % liegt bei 154 mmol/l — deutlich über dem Plasmawert von 103 mmol/l. Große Mengen NaCl 0,9 % verursachen eine hyperchlorämische metabolische Azidose, die die Nierenperfusion verschlechtern kann. Große randomisierte Studien wie die SMART-Studie zeigen weniger Nierenversagen und niedrigere Mortalität unter balancierten Kristalloiden.

Wie viel Flüssigkeit braucht ein Erwachsener pro Tag? Der basale Erhaltungsbedarf liegt bei 25–30 ml/kg Körpergewicht pro Tag. Für einen 70 kg schweren Patienten sind das etwa 1750–2100 ml/d. Dieser Bedarf steigt bei Fieber, Durchfall, Erbrechen, offenen Wunden und intraoperativ. Wichtig: Die orale Flüssigkeitszufuhr wird eingerechnet — nur das Defizit muss intravenös ausgeglichen werden.

Wann sind Kolloide statt Kristalloide indiziert? Kolloide haben nur noch begrenzte Indikationen. Humanalbumin wird bei Sepsis mit Hypalbuminämie, bei großvolumiger Aszitespunktion (> 5 L) und bei Leberzirrhose mit spontaner bakterieller Peritonitis eingesetzt. HES ist bei Sepsis, Niereninsuffizienz und kritisch Kranken kontraindiziert. In der Akutphase des hämorrhagischen Schocks können Kolloide als Überbrückung bis zur Transfusion eingesetzt werden.

Kann man zu viel Flüssigkeit geben? Ja. Eine iatrogene Überwässerung ist ein häufiges Problem und mit schlechteren Outcomes assoziiert. Folgen sind Lungenödem, Ödeme, Verdünnungshyponatriämie, Ileus, Anastomoseninsuffizienz und verlängerte Beatmungsdauer. Das Konzept "viel hilft viel" ist bei der Flüssigkeitstherapie falsch. Eine zielgerichtete, restriktive Strategie mit regelmäßiger Reassessierung ist der aggressive Volumengabe überlegen.

Warum kein Ringer-Laktat bei Hyperkaliämie? Ringer-Laktat enthält 5 mmol/l Kalium. Bei Patienten mit Hyperkaliämie (Kalium > 5,5 mmol/l) kann die zusätzliche Kaliumzufuhr die Hyperkaliämie verschlimmern und lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen begünstigen. In dieser Situation ist NaCl 0,9 % die bevorzugte Kristalloidlösung. Paradoxerweise senkt Ringer-Laktat bei normokaliämen Patienten das Serumkalium häufig sogar durch Dilution und metabolische Alkalose.

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