Depression und Angst erkennen: Screening in der Praxis
Depression und Angststörung erkennen: PHQ-9 Auswertung, GAD-7 Interpretation, Screening in der Hausarztpraxis und wann überwiesen werden muss.
Depression und Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen weltweit — und werden im Praxisalltag trotzdem systematisch unterdiagnostiziert. Studien zeigen, dass Hausärzte ohne standardisiertes Screening nur etwa 50 % der depressiven Episoden erkennen. Gleichzeitig sind Depression und Angst die Hauptursachen für Arbeitsunfähigkeit und gehen mit erheblicher somatischer Komorbidität einher.
Dieser Artikel beleuchtet die Epidemiologie, erklärt die Interpretation der wichtigsten Screening-Instrumente — PHQ-9 und GAD-7 — und zeigt, wann eine Überweisung zur psychiatrischen oder psychotherapeutischen Weiterbehandlung notwendig ist. Für die direkte Anwendung der Fragebögen nutzen Sie unser PHQ-9 & GAD-7 Screening.
Epidemiologie: Wie häufig sind Depression und Angst?
Depression
Die 12-Monats-Prävalenz der Major Depression in Deutschland liegt bei etwa 8–10 % der Erwachsenen. Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Der Erkrankungsgipfel liegt zwischen dem 25. und 35. Lebensjahr, ein zweiter Gipfel zeigt sich im höheren Lebensalter.
Besonders relevant für die Hausarztpraxis: Bis zu 30 % der Patienten mit chronischen somatischen Erkrankungen — koronare Herzkrankheit, Diabetes, chronische Schmerzen — leiden gleichzeitig an einer Depression. Diese Komorbidität verschlechtert die Prognose beider Erkrankungen erheblich.
Angststörungen
Angststörungen sind mit einer 12-Monats-Prävalenz von 14–15 % sogar häufiger als Depressionen. Die generalisierte Angststörung (GAD) betrifft etwa 3–5 % der Bevölkerung, Panikstörung und soziale Phobie jeweils 2–3 %. Die Komorbidität zwischen Depression und Angststörungen ist hoch: Etwa 60 % der Patienten mit Major Depression erfüllen gleichzeitig die Kriterien einer Angststörung.
Warum Screening wichtig ist
Patienten mit Depression und Angststörungen präsentieren sich in der Hausarztpraxis häufig mit somatischen Beschwerden — Schlafstörungen, Müdigkeit, Schmerzen, Schwindel, gastrointestinale Symptome. Diese maskierte Präsentation erschwert die Diagnose und führt zu langen diagnostischen Odysseen.
Ein systematisches Screening verkürzt die Zeit bis zur Diagnose, ermöglicht einen früheren Therapiebeginn und verbessert die Langzeitprognose. Die S3-Leitlinie Unipolare Depression empfiehlt ein aktives Screening bei Risikopatienten.
PHQ-9: Das Standardinstrument zur Depressions-Erkennung
Was misst der PHQ-9?
Der Patient Health Questionnaire-9 (PHQ-9) erfasst die neun Kriterien der Major Depression nach DSM-5. Jede Frage wird auf einer Skala von 0 ("überhaupt nicht") bis 3 ("beinahe jeden Tag") beantwortet. Der Summenscore reicht von 0 bis 27.
Die neun Bereiche sind: Interessenverlust, Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen, Müdigkeit, Appetitveränderungen, Schuldgefühle und Wertlosigkeit, Konzentrationsstörungen, psychomotorische Veränderungen und Suizidgedanken.
PHQ-9 Auswertung und Interpretation
| Summenscore | Schweregrad | Klinische Konsequenz |
|---|---|---|
| 0–4 | Keine Depression | Kein Handlungsbedarf |
| 5–9 | Leichte Depression | Aktive Beobachtung, Psychoedukation, Wiederholung in 2–4 Wochen |
| 10–14 | Mittelschwere Depression | Psychotherapie und/oder Pharmakotherapie empfohlen |
| 15–19 | Schwere Depression | Aktive Behandlung indiziert, Kombination Psycho- und Pharmakotherapie |
| 20–27 | Schwerste Depression | Dringend behandlungsbedürftig, psychiatrische Mitbehandlung empfohlen |
Merke: Ein PHQ-9-Score von 10 oder mehr gilt als Screening-positiv für eine Major Depression mit einer Sensitivität von 88 % und einer Spezifität von 88 %. Der PHQ-9 ist ein Screening-Instrument — die endgültige Diagnose erfordert immer ein klinisches Interview.
Interpretation der Einzelfragen
Neben dem Summenscore verdienen bestimmte Einzelfragen besondere Aufmerksamkeit:
Frage 9 (Suizidgedanken): Jede positive Antwort (Score ≥ 1) auf die Frage zu Suizidgedanken muss aktiv exploriert werden — unabhängig vom Gesamtscore. Ein Patient mit einem niedrigen Gesamtscore, der aber Suizidgedanken angibt, braucht eine sofortige Risikoeinschätzung.
Fragen 1 und 2 (Kernsymptome): Interessenverlust und depressive Stimmung sind die Kernsymptome der Depression. Wenn beide Fragen mit 0 beantwortet werden, ist eine Major Depression sehr unwahrscheinlich — dieses Prinzip nutzt auch der PHQ-2 als Kurzscreening.
PHQ-2 als Vorscreening
Der PHQ-2 besteht nur aus den ersten beiden Fragen des PHQ-9. Bei einem Cut-off von 3 Punkten hat er eine Sensitivität von 83 % und eine Spezifität von 92 % für die Major Depression. Er eignet sich als schnelles Vorscreening — bei positivem Ergebnis folgt der vollständige PHQ-9.
GAD-7: Angststörungen standardisiert erfassen
Was misst der GAD-7?
Der Generalized Anxiety Disorder-7 (GAD-7) erfasst die sieben Kernsymptome der generalisierten Angststörung: übermäßige Sorgen, Unfähigkeit zur Sorgenkontrolle, Unruhe, leichte Ermüdbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Reizbarkeit und Schlafstörungen. Die Antwortskala ist identisch zum PHQ-9 (0–3), der Summenscore reicht von 0 bis 21.
GAD-7 Auswertung und Interpretation
| Summenscore | Schweregrad | Klinische Konsequenz |
|---|---|---|
| 0–4 | Minimale Angst | Kein Handlungsbedarf |
| 5–9 | Leichte Angst | Beobachtung, Psychoedukation, Kontrolle |
| 10–14 | Mittelschwere Angst | Psychotherapie empfohlen, ggf. Pharmakotherapie |
| 15–21 | Schwere Angst | Aktive Behandlung, ggf. psychiatrische Überweisung |
Der GAD-7 wurde primär für die generalisierte Angststörung validiert, zeigt aber auch gute Sensitivität für andere Angststörungen — Panikstörung, soziale Angststörung und posttraumatische Belastungsstörung. Ein Cut-off von 10 erreicht für die GAD eine Sensitivität von 89 % und eine Spezifität von 82 %.
Führen Sie PHQ-9 und GAD-7 direkt durch — unser PHQ-9 & GAD-7 Screening berechnet die Scores automatisch und gibt eine Einordnung der Ergebnisse.
Screening in der Hausarztpraxis: Praktische Umsetzung
Wer sollte gescreent werden?
Ein universelles Screening aller Patienten wird kontrovers diskutiert. Empfohlen wird ein gezieltes Screening bei Risikopatienten:
- Chronische somatische Erkrankungen (Diabetes, KHK, chronische Schmerzen, COPD)
- Ungeklärte somatische Beschwerden (Schwindel, Erschöpfung, Schlafstörungen)
- Anamnestisch bekannte psychische Vorerkrankungen
- Belastende Lebensereignisse (Trauer, Scheidung, Arbeitsplatzverlust)
- Postpartale Phase (Edinburgh Postnatal Depression Scale ergänzend)
- Ältere Patienten mit sozialem Rückzug oder kognitiven Beschwerden
- Adoleszenten mit Verhaltensauffälligkeiten
Ablauf des Screenings
Schritt 1: PHQ-2 als Kurzscreening (2 Fragen, 30 Sekunden). Bei Score ≥ 3: weiter mit PHQ-9.
Schritt 2: PHQ-9 (9 Fragen, 2–3 Minuten). Gleichzeitig GAD-7, wenn Angst als Komorbidität vermutet wird.
Schritt 3: Klinisches Interview zur Diagnosestellung. Der Fragebogen ersetzt nicht die ärztliche Beurteilung.
Schritt 4: Dokumentation und Therapieplanung. Bei Score ≥ 10: Therapie einleiten oder Überweisung.
Fallstricke beim Screening
Falsch-positive Ergebnisse: Akute Belastungssituationen, somatische Erkrankungen (Hypothyreose, Anämie) und bestimmte Medikamente können die Scores erhöhen, ohne dass eine eigenständige Depression vorliegt. Deshalb ist das klinische Interview unverzichtbar.
Falsch-negative Ergebnisse: Patienten mit ausgeprägter Dissimulationstendenz, alexithymer Persönlichkeit oder kulturell bedingter Stigmatisierung psychischer Erkrankungen können ihre Symptome im Fragebogen unterrepräsentieren.
Sprachbarrieren: Der PHQ-9 und GAD-7 sind in zahlreiche Sprachen validiert übersetzt. Bei der Verwendung nicht-validierter Übersetzungen sind die Cut-off-Werte nicht zuverlässig.
Differentialdiagnosen: Nicht alles ist Depression
Vor der Diagnosestellung müssen somatische Ursachen ausgeschlossen werden. Die folgende Labordiagnostik wird empfohlen:
| Laborparameter | Ausschlussdiagnose |
|---|---|
| TSH | Hypothyreose / Hyperthyreose |
| Blutbild | Anämie |
| Vitamin B12, Folsäure | Vitaminmangel |
| Ferritin | Eisenmangel |
| Glukose / HbA1c | Diabetes mellitus |
| Calcium | Hyperkalzämie |
| Leber- und Nierenwerte | Organinsuffizienz |
| Cortisol (bei V.a.) | Cushing-Syndrom / Morbus Addison |
Medikamente, die depressive Symptome auslösen können, sind unter anderem Betablocker, Interferone, Glukokortikoide, Isotretinoin und Antikonvulsiva.
Wann überweisen?
Psychiatrische Überweisung dringend empfohlen bei
- Akuter Suizidalität (Frage 9 im PHQ-9 positiv mit konkreten Plänen)
- Schwerer Depression (PHQ-9 ≥ 20)
- Psychotischen Symptomen (Wahn, Halluzinationen)
- Therapieresistenz (kein Ansprechen nach 4–6 Wochen adäquater Therapie)
- Bipolarer Anamnese (Cave: Antidepressiva-Monotherapie kann Manie triggern)
- Komplexen Komorbiditäten (Suchterkrankung, Persönlichkeitsstörung)
Psychotherapie-Überweisung bei
- Mittelschwerer Depression (PHQ-9 10–19) als Erstlinientherapie
- Patientenwunsch nach nichtmedikamentöser Behandlung
- Angststörungen (GAD-7 ≥ 10) — KVT ist hier Erstlinientherapie
- Rezidivprophylaxe nach remittierter Episode
Verlaufsmonitoring mit PHQ-9 und GAD-7
Die Fragebögen eignen sich nicht nur zum Screening, sondern auch zur Verlaufskontrolle unter Therapie. Eine Veränderung von mindestens 5 Punkten im PHQ-9 gilt als klinisch relevant. Das Therapieziel ist eine Remission (PHQ-9 < 5), mindestens aber eine Response (≥ 50 % Score-Reduktion).
Empfohlene Kontrollintervalle:
- Erstdiagnose / Therapiebeginn: PHQ-9/GAD-7 bei jedem Kontakt (initial alle 2–4 Wochen)
- Stabile Therapiephase: Alle 4–8 Wochen
- Remission: Alle 3–6 Monate für mindestens 6–12 Monate
Limitationen der Screening-Instrumente
PHQ-9 und GAD-7 haben klare Grenzen, die bei der Interpretation berücksichtigt werden müssen:
- Kein diagnostisches Instrument: Screening-positiv bedeutet nicht automatisch "krank". Die Diagnose erfordert ein strukturiertes klinisches Interview.
- Momentaufnahme: Die Fragebögen erfassen die letzten 2 Wochen. Patienten mit intermittierenden Symptomen oder zyklothymer Stimmungslage können unauffällige Scores zeigen.
- Keine Differenzialdiagnostik: Der PHQ-9 unterscheidet nicht zwischen unipolarer Depression und bipolarer Störung. Bei Verdacht auf Bipolarität sollte zusätzlich der Mood Disorder Questionnaire (MDQ) eingesetzt werden.
- Kulturelle Unterschiede: Ausdrucksformen psychischer Belastung variieren kulturell. In einigen Kulturen dominieren somatische Beschwerden, die der PHQ-9 nicht gezielt erfasst.
Für eine fundierte Einführung in die Auswertung von Fragebögen allgemein empfehlen wir unseren Artikel zu Fragebogen auswerten. Ergänzend finden Sie in unserem Beitrag zur Likert-Skala Hinweise zur korrekten Interpretation von Antwortskalen.
Merke: PHQ-9 und GAD-7 sind Screening-Instrumente — sie ersetzen weder die klinische Diagnose noch die differenzialdiagnostische Abklärung. Ein hoher Score ist ein Warnsignal, das zum Handeln auffordert, aber kein Diagnosecode.
Pharmakotherapie der Depression: Kurzer Überblick
Die Wahl des Antidepressivums richtet sich nach Schweregrad, Komorbiditäten und Nebenwirkungsprofil:
| Substanzklasse | Beispiele | Besonderheiten |
|---|---|---|
| SSRI | Sertralin, Escitalopram, Citalopram | Erstlinientherapie, günstigstes Nutzen-Risiko-Profil |
| SNRI | Venlafaxin, Duloxetin | Bei komorbider Schmerzerkrankung, bei SSRI-Nonresponse |
| Mirtazapin | Mirtazapin | Schlafanstoßend, appetitanregend, gewichtsneutral bei Untergewicht |
| Bupropion | Bupropion | Gewichtsneutral, aktivierend, auch bei Rauchentwöhnung |
| TZA | Amitriptylin, Clomipramin | Effektiv, aber mehr Nebenwirkungen, Cave: QT-Verlängerung |
Merke: SSRI sind Erstlinientherapie. Der Wirkeintritt dauert 2–4 Wochen. Die häufigste Ursache für Therapieversagen ist zu kurze Therapiedauer oder zu niedrige Dosierung. Nach Remission sollte die Therapie mindestens 6 Monate fortgeführt werden.
Zusammenfassung
Depression und Angststörungen sind häufig, unterdiagnostiziert und behandelbar. PHQ-9 und GAD-7 sind validierte, praktikable Screening-Instrumente, die in jede Hausarztpraxis gehören. Ein systematisches Screening bei Risikopatienten — kombiniert mit einem klinischen Interview bei positivem Ergebnis — verbessert die Erkennung und damit die Prognose psychischer Erkrankungen.
Nutzen Sie unser PHQ-9 & GAD-7 Screening für eine schnelle, standardisierte Auswertung direkt in der Praxis.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ab welchem PHQ-9-Score liegt eine Depression vor? Ein PHQ-9-Score von 10 oder mehr gilt als Screening-positiv für eine Major Depression. Dieser Cut-off erreicht eine Sensitivität und Spezifität von jeweils 88 %. Wichtig: Der Score allein stellt keine Diagnose — er identifiziert Patienten, bei denen eine weiterführende diagnostische Abklärung erfolgen sollte. Die endgültige Diagnose basiert auf dem klinischen Interview nach ICD-10- oder DSM-5-Kriterien.
Kann man PHQ-9 und GAD-7 gleichzeitig einsetzen? Ja, der kombinierte Einsatz wird sogar empfohlen, da Depression und Angststörungen in über 60 % der Fälle komorbid auftreten. Beide Fragebögen zusammen umfassen 16 Fragen und sind in weniger als 5 Minuten ausgefüllt. Die Kombination erhöht die diagnostische Treffsicherheit und deckt das häufige Nebeneinander beider Erkrankungen ab.
Wie oft sollte das Screening wiederholt werden? Nach Therapiebeginn wird eine Kontrolle alle 2–4 Wochen empfohlen, um das Therapieansprechen zu beurteilen. In der Erhaltungsphase genügen Kontrollen alle 4–8 Wochen. Bei Risikopatienten ohne aktuelle Diagnose empfiehlt die Leitlinie ein jährliches Screening. Bei negativem Screening und fehlenden Risikofaktoren ist keine routinemäßige Wiederholung erforderlich.
Ersetzt der PHQ-9 das ärztliche Gespräch? Nein. Der PHQ-9 ist ein Screening-Instrument, kein diagnostisches Instrument. Er identifiziert Patienten mit erhöhter Wahrscheinlichkeit für eine Depression, kann aber keine klinische Diagnose stellen. Somatische Ursachen, bipolare Störungen, Medikamentenwirkungen und Kontextfaktoren kann nur das ärztliche Gespräch erfassen. Der PHQ-9 strukturiert und objektiviert — er ersetzt nicht die ärztliche Urteilskraft.
Was tun bei positivem Screening und Suizidgedanken? Frage 9 des PHQ-9 erfasst Suizidgedanken. Jede positive Antwort — auch ein Score von nur 1 — muss aktiv angesprochen werden. Fragen Sie nach Häufigkeit, konkreten Plänen, Zugang zu Mitteln und früheren Suizidversuchen. Bei akuter Suizidalität ist eine sofortige psychiatrische Vorstellung erforderlich — notfalls über den Rettungsdienst. Dokumentieren Sie die Risikoeinschätzung immer schriftlich.
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