Karies — Ätiologie, Diagnostik und Therapie für die Prüfung

Kariesentstehung nach Miller und Keyes, Klassifikation, Diagnostik und Therapie. Alles zum Thema Karies für das zahnmedizinische Physikum und Staatsexamen.

Zahnerhaltung· Dr. Babak Saravi· 9. März 2026 ·10 Min. Lesezeit

Karies ist die weltweit häufigste chronische Erkrankung und das zentrale Thema der Zahnerhaltungskunde. Von der Ätiologie über die Diagnostik bis zur Therapie — Karies zieht sich durch das gesamte Zahnmedizinstudium und ist in jeder Prüfung vertreten. Dieser Artikel fasst das prüfungsrelevante Wissen zusammen.

Ätiologie: Wie entsteht Karies?

Die chemoparasitäre Theorie nach Miller (1890)

W.D. Miller beschrieb als Erster den Zusammenhang: Bakterien der Mundhöhle fermentieren Kohlenhydrate zu organischen Säuren (v.a. Milchsäure), die den Zahnschmelz demineralisieren. Diese Grundidee ist bis heute gültig.

Die Keyes-Triade (1962)

Karies entsteht nur, wenn drei Faktoren gleichzeitig vorliegen:

Wirt (Zahn): Anfälligkeit des Zahnschmelzes, Zahnmorphologie (Fissuren, Approximalflächen), Speichelzusammensetzung und -menge, Zahnstellung.

Mikroorganismen: Kariogene Bakterien, v.a. Streptococcus mutans (Initialkaries) und Lactobacillus (Kariesprogression). Diese Bakterien bilden den Biofilm (Plaque) und produzieren Säure.

Substrat: Fermentierbare Kohlenhydrate, insbesondere Saccharose (Haushaltszucker). Die Frequenz der Zuckerzufuhr ist dabei wichtiger als die Gesamtmenge.

Erweiterung nach König: Der Faktor Zeit

Die Keyes-Triade wurde um den Faktor Zeit ergänzt: Die drei Faktoren müssen über eine ausreichend lange Zeit zusammenwirken, damit Karies entsteht. Kurzzeitige Säureangriffe können durch die Remineralisation des Speichels kompensiert werden.

Merke: Karies = Wirt + Mikroorganismen + Substrat + Zeit. Fehlt ein Faktor, entsteht keine Karies. Prüfungsklassiker: "Welche Faktoren müssen für die Kariesentstehung zusammenwirken?" → Keyes-Triade + Faktor Zeit.

De- und Remineralisation

Der Zahnschmelz befindet sich in einem dynamischen Gleichgewicht zwischen Demineralisation (Säureangriff, pH < 5,5) und Remineralisation (Einlagerung von Kalzium, Phosphat und Fluorid aus dem Speichel).

Kritischer pH-Wert: Bei pH < 5,5 beginnt die Demineralisation des Schmelzes. Hydroxylapatit löst sich in der Säure auf.

Fluorid-Wirkung: Fluorid wird in den Schmelz eingebaut und bildet Fluorapatit, das säureresistenter ist als Hydroxylapatit (kritischer pH ca. 4,5 statt 5,5). Zusätzlich hemmt Fluorid den bakteriellen Stoffwechsel und fördert die Remineralisation.

Klassifikation

Nach Black (1908)

Die klassische Einteilung nach Kavitätenlokalisation:

Klasse I: Karies in Fissuren und Grübchen (Okklusalflächen der Molaren/Prämolaren).

Klasse II: Karies an den Approximalflächen der Seitenzähne.

Klasse III: Karies an den Approximalflächen der Frontzähne ohne Beteiligung des Schneidekantenwinkels.

Klasse IV: Karies an den Approximalflächen der Frontzähne mit Beteiligung des Schneidekantenwinkels.

Klasse V: Karies im Zahnhalsbereich.

Klasse VI: (Ergänzung) Karies an den Höckerspitzen und Schneidekanten.

Diagnostik

Visuelle Inspektion: Nach Trocknung und bei guter Beleuchtung. White Spots (Kreideflecken) = Initialkaries.

Sondierung: Vorsichtige taktile Untersuchung. WHO-Sonde (Kugelsonde) bevorzugen.

Röntgen: Bissflügelaufnahme (Bitewing) = Goldstandard für Approximalkaries.

Laserfluoreszenz (DIAGNOdent): Misst Fluoreszenz des kariösen Gewebes. Ergänzende Diagnostik für Okklusalkaries.

Therapie

Non-invasiv (bei Initialkaries ohne Kavitation)

Initialkaries (White Spots, ICDAS 1–2) kann durch Remineralisation behandelt werden: Fluoridapplikation, Verbesserung der Mundhygiene, Ernährungsberatung und Fissurenversiegelung.

Kariesinfiltration (Icon): Bei approximaler Initialkaries wird niedrigvisköses Komposit in den porösen Schmelz infiltriert — ohne Bohren.

Invasiv (bei Kavitation)

Füllungsmaterialien:

Komposit: Kunststoff-basiert. Zahnfarben. Adhäsive Befestigung. Standard im Frontzahnbereich, zunehmend auch im Seitenzahnbereich.

Glasionomerzement (GIZ): Chemische Bindung an Zahnhartsubstanz. Fluoridfreisetzung. Aber: geringere Abriebfestigkeit.

Amalgam: Langzeitbewährt im Seitenzahnbereich. Ab 2025 in der EU verboten.

Merke: Amalgam-Verbot in der EU. Komposit ist der neue Standard. GIZ hat den Vorteil der Fluoridfreisetzung und chemischen Haftung, ist aber weniger belastbar.

Häufige Prüfungsfragen

Zusammenfassung

Karies entsteht durch das Zusammenwirken von kariogenen Bakterien, fermentierbaren Kohlenhydraten und einem anfälligen Wirt über eine ausreichende Zeit (Keyes-Triade + Zeit). Streptococcus mutans ist der Leitkeim der Initialkaries. Die Diagnostik kombiniert visuelle Inspektion, Röntgen (Bitewing) und ergänzende Verfahren. Die Therapie reicht von Remineralisation bei Initialkaries bis zur restaurativen Versorgung bei Kavitation, wobei Komposit heute das Standardfüllungsmaterial ist. Fluoride sind die wirksamste kariespräventive Maßnahme.

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