Speicheldrüsen — Anatomie, Funktion und klinische Relevanz

Speicheldrüsen: Anatomie von Parotis, Submandibularis und Sublingualis. Speichelsteine erkennen und behandeln.

Anatomie · Dr. Babak Saravi · 11. März 2026 · 13 Min. Lesezeit

Die Speicheldrüsen sind ein zentrales Thema der zahnmedizinischen Anatomie. Drei große paarige Drüsen — Parotis, Submandibularis und Sublingualis — produzieren den Großteil des Speichels und sind sowohl prüfungsrelevant als auch klinisch bedeutsam. Speichelsteine, Entzündungen und Tumoren der Speicheldrüsen gehören zum Alltag der Zahnmedizin und MKG-Chirurgie. In diesem Artikel findest du das gesamte Prüfungswissen und erfährst, was bei einer geschwollenen Speicheldrüse, Speichelsteinen oder einer verstopften Speicheldrüse zu tun ist.

Die drei großen Speicheldrüsen

Drüse Lage Ausführungsgang Mündung Sekretionsart Anteil
Glandula parotidea Vor und unter dem Ohr Ductus parotideus (Stenon-Gang) Papilla parotidea (gegenüber 2. OK-Molar) Rein serös ~25%
Glandula submandibularis Im Trigonum submandibulare Ductus submandibularis (Wharton-Gang) Caruncula sublingualis Seromuköser Mischtyp ~70%
Glandula sublingualis Im Mundboden Ductus sublingualis major (Bartholin-Gang) Caruncula sublingualis und Plica sublingualis Überwiegend mukös ~5%

Merke: Die Submandibularis produziert den meisten Speichel (~70%), nicht die Parotis. Die Parotis ist zwar die größte Drüse, liefert aber nur ~25%.

Glandula parotidea (Ohrspeicheldrüse)

Die Parotis ist die größte Speicheldrüse und liegt in der Fossa retromandibularis, anterior des Ohres auf dem M. masseter.

Klinisch entscheidend: Der N. facialis (VII) durchquert die Parotis und teilt sie in einen oberflächlichen und tiefen Anteil. Bei Parotis-Operationen (z.B. Tumorentfernung) ist der N. facialis die wichtigste zu schonende Struktur — eine Schädigung führt zur Fazialisparese.

Ausführungsgang: Der Ductus parotideus (Stenon-Gang) verläuft über den M. masseter, durchbohrt den M. buccinator und mündet gegenüber dem 2. Oberkiefer-Molaren auf der Papilla parotidea.

Innervation (parasympathisch): N. glossopharyngeus (IX) → Ganglion oticum → postganglionäre Fasern über den N. auriculotemporalis zur Drüse.

Sekretionsart: Rein serös (dünnflüssig, enzymreich — enthält Amylase).

Glandula submandibularis (Unterkieferspeicheldrüse)

Die Submandibularis liegt im Trigonum submandibulare und umschlingt den Hinterrand des M. mylohyoideus — ein Teil liegt oberhalb, ein Teil unterhalb des Muskels.

Ausführungsgang: Der Ductus submandibularis (Wharton-Gang) verläuft im Mundboden nach vorne und mündet auf der Caruncula sublingualis neben dem Frenulum linguae. Der Gang ist lang, hat einen aufsteigenden Verlauf und eine relativ enge Mündung — daher prädestiniert für Speichelsteine.

Innervation (parasympathisch): N. facialis (VII) → Chorda tympani → Ganglion submandibulare → postganglionäre Fasern zur Drüse.

Sekretionsart: Seromuköser Mischtyp (überwiegend serös, enthält sowohl seröse als auch muköse Endstücke).

Merke: Die Submandibularis ist die am häufigsten von Speichelsteinen betroffene Drüse (~80% aller Sialolithen). Grund: aufsteigender Gangverlauf, kalziumreiches Sekret, enge Gangmündung.

Glandula sublingualis (Unterzungendrüse)

Die kleinste der drei großen Speicheldrüsen liegt im Mundboden unter der Zunge.

Ausführungsgang: Ductus sublingualis major (Bartholin-Gang), der zusammen mit dem Wharton-Gang auf der Caruncula sublingualis mündet. Zusätzlich zahlreiche Ductus sublinguales minores (Rivinus-Gänge), die direkt auf der Plica sublingualis münden.

Innervation: Wie die Submandibularis über den N. facialis (VII) → Chorda tympani → Ganglion submandibulare.

Sekretionsart: Überwiegend mukös (zähflüssig, schleimreich).

Kleine Speicheldrüsen — die vergessenen 600

Neben den drei großen Speicheldrüsen besitzt der Mensch etwa 600–1.000 kleine Speicheldrüsen (Glandulae salivariae minores), die über die gesamte Mundschleimhaut verteilt sind:

Lokalisationen:

Klinische Relevanz: Kleine Speicheldrüsen sind der häufigste Ursprungsort für Mucocelen (Speichelzysten) — meist an der Unterlippe nach Bissverletzung. Außerdem: Tumoren der kleinen Speicheldrüsen (v.a. am Gaumen) sind zwar selten, aber überproportional häufig maligne. Wichtigste Differenzialdiagnose bei einer schmerzlosen Schwellung am harten Gaumen: pleomorphes Adenom vs. adenoid-zystisches Karzinom.

Merke: Tumoren der kleinen Speicheldrüsen am Gaumen folgen der Regel: Je kleiner die Drüse, desto wahrscheinlicher ist ein Tumor maligne.

Speicheldrüsentumoren — WHO-Klassifikation im Überblick

Speicheldrüsentumoren machen etwa 3% aller Kopf-Hals-Tumoren aus. Die wichtigsten Typen:

Tumortyp Häufigkeit Dignität Lokalisation Besonderheit
Pleomorphes Adenom ~60% aller SD-Tumoren Benigne Parotis (80%) Häufigster SD-Tumor, Rezidivneigung
Warthin-Tumor (Zystadenolymphom) ~15% Benigne Parotis (fast ausschließlich) M > F, bilateral möglich, Raucher
Mukoepidermoides Karzinom ~10% Low- bis High-Grade Parotis, kleine SD Häufigstes malignes SD-Karzinom
Adenoid-zystisches Karzinom ~5% Maligne Kleine SD, Submandibularis Perineurales Wachstum, Spätrezidive nach >10 Jahren
Azinuszellkarzinom ~3% Low-Grade maligne Parotis Gute Prognose

Diagnostik: Sonographie (Erstbildgebung), MRT (Weichteildarstellung, perineurales Wachstum), Feinnadelaspirationsbiopsie (FNAB). Cave: Keine Inzisionsbiopsie bei Parotis-Tumoren wegen N. facialis-Gefährdung und Tumorzellverschleppung.

Die 80-20-Regel der Speicheldrüsentumoren:

Funktion des Speichels

Die tägliche Speichelproduktion beträgt ca. 0,5–1,5 Liter. Speichel erfüllt zahlreiche Funktionen: Schutz der Mundschleimhaut vor Austrocknung und mechanischer Belastung, Pufferung von Säuren (Bikarbonat-Phosphat-Puffersystem), Remineralisation des Zahnschmelzes (Kalzium, Phosphat, Fluorid), antimikrobielle Wirkung (Lysozym, Laktoferrin, IgA), Vorverdauung von Stärke (Amylase aus der Parotis), Gleitmittel beim Kauen und Schlucken und Geschmacksempfindung (Lösung von Nahrungsstoffen).

Speichelflussrate: In Ruhe ca. 0,3 ml/min, stimuliert (beim Kauen) bis zu 3–5 ml/min. Unter 0,1 ml/min spricht man von Hyposalivation, die das Kariesrisiko drastisch erhöht.

Geschwollene Speicheldrüse: Ursachen und Diagnostik

Eine geschwollene Speicheldrüse ist ein häufiges klinisches Bild. Die Schwellung kann schmerzlos oder schmerzhaft, einseitig oder beidseitig auftreten und hat vielfältige Ursachen.

Einseitige Schwellung (häufigste Ursachen)

Speichelstein (Sialolithiasis): Die häufigste Ursache einer einseitigen, mahlzeitabhängigen Schwellung. Der Speichelstein blockiert den Ausführungsgang, das Sekret staut sich und die Drüse schwillt an. Typisch: die Schwellung nimmt beim Essen zu (vermehrte Speichelproduktion gegen den Abflusswiderstand) und bildet sich zwischen den Mahlzeiten wieder zurück.

Akute Sialadenitis (Speicheldrüsenentzündung): Bakterielle Infektion, oft auf dem Boden einer bestehenden Gangobstruktion oder bei reduziertem Speichelfluss. Symptome: schmerzhafte, gerötete Schwellung, eitriges Sekret aus dem Gangostium, Fieber und Krankheitsgefühl.

Tumor: Schmerzlose, langsam zunehmende Schwellung. Die Parotis ist die am häufigsten betroffene Drüse. Etwa 80% der Parotistumoren sind benigne (häufigster: pleomorphes Adenom). Wichtigstes Warnsignal für Malignität: begleitende Fazialisparese.

Beidseitige Schwellung

Mumps (Parotitis epidemica): Virale Entzündung der Parotis durch Paramyxoviren. Beidseitige, schmerzhafte Schwellung mit Fieber. Durch MMR-Impfung deutlich seltener geworden.

Sjögren-Syndrom: Autoimmunerkrankung mit chronischer Entzündung der Speichel- und Tränendrüsen. Leitsymptome: Mundtrockenheit (Xerostomie) und trockene Augen (Keratoconjunctivitis sicca).

Medikamentös: Zahlreiche Medikamente können den Speichelfluss reduzieren (Anticholinergika, Antidepressiva, Antihistaminika, Diuretika) und sekundär zu einer Drüsenschwellung führen.

Geschwollene Speicheldrüse am Unterkiefer

Die häufigste Ursache einer Schwellung im Unterkieferbereich ist eine Entzündung oder Steinbildung der Glandula submandibularis. Die Schwellung liegt typischerweise unterhalb des Unterkieferrands im Trigonum submandibulare und kann leicht mit einer Lymphknotenschwellung verwechselt werden.

Unterscheidung: Bei einer Speicheldrüsenschwellung ist die Schwellung weicher, mahlzeitabhängig und mit einem reduzierten oder eitrigen Speichelfluss aus dem Wharton-Gang assoziiert. Lymphknoten sind eher verschieblich, nicht mahlzeitabhängig und ohne Veränderung des Speichelflusses.

Diagnostik: Bimanuelle Palpation (eine Hand extraoral, ein Finger intraoral im Mundboden), Inspektion des Wharton-Gang-Ostiums auf der Caruncula sublingualis, Ultraschall (Methode der Wahl zur Darstellung von Speichelsteinen und Drüsenveränderungen) und ggf. Sialographie oder MR-Sialographie.

Speichelsteine: Entstehung, Symptome und Behandlung

Speichelsteine (Sialolithen) bestehen aus Kalziumphosphat und organischen Substanzen. Sie entstehen durch Ausfällung von Kalziumsalzen im Gangepithel, meist begünstigt durch Stase, Dehydratation oder Veränderungen der Speichelzusammensetzung.

Symptome

Das Leitsymptom ist die mahlzeitabhängige Schwellung (Speichelkolik): Beim Essen wird vermehrt Speichel produziert, der nicht abfließen kann. Die Drüse schwillt an, es entsteht ein ziehender bis stechender Schmerz, der nach 30–60 Minuten wieder nachlässt. Bei kompletter Obstruktion kann eine akute, eitrige Speicheldrüsenentzündung hinzukommen.

Kann man einen Speichelstein selbst ausdrücken?

Kleine Steine, die nahe der Gangmündung liegen, können sich gelegentlich spontan lösen — unterstützt durch reichlich Flüssigkeitszufuhr, saure Bonbons (regen den Speichelfluss an) und sanfte Massage der Drüse von hinten nach vorne. Einen Speichelstein gewaltsam selbst auszudrücken wird nicht empfohlen, da dies zu Verletzungen des Gangepithels, Blutungen oder einer tieferen Verklemmung des Steins führen kann.

Ärztliche Therapie

Kleine Steine (<5 mm, gangnahe): Gangschlitzung (Sialodochoplastik) oder interventionelle Sialendoskopie — ein dünnes Endoskop wird in den Gang eingeführt, der Stein wird unter Sicht mit einem Körbchen entfernt oder per Laser fragmentiert. Minimalinvasiv und drüsenerhaltend.

Große Steine oder intraglanduläre Steine: Extrakorporale Stoßwellenlithotripsie (ESWL) zur Fragmentierung oder chirurgische Entfernung (Gangexploration, selten Drüsenexstirpation bei rezidivierenden Steinen).

Verstopfte Speicheldrüse: Was tun?

Eine verstopfte Speicheldrüse muss nicht immer durch einen Stein bedingt sein. Auch Mukuspfropfen, Gangstenosen (Narben nach Entzündung) oder Fremdkörper können den Speichelabfluss behindern.

Sofortmaßnahmen: Viel trinken (2–3 Liter pro Tag), saure Bonbons oder Zitronensaft zur Stimulation des Speichelflusses, Wärmeanwendung (feuchtwarme Kompressen auf die betroffene Drüse) und sanfte Massage der Drüse in Richtung Gangmündung.

Wann zum Arzt? Bei rezidivierenden Schwellungen, zunehmenden Schmerzen, Fieber, eitriger Sekretion aus dem Gangostium oder bei einer Schwellung, die über 48 Stunden persistiert. Die Diagnostik umfasst Ultraschall, ggf. Sialendoskopie und bei Tumorverdacht MRT oder CT.

Speicheldrüsentumoren

Die Parotis ist die häufigste Lokalisation. Faustregel: je kleiner die Drüse, desto höher der Anteil maligner Tumoren. In der Parotis sind ~80% benigne, in der Sublingualis ~50% maligne.

Häufigste Tumoren:

Pleomorphes Adenom: Häufigster Speicheldrüsentumor. Benigne, aber hohe Rezidivneigung bei unvollständiger Entfernung. Therapie: laterale Parotidektomie unter Schonung des N. facialis.

Warthin-Tumor (Zystadenolymphom): Zweithäufigster benigner Parotistumor. Bilateral in 10–15% der Fälle. Häufiger bei Rauchern.

Mukoepidermoidkarzinom: Häufigster maligner Speicheldrüsentumor. Prognose abhängig vom Differenzierungsgrad.

Adenoid-zystisches Karzinom (Zylindrom): Langsames Wachstum, aber hohe Neigung zur perineuralen Invasion (Ausbreitung entlang der Nerven). Spätmetastasen typisch.

Häufige Prüfungsfragen

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Zusammenfassung

Die drei großen Speicheldrüsen unterscheiden sich in Lage, Innervation, Sekretionsart und klinischer Relevanz. Die Submandibularis produziert den meisten Speichel und ist am häufigsten von Speichelsteinen betroffen. Die Parotis ist die größte Drüse und wird vom N. facialis durchquert — entscheidend bei Operationen. Klinisch sind Speichelsteine, Speicheldrüsenentzündungen und Tumoren die wichtigsten Erkrankungen. Bei einer geschwollenen Speicheldrüse sollte zunächst zwischen steintypischer Kolik, Entzündung und Tumor differenziert werden.

Häufige Fragen

„Welche sind die drei großen Speicheldrüsen und wo liegen sie?" → Die drei großen Speicheldrüsen sind die Parotis (vor dem Ohr), die Submandibularis (unter dem Kiefer) und die Sublingualis (im Mundboden). Zusammen produzieren sie den Großteil des Speichels und sind für die Mundhygiene und Verdauung essentiell.

„Was tun bei einer geschwollenen Speicheldrüse?" → Bei einer geschwollenen Speicheldrüse sollten Sie zunächst Wärme anwenden, viel trinken und saure Bonbons lutschen, um die Speichelproduktion anzuregen. Wenn die Schwellung länger als eine Woche anhält oder mit Schmerzen und Fieber verbunden ist, ist ein Zahnarzt oder HNO-Arzt aufzusuchen.

„Wie entstehen Speichelsteine und wie werden sie behandelt?" → Speichelsteine entstehen durch Ablagerungen von Mineralien im Ausführungsgang und können durch Dehydration, schlechte Mundhygiene oder Speichelflussveränderungen begünstigt werden. Kleinere Steine können durch Massage und Spülung entfernt werden, größere erfordern zahnärztliche oder chirurgische Intervention.

„Was sind Symptome einer Speicheldrüsenentzündung (Sialadenitis)?" → **Eine Speicheldrüsenentzündung äußert sich durch Schwel

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