🧬 Gastroenterologie ICD-10: K74

Leberzirrhose: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie

Leberzirrhose: Ursachen, Symptome, Diagnostik und Therapie der chronischen Lebererkrankung nach aktuellen Leitlinien.

Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi
Arzt, Wissenschaftler & Gründer von SCIORA
24. März 2026 · 12 Min. Lesezeit · Aktualisiert: 24. März 2026 · Geprüft von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer
📋 Inhaltsverzeichnis

    Definition

    Die Leberzirrhose ist das Endstadium chronischer Lebererkrankungen und durch einen diffusen Umbau des Leberparenchyms mit Fibrose, Regeneratknoten und gestörter Organarchitektur gekennzeichnet. Klinisch resultieren daraus eine eingeschränkte Synthese-, Entgiftungs- und Stoffwechselfunktion der Leber sowie häufig eine portale Hypertension mit systemischen Komplikationen. Die Erkrankung kann über Jahre kompensiert verlaufen und erst im dekompensierten Stadium durch Aszites, Varizenblutung, Ikterus oder hepatische Enzephalopathie manifest werden. Die ICD-10-Kodierung K74 umfasst fibrotische und zirrhotische Leberveränderungen; in der klinischen Praxis ist die ätiologische Zuordnung entscheidend, da Prognose und Therapie wesentlich von der Ursache abhängen.

    Merke: Eine Leberzirrhose ist keine einheitliche Erkrankung, sondern das gemeinsame morphologische Endstadium verschiedener chronischer Leberleiden. Prognostisch besonders relevant ist der Übergang von der kompensierten zur dekompensierten Zirrhose.

    Epidemiologie

    Die Leberzirrhose gehört weltweit zu den häufigsten Ursachen leberassoziierter Morbidität und Mortalität. Global werden je nach Region mehrere Millionen Betroffene angenommen; die altersstandardisierte Prävalenz ist wegen unterschiedlicher Noxenverteilung, Screeningstrategien und Kodierpraxis heterogen. In Europa zählt die Zirrhose zu den führenden Ursachen vorzeitiger Todesfälle im mittleren Erwachsenenalter. Für Deutschland wird die Prävalenz in epidemiologischen Analysen grob im Bereich von 0,2 bis 1 % der erwachsenen Bevölkerung eingeordnet, wobei ein relevanter Teil unerkannt bleibt. Männer sind insgesamt häufiger betroffen als Frauen, was vor allem mit alkoholassoziierter Lebererkrankung und höherer Exposition gegenüber metabolischen Risikofaktoren zusammenhängt.

    Die wichtigsten Ursachen haben sich in den letzten Jahren verschoben: Während die Bedeutung von Hepatitis C durch antivirale Therapien rückläufig ist, nehmen alkoholassoziierte Lebererkrankungen und die metabolisch dysfunktion-assoziierte steatotische Lebererkrankung (MASLD) zu. In westlichen Industrieländern entfallen je nach Kohorte etwa 30–50 % der Zirrhosen auf Alkohol, 20–30 % auf chronische Virushepatitiden und ein wachsender Anteil auf NAFLD/NASH bzw. MASLD. Bei fortgeschrittener Zirrhose besteht ein jährliches Risiko für hepatozelluläres Karzinom (HCC) von ungefähr 1–4 %, abhängig von Ätiologie und Aktivität der Grunderkrankung. Nach Eintritt einer Dekompensation sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit deutlich: Die 5-Jahres-Überlebensrate liegt bei kompensierter Zirrhose oft noch über 70–80 %, bei dekompensierter Zirrhose jedoch nur bei etwa 20–50 %.

    Merke: Epidemiologisch entscheidend ist heute der Wandel von der virusdominierten zur alkoholischen und metabolischen Zirrhose in vielen westlichen Ländern.

    Ätiologie

    Die Ätiologie der Leberzirrhose ist vielfältig und sollte systematisch abgeklärt werden, da sich aus der Ursache unmittelbare therapeutische Konsequenzen ergeben. In Mitteleuropa sind alkoholassoziierte Leberschädigung und chronische Virushepatitiden B und C die klassischen Hauptursachen. Hinzu kommt die stark zunehmende metabolisch dysfunktion-assoziierte steatotische Lebererkrankung (MASLD), insbesondere bei Adipositas, Typ-2-Diabetes mellitus, Dyslipidämie und metabolischem Syndrom. Schon ein täglicher Alkoholkonsum von langfristig etwa >20 g/Tag bei Frauen bzw. >30 g/Tag bei Männern erhöht das Risiko, wobei individuelle Vulnerabilität, Begleiterkrankungen und genetische Faktoren die Schwelle beeinflussen.

    Wichtige nichtalkoholische Ursachen sind autoimmune Hepatitis, primär biliäre Cholangitis (PBC), primär sklerosierende Cholangitis (PSC) sowie hereditäre Stoffwechselstörungen wie Hämochromatose, Morbus Wilson und Alpha-1-Antitrypsin-Mangel. Seltener führen vaskuläre Erkrankungen wie das Budd-Chiari-Syndrom, chronische Rechtsherzinsuffizienz mit Stauungsleber oder toxische Noxen und Medikamente zu einer Zirrhose. Auch nach durchgemachter Hepatitis C oder erfolgreicher Suppression einer Hepatitis B kann eine bereits etablierte Fibrose in eine Zirrhose übergegangen sein.

    Die ätiologische Diagnostik umfasst daher neben Alkohol- und Medikamentenanamnese immer Virusserologien, Autoantikörper, Immunglobuline, Eisenstoffwechsel, Ceruloplasmin/Kupferdiagnostik und je nach Alter bzw. Konstellation genetische Untersuchungen. Besonders wichtig ist die Erfassung kombinierter Ursachen, etwa Alkohol plus Hepatitis C oder MASLD plus Alkohol, weil sich dadurch Progressionsgeschwindigkeit und HCC-Risiko deutlich erhöhen.

    Merke: Bei jeder neu diagnostizierten Leberzirrhose muss aktiv nach einer behandelbaren Ursache gesucht werden; „kryptogen“ ist heute deutlich seltener als früher.

    Pathogenese

    Pathophysiologisch entsteht die Leberzirrhose durch chronische Schädigung und Entzündung des Lebergewebes mit nachfolgender Aktivierung hepatischer Sternzellen. Diese differenzieren zu myofibroblastenähnlichen Zellen und produzieren vermehrt extrazelluläre Matrix, vor allem Kollagen. Das Resultat ist eine progrediente Fibrose, die die sinusoidale Mikrozirkulation stört und zur Ausbildung von Regeneratknoten führt. Mit zunehmendem Umbau gehen funktionsfähige Hepatozyten verloren; gleichzeitig nimmt der intrahepatische Strömungswiderstand zu, was eine portale Hypertension verursacht.

    Die portale Hypertension ist zentral für viele klinische Manifestationen. Durch Druckerhöhung im Pfortadersystem entstehen portosystemische Kollateralen, insbesondere Ösophagus- und Fundusvarizen, außerdem Splenomegalie und Hypersplenismus mit Thrombozytopenie. Splanchnische Vasodilatation und neurohumorale Aktivierung des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems sowie des sympathischen Nervensystems fördern Natrium- und Wasserretention, was die Bildung von Aszites begünstigt. Parallel führt die verminderte Syntheseleistung zu Hypalbuminämie und Gerinnungsstörungen.

    Die gestörte Entgiftungsfunktion erklärt Komplikationen wie die hepatische Enzephalopathie, bei der u. a. Ammoniak, Entzündungsmediatoren und Neurotransmitterveränderungen eine Rolle spielen. Im fortgeschrittenen Stadium resultiert eine zirkulatorische Dysregulation mit hepatorenalem Syndrom, Infektanfälligkeit und systemischer Inflammation. Molekular gesehen ist die Zirrhose kein irreversibler „Narbenzustand“ im absoluten Sinne; bei früher Stadien kann eine Fibrose unter kausaler Therapie regressionsfähig sein. Eine etablierte, klinisch dekompensierte Zirrhose bleibt jedoch in der Regel eine schwere chronische Organerkrankung mit erheblicher Prognoserelevanz.

    Merke: Die wichtigsten pathophysiologischen Säulen der Zirrhose sind Fibrose mit Architekturstörung, portale Hypertension und hepatozelluläre Funktionsinsuffizienz.

    Symptome

    Die klinische Symptomatik der Leberzirrhose ist stark stadienabhängig. Im kompensierten Stadium bestehen oft nur unspezifische Beschwerden wie Müdigkeit, Leistungsminderung, Druckgefühl im rechten Oberbauch, Appetitlosigkeit oder Gewichtsveränderungen. Nicht selten wird die Erkrankung zufällig über Laborauffälligkeiten, Sonographie oder eine Thrombozytopenie entdeckt. Typische klinische Zeichen chronischer Lebererkrankung sind Spider naevi, Palmarerythem, Leukonychie, Dupuytren-Kontraktur, Gynäkomastie, Hodenatrophie, Caput medusae und ein foetor hepaticus, wobei diese Zeichen weder hochsensitiv noch spezifisch sind.

    Im dekompensierten Stadium treten Leitsymptome der portalen Hypertension und Leberinsuffizienz in den Vordergrund. Besonders relevant sind Aszites, periphere Ödeme, Ikterus, Pruritus bei cholestatischer Genese, Blutungsneigung, Muskelabbau/Sarkopenie sowie hepatische Enzephalopathie mit Konzentrationsstörungen, Schlaf-Wach-Umkehr, Desorientiertheit, Asterixis bis zum Koma. Eine erste Manifestation kann eine akute Varizenblutung mit Hämatemesis oder Meläna sein. Bei Hypersplenismus finden sich häufig Thrombozytopenie, Leukopenie und später Anämie.

    Begleitend entwickeln viele Patientinnen und Patienten Mangelernährung und Frailty, was prognostisch ungünstig ist. Fieber, diffuse Bauchschmerzen oder eine plötzliche klinische Verschlechterung müssen an eine spontan bakterielle Peritonitis, ein akut-auf-chronisches Leberversagen (ACLF) oder andere Infektionen denken lassen. Auch endokrine Veränderungen, Osteopenie/Osteoporose sowie sexuelle Dysfunktion sind häufig.

    Merke: Die klinisch entscheidenden Dekompensationszeichen sind Aszites, Varizenblutung, hepatische Enzephalopathie und Ikterus.

    Diagnostik

    Die Diagnostik der Leberzirrhose basiert auf Anamnese, klinischem Bild, Labor, Sonographie und ätiologischer Abklärung. In der Anamnese sind Alkoholmenge, Medikamente, Risikofaktoren für Virushepatitiden, Familienanamnese sowie metabolische Begleiterkrankungen zentral. Laborchemisch finden sich je nach Stadium erhöhte Transaminasen, Gamma-GT, AP, Bilirubin, eine verminderte Cholinesterase, Hypalbuminämie, verlängerte INR/Quick-Minderung und häufig eine Thrombozytopenie als früher indirekter Marker portaler Hypertension. Ammoniak kann bei Enzephalopathie erhöht sein, ist jedoch kein alleiniger Diagnoseparameter.

    Die Abdomensonographie ist die primäre Bildgebung und kann eine inhomogene, knotige Leberoberfläche, veränderte Lebergröße, Splenomegalie, Aszites und Zeichen der portalen Hypertension zeigen. Ergänzend dient die transiente Elastographie der nichtinvasiven Fibroseabschätzung; hohe Steifigkeitswerte sprechen für fortgeschrittene Fibrose bzw. Zirrhose, müssen aber im klinischen Kontext interpretiert werden. Bei unklarer Morphologie oder Tumorverdacht kommen Kontrastmittelsonographie, CT oder MRT zum Einsatz. Die Ösophagogastroduodenoskopie ist essenziell zum Nachweis von Ösophagus- oder Fundusvarizen.

    Die ätiologische Diagnostik umfasst HBsAg, Anti-HBc, Anti-HCV, Autoimmunserologie (ANA, SMA, AMA, IgG/IgM), Ferritin und Transferrinsättigung, ggf. HFE-Genetik, Ceruloplasmin und Kupferstoffwechsel. Eine Leberbiopsie ist heute nicht immer erforderlich, bleibt aber bei unklarer Genese oder gemischten Bildern ein wichtiger diagnostischer Standard. Zur Prognoseeinschätzung werden Child-Pugh-Score und MELD-Score verwendet; der MELD integriert u. a. Bilirubin, Kreatinin, INR und bei MELD-Na zusätzlich Natrium.

    Merke: Der histologische Nachweis ist nicht in jedem Fall notwendig; in der Praxis wird die Zirrhose oft durch die Kombination aus klinischen, laborchemischen, sonographischen und endoskopischen Befunden gesichert.

    Differentialdiagnosen

    Die wichtigsten Differentialdiagnosen hängen vom klinischen Präsentationsmuster ab. Bei Verdacht auf Zirrhose mit knotiger Lebermorphologie müssen andere Ursachen einer chronischen Lebererkrankung und einer portalen Hypertension bedacht werden. Hierzu zählen die fortgeschrittene Fibrose ohne voll ausgeprägte Zirrhose, die nichtzirrhotische portale Hypertension, vaskuläre Erkrankungen wie das Budd-Chiari-Syndrom oder die portosinusoidale vaskuläre Erkrankung (PSVD). Bei Aszites sind außerdem maligner Aszites, Rechtsherzinsuffizienz, Peritonealkarzinose, Pankreasaszites und tuberkulöse Peritonitis abzugrenzen. Die diagnostische Parazentese mit Zellzahl, Albumin und ggf. Kultur ist hierfür klinisch entscheidend.

    Bei Ikterus und Cholestase muss an extrahepatische Cholestase durch Choledocholithiasis, Pankreastumoren oder biliäre Strikturen gedacht werden. Bestehen neurologische oder kognitive Symptome, sind neben der hepatischen Enzephalopathie u. a. Delir, Sepsis, Hypoglykämie, Elektrolytstörungen und zerebrovaskuläre Ereignisse zu differenzieren. Eine obere GI-Blutung bei Zirrhose ist zwar häufig varikös, differenzialdiagnostisch kommen aber peptische Ulzera, erosive Gastritis, Mallory-Weiss-Läsionen und portale hypertensive Gastropathie infrage.

    Auch laborchemische Veränderungen können fehlleiten: Eine isolierte Thrombozytopenie spricht nicht zwangsläufig für portale Hypertension, sondern kann hämatologische, immunologische oder medikamentöse Ursachen haben. Bei erhöhten Transaminasen sind akute Hepatitiden, toxische Leberschäden oder ischämische Leberschädigungen zu erwägen. Klinisch besonders relevant ist die Unterscheidung zwischen kompensierter Zirrhose, dekompensierter Zirrhose und ACLF, da sich hieraus unterschiedliche Überwachungs- und Therapiebedarfe ergeben.

    Merke: Nicht jede portale Hypertension ist zirrhotisch, und nicht jeder Aszites bei Leberkranken ist leberbedingt.

    Therapie

    Die Therapie der Leberzirrhose folgt aktuellen Leitlinien der AWMF, EASL und bei einzelnen Komplikationen der Baveno-VII-Empfehlungen. Grundprinzipien sind: Ursache behandeln, Komplikationen verhindern, Dekompensationen konsequent therapieren und frühzeitig die Lebertransplantation evaluieren. Kausale Maßnahmen umfassen strikte Alkoholabstinenz, antivirale Therapie bei Hepatitis B und C, Gewichtsreduktion und metabolische Kontrolle bei MASLD, Ursodeoxycholsäure bei PBC (typisch 13–15 mg/kgKG/Tag) sowie immunsuppressive Therapie bei Autoimmunhepatitis, z. B. Prednisolon initial häufig 0,5–1 mg/kgKG/Tag plus Azathioprin meist 1–2 mg/kgKG/Tag, abhängig von Leitlinie und individueller Situation.

    Beim Aszites stehen Kochsalzrestriktion, Diuretika und Parazentese im Vordergrund. Standard ist meist Spironolacton 100 mg/Tag plus Furosemid 40 mg/Tag im Verhältnis 100:40, mit schrittweiser Steigerung bis ca. 400 mg/160 mg pro Tag unter enger Kontrolle von Kreatinin, Natrium und Kalium. Bei großvolumiger Parazentese sollte Albumin substituiert werden, in der Regel 6–8 g pro Liter entfernten Aszites. Refraktärer Aszites kann eine Indikation für TIPS oder Transplantation sein.

    Zur Primär- und Sekundärprophylaxe der Varizenblutung werden nichtselektive Betablocker eingesetzt, z. B. Propranolol initial 20–40 mg 2-mal täglich oder Carvedilol häufig 6,25 mg/Tag, ggf. Steigerung auf 12,5 mg/Tag. Akute Varizenblutungen erfordern Intensivüberwachung, vasoaktive Medikation wie Terlipressin 2 mg i.v. alle 4 Stunden, prophylaktische Antibiotika, meist Ceftriaxon 1 g/Tag i.v., und die dringliche endoskopische Ligatur. Bei hepatischer Enzephalopathie ist Lactulose Standard, titriert auf 2–3 weiche Stühle pro Tag; zusätzlich kann Rifaximin 550 mg 2-mal täglich gegeben werden. Spontan bakterielle Peritonitis wird z. B. mit Cefotaxim oder Ceftriaxon behandelt; bei hohem Risiko ist eine Sekundärprophylaxe mit Norfloxacin oder lokal leitlinienangepassten Regimen zu erwägen.

    Alle Zirrhosepatienten benötigen ein HCC-Screening mittels Sonographie alle 6 Monate. Bei fortgeschrittener Dekompensation, hohem MELD oder HCC innerhalb transplantabler Kriterien sollte frühzeitig ein Transplantationszentrum eingebunden werden.

    Merke: Die wirksamste Therapie der Zirrhose besteht in der kausalen Behandlung der Grunderkrankung und im konsequenten Management der portalen Hypertension und ihrer Komplikationen.

    Prognose

    Die Prognose der Leberzirrhose variiert erheblich und hängt von Ätiologie, Aktivität der Grundkrankheit, Stadium, Komplikationen und Komorbiditäten ab. Im klinischen Alltag wird zwischen kompensierter und dekompensierter Zirrhose unterschieden. Solange keine Dekompensationsereignisse wie Aszites, Varizenblutung, Enzephalopathie oder Ikterus auftreten, kann die Erkrankung über Jahre stabil sein. Nach Eintritt der ersten Dekompensation verschlechtert sich die Prognose jedoch deutlich. Der Child-Pugh-Score erlaubt eine grobe Stadieneinteilung; Patientinnen und Patienten der Klasse A haben eine deutlich bessere 1- und 2-Jahres-Überlebensrate als solche der Klassen B und C. Der MELD-Score ist besonders für die kurzfristige Mortalitätsabschätzung und die Transplantationspriorisierung relevant.

    Eine erfolgreiche kausale Therapie kann die Prognose erheblich verbessern. Das gilt für Alkoholabstinenz, die Viruselimination bei Hepatitis C, die Suppression von HBV und die Kontrolle metabolischer Risikofaktoren. Dennoch bleibt das Risiko für HCC und weitere Dekompensationen auch nach Besserung der Ursache oft erhöht, insbesondere bei bereits etablierter Zirrhose. Negative Prognosefaktoren sind hyponatriämischer Aszites, Nierenfunktionsstörung, wiederholte SBP, Varizenblutung, Sarkopenie und ACLF.

    Die Lebertransplantation ist bei geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten die definitive Therapie mit guten Langzeitergebnissen; die 5-Jahres-Überlebensraten nach Transplantation liegen in vielen Zentren bei etwa 70–80 % oder darüber. Ohne Transplantation ist die Prognose bei therapierefraktärer Dekompensation deutlich schlechter. Entscheidend sind daher eine frühe Risikostratifizierung, strukturierte Nachsorge und die rechtzeitige Vorstellung in einem Transplantationszentrum.

    Merke: Der stärkste klinische Einschnitt ist nicht die Diagnose der Zirrhose selbst, sondern der Übergang zur Dekompensation.

    Prävention

    Die Prävention der Leberzirrhose besteht primär in der Vermeidung bzw. frühzeitigen Behandlung chronischer Leberschäden. Dazu gehören ein risikoarmer oder idealerweise kein Alkoholkonsum, die Prävention und Therapie von Adipositas, Typ-2-Diabetes und Dyslipidämie sowie die konsequente Behandlung viraler Hepatitiden. Eine zentrale Maßnahme ist die Impfung gegen Hepatitis B gemäß STIKO-Empfehlungen; bei bestehender chronischer Lebererkrankung sollten zudem Impfungen gegen Hepatitis A, Influenza und Pneumokokken überprüft werden. Im klinischen Alltag ist die Früherkennung steatotischer Lebererkrankungen bei Menschen mit metabolischem Syndrom bedeutsam.

    Sekundärpräventiv ist bei bereits bestehender Zirrhose die Verhinderung von Dekompensationen entscheidend. Dazu gehören Alkoholabstinenz, Verzicht auf unnötige hepatotoxische Medikamente, vorsichtiger Umgang mit NSAR, frühzeitige Behandlung von Infektionen, Ernährungsberatung mit ausreichender Proteinzufuhr und regelmäßige Kontrolle in spezialisierten Ambulanzen. Ein endoskopisches Varizenscreening und die HCC-Surveillance alle 6 Monate sind feste Bestandteile der Prävention schwerer Komplikationen.

    Merke: Die meisten Zirrhosen sind prinzipiell vermeidbar, wenn Alkoholschäden, Virushepatitiden und metabolische Risikofaktoren früh erkannt und behandelt werden.

    Komplikationen

    Die Komplikationen der Leberzirrhose betreffen nahezu alle Organsysteme und bestimmen wesentlich Morbidität und Mortalität. Führend ist die portale Hypertension mit Ausbildung von Ösophagus- und Fundusvarizen, portaler hypertensiver Gastropathie, Splenomegalie und Hypersplenismus. Die gefürchtetste akute Komplikation ist die Varizenblutung, die trotz moderner Therapie weiterhin mit einer relevanten 6-Wochen-Mortalität verbunden ist. Ebenfalls häufig ist Aszites, der in einen refraktären Aszites übergehen kann und das Risiko einer spontan bakteriellen Peritonitis (SBP) deutlich erhöht.

    Weitere schwere Komplikationen sind die hepatische Enzephalopathie, das hepatorenale Syndrom (HRS-AKI), Hyponatriämie, Mangelernährung und Sarkopenie. Infektionen treten bei Zirrhose deutlich häufiger auf als bei Gesunden, weil eine zirrhoseassoziierte Immundysfunktion besteht. Schon banale Infekte können eine akute Dekompensation triggern. Bei fortgeschrittener Erkrankung kann sich ein akut-auf-chronisches Leberversagen (ACLF) mit Multiorganbeteiligung entwickeln, das eine hohe kurzfristige Mortalität hat.

    Onkologisch besonders relevant ist das hepatozelluläre Karzinom, dessen Risiko bei Zirrhose aller Ursachen erhöht ist. Daneben kommen portopulmonale Hypertension, hepatopulmonales Syndrom, Osteoporose und endokrine Störungen vor. Auch gerinnungsbezogene Ereignisse sind komplex: Zirrhotische Patienten haben nicht nur ein Blutungs-, sondern auch ein Thromboserisiko, einschließlich Pfortaderthrombose. Klinisch entscheidend ist, dass Komplikationen häufig nicht isoliert auftreten, sondern sich gegenseitig verstärken, etwa Infektion → Enzephalopathie → Nierenversagen.

    Merke: Bei Zirrhose sind Infektionen, Blutungen und Nierenfunktionsstörungen besonders prognosekritische Warnzeichen.

    Häufige Fragen

    Kann sich eine Leberzirrhose wieder zurückbilden?

    Teilweise ja: Frühe Fibrose und manche kompensierte Zirrhosen können sich unter konsequenter Behandlung der Ursache bessern, etwa bei Alkoholabstinenz oder erfolgreicher Hepatitis-Therapie. Eine fortgeschrittene, dekompensierte Zirrhose bleibt jedoch meist eine schwere chronische Erkrankung; dann ist oft die Kontrolle von Komplikationen oder eine Transplantation entscheidend.

    Darf man mit Leberzirrhose noch Alkohol trinken?

    Nein, empfohlen wird eine vollständige Alkoholabstinenz. Schon kleinere Mengen können die Leber weiter schädigen, das Risiko für Dekompensation erhöhen und die Erfolgsaussichten anderer Therapien deutlich verschlechtern.

    Ist eine Leberzirrhose immer tödlich?

    Nicht immer. Viele Menschen leben im kompensierten Stadium über Jahre relativ stabil, besonders wenn die Ursache erfolgreich behandelt wird. Gefährlich wird die Erkrankung vor allem bei Komplikationen wie Aszites, Blutungen, Enzephalopathie oder Nierenversagen; in fortgeschrittenen Fällen kann eine Lebertransplantation lebensrettend sein.

    Quellen

    1. European Association for the Study of the Liver (EASL). EASL Clinical Practice Guidelines on the management of decompensated cirrhosis. J Hepatol. 2018
    2. de Franchis R, Bosch J, Garcia-Tsao G, et al. Baveno VII – Renewing consensus in portal hypertension. J Hepatol. 2022
    3. AWMF-S3-Leitlinie Komplikationen der Leberzirrhose. Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS), aktuelle Fassung
    4. Tsochatzis EA, Bosch J, Burroughs AK. Liver cirrhosis. Lancet. 2014;383:1749-1761
    5. Harrison's Principles of Internal Medicine. 21. Auflage. McGraw-Hill
    6. Herold Innere Medizin. Aktuelle Auflage. Köln
    Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel wurde von Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi verfasst und von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer fachlich geprüft, zuletzt aktualisiert am 24. März 2026. Er dient der fachlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

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