Karnofsky-Index: Score, Tabelle & klinische Bedeutung

Karnofsky-Index richtig anwenden: Komplette Tabelle 100–0, klinische Bedeutung, Vergleich mit ECOG-Status, Anwendung in Onkologie und Palliativmedizin.

Klinik · Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi · 26. April 2026 · 10 Min. Lesezeit

Der Karnofsky-Index (auch: Karnofsky Performance Status, KPS) ist seit über 70 Jahren der Goldstandard zur Einschätzung des allgemeinen Funktionszustands onkologischer Patient:innen. Ob bei der Therapieplanung in der Chemotherapie, der Eignung für klinische Studien oder der prognostischen Einschätzung in der Palliativmedizin — die Skala von 100 (vollständig leistungsfähig) bis 0 (verstorben) gehört zum diagnostischen Standardrepertoire jedes Klinikers. Dieser Leitfaden erklärt die komplette Karnofsky-Tabelle, die klinische Anwendung, die Abgrenzung zum ECOG-Status und typische Anwendungsfälle in onkologischer und palliativmedizinischer Forschung.


Auf einen Blick: Die Karnofsky-Skala

Score Beschreibung Klinische Kategorie
100 Normalzustand, keine Beschwerden, keine Krankheitszeichen Voll leistungsfähig
90 Normale Aktivität möglich, geringfügige Symptome Voll leistungsfähig
80 Normale Aktivität nur mit Anstrengung, einige Symptome Voll leistungsfähig
70 Selbstversorgung möglich, normale Aktivität / Arbeit nicht möglich Eingeschränkt arbeitsfähig
60 Gelegentliche Hilfe nötig, meist Selbstversorgung möglich Eingeschränkt arbeitsfähig
50 Erhebliche Hilfe und häufige medizinische Versorgung nötig Pflegebedürftig
40 Überwiegend bettlägerig, qualifizierte Pflege nötig Pflegebedürftig
30 Stark behindert, Krankenhauseinweisung indiziert, Tod nicht unmittelbar Schwer pflegebedürftig
20 Schwerkrank, aktive supportive Therapie und Krankenhauspflege erforderlich Schwer pflegebedürftig
10 Moribund, schnell fortschreitende tödliche Prozesse Sterbend
0 Verstorben

Praxis-Tipp: Die 10er-Schritte sind kein Zufall — sie sind so gewählt, dass klinisch erfahrene Beurteiler in der Regel mit ±10 Punkten übereinstimmen. Eine Differenzierung zwischen z. B. 73 und 78 wäre statistisch nicht reliabel.


Wer war Karnofsky? Hintergrund der Skala

Die Skala wurde 1948 von David A. Karnofsky und Joseph H. Burchenal am Memorial Sloan Kettering Cancer Center publiziert — ursprünglich zur objektiven Bewertung der Wirkung neuer Chemotherapeutika auf den Allgemeinzustand der Patient:innen. Die ursprüngliche Studie (Karnofsky & Burchenal, 1949) prüfte die Toxizität von Stickstofflost-Derivaten und brauchte ein Werkzeug, das Symptomverbesserung gegen Allgemeinzustand abwägen konnte.

Karnofsky selbst beschrieb die Skala als grobes klinisches Instrument — sie sollte nie eine Lebensqualitätsmessung ersetzen, sondern die funktionelle Reserve eines Patienten quantifizieren. Diese ursprüngliche Intention ist bis heute gültig.


Klinische Anwendungsbereiche

1. Onkologie: Therapieentscheidungen

Die meisten klinischen Studien in der Onkologie definieren einen KPS ≥ 70 als Einschlusskriterium. Patient:innen unter diesem Schwellenwert profitieren statistisch selten von aggressiver Chemotherapie — die Toxizität überwiegt häufig den Nutzen.

KPS Therapie-Empfehlung (vereinfacht)
90–100 Volle Standard-Chemotherapie möglich
70–80 Standard möglich, Dosis ggf. anpassen
50–60 Reduzierte Chemotherapie, Best Supportive Care erwägen
≤ 40 Vorrang Palliation, Chemotherapie meist kontraindiziert

2. Palliativmedizin: Prognose-Einschätzung

In der Palliativmedizin ist der Karnofsky-Index ein prognostischer Marker für die verbleibende Lebenserwartung. Faustregeln aus der Literatur:

Diese Werte sind statistische Mittelwerte und nicht für individuelle Prognosen geeignet — die Streuung ist erheblich.

3. Klinische Studien: Stratifizierung

In der Studiendesign-Praxis wird KPS häufig als Stratifizierungsvariable verwendet. So wird sichergestellt, dass Therapie- und Kontrollgruppe vergleichbare funktionelle Ausgangslagen haben — sonst wären Effektschätzungen verzerrt. Mehr zur korrekten statistischen Auswertung klinischer Studien findest du in unserem ausführlichen Leitfaden.

4. Rehabilitation und Geriatrie

Auch außerhalb der Onkologie wird die Skala zunehmend eingesetzt — etwa in der Geriatrie, Neurologie (Schlaganfall-Rehabilitation) und chronischen Erkrankungen. Hier konkurriert sie aber mit spezifischeren Skalen (Barthel-Index, mRS).


Karnofsky-Index vs. ECOG Performance Status

In der Onkologie wird parallel zum Karnofsky-Index häufig der ECOG-Score (auch: WHO-Score, Zubrod-Score) verwendet. Beide messen vergleichbare Konstrukte, sind aber unterschiedlich granular:

ECOG Beschreibung KPS-Äquivalent
0 Voll aktiv, keine Einschränkung 90–100
1 Eingeschränkt bei körperlich anstrengender Aktivität, ambulant 70–80
2 Ambulant, Selbstversorgung möglich, > 50 % Wachzeit aktiv 50–60
3 Begrenzte Selbstversorgung, > 50 % Wachzeit bettlägerig 30–40
4 Vollständig pflegebedürftig, kontinuierlich bettlägerig 10–20
5 Verstorben 0

Wann welche Skala? ECOG ist in modernen onkologischen RCTs Standard — er ist gröber, aber zuverlässiger zwischen Beobachtern. Karnofsky ist in der klinischen Routine und in deutschen Kliniken weiter verbreitet. Beide Skalen werden häufig parallel berichtet.


Wie wird der Karnofsky-Index erhoben?

Es gibt keinen Fragebogen und keine standardisierte Untersuchung. Die Skala wird durch klinische Einschätzung vergeben — typischerweise durch den behandelnden Arzt. Reliabilität-Studien zeigen:

Praxis-Tipp: In Studien sollte die Bewertung von einem geschulten Untersucher erfolgen, idealerweise mit standardisierter Anchor-Beschreibung. Bei Multicenter-Studien ist ein Inter-Rater-Reliabilitätstraining am Studienanfang sinnvoll.


Karnofsky in der wissenschaftlichen Auswertung

Bei der statistischen Verwendung des Karnofsky-Index gibt es methodische Fallstricke:

Skalenniveau

Der Karnofsky-Index ist streng genommen ordinal, nicht intervallskaliert. Der Sprung von 80 zu 70 hat nicht denselben klinischen Wert wie der Sprung von 30 zu 20.

Konsequenz:

Dichotomisierung

Eine pragmatische Lösung in vielen Studien: Dichotomisierung in KPS ≥ 70 vs. KPS < 70. Das vereinfacht die Analyse und entspricht der klinisch relevanten Schwelle für aggressive Therapien. Mit Logistischer Regression oder Cox-Proportional-Hazards-Modellen lässt sich diese Variable als Prädiktor analysieren.

Missing Data

In retrospektiven Studien ist der KPS häufig nicht dokumentiert — gerade bei stabilen ambulanten Patient:innen. Imputation ist möglich, aber methodisch heikel. Sensitivitätsanalysen mit verschiedenen Imputationsstrategien sind empfohlen. Eine statistische Beratung ist bei komplexen Missing-Data-Mustern sinnvoll.


Häufige klinische Anwendungsfälle

Anwendung 1: Patientenaufnahme zur Chemotherapie

Eine 68-jährige Patientin mit metastasiertem Mammakarzinom soll zur palliativen Chemotherapie aufgenommen werden. Sie versorgt sich selbstständig, kann aber keine Hausarbeit mehr durchführen und braucht häufige Arztbesuche.

Einschätzung: KPS 60 → grenzwertig für Standard-Chemotherapie. Diskussion mit Patientin und Onkologie-Team über reduzierte Dosis vs. Best Supportive Care.

Anwendung 2: Studieneignung

Ein 72-jähriger Patient mit nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom möchte an einer Phase-III-Immuntherapie-Studie teilnehmen. Einschlusskriterium: ECOG ≤ 1.

Einschätzung: Der Patient kann ohne Hilfe gehen, hat leichte Belastungsdyspnoe → KPS 80, ECOG 1 → eingeschlossen.

Anwendung 3: Hospizverlegung

Ein 84-jähriger Patient mit fortgeschrittenem Pankreaskarzinom ist überwiegend bettlägerig, benötigt qualifizierte Pflege, isst und trinkt selbstständig minimal.

Einschätzung: KPS 30 → Aufnahme ins Hospiz indiziert.


Häufige Fehler im Umgang mit dem Karnofsky-Index

Fehler 1: Zu hohe Selbst-Einschätzung übernehmen

Patient:innen tendieren dazu, ihren Zustand günstiger einzuschätzen — vor allem bei Hoffnung auf eine Therapie. Die ärztliche Einschätzung sollte unabhängig erfolgen.

Fehler 2: Skala mit Lebensqualität verwechseln

Karnofsky misst funktionelle Leistungsfähigkeit, nicht Schmerz, Stimmung oder Lebensqualität. Für diese Konstrukte gibt es spezifische Instrumente (EORTC QLQ-C30, FACT-G).

Fehler 3: Im Verlauf zu starr werten

Ein Patient mit akuter Pneumonie kann temporär einen KPS von 30 haben — das heißt nicht, dass die palliative Versorgung indiziert ist. Der KPS sollte den stabilen Zustand widerspiegeln, nicht ein akutes Ereignis.

Fehler 4: Bei kognitiver Einschränkung anwenden

Bei Demenz oder Delirium ist die Einschätzung schwierig — formal kann ein dementer Patient noch laufen (hoher KPS) und doch schwer pflegebedürftig sein. Hier sind ergänzende Skalen (Barthel, IADL) sinnvoll.

Fehler 5: KPS als Therapieentscheid alleine nutzen

Auch ein KPS von 50 schließt nicht alle Therapien aus — hier sind individuelle Faktoren (Tumortyp, Lebensentscheidung der Patient:in, soziales Umfeld) entscheidend. Der KPS ist ein Hilfsinstrument, kein Algorithmus.


Zusammenfassung: 8 Kern-Punkte

  1. Skala 0-100 — in 10er-Schritten, nie feiner.
  2. KPS 70 ist die kritische Schwelle — darunter selten Standard-Chemotherapie.
  3. Ordinal, nicht metrisch — bei statistischer Auswertung beachten.
  4. ECOG ist die robustere Schwester — international Standard, gröber aber zuverlässiger.
  5. Selbsteinschätzung ist meist zu hoch — ärztlich unabhängig erheben.
  6. Stabilen Zustand werten — nicht akute Episoden.
  7. Prognostisch nützlich, aber nicht deterministisch — individuelle Streuung erheblich.
  8. Funktionelle Reserve ≠ Lebensqualität — separate Instrumente nutzen.

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