🫘 Nephrologie ICD-10: N17

Akutes Nierenversagen (N17): Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie

Akutes Nierenversagen: Ursachen, Symptome, Diagnostik und Therapie des AKI nach aktuellen Leitlinien kompakt erklärt.

Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi
Arzt, Wissenschaftler & Gründer von SCIORA
24. März 2026 · 12 Min. Lesezeit · Aktualisiert: 24. März 2026 · Geprüft von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer
📋 Inhaltsverzeichnis

    Definition

    Akutes Nierenversagen bzw. die akute Nierenschädigung (Acute Kidney Injury, AKI) ist ein innerhalb von Stunden bis Tagen auftretender Verlust der exkretorischen, regulatorischen und endokrinen Nierenfunktion. Nach den KDIGO-Kriterien liegt ein AKI vor bei einem Anstieg des Serumkreatinins um ≥ 0,3 mg/dl innerhalb von 48 Stunden, einem Anstieg auf ≥ 1,5-fach des Ausgangswerts innerhalb von 7 Tagen oder einer Urinausscheidung < 0,5 ml/kgKG/h über mindestens 6 Stunden. Das akute Nierenversagen ist keine eigenständige Krankheitsentität, sondern ein klinisches Syndrom mit sehr unterschiedlichen Ursachen, von Volumenmangel bis zur Sepsis oder Harnabflussstörung.

    Klinisch reicht das Spektrum von asymptomatischen Laborveränderungen bis zum lebensbedrohlichen Multiorganversagen mit Hyperkaliämie, Lungenödem und urämischen Komplikationen. Die Einteilung erfolgt ätiologisch in prärenales, intrarenales und postrenales AKI sowie nach Schweregrad in KDIGO-Stadien 1 bis 3. Eine frühzeitige Identifikation ist entscheidend, da selbst milde Kreatininanstiege mit erhöhter Morbidität, Mortalität und einem späteren Risiko für chronische Nierenerkrankung assoziiert sind.

    Merke: Ein akutes Nierenversagen ist häufig zunächst stumm und wird oft nur durch Kreatininanstieg oder Oligurie erkannt; jede ungeklärte Oligurie ist bis zum Beweis des Gegenteils ein potenzieller Notfall.

    Epidemiologie

    Das akute Nierenversagen gehört zu den häufigsten Organfunktionsstörungen im Krankenhaus. Je nach Definition, Patientenkollektiv und Überwachungsdichte entwickeln etwa 10–20 % aller hospitalisierten Patienten ein AKI; auf Intensivstationen liegen die Raten deutlich höher und betragen oft 30–60 %. Bei kritisch Kranken mit Sepsis, Schock, großer Operation oder Beatmung ist das Risiko besonders ausgeprägt. In internationalen Kohorten benötigen etwa 5–15 % der Intensivpatienten mit AKI ein Nierenersatzverfahren. Die Krankenhausletalität steigt mit der AKI-Schwere an und kann bei dialysepflichtigem AKI über 40–50 % liegen, insbesondere im septischen Multiorganversagen.

    Mit zunehmendem Alter steigt die Inzidenz deutlich, da ältere Menschen häufiger Vorerkrankungen, Polypharmazie, Exsikkose und vaskuläre Vorschädigungen aufweisen. Relevante Risikofaktoren sind chronische Niereninsuffizienz, Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie, Herzinsuffizienz, Leberzirrhose, Tumorerkrankungen und die Exposition gegenüber nephrotoxischen Medikamenten oder Kontrastmitteln. Postoperativ tritt AKI besonders nach Herzchirurgie, größeren abdominalchirurgischen Eingriffen und Gefäßoperationen auf.

    Auch aus gesundheitsökonomischer Sicht ist AKI bedeutsam: Es verlängert Liegedauer, Intensivpflichtigkeit und Rehabilitationsbedarf. Zudem ist ein überstandenes AKI kein vollständig reversibles Ereignis; viele Betroffene entwickeln im Verlauf eine chronische Nierenerkrankung (CKD) oder zeigen eine persistierende Einschränkung der Nierenfunktion.

    Merke: Schon kleine Kreatininanstiege sind prognostisch relevant; AKI ist nicht nur ein Laborphänomen, sondern ein wichtiger unabhängiger Mortalitätsmarker.

    Ätiologie

    Ätiologisch wird das akute Nierenversagen klassisch in prärenale, intrarenale und postrenale Ursachen unterteilt. Das prärenale AKI ist die häufigste Form und beruht auf einer verminderten Nierendurchblutung ohne primären Parenchymschaden. Typische Ursachen sind Exsikkose, Blutverlust, Erbrechen, Diarrhö, Sepsis, Herzinsuffizienz, Leberzirrhose mit hepatorenalem Syndrom und Medikamente, die die renale Autoregulation stören, insbesondere NSAR, ACE-Hemmer und AT1-Blocker. Auch ein übermäßiger Diuretikagebrauch ist häufig relevant.

    Das intrarenale AKI umfasst Parenchymschäden der Niere. Am häufigsten ist die akute Tubulusnekrose (ATN), meist ischämisch oder toxisch bedingt. Toxische Auslöser sind z. B. Aminoglykoside, Amphotericin B, Cisplatin, Methotrexat, Calcineurininhibitoren, Myoglobin bei Rhabdomyolyse, Hämoglobin bei Hämolyse und Kontrastmittel. Weitere intrarenale Ursachen sind die akute interstitielle Nephritis durch Medikamente wie Protonenpumpeninhibitoren, NSAR, Penicilline oder Cephalosporine, außerdem rapid progressive Glomerulonephritiden, Vaskulitiden, thrombotische Mikroangiopathien und maligne Hypertonie.

    Das postrenale AKI entsteht durch Harnabflussbehinderung. Hierzu zählen benigne Prostatahyperplasie, Prostatakarzinom, Urolithiasis, Tumorkompression, retroperitoneale Fibrose, neurogene Blasenentleerungsstörung und bilateral obstruierende Prozesse. Einseitige Obstruktionen führen nur bei funktioneller Einzelniere oder vorgeschädigter Gegenseite zum AKI.

    Klinisch bedeutsam ist, dass bei vielen Patienten mehrere Mechanismen gleichzeitig vorliegen, etwa Sepsis plus Hypotonie plus Nephrotoxine.

    Merke: Die häufigsten Ursachen sind Volumenmangel, Sepsis, Medikamente und Harnstau; eine strukturierte ätiologische Einteilung beschleunigt die Diagnostik erheblich.

    Pathogenese

    Die Pathogenese des akuten Nierenversagens ist heterogen, folgt jedoch häufig einem gemeinsamen Endpunkt aus verminderter glomerulärer Filtration, tubulärer Dysfunktion, mikrovaskulärer Störung und inflammatorischer Gewebeschädigung. Beim prärenalen AKI kommt es zunächst zu einer Reduktion des effektiven zirkulierenden Volumens oder des renalen Perfusionsdrucks. Die Niere reagiert mit Aktivierung von Renin-Angiotensin-Aldosteron-System, Sympathikus und Vasopressin, um Filtration und Volumen zu stabilisieren. Werden diese Kompensationsmechanismen überschritten, sinkt die GFR, zunächst noch potenziell reversibel.

    Persistiert die Minderperfusion, kann sich eine ischämische akute Tubulusnekrose entwickeln. Dabei schädigen ATP-Mangel, oxidativer Stress und Endotheldysfunktion besonders die metabolisch aktiven Tubulusabschnitte. Es entstehen Zellschwellung, Verlust der Bürstensaummembran, intratubuläre Zelltrümmer und Tubulusobstruktion. Gleichzeitig fördern endotheliale Aktivierung, Vasokonstriktion und Mikrothrombosierung eine weitere Minderdurchblutung. Das erklärt, warum ein initial funktionelles prärenales AKI in ein strukturelles intrarenales AKI übergehen kann.

    Bei Sepsis ist die Pathophysiologie besonders komplex: Neben Hypotonie spielen systemische Inflammation, mitochondriale Dysfunktion, Kapillarleck, gestörte Sauerstoffverwertung und Veränderungen der intrarenalen Mikrozirkulation eine wesentliche Rolle. Bei der akuten interstitiellen Nephritis überwiegt eine immunvermittelte Entzündung, bei Glomerulonephritiden eine glomeruläre Immun- oder Vaskulitisschädigung. Postrenal führt der erhöhte intratubuläre Druck durch Obstruktion zu einer Abnahme der Filtration, später zusätzlich zu interstitieller Entzündung und Fibrose.

    Merke: Ein prärenales AKI ist prinzipiell reversibel, kann aber bei anhaltender Perfusionsstörung in eine akute Tubulusnekrose übergehen.

    Symptome

    Die Symptomatik des akuten Nierenversagens ist variabel und hängt stark von Ursache, Geschwindigkeit des Funktionsverlusts und Begleitkomplikationen ab. Ein erheblicher Teil der Patienten ist initial oligosymptomatisch; erste Hinweise sind dann Oligurie oder Laborveränderungen. Als Leitsymptome gelten Oligurie (< 400–500 ml/24 h) oder Anurie (< 100 ml/24 h), wobei ein AKI auch nicht-oligurisch verlaufen kann. Bei prärenalem AKI stehen oft Zeichen der Hypovolämie im Vordergrund: Durst, trockene Schleimhäute, Hypotonie, Tachykardie, Schwindel und verminderter Hautturgor. Bei Sepsis können Fieber, Vigilanzminderung, Tachypnoe und Kreislaufinstabilität dominieren.

    Mit zunehmender Retention treten Symptome der Urämie und Elektrolytstörung auf: Müdigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, Konzentrationsstörung, Juckreiz und eine verminderte Belastbarkeit. Eine Hyperkaliämie kann Muskelschwäche, Parästhesien und lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen verursachen. Durch Volumenüberladung entwickeln Patienten periphere Ödeme, Gewichtszunahme, Dyspnoe und im Extremfall ein akutes Lungenödem. Metabolische Azidose äußert sich durch Tachypnoe bis Kussmaul-Atmung.

    Hinweise auf spezifische intrarenale Ursachen sind Flankenschmerz, Makrohämaturie, schäumender Urin, Hautausschlag, Fieber und Eosinophilie bei interstitieller Nephritis oder Purpura, Arthralgien und Hämoptysen bei systemischer Vaskulitis. Beim postrenalen AKI finden sich Pollakisurie, Dysurie, Harnverhalt, Unterbauchschmerz oder ein tastbar gefüllter Harnblasenbefund.

    Merke: Oligurie ist wichtig, aber nicht obligat; auch bei normaler Urinmenge kann ein relevantes AKI vorliegen.

    Diagnostik

    Die Diagnostik des akuten Nierenversagens verfolgt drei Ziele: AKI erkennen, Schweregrad einstufen und Ursache identifizieren. Grundlage sind die KDIGO-Kriterien mit Verlauf von Serumkreatinin und Urinausscheidung. Laborchemisch gehören dazu Harnstoff, Elektrolyte insbesondere Kalium, Natrium, Bicarbonat, Calcium, Phosphat, Blutgasanalyse, Entzündungsparameter und vollständiges Blutbild. Wichtig ist die Beurteilung des bisherigen Kreatininverlaufs, da ein einzelner Wert ohne Ausgangsbefund irreführend sein kann. Ein Urinstatus mit Sediment ist essenziell: Proteinurie, Hämaturie, Leukozyturie, Zylinder und Kristalle geben wertvolle ätiologische Hinweise. Dysmorphe Erythrozyten und Erythrozytenzylinder sprechen für glomeruläre Ursachen, Leukozyturie und Eosinophilie eher für interstitielle Prozesse.

    Zur Unterscheidung prärenal versus intrarenal können Urinchemie und Fraktionelle Exkretionen hilfreich sein, z. B. FENa < 1 % bei prärenalem AKI, allerdings nur unter Einschränkungen, besonders bei Diuretikatherapie. In solchen Situationen ist die FE-Harnstoff < 35 % oft robuster. Apparativ ist der Ultraschall der Nieren und ableitenden Harnwege die wichtigste Erstuntersuchung, um Nierengröße, Parenchymstruktur und vor allem einen Harnstau auszuschließen. Bei Verdacht auf postrenales AKI muss zusätzlich die Harnblase beurteilt und ggf. katheterisiert werden.

    Je nach Verdacht folgen Autoimmunserologien, Komplement, ANCA, Anti-GBM, Hepatitisserologie, Kreatinkinase bei Rhabdomyolyse oder Medikamentenspiegel. Der Goldstandard zur Ursachenklärung ist nicht generell eine einzelne Untersuchung, sondern die systematische Kombination aus Anamnese, klinischer Beurteilung, Labor, Urinsediment und Sonographie; bei unklaren intrarenalen Ursachen ist die Nierenbiopsie der Goldstandard. EKG bei Hyperkaliämie und Thoraxbildgebung bei Lungenödem sind oft akut notwendig.

    Merke: Bei jedem AKI müssen Volumenstatus, Medikamente und Harnabfluss unverzüglich geprüft werden.

    Differentialdiagnosen

    Die wichtigste Differenzialdiagnose des akuten Nierenversagens ist die chronische Niereninsuffizienz (CKD) oder eine akut-auf-chronische Nierenschädigung. Hinweise auf CKD sind anamnestisch bekannte Nierenfunktionsstörung, kleine echoreiche Nieren im Ultraschall, renale Anämie, chronische Hypokalzämie oder sekundärer Hyperparathyreoidismus. Allerdings schließt eine normale Nierengröße eine CKD nicht aus, etwa bei diabetischer Nephropathie, Amyloidose oder polyzystischer Nierenerkrankung. Daher ist die Vorwertrecherche klinisch zentral.

    Weitere Differenzialdiagnosen betreffen die Ursache der Kreatininerhöhung selbst. Eine Pseudoverschlechterung der Nierenfunktion kann z. B. unter Trimethoprim oder Cimetidin durch Hemmung der tubulären Kreatininsekretion auftreten, ohne dass die GFR in gleichem Ausmaß sinkt. Auch starke Muskelmasse, Muskelzerfall oder Laborinterferenzen sind zu bedenken. Von der Oligurie abzugrenzen sind extrarenale Ursachen verminderter Urinausscheidung wie schwere Hypotonie, aber auch ein Messfehler beim Urinmonitoring.

    Innerhalb der AKI-Formen sind wichtige Differenzialdiagnosen: prärenales AKI versus akute Tubulusnekrose, postrenal durch Harnstau versus neurogene Blasenentleerungsstörung, akute interstitielle Nephritis versus Pyelonephritis, sowie Glomerulonephritis/Vaskulitis versus thrombotische Mikroangiopathie oder maligne Hypertonie. Bei Sepsis, Leberzirrhose und Herzinsuffizienz ist die Überschneidung von hämodynamischen und strukturellen Mechanismen häufig.

    Klinisch besonders relevant sind außerdem Zustände mit ähnlicher Präsentation, aber anderer Therapiepriorität, etwa dekompensierte Herzinsuffizienz, hepatorenales Syndrom, obstruktive Uropathie, Rhabdomyolyse, Tumorlysesyndrom und ANCA-assoziierte Vaskulitis.

    Merke: Nicht jede Kreatininerhöhung ist ein primäres Nierenparenchymproblem; die Abgrenzung zu CKD, Pseudoverschlechterung und Harnabflussstörung ist entscheidend.

    Therapie

    Die Therapie des akuten Nierenversagens richtet sich nach Ursache, Schweregrad und Komplikationen. Zentrale Prinzipien sind rasche Ursachenbehebung, Vermeidung weiterer Nierenschädigung und Management lebensbedrohlicher Folgen. Bei prärenalem AKI durch Volumenmangel erfolgt eine vorsichtige, klinisch gesteuerte Volumentherapie, meist mit balancierten kristalloiden Lösungen wie Ringer-Acetat oder Plasma-Lyte. Bei septischem Schock empfehlen aktuelle intensivmedizinische Leitlinien initial typischerweise 30 ml/kgKG Kristalloid bei Hypoperfusion, anschließend engmaschige Reevaluation. Nephrotoxische Medikamente wie NSAR, ACE-Hemmer, AT1-Blocker, Aminoglykoside, Metformin oder Kontrastmittel sollen pausiert bzw. streng indiziert eingesetzt werden. Dosisanpassungen renal eliminierter Arzneimittel sind obligat.

    Beim postrenalen AKI ist die rasche Entlastung essenziell, z. B. Blasenkatheter, Harnleiterschiene oder Nephrostomie. Intrarenale Ursachen erfordern eine spezifische Therapie: Bei akuter interstitieller Nephritis Absetzen des Auslösers und häufig Prednisolon ca. 0,5–1 mg/kgKG/Tag, bei rasch progredienter Glomerulonephritis je nach Ursache hochdosierte Glukokortikoide, Cyclophosphamid oder Rituximab nach nephrologischer Abklärung. Diuretika, meist Furosemid 20–80 mg i.v., dienen nur zur Behandlung von Volumenüberladung, nicht zur kausalen AKI-Therapie.

    Komplikationen müssen aktiv behandelt werden. Bei Hyperkaliämie mit EKG-Veränderungen: 10 ml Calciumglukonat 10 % i.v., dann z. B. 10 IE Altinsulin i.v. + 25 g Glukose, ggf. β2-Mimetikum inhalativ und Kaliumelimination. Bei schwerer Azidose, therapierefraktärer Überwässerung, urämischen Komplikationen oder persistierender Hyperkaliämie ist eine Nierenersatztherapie indiziert. Die klassischen Dialyseindikationen werden mit AEIOU erinnert: Acidosis, Electrolytes, Intoxications, Overload, Uremia. Relevante Orientierung bieten KDIGO-Leitlinien, deutschsprachige Empfehlungen der DGfN/DGIM sowie intensivmedizinische Leitlinien bei Sepsis und Schock.

    Merke: Die Behandlung des AKI ist primär ursachengerichtet; eine Dialyse ersetzt Zeit, aber nicht die kausale Therapie.

    Prognose

    Die Prognose des akuten Nierenversagens ist sehr variabel und hängt von Ursache, Begleiterkrankungen, Alter, Intensivpflichtigkeit und Ausmaß der Organbeteiligung ab. Ein mildes, rasch korrigiertes prärenales AKI bei jüngeren Patienten kann sich vollständig zurückbilden. Demgegenüber ist die Prognose bei septischem AKI, Multiorganversagen oder dialysepflichtigem Verlauf deutlich schlechter. Die intrahospitale Mortalität steigt stufenabhängig mit den KDIGO-Stadien an und kann bei schwerem intensivmedizinischem AKI mit Nierenersatztherapie 40–50 % oder mehr betragen.

    Auch nach Überleben des Akutereignisses bestehen relevante Langzeitfolgen. Patienten nach AKI haben ein erhöhtes Risiko für chronische Nierenerkrankung, albuminurische Verläufe, erneute AKI-Episoden und langfristig eine erhöhte kardiovaskuläre Morbidität. Besonders gefährdet sind Menschen mit vorbestehender CKD, Diabetes, Herzinsuffizienz oder höherem Lebensalter. Eine unvollständige Kreatinin-Rückbildung bei Entlassung verschlechtert die Langzeitprognose deutlich. Daher ist eine strukturierte Nachsorge mit Verlaufskontrollen von Kreatinin, eGFR, Blutdruck und Albuminurie sinnvoll, meist innerhalb von 1–3 Monaten nach dem Ereignis.

    Prognostisch günstig sind eine frühe Ursachenbehandlung, rasche Beseitigung eines Harnstaus, Vermeidung weiterer nephrotoxischer Expositionen und engmaschige Intensivüberwachung bei Risikopatienten. Klinisch wichtig ist, dass ein vermeintlich „kleines“ AKI nicht bagatellisiert werden darf; selbst passagere Kreatininanstiege sind mit höherem Risiko für spätere CKD und Hospitalisierung verbunden.

    Merke: Ein überstandenes AKI ist oft kein folgenloses Ereignis; die Nachsorge ist prognostisch relevant.

    Prävention

    Die Prävention des akuten Nierenversagens ist besonders bei Risikopatienten von hoher Bedeutung. Zentrale Maßnahmen sind die frühzeitige Erkennung von Risikokonstellationen, eine adäquate Volumen- und Kreislaufstabilisierung sowie der konsequente Verzicht auf unnötige Nephrotoxine. Bei älteren Menschen, Patienten mit CKD, Diabetes, Herzinsuffizienz, Leberzirrhose oder Polypharmazie sollten Serumkreatinin und Elektrolyte bei akuten Erkrankungen engmaschig kontrolliert werden. Unter Fieber, Gastroenteritis oder verminderter Trinkmenge ist eine vorübergehende Pausierung bestimmter Medikamente im Sinne der „sick day rules“ zu erwägen, insbesondere NSAR, Diuretika, ACE-Hemmer, AT1-Blocker und Metformin, stets individualisiert.

    Vor Kontrastmittelgaben sollte das Risiko kritisch geprüft werden. Bei gefährdeten Patienten sind ausreichende Hydratation, möglichst geringe Kontrastmittelmengen und die Wahl nichtionischer Präparate wichtig; eine generelle medikamentöse Prophylaxe mit Acetylcystein wird heute nicht einheitlich empfohlen. Perioperativ sind Hypotonie, Blutverlust und Volumenmangel zu vermeiden. Auf Intensivstationen reduzieren strukturierte Protokolle zur Sepsisbehandlung, hämodynamischen Steuerung und Dosisanpassung renal eliminierter Medikamente das AKI-Risiko.

    Patientenaufklärung ist ebenfalls präventiv relevant: frei verkäufliche Schmerzmittel aus der NSAR-Gruppe sind eine häufige vermeidbare Ursache. Bei Harnentleerungsstörungen sollte frühzeitig urologisch abgeklärt werden, um einen Harnstau zu verhindern.

    Merke: Die wirksamste Prävention besteht oft aus drei einfachen Schritten: Hydrieren, Nephrotoxine meiden, Risikopatienten überwachen.

    Komplikationen

    Das akute Nierenversagen kann zahlreiche, teils unmittelbar lebensbedrohliche Komplikationen verursachen. Zu den wichtigsten zählt die Hyperkaliämie, die bereits ab Werten über 6,0 mmol/l oder bei raschem Anstieg mit typischen EKG-Veränderungen gefährlich wird und Kammerarrhythmien auslösen kann. Ebenfalls häufig ist die metabolische Azidose, die myokardiale Funktion, Katecholaminwirkung und Atemarbeit negativ beeinflusst. Durch Salz- und Wasserretention entstehen periphere Ödeme, Hypertonie und ein akutes kardiales Lungenödem mit schwerer Hypoxämie.

    Die Urämie führt bei stärkerem Funktionsverlust zu gastrointestinalen Beschwerden, Enzephalopathie, Perikarditis, Blutungsneigung durch Thrombozytenfunktionsstörung und Immundysfunktion. Elektrolytstörungen betreffen neben Kalium auch Hyperphosphatämie, Hypokalzämie und seltener Hypermagnesiämie. Bei kritisch Kranken verstärkt AKI die Dysfunktion anderer Organsysteme und ist eng mit Multiorganversagen assoziiert. Zusätzlich erschwert es die Antibiotikadosierung, Ernährungstherapie und Flüssigkeitssteuerung.

    Langfristig sind die Folgen ebenfalls relevant: Nach AKI steigt das Risiko für chronische Nierenerkrankung, terminale Niereninsuffizienz, arterielle Hypertonie und kardiovaskuläre Ereignisse. Rezidivierende AKI-Episoden verschlechtern die Prognose weiter. Bei postrenalem AKI kann eine verzögerte Entlastung zu bleibenden Parenchymschäden führen; bei immunologischen Ursachen droht ohne rasche Therapie ein irreversibler Verlust der Nierenfunktion.

    Merke: Die gefährlichsten Frühkomplikationen sind Hyperkaliämie, Azidose und Lungenödem; sie bestimmen oft die Dringlichkeit einer Dialyse.

    Häufige Fragen

    Ist akutes Nierenversagen dasselbe wie eine chronische Nierenschwäche?

    Nein. Ein akutes Nierenversagen entwickelt sich innerhalb von Stunden bis Tagen und ist oft zumindest teilweise reversibel, wenn die Ursache schnell behandelt wird. Eine chronische Nierenerkrankung besteht dagegen über Monate bis Jahre und schreitet meist langsam fort.

    Muss bei akutem Nierenversagen immer dialysiert werden?

    Nein. Viele Patienten benötigen keine Dialyse, wenn die Ursache rasch behoben wird und keine schweren Komplikationen auftreten. Dialyse ist vor allem bei schwerer Überwässerung, gefährlicher Hyperkaliämie, ausgeprägter Azidose oder urämischen Beschwerden notwendig.

    Kann sich die Niere nach einem akuten Nierenversagen wieder vollständig erholen?

    Oft ja, besonders bei früh erkannten prärenalen oder postrenalen Ursachen. Dennoch bleibt nach einem AKI ein erhöhtes Risiko für eine spätere chronische Nierenerkrankung, weshalb Nachkontrollen wichtig sind.

    Quellen

    1. KDIGO Clinical Practice Guideline for Acute Kidney Injury. Kidney International Supplements. 2012.
    2. Herold G. Innere Medizin. Aktuelle Ausgabe. Köln: Selbstverlag.
    3. DGfN/DGIM: Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie akuter Nierenschädigungen und nephrologischer Notfälle, aktuelle deutschsprachige Handlungsempfehlungen.
    4. Harrison's Principles of Internal Medicine. 21st ed. McGraw Hill. Kapitel zu Acute Kidney Injury.
    5. Post TW, ed. UpToDate. Evaluation and management of acute kidney injury in adults. Aktuelle Version.
    6. Kellum JA, Lameire N; for the KDIGO AKI Guideline Work Group. Diagnosis, evaluation, and management of acute kidney injury: a KDIGO summary. Crit Care. 2013;17:204.
    Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel wurde von Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi verfasst und von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer fachlich geprüft, zuletzt aktualisiert am 24. März 2026. Er dient der fachlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

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