🫘 Nephrologie ICD-10: Q61.2

Autosomal-dominante polyzystische Nierenerkrankung: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie

Die autosomal-dominante polyzystische Nierenerkrankung (ADPKD) ist eine hereditäre, progrediente Systemerkrankung, die durch die Bildung multipler.

Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi
Arzt, Wissenschaftler & Gründer von SCIORA
1. April 2026 · 14 Min. Lesezeit · Aktualisiert: 1. April 2026 · Geprüft von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer
📋 Inhaltsverzeichnis

    Definition

    Die autosomal-dominante polyzystische Nierenerkrankung (ADPKD) ist eine hereditäre, progrediente Systemerkrankung, die durch die Bildung multipler flüssigkeitsgefüllter Zysten in beiden Nieren gekennzeichnet ist und langfristig häufig zu einer chronischen Niereninsuffizienz bis hin zur terminalen Nierenkrankheit führt. Ursächlich sind meist pathogene Varianten in den Genen PKD1 oder PKD2, seltener in anderen Genen wie GANAB. Neben der renalen Manifestation treten häufig extrarenale Zysten, vor allem in der Leber, sowie vaskuläre Komplikationen wie intrakranielle Aneurysmen auf.

    Klinisch zeigt sich die Erkrankung oft zunächst durch arterielle Hypertonie, Flankenschmerzen, Makro- oder Mikrohämaturie, rezidivierende Harnwegsinfekte oder einen Zufallsbefund in der Sonographie. Die Diagnose basiert in der Regel auf Bildgebung in Verbindung mit Familienanamnese; zur Risikostratifikation sind totales Nierenvolumen (TKV) und der Verlauf der eGFR besonders relevant.

    Merke: ADPKD ist keine reine Nierenerkrankung, sondern eine multisystemische Ziliopathie mit hohem Risiko für Hypertonie, CKD-Progression und extrarenale Manifestationen.

    Epidemiologie

    Die ADPKD ist die häufigste monogene Nierenerkrankung des Erwachsenenalters. Die Prävalenz wird in Europa und Nordamerika meist mit etwa 1:1.000 bis 1:2.500 angegeben; bevölkerungsbezogen entspricht dies ungefähr 40 bis 100 Betroffenen pro 100.000 Einwohner. Sie ist für etwa 5–10 % aller Fälle einer terminalen Niereninsuffizienz verantwortlich und stellt damit eine der häufigsten genetischen Ursachen für Dialysepflichtigkeit und Nierentransplantation dar. Männer und Frauen sind insgesamt gleich häufig betroffen, wobei der klinische Verlauf individuell und intrafamiliär stark variieren kann.

    Genetisch entfallen ungefähr 75–80 % der Fälle auf PKD1-Mutationen und etwa 15–20 % auf PKD2-Mutationen. PKD1-assoziierte Verläufe sind im Mittel schwerer; das mediane Alter bis zur terminalen Niereninsuffizienz liegt bei PKD1 häufig um das 6. Lebensjahrzehnt, bei PKD2 oft erst im 7. bis 8. Lebensjahrzehnt. Leberzysten finden sich im Verlauf bei mehr als 80 % der Erwachsenen, insbesondere bei Frauen. Intrakranielle Aneurysmen werden bei ADPKD in etwa 5–10 % der unselektierten Patienten beschrieben, bei positiver Familienanamnese deutlich häufiger.

    Die Erkrankung wird oft erst zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr klinisch manifest, obwohl Zystenbildung bereits früher beginnt. Durch den breiteren Einsatz der Sonographie und genetischer Diagnostik werden heute jedoch auch asymptomatische Mutationsträger früher erkannt.

    Merke: ADPKD ist selten im hausärztlichen Alltag, aber häufig genug, um als wichtige Ursache von Hypertonie plus Nierenzysten immer mitgedacht zu werden.

    Ätiologie

    Die Ursache der ADPKD ist eine autosomal-dominant vererbte Mutation in Genen, die für Proteine des primären Ziliums und der tubulären Zellfunktion kodieren. Am häufigsten betroffen sind PKD1 auf Chromosom 16, das für Polycystin-1, und PKD2 auf Chromosom 4, das für Polycystin-2 kodiert. Seltener liegen Varianten in GANAB, DNAJB11 oder weiteren Genen vor, die klinisch ADPKD-ähnliche Phänotypen hervorrufen können. Etwa 10 % der Fälle entstehen de novo ohne bekannte positive Familienanamnese.

    Die Penetranz ist hoch, die Ausprägung aber variabel. PKD1-Mutationen führen typischerweise zu einem früheren Beginn und rascherer Progression als PKD2-Mutationen. Zusätzlich beeinflussen Modifier-Gene, Umweltfaktoren und Begleiterkrankungen den Verlauf. Eine schlechte Blutdruckkontrolle, Rauchen, hohe Salzaufnahme, Adipositas und wiederholte Nierenschädigungen können die Progression beschleunigen. Frauen entwickeln häufiger ausgeprägte Leberzysten, was vermutlich hormonell mitbedingt ist.

    Pathophysiologisch handelt es sich um eine Erkrankung der primären Zilie; daher wird ADPKD den Ziliopathien zugeordnet. Auf zellulärer Ebene ist oft ein „second-hit“-Mechanismus bedeutsam: Obwohl die Keimbahnmutation in allen Zellen vorliegt, entwickeln sich Zysten erst durch zusätzliche somatische Ereignisse oder lokale Regulationsstörungen in einzelnen Tubulussegmenten.

    Für die Beratung ist die Vererbungswahrscheinlichkeit essenziell: Jedes Kind einer betroffenen Person hat ein Risiko von 50 %, die Mutation zu erben. Daher gehören genetische Beratung und gegebenenfalls prädiktive Testung bei ausgewählten Fragestellungen zur modernen Versorgung.

    Merke: Bei positiver Familienanamnese und bilateralen Nierenzysten ist ADPKD die wahrscheinlichste Diagnose; fehlt die Familienanamnese, schließt das eine ADPKD jedoch nicht aus.

    Pathogenese

    Die Pathogenese der ADPKD beruht auf einer Funktionsstörung der Polycystin-Signalwege in tubulären Epithelzellen. Polycystin-1 und Polycystin-2 sind vor allem im Bereich des primären Ziliums, der Zellmembran und intrazellulärer Signalstrukturen lokalisiert. Sie regulieren mechanosensorische und kalziumabhängige Signalprozesse. Bei Funktionsverlust sinkt der intrazelluläre Kalziumspiegel, während proproliferative Signalwege und die cAMP-vermittelte Flüssigkeitssekretion zunehmen. Dies fördert Zellproliferation, sekretorische Aktivität und damit das Wachstum einzelner Zysten.

    Zysten entstehen aus verschiedenen Nephronabschnitten und lösen sich im Verlauf oft vom Ursprungssegment ab. Mit zunehmender Größe komprimieren sie das umliegende Parenchym, führen zu lokaler Ischämie, interstitieller Fibrose und Nephronverlust. Die Folge ist eine über Jahre schleichende Abnahme der Nierenfunktion. Bemerkenswert ist, dass die glomeruläre Filtrationsrate lange relativ stabil bleiben kann, obwohl das totale Nierenvolumen bereits deutlich zunimmt. Daher ist die eGFR in frühen Stadien ein unempfindlicher Marker für die Progression.

    Parallel aktiviert die intrarenale Ischämie das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System (RAAS), was die häufig frühe arterielle Hypertonie erklärt. Extrarenale Manifestationen entstehen durch denselben molekularen Defekt in anderen Organen und Geweben, etwa Leberzysten durch biliäre Mikrohammartome oder vaskuläre Wandveränderungen mit Disposition zu Aneurysmen.

    Merke: Das Zystenwachstum beginnt lange vor der eGFR-Abnahme; deshalb ist das Nierenvolumen für die Prognose bei ADPKD oft aussagekräftiger als ein einzelner Kreatininwert.

    Symptome

    Die klinische Symptomatik der ADPKD ist heterogen und reicht vom asymptomatischen Zufallsbefund bis zur fortgeschrittenen chronischen Nierenkrankheit. Zu den Leitsymptomen gehören eine oft früh auftretende arterielle Hypertonie, dumpfe oder kolikartige Flanken- und Rückenschmerzen, palpabel vergrößerte Nieren sowie Mikro- oder Makrohämaturie. Hämaturien entstehen häufig durch Zystenruptur, Steinleiden oder begleitende Infektionen. Viele Patienten berichten über ein Druckgefühl im Abdomen, frühe Sättigung oder zunehmenden Bauchumfang durch große Nieren und Leberzysten.

    Häufige Begleitsymptome sind rezidivierende Harnwegsinfektionen, insbesondere Zysteninfektionen, Nykturie, Konzentrationsstörungen des Urins und Nephrolithiasis. Nierensteine treten bei ADPKD häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung, in etwa 20–30 % der Fälle. Im Verlauf entwickeln viele Betroffene Zeichen einer CKD wie Müdigkeit, Leistungsabfall, Pruritus oder Ödeme. Bei Leberbeteiligung können Oberbauchbeschwerden, Völlegefühl und selten cholestatische Symptome im Vordergrund stehen.

    Klinisch besonders relevant sind extrarenale Manifestationen: intrakranielle Aneurysmen können asymptomatisch sein oder sich durch plötzlich einsetzenden stärksten Kopfschmerz bemerkbar machen; Herzklappenveränderungen wie Mitralklappenprolaps, Kolondivertikulose und Bauchwand- oder Leistenhernien kommen gehäuft vor. In der Familienanamnese finden sich häufig Dialyse, Nierentransplantation oder plötzliche intrakranielle Blutungen bei Verwandten.

    Merke: Bei jungen Erwachsenen mit Hypertonie, Hämaturie oder Flankenschmerz und positiver Familienanamnese sollte immer an ADPKD gedacht werden.

    Diagnostik

    Die Diagnostik der ADPKD stützt sich auf Anamnese, Familienanamnese, Bildgebung, Labor und bei Bedarf genetische Verfahren. Erste Wahl ist die Nierensonographie, da sie verfügbar, kostengünstig und strahlenfrei ist. Bei positiver Familienanamnese können altersabhängige sonographische Kriterien nach Pei/Ravine zur Diagnosesicherung genutzt werden. Typisch sind multiple bilaterale Nierenzysten mit vergrößerten Nieren. Für die Prognoseabschätzung ist die MRT besonders wichtig, da sie das totale Nierenvolumen (TKV) präzise erfasst; die Mayo-Imaging-Klassifikation hilft, rasche Progressoren zu identifizieren.

    Laborchemisch werden Serumkreatinin, eGFR, Harnstoff, Elektrolyte, Bicarbonat, Urinstatus und Albuminurie/Proteinurie bestimmt. Eine relevante Proteinurie ist bei ADPKD meist eher gering; ausgeprägte Proteinurie sollte an zusätzliche glomeruläre Erkrankungen denken lassen. Bei Verdacht auf Komplikationen sind Urinkultur, Entzündungsparameter und gegebenenfalls Blutkulturen sinnvoll. CT oder MRT kommen bei komplizierten Verläufen, Blutung, Steinleiden, Zysteninfektion oder unklaren Schmerzen zum Einsatz.

    Die molekulargenetische Diagnostik ist indiziert bei unklarer Bildgebung, fehlender Familienanamnese, geplanter Lebendnierenspende, reproduktionsmedizinischer Beratung oder atypischem Phänotyp. Ein genereller genetischer Test ist nicht in jedem Fall notwendig. Das Screening auf intrakranielle Aneurysmen mittels MR-Angiographie wird vor allem bei positiver Familienanamnese für Aneurysma oder Subarachnoidalblutung, vor Hochrisikoberufen oder vor größeren elektiven Eingriffen diskutiert.

    Als klinischer „Goldstandard“ gilt keine einzelne Untersuchung, sondern die Kombination aus typischer Bildgebung und passender Familienanamnese; für die Progressionsbeurteilung ist die MRT-basierte TKV-Messung heute zentral.

    Merke: Sonographie sichert oft die Diagnose, aber für die Frage „rascher Progressor ja oder nein?“ ist die volumetrische Bildgebung meist entscheidend.

    Differentialdiagnosen

    Differentialdiagnostisch müssen andere Ursachen multipler Nierenzysten und struktureller Nierenerkrankungen abgegrenzt werden. An erster Stelle steht die einfache Nierenzystenerkrankung des höheren Lebensalters, bei der einzelne oder wenige Zysten häufig sind, jedoch keine typische Familienanamnese, keine progrediente bilaterale Organvergrößerung und keine systemischen Manifestationen vorliegen. Ebenfalls wichtig ist die autosomal-rezessive polyzystische Nierenerkrankung (ARPKD), die meist schon pränatal oder im Kindesalter mit vergrößerten echogenen Nieren und oft ausgeprägter Leberbeteiligung auffällt.

    Zu den weiteren Differenzialdiagnosen gehören die erworbene zystische Nierenerkrankung bei fortgeschrittener CKD oder Langzeitdialyse, die multizystische Nierendysplasie, die medulläre Schwammniere, das nephronophthise-Spektrum sowie tuberöse Sklerose und von-Hippel-Lindau-Syndrom, bei denen zystische Läsionen mit weiteren typischen Organmanifestationen kombiniert sind. Bei ausgeprägten Leberzysten mit relativ milder Nierenbeteiligung sollte an isolierte polyzystische Lebererkrankungen oder atypische genetische Formen wie GANAB-assoziierte Erkrankungen gedacht werden.

    Klinisch relevant sind außerdem Differenzialdiagnosen bei Komplikationen: Flankenschmerz und Fieber können neben einer Zysteninfektion auch durch Pyelonephritis, Nephrolithiasis, Zystenblutung oder selten ein Nierenzellkarzinom verursacht sein. Eine ausgeprägte Proteinurie, nephrotisches Syndrom oder schneller eGFR-Abfall sprechen gegen einen isolierten ADPKD-Verlauf und erfordern die Suche nach zusätzlichen glomerulären Erkrankungen.

    Merke: Nicht jede zystische Niere ist ADPKD; entscheidend sind Alter, Familienanamnese, Organvergrößerung, extrarenale Manifestationen und Verlauf.

    Therapie

    Die Therapie der ADPKD zielt auf Progressionsverlangsamung, Blutdruckkontrolle, Behandlung von Komplikationen und rechtzeitige Vorbereitung einer Nierenersatztherapie. Grundlage ist eine strukturierte nephrologische Langzeitbetreuung nach aktuellen Empfehlungen, unter anderem der KDIGO 2025 ADPKD Guideline, europäischer Stellungnahmen sowie deutschsprachiger nephrologischer Leitlinien und Positionspapiere. Zentral ist die konsequente Behandlung der arteriellen Hypertonie, bevorzugt mit ACE-Hemmern oder AT1-Blockern. Häufig eingesetzte Präparate sind z. B. Ramipril 2,5–10 mg/Tag oder Losartan 50–100 mg/Tag. Zielwerte orientieren sich an Alter, CKD-Stadium und Verträglichkeit; bei jüngeren Patienten mit guter Verträglichkeit wird häufig ein niedriger systolischer Bereich angestrebt.

    Für Erwachsene mit hohem Risiko einer raschen Progression ist Tolvaptan die wichtigste krankheitsspezifische Therapie. Es handelt sich um einen V2-Rezeptor-Antagonisten, der das cAMP-vermittelte Zystenwachstum hemmt. Typische Dosierungsschemata sind 45/15 mg, 60/30 mg oder 90/30 mg täglich in geteilten Dosen mit morgendlicher und späterer Einnahme. Wegen Polyurie, Durst und des Risikos einer medikamentösen Hepatotoxizität sind engmaschige Kontrollen der Leberwerte erforderlich, insbesondere zu Beginn und in den ersten 18 Monaten. Wichtig sind ausreichende Flüssigkeitszufuhr und Aufklärung über aquaretische Nebenwirkungen.

    Schmerztherapie erfolgt primär konservativ; NSAR sollten wegen nephrotoxischer Risiken möglichst vermieden werden, stattdessen werden häufig Paracetamol oder bei stärkeren Schmerzen individualisierte Konzepte genutzt. Zysteninfektionen erfordern lipophile Antibiotika mit guter Zystenpenetration, z. B. Fluorchinolone wie Ciprofloxacin 500–750 mg 2-mal täglich, sofern Nutzen und Risiken sorgfältig abgewogen werden; lokal-resistenzgerecht und nach individueller Konstellation können Alternativen nötig sein. Bei CKD-Endstadium sind Dialyse und bevorzugt Nierentransplantation etablierte Verfahren. Große symptomatische Nieren können interventionell oder chirurgisch behandelt werden.

    Merke: Die einzige etablierte kausale Progressionsbremse bei ausgewählten Patienten ist derzeit Tolvaptan; ebenso wichtig bleibt aber die konsequente RAAS-basierte Blutdruckkontrolle.

    Prognose

    Die Prognose der ADPKD ist sehr variabel und hängt wesentlich von Genotyp, Alter bei Manifestation, Blutdruckkontrolle, Nierenvolumen und Begleitkomplikationen ab. Patienten mit PKD1-Mutationen erreichen eine terminale Niereninsuffizienz im Durchschnitt deutlich früher als Patienten mit PKD2-Mutationen. Ein großes altersadjustiertes totales Nierenvolumen, frühe Hypertonie, männliches Geschlecht, wiederholte Makrohämaturien und eine rasch fallende eGFR sprechen für eine ungünstigere Prognose. Umgekehrt kann der Verlauf bei milden Genotypen oder atypischen Formen über Jahrzehnte relativ stabil bleiben.

    Ohne progressionshemmende Maßnahmen entwickelt ein erheblicher Teil der Betroffenen im Laufe des Lebens eine CKD Stadium 5. ADPKD ist für 5–10 % der Fälle einer terminalen Niereninsuffizienz verantwortlich. Durch frühe Diagnose, Blutdrucktherapie, CKD-Management und bei geeigneten Patienten Tolvaptan lässt sich die Progression jedoch häufig messbar verlangsamen. Nach Nierentransplantation ist die Prognose in der Regel gut; die genetische Grunderkrankung rezidiviert im Transplantat nicht, da dieses normales Nierengewebe enthält.

    Die Lebensqualität kann durch chronische Schmerzen, Polyurie unter Tolvaptan, wiederholte Infektionen oder abdominale Beschwerden infolge großer Leber- und Nierenzysten eingeschränkt sein. Prognostisch relevant sind auch extrarenale Komplikationen, insbesondere intrakranielle Aneurysmen und kardiovaskuläre Erkrankungen. Daher ist die Langzeitbetreuung interdisziplinär auszurichten.

    Merke: Für die individuelle Prognose ist nicht die Zahl sichtbarer Zysten allein entscheidend, sondern vor allem die Kombination aus eGFR-Verlauf, Nierenvolumen und klinischer Progressionsdynamik.

    Prävention

    Eine kausale Primärprävention der ADPKD ist wegen der genetischen Ursache nicht möglich. Dennoch gibt es wichtige Maßnahmen zur Sekundär- und Tertiärprävention, die den Verlauf günstig beeinflussen können. Dazu zählen eine frühzeitige nephrologische Anbindung, konsequente Blutdruckkontrolle, Vermeidung nephrotoxischer Substanzen, insbesondere unnötiger NSAR, sowie eine CKD-gerechte Lebensstilberatung. Empfohlen werden Rauchstopp, normale Kochsalzzufuhr beziehungsweise eher salzarme Ernährung, Gewichtsnormalisierung, regelmäßige Bewegung und ausreichende Flüssigkeitszufuhr, sofern keine Kontraindikationen bestehen.

    Bei familiärer Belastung sind genetische Beratung und gegebenenfalls prädiktive Diagnostik in ausgewählten Situationen sinnvoll, etwa vor Familienplanung oder Lebendnierenspende. Ein routinemäßiges Aneurysma-Screening für alle Betroffenen wird nicht generell empfohlen; bei positiver Familienanamnese für intrakranielle Aneurysmen oder Subarachnoidalblutung ist eine individuelle Vorsorgestrategie sinnvoll. Regelmäßige Kontrollen von Nierenfunktion, Urinstatus und Blutdruck helfen, Komplikationen früh zu erkennen.

    Merke: Zwar lässt sich ADPKD nicht verhindern, aber eine frühe strukturierte Betreuung kann Hypertonie, CKD-Progression und Komplikationen deutlich reduzieren.

    Komplikationen

    Zu den wichtigsten Komplikationen der ADPKD gehören die progrediente chronische Niereninsuffizienz, arterielle Hypertonie, Zystenblutungen, Zysteninfektionen, Nephrolithiasis und extrarenale Organmanifestationen. Die häufigste Langzeitkomplikation ist die CKD bis zur terminalen Niereninsuffizienz mit Dialyse- oder Transplantationsbedarf. Kardiovaskuläre Folgen der Hypertonie, darunter linksventrikuläre Hypertrophie und erhöhte vaskuläre Morbidität, tragen wesentlich zur Krankheitslast bei.

    Akute Flankenschmerzen entstehen häufig durch Einblutung in Zysten, Steinabgang oder Infektion. Zysteninfektionen sind diagnostisch und therapeutisch anspruchsvoll, da Standardurinbefunde unauffällig sein können und nicht jedes Antibiotikum ausreichende Zystenkonzentrationen erreicht. Leberzysten führen meist „nur“ zu Raumforderungssymptomen, können aber in Einzelfällen zu erheblicher Einschränkung, Infektion oder selten Blutung führen. Gefährlich, wenn auch insgesamt selten, sind intrakranielle Aneurysmen mit Risiko der Subarachnoidalblutung, insbesondere bei entsprechender Familienanamnese.

    Weitere Komplikationen umfassen Hernien, Divertikulose, Herzklappenveränderungen und psychosoziale Belastungen durch chronische Erkrankung, Familienbetroffenheit und Zukunftsängste. Unter Tolvaptan können relevante Nebenwirkungen wie Polyurie, Nykturie, Exsikkose und Leberwerterhöhungen auftreten, weshalb diese Therapie eng überwacht werden muss. Im fortgeschrittenen Stadium sind Anämie, renale Osteopathie, metabolische Azidose und Elektrolytstörungen typische CKD-Komplikationen.

    Merke: Bei ADPKD sind nicht nur die Zysten selbst problematisch, sondern vor allem deren Komplikationen und die langfristige kardiovaskuläre und renale Folgebelastung.

    Häufige Fragen

    Ist die autosomal-dominante polyzystische Nierenerkrankung heilbar?

    Eine vollständige Heilung gibt es derzeit nicht. Der Verlauf kann aber durch gute Blutdruckeinstellung, nephrologische Kontrollen und bei geeigneten Patienten durch Tolvaptan oft deutlich verlangsamt werden.

    Muss jeder Betroffene irgendwann zur Dialyse?

    Nein. Viele Patienten entwickeln zwar im Laufe des Lebens eine deutliche Nierenfunktionseinschränkung, aber der Verlauf ist sehr unterschiedlich und hängt unter anderem von Genetik, Blutdruck und Nierenvolumen ab.

    Sollten meine Kinder untersucht werden, wenn ich ADPKD habe?

    Grundsätzlich besteht für jedes Kind ein Risiko von 50 %, die Erkrankung zu erben. Ob und wann untersucht wird, sollte individuell nach ärztlicher und gegebenenfalls genetischer Beratung entschieden werden.

    Quellen

    1. KDIGO 2025 Clinical Practice Guideline for the Evaluation, Management, and Treatment of Autosomal Dominant Polycystic Kidney Disease (ADPKD)
    2. Chapman AB, Devuyst O, Eckardt KU et al. Autosomal-dominant polycystic kidney disease (ADPKD): Executive Summary from a Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) Controversies Conference. Kidney Int. 2015
    3. Gansevoort RT, Arici M, Benzing T et al. Recommendations for the use of tolvaptan in autosomal dominant polycystic kidney disease: a position statement on behalf of the ERA-EDTA Working Groups. Nephrol Dial Transplant. 2016
    4. Harrison's Principles of Internal Medicine, 21. Auflage, Kapitel zu zystischen Nierenerkrankungen
    5. Herold Innere Medizin, aktuelle Auflage, Kapitel Nephrologie/Zystennieren
    6. Torres VE, Harris PC, Pirson Y. Autosomal dominant polycystic kidney disease. Lancet. 2007
    Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel wurde von Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi verfasst und von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer fachlich geprüft, zuletzt aktualisiert am 1. April 2026. Er dient der fachlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

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