🫘 Urologie ICD-10: N10

Pyelonephritis: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie

Die Pyelonephritis ist eine meist bakteriell verursachte, akute oder seltener chronische Entzündung von Nierenbecken und Nierenparenchym. Klinisch.

Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi
Arzt, Wissenschaftler & Gründer von SCIORA
1. April 2026 · 12 Min. Lesezeit · Aktualisiert: 1. April 2026 · Geprüft von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer
📋 Inhaltsverzeichnis

    Definition

    Die Pyelonephritis ist eine meist bakteriell verursachte, akute oder seltener chronische Entzündung von Nierenbecken und Nierenparenchym. Klinisch handelt es sich in der Regel um eine obere Harnwegsinfektion, die typischerweise mit Fieber, Flankenschmerz und Krankheitsgefühl einhergeht und häufig aus einer aufsteigenden Infektion der unteren Harnwege entsteht. Die ICD-10-Klassifikation N10 bezeichnet die akute tubulointerstitielle Nephritis/Pyelonephritis, im klinischen Sprachgebrauch meist akute Pyelonephritis.

    Von besonderer Bedeutung ist die Unterscheidung zwischen unkomplizierter und komplizierter Pyelonephritis. Als kompliziert gelten Verläufe bei Harnabflussstörung, Urolithiasis, Katheter, Schwangerschaft, männlichem Geschlecht, Diabetes mellitus, Immunsuppression oder strukturellen/anatomischen Anomalien. Diese Konstellationen erhöhen das Risiko für Bakteriämie, Urosepsis, Nierenabszess und bleibende Nierenschädigung deutlich und beeinflussen Diagnostik, kalkulierte Antibiotikatherapie und die Notwendigkeit einer stationären Behandlung.

    Merke: Die Kombination aus Fieber > 38 °C, Klopfschmerz im Nierenlager und positivem Urinbefund ist hochverdächtig auf eine akute Pyelonephritis – bei Obstruktion ist sie ein urologischer Notfall.

    Epidemiologie

    Die akute Pyelonephritis gehört zu den häufigsten bakteriellen Infektionen des oberen Harntrakts. Frauen sind aufgrund der kürzeren Urethra deutlich häufiger betroffen als Männer; im ambulanten Bereich liegt das Verhältnis etwa bei 5–10:1. Die jährliche Inzidenz wird in westlichen Ländern bei jungen bis mittelalten Frauen auf ungefähr 15–17 Fälle pro 10.000 Frauen geschätzt, bei Männern deutlich niedriger mit etwa 3–4 Fällen pro 10.000 Männern. Ein erheblicher Teil der Fälle entsteht aus einer vorangehenden oder gleichzeitigen Zystitis. Während unkomplizierte Verläufe vor allem bei prämenopausalen Frauen auftreten, dominieren im höheren Alter komplizierte Verläufe mit Kathetern, Restharn, Prostataobstruktion oder Pflegebedürftigkeit.

    Schwangere haben ein erhöhtes Risiko: Eine asymptomatische Bakteriurie findet sich in etwa 2–10 % der Schwangerschaften; unbehandelt entwickelt sich in bis zu 20–40 % eine Pyelonephritis. Auch bei Diabetes mellitus, Urolithiasis und neurogener Blasenfunktionsstörung steigt die Erkrankungswahrscheinlichkeit deutlich. Bei hospitalisierten Patienten und nach urologischen Eingriffen spielen nosokomiale Erreger und multiresistente gramnegative Bakterien eine größere Rolle. Escherichia coli verursacht insgesamt etwa 70–90 % der ambulant erworbenen Fälle, während bei komplizierten und nosokomialen Infektionen der Anteil von Klebsiella spp., Proteus mirabilis, Enterobacter spp., Pseudomonas aeruginosa und Enterokokken zunimmt.

    Die Letalität unkomplizierter Verläufe ist sehr niedrig, steigt aber bei Urosepsis, hohem Alter, Immunsuppression und verzögerter Drainage bei Harnabflussstörung relevant an. Stationäre Aufnahmen sind häufig bei schwerem Allgemeinzustand, Exsikkose, Erbrechen, Sepsisverdacht oder fehlender oraler Therapiefähigkeit.

    Ätiologie

    Ätiologisch liegt der Pyelonephritis in den meisten Fällen eine aszendierende bakterielle Infektion zugrunde. Der klassische Ablauf beginnt mit einer Kolonisation des Perineums, dem Aufstieg über die Urethra in die Blase und anschließendem Übertritt in den oberen Harntrakt. Begünstigend wirken vesikoureteraler Reflux, Restharnbildung und Harnstase. Der häufigste Erreger ist uropathogenes Escherichia coli (UPEC) mit Adhäsionsfaktoren wie P-Fimbrien, die das Anhaften am Urothel erleichtern. Weitere häufige Erreger sind Klebsiella pneumoniae, Proteus mirabilis, Enterobacter cloacae, Enterococcus faecalis sowie bei nosokomialen Infektionen Pseudomonas aeruginosa.

    Risikofaktoren lassen sich in patientenbezogene und anatomisch-funktionelle Faktoren unterteilen. Zu den wichtigsten zählen weibliches Geschlecht, vorausgegangene Harnwegsinfekte, Schwangerschaft, Diabetes mellitus, Immunsuppression, höheres Lebensalter und sexuelle Aktivität. Strukturelle Ursachen sind Urolithiasis, Harnleiterengen, angeborene Fehlbildungen, Tumoren, benignen Prostatahyperplasie, neurogene Blasenentleerungsstörung, Dauerkatheter oder kürzliche Instrumentation. Bei Männern gilt eine Pyelonephritis praktisch immer als komplizierter Harnwegsinfekt und erfordert die Suche nach einer Ursache.

    Seltener erfolgt die Infektion hämatogen, etwa bei Staphylococcus-aureus-Bakteriämie, Endokarditis oder bei immunsupprimierten Patienten. Dann können multiple kortikale Nierenherde auftreten. Nicht jede tubulointerstitielle Entzündung mit Fieber und Flankenschmerz ist jedoch infektiös: Differenzialdiagnostisch sind auch medikamentös induzierte interstitielle Nephritiden zu bedenken, etwa durch Betalaktame, NSAR oder Protonenpumpenhemmer.

    Merke: Eine Pyelonephritis ist meist nicht nur ein „stärkerer Harnwegsinfekt“, sondern häufig Ausdruck einer begünstigenden Grunderkrankung wie Obstruktion, Reflux oder Katheterassoziation.

    Pathogenese

    Pathophysiologisch steht bei der akuten Pyelonephritis die Besiedlung und Invasion des Urothels durch uropathogene Mikroorganismen im Vordergrund. Nach dem Aufstieg in Blase und Ureter gelangen die Erreger in das Nierenbeckenkelchsystem und weiter in das Tubulus- und Interstitium. Bakterielle Virulenzfaktoren, insbesondere Adhäsine, Hämolysine und Lipopolysaccharide gramnegativer Erreger, fördern Anheftung, Gewebeschädigung und eine ausgeprägte angeborene Immunantwort. Über Toll-like-Rezeptoren wird die Freisetzung von Zytokinen wie IL-6, IL-8 und TNF-α induziert, was neutrophile Granulozyten rekrutiert und die systemische Entzündungsreaktion erklärt.

    Mikroskopisch zeigen sich interstitielle Ödeme, neutrophile Infiltration und tubuläre Schädigung; makroskopisch können keilförmige Entzündungsherde entstehen. Bei schwerem Verlauf oder inadäquater Therapie kann es zur papillären Nekrose, zur Einschmelzung mit Nieren- oder perinephritischem Abszess sowie zur Bakteriämie kommen. Eine besondere Rolle spielt die Harnabflussstörung: Stase reduziert die mechanische Elimination von Keimen, erhöht den intrarenalen Druck und begünstigt die Ausbreitung in das Parenchym. Deshalb ist die obstruktive Pyelonephritis prognostisch deutlich gefährlicher als die unkomplizierte Form.

    Wiederholte oder chronische Verläufe können zu narbigen Parenchymdefekten führen. Dies ist insbesondere bei Kindern mit vesikoureteralem Reflux relevant, kann aber auch bei Erwachsenen mit rezidivierenden komplizierten Infektionen auftreten. Langfristig drohen eine arterielle Hypertonie, schleichende Abnahme der Nierenfunktion und in fortgeschrittenen Fällen eine chronische Niereninsuffizienz.

    Merke: Nicht die Bakteriurie allein, sondern das Zusammenspiel aus Erreger-Virulenz, Immunreaktion und Harnabflussstörung entscheidet über Schwere und Komplikationsrisiko.

    Symptome

    Leitsymptome der akuten Pyelonephritis sind Fieber, Schüttelfrost, Flankenschmerz und ein deutliches Krankheitsgefühl. Viele Patienten berichten zusätzlich über Dysurie, Pollakisurie oder imperativen Harndrang, wobei diese klassischen Zystitisbeschwerden bei einem Teil der Betroffenen fehlen können. Die Körpertemperatur liegt häufig über 38 °C, nicht selten über 39 °C. Typisch ist ein Klopfschmerz im Nierenlager. Übelkeit, Erbrechen, Abgeschlagenheit und Exsikkose sind vor allem bei schwereren Verläufen häufig und können eine orale Therapie unmöglich machen.

    Die Symptomatik variiert mit Alter und Risikoprofil. Jüngere Frauen präsentieren sich oft mit abruptem Beginn nach einigen Tagen einer unteren Harnwegsinfektion. Ältere Menschen zeigen dagegen häufiger unspezifische Zeichen wie Schwäche, Verwirrtheit, reduzierten Allgemeinzustand, Stürze oder Inappetenz; Fieber und Flankenschmerz können hier fehlen. In der Schwangerschaft sind Flankenschmerz, Übelkeit und Fieber klinisch besonders relevant, da maternale und fetale Komplikationen drohen. Bei Patienten mit Katheter, neurogener Blase oder immunsuppressiver Therapie ist die klinische Konstellation oft atypisch.

    Warnzeichen für einen komplizierten Verlauf sind Hypotonie, Tachykardie, Oligurie, progrediente Schmerzen, persistierendes Erbrechen, Zeichen der Sepsis oder Hinweise auf eine Harnabflussstörung. Auch ein fehlendes Ansprechen auf eine empirische Therapie innerhalb von 48–72 Stunden sollte an resistente Erreger, Abszedierung, Urolithiasis oder falsche Diagnose denken lassen.

    Merke: Fieber plus Flankenschmerz ist bei Harnwegsbeschwerden ein Alarmsignal für eine obere Harnwegsinfektion; Verwirrtheit bei älteren Patienten kann das einzige Sepsiszeichen sein.

    Diagnostik

    Die Diagnostik stützt sich auf Anamnese, klinische Untersuchung, Urinbefund, Mikrobiologie und bei Bedarf Bildgebung. Bei der Untersuchung sind Fieber, Tachykardie und ein positiver Klopfschmerz über dem Nierenlager wegweisend. Laborchemisch finden sich häufig Leukozytose, erhöhtes CRP und teils erhöhtes Prokalzitonin; letzteres kann bei der Einschätzung systemischer Infektionen hilfreich sein. Eine Erfassung der Nierenfunktion mit Kreatinin/eGFR ist obligat, insbesondere vor der Auswahl und Dosierung von Antibiotika. Im Urinstatus sprechen Leukozyturie, Nitritpositivität, Bakteriurie und oft eine leichte Proteinurie für einen bakteriellen Harnwegsinfekt. Eine Mikrohämaturie ist möglich, insbesondere bei begleitender Urolithiasis.

    Vor Beginn einer Antibiotikatherapie sollte möglichst eine Urinkultur mit Antibiogramm gewonnen werden. Bei Fieber, Schüttelfrost, Sepsisverdacht oder stationärer Aufnahme sind zusätzlich 2 Blutkulturpaare sinnvoll. Die Urinkultur ist für die gezielte Therapie essenziell, auch wenn die Behandlung bei typischer Symptomatik nicht auf das Ergebnis warten darf. Als bildgebende Erstuntersuchung dient die Sonografie der Nieren und Harnwege, vor allem zum Ausschluss von Harnstau, Konkrementen, Restharn oder Abszessen. Bei komplizierter Pyelonephritis, unklarem Verlauf, Sepsis, fehlendem Ansprechen nach 48–72 Stunden oder Verdacht auf Obstruktion ist ein CT Abdomen/CT-Urogramm oft die sensitivste Methode. In der Schwangerschaft wird wegen der Strahlenexposition bevorzugt sonografisch und ggf. mittels MRT ohne Kontrastmittel untersucht.

    Einen einzelnen „Goldstandard“ gibt es klinisch nicht; als diagnostisch richtungsweisend gilt die Kombination aus typischer Klinik, pathologischem Urinbefund und Erregernachweis in der Urinkultur. Entscheidend ist zudem die rasche Identifikation komplizierender Faktoren.

    Merke: Bei Verdacht auf Pyelonephritis gilt: erst Urinkultur abnehmen, dann Antibiotika starten – außer wenn dies die Therapie bei Sepsis relevant verzögert.

    Differentialdiagnosen

    Die wichtigsten Differentialdiagnosen umfassen andere Ursachen von Fieber, Flankenschmerz, Dysurie oder akutem Abdominalschmerz. Zentral ist die Abgrenzung zur akuten Zystitis, bei der typischerweise Dysurie und Pollakisurie ohne Fieber und ohne Nierenlagerklopfschmerz vorliegen. Eine Urolithiasis kann kolikartige Flankenschmerzen, Hämaturie und sekundär einen Harnstau verursachen; bei gleichzeitigem Fieber muss an eine obstruierte, infizierte Niere gedacht werden, was einen urologischen Notfall darstellt. Ebenfalls relevant sind Nieren- oder perinephritischer Abszess, vor allem bei protrahiertem Verlauf oder Therapieversagen.

    Internistisch müssen akute interstitielle Nephritis (z. B. medikamenteninduziert), Glomerulonephritis, renale Infarkte und eine papilläre Nekrose differenziert werden. Bei interstitieller Nephritis fehlen oft die typische Bakteriurie und die Kultur bleibt steril; Eosinophilie, Exanthem oder Medikamentenanamnese können wegweisend sein. Gastroenterologische und chirurgische Ursachen wie Appendizitis, Cholezystitis, Divertikulitis oder Pankreatitis können je nach Schmerzprojektion ähnliche Symptome erzeugen. Bei Frauen müssen zudem Adnexitis, Ovarialtorsion, Extrauteringravidität und andere gynäkologische Akutbilder bedacht werden.

    Im höheren Lebensalter und bei Männern sind Prostatitis, Harnverhalt und urogenitale Obstruktionen häufige Begleit- oder Alternativdiagnosen. Bei Fieber und Rückenschmerz können auch Spondylodiszitis, muskuläre Ursachen oder Herpes zoster in frühen Stadien differentialdiagnostisch relevant sein. Besonders wichtig ist die Einschätzung, ob eine vermeintliche Pyelonephritis in Wahrheit Ausdruck einer Sepsis anderer Genese ist.

    Merke: Fieber plus Flankenschmerz plus Harnstau spricht nicht nur für Pyelonephritis, sondern besonders für eine obstruktive Pyelonephritis – diese ist von der einfachen Zystitis strikt zu unterscheiden.

    Therapie

    Die Therapie richtet sich nach Schweregrad, Komplikationsrisiko, lokaler Resistenzlage und Begleiterkrankungen. Grundlage ist die frühzeitige antibiotische Behandlung, ergänzt durch Analgesie, Flüssigkeitssubstitution und gegebenenfalls urologische Intervention. Bei leichter bis moderater unkomplizierter Pyelonephritis kann ambulant behandelt werden, sofern keine Übelkeit/Exsikkose, keine Sepsiszeichen, keine Schwangerschaft und keine relevante Komorbidität vorliegen. Empirisch kommen nach aktuellen deutschsprachigen Empfehlungen und Resistenzlage z. B. Ciprofloxacin 500 mg p.o. 2-mal täglich oder Levofloxacin 500 mg p.o. 1-mal täglich für meist 5–7 Tage infrage, sofern die lokale Fluorchinolon-Resistenz niedrig ist und keine Kontraindikationen bestehen. Alternativ, insbesondere nach Antibiogramm, kann Cefpodoximproxetil 200 mg p.o. 2-mal täglich für 10 Tage eingesetzt werden. Nitrofurantoin und Fosfomycin sind für Pyelonephritis nicht geeignet, da keine ausreichenden Gewebespiegel im Nierenparenchym erreicht werden.

    Bei komplizierter Pyelonephritis, Sepsisverdacht, Schwangerschaft, männlichen Patienten, Immunsuppression oder fehlender oraler Einnahmefähigkeit ist meist eine stationäre Therapie indiziert. Initial i.v. geeignet sind z. B. Ceftriaxon 1–2 g i.v. 1-mal täglich, Cefotaxim 2 g i.v. 3-mal täglich, Piperacillin/Tazobactam 4,5 g i.v. alle 6–8 Stunden oder bei schwerer Sepsis bzw. ESBL-Risiko ein Carbapenem wie Meropenem 1 g i.v. alle 8 Stunden. Nach klinischer Stabilisierung erfolgt eine orale Sequenztherapie entsprechend Antibiogramm. Die Gesamtdauer beträgt meist 7–14 Tage, bei komplizierten Verläufen individuell länger.

    Entscheidend ist die Fokuskontrolle: Bei Harnabflussstörung muss eine umgehende Drainage durch DJ-Schiene oder perkutane Nephrostomie erfolgen. Fieberpersistenz über 48–72 Stunden erfordert Re-Evaluation mittels Bildgebung und Resistenzprüfung. Antipyrese und Analgesie erfolgen z. B. mit Paracetamol 500–1000 mg p.o./i.v. bis 4 g/Tag; NSAR sollten bei eingeschränkter Nierenfunktion zurückhaltend verwendet werden.

    Leitlinienrelevant sind die Empfehlungen der AWMF/DGU-S3-Leitlinie zu Harnwegsinfektionen, die EAU Guidelines on Urological Infections sowie sepsisbezogen die S3-Leitlinie Sepsis.

    Merke: Die Antibiose allein reicht nicht, wenn eine Obstruktion vorliegt – dann muss der Harntrakt dringlich entlastet werden.

    Prognose

    Bei frühzeitiger Diagnose und leitliniengerechter Therapie ist die Prognose der unkomplizierten akuten Pyelonephritis in der Regel sehr gut. Unter wirksamer antibiotischer Behandlung bessern sich Fieber und Allgemeinsymptome häufig innerhalb von 48–72 Stunden deutlich. Die meisten jungen, nicht schwangeren Patientinnen genesen folgenlos. Dennoch sind klinische Kontrolle und Befundüberprüfung wichtig, insbesondere wenn Symptome anhalten oder erneut auftreten. Ein fehlendes frühes Ansprechen spricht für resistente Erreger, mangelnde Compliance, unzureichende Gewebespiegel, anatomische Ursachen oder Komplikationen wie Abszessbildung.

    Die Prognose verschlechtert sich bei komplizierter Pyelonephritis. Risikofaktoren für einen schweren Verlauf sind höheres Alter, Diabetes mellitus, Niereninsuffizienz, Immunsuppression, männliches Geschlecht, nosokomiale Infektion, Urolithiasis, Dauerkatheter und insbesondere Harnabflussstörung. In diesen Situationen steigt das Risiko für Bakteriämie und Urosepsis erheblich. Auch bei Schwangeren ist die Prognose ohne adäquate Therapie ungünstiger, da maternale Komplikationen und Frühgeburtlichkeit zunehmen können.

    Langfristig kann es nach wiederholten oder unbehandelten Episoden zu renalen Narben, Hypertonie und Funktionsverlust kommen, wenngleich dies im Erwachsenenalter nach einzelner unkomplizierter Episode selten ist. Bei Kindern und bei Refluxnephropathie ist das Risiko höher. Nach stationären Verläufen sollte bei Rezidiven oder persistierend auffälliger Nierenfunktion eine weiterführende urologische bzw. nephrologische Abklärung erfolgen.

    Merke: Eine Besserung innerhalb von 2–3 Tagen ist zu erwarten; bleibt sie aus, muss die Diagnose oder der Verlauf aktiv neu bewertet werden.

    Prävention

    Die Prävention der Pyelonephritis beruht vor allem auf der Vermeidung und konsequenten Behandlung von Harnwegsinfekten sowie auf der Korrektur prädisponierender Faktoren. Besonders wichtig ist die Abklärung rezidivierender Infektionen auf Harnabflussstörungen, Restharn, Urolithiasis, Reflux, Prostataobstruktion oder Katheterproblematik. Bei Kathetern gelten strenge Indikationsstellung, aseptische Handhabung und möglichst kurze Liegedauer als wirksamste Präventionsmaßnahmen. Eine gute Blasenentleerung, ausreichende Flüssigkeitszufuhr und das frühe Erkennen von Dysurie und Pollakisurie sind klinisch relevant, auch wenn die Evidenz für einzelne Verhaltensmaßnahmen unterschiedlich stark ist.

    In der Schwangerschaft ist das Screening auf asymptomatische Bakteriurie etabliert, weil deren Behandlung das Risiko einer Pyelonephritis deutlich senkt. Bei Frauen mit rezidivierenden Harnwegsinfekten können individuelle Strategien wie postkoitale Prophylaxe, kontinuierliche niedrig dosierte Antibiotikaprophylaxe oder nichtantibiotische Maßnahmen erwogen werden; dies sollte leitliniengerecht und unter Berücksichtigung der Resistenzproblematik erfolgen. Postmenopausal kann eine lokale vaginale Estrogentherapie die Rezidivrate senken. Bei wiederholten komplizierten Infekten steht jedoch stets die Ursachenbehebung im Vordergrund.

    Merke: Die beste Prävention der Pyelonephritis ist oft nicht eine Dauerantibiose, sondern das Erkennen und Beheben von Abfluss- und Funktionsstörungen des Harntrakts.

    Komplikationen

    Zu den wichtigsten Komplikationen der Pyelonephritis gehören Bakteriämie, Urosepsis, septischer Schock, akute Nierenschädigung und die Ausbildung eines Nieren- oder perinephritischen Abszesses. Besonders gefährdet sind Patienten mit Obstruktion, Urolithiasis, Kathetern, Diabetes mellitus, Schwangerschaft, Immunsuppression oder verzögerter Therapie. Eine infizierte Harnstauungsniere kann sich innerhalb kurzer Zeit zu einem lebensbedrohlichen septischen Krankheitsbild entwickeln. Klinische Hinweise sind persistierendes hohes Fieber, Hypotonie, Tachykardie, steigendes Kreatinin, Oligurie und fehlendes Ansprechen auf die Antibiose.

    Weitere Komplikationen sind papilläre Nekrose, insbesondere bei Diabetes mellitus, Analgetikanephropathie oder schwerer Infektion, sowie die emphysematöse Pyelonephritis, eine seltene, fulminante gasbildende Infektion des Nierenparenchyms, die vor allem bei Diabetikern vorkommt und radiologisch charakterisiert ist. Ohne rasche antiinfektive und interventionelle Therapie ist die Mortalität hoch. Chronische Folgen rezidivierender oder unbehandelter Infektionen können renale Vernarbung, sekundäre Hypertonie und chronische Niereninsuffizienz sein.

    In der Schwangerschaft drohen neben maternaler Sepsis auch Frühwehen, Frühgeburt und selten fetale Komplikationen. Bei Kindern sind Vernarbungen und Refluxnephropathie besonders relevant. Therapeutisch entscheidend ist bei komplizierten Verläufen die Kombination aus früher kalkulierter Antibiose, hämodynamischer Stabilisierung und Fokuskontrolle inklusive Harnableitung.

    Merke: Die gefährlichste Komplikation ist die obstruktive Pyelonephritis mit Urosepsis – hier zählt jede Stunde bis zur Entlastung des Harntrakts.

    Häufige Fragen

    Wie erkenne ich den Unterschied zwischen Blasenentzündung und Pyelonephritis?

    Eine Blasenentzündung verursacht meist Brennen beim Wasserlassen und häufigen Harndrang, aber typischerweise kein hohes Fieber und keine Flankenschmerzen. Kommen Fieber, Schüttelfrost, Übelkeit oder Schmerzen in der Nierengegend hinzu, sollte rasch ärztlich eine Pyelonephritis ausgeschlossen werden.

    Ist eine Pyelonephritis gefährlich?

    Ja, sie kann gefährlich werden, besonders bei Harnstau, Schwangerschaft, Diabetes oder geschwächtem Immunsystem. Unbehandelt kann sie zu einer Blutvergiftung, einem Nierenabszess oder einer Nierenschädigung führen, daher ist eine frühe Antibiotikatherapie wichtig.

    Muss man mit einer Nierenbeckenentzündung immer ins Krankenhaus?

    Nicht immer. Leichte, unkomplizierte Verläufe können oft ambulant mit Antibiotika behandelt werden, wenn Trinken und Tabletteneinnahme möglich sind und keine Risikofaktoren vorliegen. Bei starkem Krankheitsgefühl, Erbrechen, Schwangerschaft, Sepsisverdacht oder Harnabflussstörung ist meist eine stationäre Behandlung nötig.

    Quellen

    1. AWMF S3-Leitlinie Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei erwachsenen Patienten (aktuelle Fassung)
    2. European Association of Urology (EAU). EAU Guidelines on Urological Infections, aktuelle Ausgabe
    3. Herold G. Innere Medizin. Köln: Gerd Herold Verlag; aktuelle Auflage
    4. Mutschler E, Endres HG, et al. Duale Reihe Innere Medizin bzw. Klinik-orientierte Standardwerke zu Infektiologie/Urologie, aktuelle Auflagen
    5. Schaeffer AJ, Nicolle LE. Urinary Tract Infections in Older Men. N Engl J Med/Review-Literatur zu Harnwegsinfektionen und komplizierten Verläufen
    6. Hooton TM. Clinical practice. Uncomplicated urinary tract infection / Pyelonephritis reviews in N Engl J Med oder Lancet, reale Reviewliteratur
    Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel wurde von Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi verfasst und von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer fachlich geprüft, zuletzt aktualisiert am 1. April 2026. Er dient der fachlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

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