Panikstörung: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie
Die Panikstörung ist eine psychische Erkrankung aus dem Formenkreis der Angststörungen und wird nach ICD-10 unter F41.0 als *episodisch paroxysmale.
Definition
Die Panikstörung ist eine psychische Erkrankung aus dem Formenkreis der Angststörungen und wird nach ICD-10 unter F41.0 als episodisch paroxysmale Angst klassifiziert. Kennzeichnend sind wiederkehrende, unerwartet auftretende Panikattacken mit abrupt einsetzender intensiver Angst sowie ausgeprägten vegetativen und kognitiven Symptomen wie Herzrasen, Luftnot, Schwindel, Todesangst oder Kontrollverlust. Die Attacken sind zeitlich begrenzt, erreichen meist innerhalb von wenigen Minuten ihr Maximum und sind nicht besser durch eine somatische Erkrankung, Substanzen oder eine andere psychische Störung erklärbar.
Klinisch bedeutsam ist, dass viele Betroffene nach den ersten Attacken eine anhaltende Erwartungsangst entwickeln und bestimmte Orte, Situationen oder körperliche Empfindungen vermeiden. Nicht selten besteht eine Komorbidität mit Agoraphobie, Depressionen oder anderen Angststörungen. Die Erkrankung ist häufig, wird aber wegen der oft dramatischen körperlichen Beschwerden zunächst in der Notfallmedizin, Kardiologie oder Pneumologie abgeklärt.
Merke: Eine Panikstörung ist keine „Einbildung“, sondern eine häufige, klar definierte Angststörung mit real erlebter massiver körperlicher Symptomatik und gut wirksamen Behandlungsoptionen.
Epidemiologie
Die Panikstörung gehört zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter. Internationale und europäische populationsbasierte Studien zeigen für die Lebenszeitprävalenz meist Werte von etwa 2–5 %, für die 12-Monats-Prävalenz häufig etwa 1–3 %. Frauen sind etwa 2-mal häufiger betroffen als Männer. Der Erkrankungsbeginn liegt typischerweise im späten Jugendalter oder im frühen Erwachsenenalter, oft zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr, prinzipiell kann die Störung jedoch in jedem Lebensalter auftreten.
Ein wesentlicher klinischer Aspekt ist die hohe Rate an Komorbiditäten. Häufig bestehen zusätzlich Agoraphobie, generalisierte Angststörung, soziale Angststörung, depressive Episoden, Substanzgebrauchsstörungen oder somatoforme Beschwerden. In klinischen Kollektiven weist ein erheblicher Anteil der Patientinnen und Patienten mit Panikstörung gleichzeitig eine Agoraphobie auf; je nach Stichprobe werden Raten von 30–60 % beschrieben. Umgekehrt haben viele Betroffene vor Diagnosestellung wiederholt Kontakte zu Notaufnahmen, Hausarztpraxen oder fachärztlichen Ambulanzen wegen vermeintlich kardiopulmonaler Notfälle.
Die gesundheitsökonomische Bedeutung ist hoch: Durch wiederholte Notfallvorstellungen, extensive internistische Diagnostik, Arbeitsunfähigkeit und Chronifizierung entstehen relevante direkte und indirekte Kosten. Unbehandelt verläuft die Panikstörung oft fluktuierend, aber keineswegs harmlos. Die Erkrankung kann zu deutlicher psychosozialer Einschränkung, Vermeidungsverhalten und eingeschränkter Teilhabe im Beruf und Alltag führen.
Merke: Die Panikstörung ist häufig, beginnt meist früh im Erwachsenenalter und wird wegen ihrer körperlichen Symptome oft erst nach wiederholter somatischer Abklärung korrekt erkannt.
Ätiologie
Die Ätiologie der Panikstörung ist multifaktoriell und beruht auf einem Zusammenspiel aus genetischer Vulnerabilität, neurobiologischen Mechanismen, kognitiven Bewertungsprozessen und psychosozialen Belastungsfaktoren. Familien- und Zwillingsstudien sprechen für eine moderate Heritabilität; für Angststörungen im Allgemeinen werden genetische Beiträge von ungefähr 30–40 % angenommen. Eine positive Familienanamnese erhöht das Erkrankungsrisiko, ist aber weder notwendig noch hinreichend.
Neurobiologisch werden Dysregulationen in Netzwerken aus Amygdala, Insula, präfrontalem Cortex, Hirnstamm und autonomem Nervensystem diskutiert. Bedeutsam sind Veränderungen serotonerger, noradrenerger und GABAerger Signalwege. Auch eine erhöhte Sensitivität gegenüber internen Körpersignalen, etwa Herzklopfen, Schwindel oder leichter Dyspnoe, spielt eine Rolle. Bei vielen Betroffenen lässt sich eine sogenannte Angstsensitivität nachweisen: Normale physiologische Empfindungen werden als gefährlich oder katastrophal fehlinterpretiert.
Psychologische Modelle betonen konditionierte Lernprozesse. Eine erste, oft situativ oder stressassoziiert auftretende Attacke kann mit bestimmten Orten, Tätigkeiten oder Körperempfindungen verknüpft werden. Dadurch entstehen Erwartungsangst und Vermeidungsverhalten. Belastende Lebensereignisse, chronischer Stress, Schlafmangel, konflikthafte Beziehungserfahrungen oder Traumatisierungen können als Trigger oder aufrechterhaltende Faktoren wirken.
Substanzen und körperliche Faktoren sind wichtige Auslöser oder Verstärker. Dazu zählen Koffein, Nikotin, Cannabis, Amphetamine, Kokain, Schilddrüsenüberfunktion, Hypoglykämien oder Arrhythmien. Diese verursachen nicht per se eine Panikstörung, können aber Attacken auslösen und müssen in der Diagnostik berücksichtigt werden.
Merke: Nicht ein einzelner Auslöser, sondern die Kombination aus biologischer Vulnerabilität, Fehlinterpretation körperlicher Signale und Vermeidungslernen erklärt die Entstehung der Panikstörung am besten.
Pathogenese
Pathogenetisch steht bei der Panikstörung eine Fehlalarmreaktion im Vordergrund. Betroffene erleben harmlose oder nur geringgradige körperliche Veränderungen – etwa leichte Tachykardie nach Anstrengung, ein Engegefühl im Brustkorb oder kurzzeitigen Schwindel – als Hinweis auf eine akute Katastrophe wie Herzinfarkt, Ersticken, Ohnmacht oder „Verrücktwerden“. Diese katastrophisierende Bewertung steigert die Angst, aktiviert das sympathische Nervensystem und verstärkt damit wiederum die körperlichen Symptome. Es entsteht ein sich selbst antreibender Teufelskreis aus Körperwahrnehmung, Angst und vegetativer Aktivierung.
Im Rahmen einer Attacke kommt es häufig zu Tachykardie, Tremor, Schwitzen, Beklemmungsgefühl, Hyperventilation und subjektiver Atemnot. Durch Hyperventilation kann der CO2-Partialdruck absinken, was Parästhesien, Benommenheit, thorakales Druckgefühl und Schwindel zusätzlich verstärkt. Diese Symptome werden erneut als bedrohlich interpretiert. Die Attacke erreicht typischerweise innerhalb von 10 Minuten ihre maximale Intensität und klingt dann über Minuten bis eine Stunde ab.
Langfristig führen wiederholte Attacken zu interozeptiver Konditionierung: Bestimmte Körperempfindungen selbst werden zum Auslöser von Angst. Gleichzeitig entwickelt sich eine Erwartungsangst zwischen den Attacken. Viele Patientinnen und Patienten beginnen, Situationen zu meiden, in denen Hilfe vermeintlich schwer erreichbar wäre, etwa öffentliche Verkehrsmittel, Supermärkte, Menschenmengen oder Alleinsein außer Haus. So kann sich eine Agoraphobie entwickeln.
Neurobiologisch passt hierzu ein Modell aus erhöhter Salienz interner Reize, gestörter inhibitorischer Kontrolle durch präfrontale Netzwerke und einer autonomen Übererregbarkeit. Entscheidend für die Chronifizierung ist weniger die einzelne Attacke als das anschließende Vermeidungs- und Sicherheitsverhalten, weil es korrigierende Erfahrungen verhindert.
Merke: Die Panikattacke ist Ausdruck einer fehlgesteuerten Alarmreaktion; chronisch wird die Erkrankung vor allem durch Erwartungsangst, Vermeidung und Sicherheitsverhalten.
Symptome
Leitsymptom der Panikstörung sind plötzlich einsetzende, unerwartete Panikattacken. Die Angst steigt innerhalb weniger Minuten stark an und geht mit intensiven vegetativen und psychischen Symptomen einher. Typische Beschwerden sind Palpitationen, Tachykardie, Schwitzen, Zittern, Atemnot, Erstickungsgefühl, thorakales Druck- oder Schmerzgefühl, Übelkeit, Schwindel, Benommenheit, Derealisation, Depersonalisation sowie die Angst zu sterben, die Kontrolle zu verlieren oder „verrückt zu werden“. Viele Betroffene schildern die erste Attacke als eines der bedrohlichsten Erlebnisse ihres Lebens und suchen notfallmäßig medizinische Hilfe auf.
Diagnostisch wichtig ist, dass die Attacken nicht ausschließlich situationsgebunden sind, sondern auch „wie aus heiterem Himmel“ auftreten können. Zwischen den Attacken besteht häufig eine anhaltende Sorge vor weiteren Anfällen oder deren Konsequenzen, etwa vor einem Herzstillstand, Kollaps oder öffentlicher Blamage. Diese Erwartungsangst führt oft zu deutlichem Vermeidungsverhalten. Häufig vermieden werden körperliche Belastung, Kaffee, Alkohol, enge Räume, lange Autofahrten, Reisen, Menschenmengen oder Orte ohne rasche Fluchtmöglichkeit.
Begleitsymptome und Komorbiditäten sind klinisch sehr relevant. Dazu gehören Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, depressive Verstimmung, sozialer Rückzug, Erschöpfung und sekundärer Substanzkonsum zur „Selbstmedikation“. Bei Komorbidität mit Agoraphobie stehen zusätzlich Ängste vor öffentlichen Orten, öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Verlassen des Hauses im Vordergrund.
Die Symptomatik kann somatisch imponieren. Deshalb müssen Warnzeichen wie Belastungsdyspnoe, Synkopen, fokal-neurologische Defizite, neu aufgetretener Thoraxschmerz mit Risikokonstellation oder endokrine Hinweise immer ernst genommen werden.
Merke: Die Panikattacke ist kurz, aber extrem intensiv; für die Diagnose der Panikstörung entscheidend sind wiederkehrende unerwartete Attacken plus Erwartungsangst oder Verhaltensänderung.
Diagnostik
Die Diagnostik der Panikstörung ist in erster Linie klinisch-psychiatrisch, erfordert jedoch initial eine sorgfältige somatische Ausschlussdiagnostik, da die Beschwerden häufig kardio-pulmonale oder neurologische Notfälle imitieren. Grundlage ist die strukturierte Anamnese: Beginn, Häufigkeit, Dauer und Situationsbezug der Attacken, typische vegetative Symptome, Erwartungsangst, Vermeidungsverhalten, Komorbiditäten, Substanzkonsum, Medikamentenanamnese und psychosoziale Belastungen. Hilfreich sind standardisierte Instrumente wie die Panic and Agoraphobia Scale (PAS), GAD-7 oder strukturierte klinische Interviews.
Bei Erstmanifestation oder atypischer Symptomatik sollten körperliche Ursachen aktiv ausgeschlossen werden. Sinnvoll sind je nach Klinik: körperliche Untersuchung, Blutdruck, Puls, 12-Kanal-EKG, Blutzucker, TSH, kleines Blutbild, Elektrolyte und ggf. toxikologisches Screening. Bei Leitsymptomen wie Thoraxschmerz, Synkope, Dyspnoe, neurologischen Defiziten oder höherem internistischem Risiko erfolgt die weiterführende Abklärung leitliniengerecht, etwa mit Troponin, D-Dimer, Bildgebung oder Langzeit-EKG. Die rein psychiatrische Diagnose darf erst gestellt werden, wenn relevante somatische Ursachen ausreichend unwahrscheinlich sind.
Nach ICD-10 müssen mehrere schwere vegetative Angstepisoden über einen Zeitraum von etwa 1 Monat auftreten, die nicht auf objektive Gefahr begrenzt sind, nicht vorhersagbar und zwischen den Attacken weitgehend angstfrei sein können. Klinisch zählt außerdem die anhaltende Besorgnis über weitere Attacken. Der Goldstandard ist keine einzelne Labor- oder Bildgebungsuntersuchung, sondern die fachärztlich-klinische Diagnosestellung anhand standardisierter Kriterien. Nach aktueller Klassifikation können ergänzend ICD-11- oder DSM-5-Kriterien herangezogen werden.
Merke: Bei erstmaliger Paniksymptomatik gilt: zuerst relevante somatische Ursachen ausschließen, dann die Diagnose anhand standardisierter psychopathologischer Kriterien sichern.
Differentialdiagnosen
Die wichtigsten Differentialdiagnosen der Panikstörung sind somatische Akuterkrankungen und andere psychische Störungen. Besonders relevant sind kardiale Ursachen wie akutes Koronarsyndrom, supraventrikuläre Tachykardien, andere Arrhythmien und hypertensive Krisen. Ebenfalls häufig verwechselt werden Asthma bronchiale, Exazerbationen einer COPD, Lungenembolie, Hyperventilationssyndrom, Hypoglykämie und vestibuläre Störungen. Endokrinologische Ursachen umfassen vor allem Hyperthyreose, Phäochromozytom und hormonelle Dysregulationen. Neurologisch müssen unter anderem epileptische Anfälle, insbesondere fokale Anfälle mit Bewusstseinsveränderung, sowie selten Migräneäquivalente bedacht werden.
Psychiatrisch ist die Abgrenzung zu anderen Angststörungen essenziell. Bei der sozialen Angststörung treten panikartige Symptome vor allem in sozialen Bewertungssituationen auf. Bei der spezifischen Phobie sind sie an klar umschriebene Reize gebunden. Die generalisierte Angststörung ist eher durch anhaltende Sorgen als durch diskrete Attacken gekennzeichnet. Bei der Agoraphobie kann die Vermeidung im Vordergrund stehen; häufig besteht allerdings eine Komorbidität. Auch depressive Episoden, posttraumatische Belastungsstörung, Zwangsstörung und somatische Belastungsstörung kommen differentialdiagnostisch in Betracht.
Substanzinduzierte Zustände sind besonders wichtig: Koffeinüberkonsum, Cannabis, Kokain, Amphetamine, Entzug von Alkohol oder Benzodiazepinen sowie Nebenwirkungen sympathomimetischer Medikamente können Panikattacken imitieren oder triggern. Schließlich sollte bei plötzlich einsetzender Angst mit vegetativen Symptomen auch an Anämie, Infektionen, Sepsis im Frühstadium oder Medikamentennebenwirkungen gedacht werden.
Merke: Die Panikstörung ist eine Ausschlussdiagnose gegenüber akut bedrohlichen somatischen Ursachen – insbesondere bei Erstmanifestation, atypischem Verlauf oder deutlichen Red Flags.
Therapie
Die Therapie der Panikstörung erfolgt leitliniengerecht multimodal und basiert vor allem auf Psychotherapie und bei Bedarf Pharmakotherapie. Nach deutschsprachigen und internationalen Leitlinien, darunter die S3-Leitlinie Angststörungen (AWMF) sowie Empfehlungen von NICE und APA, gilt die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) als Verfahren der ersten Wahl. Zentral sind Psychoedukation, Erarbeiten des Angstmodells, Identifikation katastrophisierender Gedanken, Reduktion von Sicherheitsverhalten und insbesondere Expositionsübungen. Dazu zählen auch interozeptive Expositionen, etwa bewusstes Hervorrufen ungefährlicher Körpersensationen durch Treppensteigen, schnelle Kopfbewegungen oder kontrollierte Atemübungen. Ziel ist die korrigierende Erfahrung, dass die Symptome unangenehm, aber nicht gefährlich sind.
Pharmakologisch sind SSRI Mittel der ersten Wahl. Häufig verwendet werden Sertralin initial 25 mg/Tag, dann Steigerung auf 50–200 mg/Tag, Escitalopram 5–10 mg/Tag, üblich 10–20 mg/Tag, oder Paroxetin initial 10 mg/Tag, dann 20–40 mg/Tag. Alternativ kommen SNRI infrage, insbesondere Venlafaxin retard initial 37,5–75 mg/Tag, Zielbereich meist 75–225 mg/Tag. Wichtig ist ein langsames Aufdosieren, da in den ersten Tagen eine vorübergehende Angstsymptomverstärkung möglich ist. Die Wirklatenz beträgt häufig 2–6 Wochen. Nach Remission sollte die Medikation in der Regel noch 6–12 Monate, oft mindestens 12 Monate, fortgeführt werden.
Benzodiazepine wie Lorazepam 0,5–1 mg akut können in Ausnahmen kurzfristig erwogen werden, sind wegen Sedierung, Sturzrisiko, kognitiver Beeinträchtigung und Abhängigkeit jedoch nicht zur Dauertherapie geeignet. Pregabalin hat bei generalisierter Angststörung einen Stellenwert, ist für die Panikstörung aber nicht Standard der ersten Wahl. Trizyklika wie Clomipramin oder Imipramin sind wirksam, werden jedoch wegen Nebenwirkungen meist nachrangig eingesetzt.
Begleitend sind Schlafhygiene, Reduktion von Koffein und anderen Triggern, regelmäßige Bewegung sowie Behandlung von Komorbiditäten wichtig. In der Akutsituation helfen ruhige Reorientierung, Erklärung des Mechanismus und Vermeidung unnötiger Notfalldiagnostik nach bereits gesicherter Diagnose.
Merke: Erste Wahl bei Panikstörung ist eine KVT mit Exposition; falls Medikamente nötig sind, werden vor allem SSRI oder SNRI eingesetzt, Benzodiazepine nur kurzzeitig und zurückhaltend.
Prognose
Die Prognose der Panikstörung ist insgesamt günstig, wenn die Erkrankung früh erkannt und leitliniengerecht behandelt wird. Unter kognitiver Verhaltenstherapie und/oder antidepressiver Pharmakotherapie erreichen viele Betroffene eine deutliche Symptomreduktion; in klinischen Studien sprechen je nach Setting etwa 60–80 % der Patientinnen und Patienten auf evidenzbasierte Behandlung an. Besonders wirksam ist die Behandlung, wenn Expositionen konsequent durchgeführt, Sicherheitsverhalten abgebaut und komorbide Störungen mitbehandelt werden.
Unbehandelt zeigt die Panikstörung häufig einen chronisch-rezidivierenden Verlauf. Zwar können Attacken phasenweise seltener werden, doch die Erwartungsangst und das Vermeidungsverhalten bleiben oft bestehen oder nehmen zu. Dies kann zur Entwicklung einer ausgeprägten Agoraphobie, sozialem Rückzug, Arbeitsunfähigkeit und sekundären Depression führen. Auch der wiederholte Griff zu Alkohol, Benzodiazepinen oder anderen Substanzen zur kurzfristigen Angstdämpfung verschlechtert die Langzeitprognose erheblich.
Ungünstige Prognosefaktoren sind frühe Chronifizierung, ausgeprägte Agoraphobie, komorbide Depression, Substanzkonsumstörung, mangelnde Krankheitsakzeptanz, unzureichende Therapietreue und persistierende psychosoziale Belastungen. Günstig wirken dagegen gute Psychoedukation, frühe Diagnose, regelmäßige Behandlung, Einbezug des sozialen Umfelds und ausreichend lange Rückfallprophylaxe.
Suizidalität ist bei reiner Panikstörung zwar geringer als bei schweren depressiven oder psychotischen Erkrankungen, darf aber insbesondere bei Komorbidität mit Depression, Traumafolgestörungen oder Suchterkrankungen nicht unterschätzt werden. Deshalb gehört die strukturierte Erfassung von Suizidgedanken zur klinischen Routine.
Merke: Panikstörungen sind gut behandelbar, aber ohne Therapie häufig langwierig und funktionell stark beeinträchtigend – entscheidend ist die frühe, konsequente Behandlung.
Prävention
Eine spezifische Primärprävention der Panikstörung existiert nicht, jedoch lassen sich bekannte Risikofaktoren und Trigger in gewissem Umfang beeinflussen. Sinnvoll sind Maßnahmen zur Stressreduktion, gute Schlafhygiene, regelmäßige körperliche Aktivität und ein reflektierter Umgang mit psychoaktiven Substanzen. Insbesondere hoher Koffeinkonsum, Nikotin, Cannabis, Kokain oder Amphetamine können Angst und Panikattacken auslösen oder verstärken. Bei vulnerablen Personen sollte daher eine Reduktion oder Abstinenz empfohlen werden.
Sekundärpräventiv ist die frühe Diagnosestellung besonders wichtig. Wiederholte Notfallvorstellungen wegen Herzrasen, Brustenge oder Luftnot ohne organischen Befund sollten an eine Panikstörung denken lassen. Je früher psychoedukative Maßnahmen und eine KVT eingeleitet werden, desto eher lassen sich Chronifizierung, Agoraphobie und maladaptives Vermeidungsverhalten verhindern. Nach erfolgreicher Akutbehandlung dient die Rückfallprophylaxe dem Erhalt des Therapieerfolgs. Dazu gehören das Fortführen erlernter Expositionsübungen, das Erkennen individueller Trigger und Frühwarnzeichen sowie ein geplanter Umgang mit gelegentlichen Angstsymptomen.
Patientinnen und Patienten profitieren von dem Wissen, dass einzelne Angstspitzen oder auch seltene Attacken nicht automatisch ein Therapieversagen bedeuten. Entscheidend ist, nicht erneut in Sicherheits- und Vermeidungsverhalten zurückzufallen. Bei medikamentöser Behandlung sollte ein Antidepressivum nicht abrupt abgesetzt, sondern ausschleichend und in ärztlicher Begleitung reduziert werden.
Merke: Die wirksamste „Prävention“ gegen Chronifizierung besteht in früher Aufklärung, zeitnaher Psychotherapie und dem konsequenten Abbau von Vermeidungsverhalten.
Komplikationen
Die Panikstörung ist zwar keine primär strukturell-organische Erkrankung, kann aber erhebliche medizinische, psychosoziale und funktionelle Komplikationen nach sich ziehen. Eine der häufigsten ist die Entwicklung einer Agoraphobie mit zunehmender Vermeidung von Orten oder Situationen, in denen Flucht schwierig erscheint oder Hilfe nicht verfügbar scheint. Im Extremfall verlassen Betroffene ihre Wohnung kaum noch allein. Dies führt zu Verlust von Autonomie, sozialem Rückzug und teils ausgeprägter Erwerbsminderung.
Weitere Komplikationen betreffen die psychische Komorbidität. Besonders häufig treten depressive Episoden, andere Angststörungen, somatische Belastungsstörungen und Substanzgebrauchsstörungen auf. Der Versuch, Attacken mit Alkohol, Cannabis oder Benzodiazepinen zu kontrollieren, kann zu Missbrauch und Abhängigkeit führen. Wiederholte Panikattacken erhöhen außerdem die Wahrscheinlichkeit wiederholter Kontakte mit Notaufnahmen und invasive oder belastende Diagnostik, obwohl keine organische Ursache vorliegt. Dies verstärkt die Krankheitsfixierung und kann die Angst vor schwerer körperlicher Erkrankung weiter zementieren.
Auch körperliche Folgeschäden können indirekt entstehen: Bewegungsvermeidung aus Angst vor Herzrasen fördert Dekonditionierung, Gewichtszunahme und kardiovaskuläre Risikofaktoren. Chronische Anspannung begünstigt Schlafstörungen, Erschöpfung, muskuläre Beschwerden und Leistungseinbußen. In akuten Attacken kann es zu riskantem Verhalten kommen, etwa panikbedingtem Verlassen eines Fahrzeugs oder Beinaheunfällen.
Schließlich ist die Suizidalität bei schwerer Belastung und komorbider Depression relevant. Deshalb müssen Hoffnungslosigkeit, Selbstwertkrisen und passive oder aktive Suizidgedanken immer aktiv erfragt werden.
Merke: Die wichtigste Komplikation der Panikstörung ist nicht die Attacke selbst, sondern die daraus entstehende Chronifizierung mit Agoraphobie, Depression und sozial-funktionellem Abbau.
Häufige Fragen
Ist eine Panikattacke gefährlich oder lebensbedrohlich?
Eine Panikattacke fühlt sich oft wie ein lebensbedrohlicher Notfall an, ist aber bei gesicherter Diagnose in der Regel nicht gefährlich. Trotzdem müssen bei erstmaligem Auftreten oder ungewöhnlichen Beschwerden körperliche Ursachen wie Herzrhythmusstörungen, Asthma oder ein Herzinfarkt ärztlich ausgeschlossen werden.
Kann eine Panikstörung wieder verschwinden?
Ja. Mit kognitiver Verhaltenstherapie, besonders mit Expositionsübungen, und bei Bedarf Medikamenten wie SSRI bessern sich die Beschwerden bei vielen Betroffenen deutlich. Wichtig ist, die Behandlung konsequent fortzuführen und Vermeidungsverhalten nicht wieder einreißen zu lassen.
Was kann ich während einer Panikattacke tun?
Hilfreich sind das Wissen, dass die Symptome zwar intensiv, aber vorübergehend sind, sowie ruhiges dabeibleiben statt Flucht. Konzentrieren Sie sich auf eine langsame, gleichmäßige Atmung, benennen Sie die Symptome als Angstreaktion und vermeiden Sie, ständig Puls oder Blutdruck zu kontrollieren.
Quellen
- AWMF S3-Leitlinie Angststörungen. Langfassung, aktuelle Fassung der deutschen Fachgesellschaften.
- DGPPN, Falkai P, Hrsg. Diagnostische und Statistische Manual-nahe klinische Standards / Angststörungen in der psychiatrischen Versorgung.
- Herpertz S, Caspar F, Mundt C, Hrsg. Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie. Elsevier.
- Craske MG, Stein MB. Anxiety. Lancet. 2016;388:3048-3059.
- Bandelow B, Michaelis S. Epidemiology of anxiety disorders in the 21st century. Dialogues Clin Neurosci. 2015;17(3):327-335.
- NICE Guideline: Generalised anxiety disorder and panic disorder in adults: management (CG113), National Institute for Health and Care Excellence.
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