Posttraumatische Belastungsstörung: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie
Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist eine psychische Traumafolgestörung, die nach einem Ereignis außergewöhnlicher Bedrohung oder.
Definition
Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist eine psychische Traumafolgestörung, die nach einem Ereignis außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalen Ausmaßes auftreten kann. Nach ICD-10 F43.1 ist sie gekennzeichnet durch ein typisches Syndrom aus unwillkürlichem Wiedererleben des Traumas, Vermeidung traumaassoziierter Reize, anhaltender psychovegetativer Übererregung und häufig zusätzlichen negativen Veränderungen von Stimmung, Kognition und sozialem Funktionsniveau. Typische Auslöser sind Krieg, Folter, sexualisierte Gewalt, schwere Unfälle, Naturkatastrophen oder lebensbedrohliche medizinische Ereignisse.
Die Symptomatik beginnt oft innerhalb von Wochen bis Monaten nach dem Trauma, kann aber auch verzögert auftreten. Für die Diagnosestellung ist entscheidend, dass die Beschwerden klinisch bedeutsames Leiden oder eine relevante Einschränkung in Beruf, Alltag oder Beziehungen verursachen und nicht besser durch andere psychische oder somatische Erkrankungen erklärt werden. In ICD-11 wird zusätzlich die komplexe PTBS als eigenständige Diagnose beschrieben, die bei prolongierter, wiederholter interpersoneller Traumatisierung eine besondere Rolle spielt.
Merke: Nicht jedes belastende Ereignis führt zu einer PTBS; entscheidend sind Traumaexposition, das charakteristische Symptommuster und die dauerhafte funktionelle Beeinträchtigung.
Epidemiologie
Die Lebenszeitprävalenz der PTBS liegt in Bevölkerungsstudien je nach Erhebungsmethode und Land meist zwischen 1 und 8 %, in vielen westlichen Populationen bei etwa 3 bis 4 %. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer; in epidemiologischen Studien beträgt das Risiko oft ungefähr das 1,5- bis 2-Fache. Dieser Unterschied wird unter anderem durch unterschiedliche Expositionsmuster erklärt, insbesondere durch die hohe Relevanz sexualisierter Gewalt als Traumaursache. Nach schweren interpersonellen Traumata ist das Erkrankungsrisiko besonders hoch: Nach Vergewaltigung entwickeln etwa 30 bis 50 % der Betroffenen eine PTBS, nach schweren Verkehrsunfällen etwa 5 bis 20 %, nach Naturkatastrophen häufig 5 bis 15 %, und bei Kriegsveteranen oder Geflüchteten finden Studien teils Prävalenzen von 10 bis über 20 %.
Nicht jede akute Belastungsreaktion geht in eine PTBS über. Viele Betroffene zeigen in den ersten Tagen bis Wochen belastungsabhängige Symptome, die sich spontan zurückbilden. Persistieren die Beschwerden über mehr als 4 Wochen oder nehmen sie zu, steigt die Wahrscheinlichkeit einer manifesten Traumafolgestörung. Komorbide psychische Störungen sind häufig: Depressionen bei etwa 30 bis 50 %, Angststörungen bei 20 bis 40 %, Substanzkonsumstörungen ebenfalls häufig, insbesondere bei chronischem Verlauf.
Die Störung beginnt oft im jungen oder mittleren Erwachsenenalter, kann aber prinzipiell in jedem Lebensalter auftreten, auch bei Kindern, Jugendlichen und älteren Menschen. Klinisch besonders relevant sind Hochrisikogruppen wie Einsatzkräfte, Intensivpatienten nach lebensbedrohlicher Erkrankung, Opfer häuslicher Gewalt und Menschen mit Flucht- oder Kriegserfahrung.
Merke: Das PTBS-Risiko hängt weniger vom "objektiven" Ereignis allein ab als von Traumaart, subjektiver Bedrohung, Vorerkrankungen, sozialer Unterstützung und dem Vorliegen früherer Traumatisierungen.
Ätiologie
Ätiologisch beruht die PTBS auf dem Zusammenspiel von traumatischer Exposition, individueller Vulnerabilität und nachfolgenden biologischen sowie psychosozialen Verarbeitungsprozessen. Ein Trauma im Sinne der psychiatrischen Klassifikationssysteme ist ein Ereignis, bei dem die betroffene Person selbst oder als Zeuge mit tatsächlichem oder drohendem Tod, schwerer Verletzung oder sexualisierter Gewalt konfrontiert wird. Besonders pathogen sind interpersonelle, absichtsvoll zugefügte Traumata wie Misshandlung, Folter, Kriegserlebnisse oder Vergewaltigung. Wiederholte und lang andauernde Traumata erhöhen das Risiko einer chronischen oder komplexen Symptomatik.
Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen frühere Traumatisierungen in Kindheit oder Jugend, eine positive psychiatrische Anamnese, emotionale Instabilität, geringe soziale Unterstützung, laufende Belastungen nach dem Trauma, niedriges Sicherheitsgefühl sowie komorbide Depressionen oder Suchterkrankungen. Auch eine peritraumatische starke Hilflosigkeit, Dissoziation oder Todesangst ist mit einem erhöhten PTBS-Risiko assoziiert. Genetische und epigenetische Faktoren tragen wahrscheinlich mit einer moderaten Heritabilität zur Vulnerabilität bei, sind jedoch klinisch nicht diagnostisch nutzbar.
Protektiv wirken stabile soziale Bindungen, frühe psychosoziale Unterstützung, Sicherheit, ein strukturierter Alltag und der Zugang zu traumafokussierter Psychotherapie. Nicht empfohlen ist ein unspezifisches, verpflichtendes "Debriefing" unmittelbar nach dem Ereignis, da hierfür kein gesicherter Nutzen besteht und in Einzelfällen sogar eine ungünstige Wirkung diskutiert wird. Leitlinien wie die AWMF-S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung betonen stattdessen eine bedarfsorientierte, symptom- und risikoadaptierte Frühintervention.
Merke: Besonders hohes Erkrankungsrisiko besteht nach interpersoneller Gewalt, bei früheren Traumata und bei mangelnder sozialer Unterstützung nach dem Ereignis.
Pathogenese
Pathophysiologisch wird die PTBS als Störung der Furchtkonditionierung, der Gedächtniskonsolidierung, der Emotionsregulation und der Stressachsenregulation verstanden. Während des Traumas kommt es zu einer massiven Aktivierung des sympathischen Nervensystems mit Freisetzung von Katecholaminen und zu Veränderungen der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse. Traumatische Erinnerungen werden häufig nicht als kohärente, autobiografisch eingebettete Episode gespeichert, sondern eher als fragmentierte, sensorisch und affektiv hoch aufgeladene Gedächtnisinhalte. Dadurch können schon geringe traumaassoziierte Reize intensive Intrusionen, Flashbacks oder körperliche Alarmreaktionen auslösen.
Neurobiologisch zeigen Studien funktionelle und strukturelle Veränderungen in Amygdala, Hippocampus und medialem präfrontalem Kortex. Vereinfacht besteht eine Überreaktivität der Amygdala als "Alarmzentrum", eine unzureichende top-down-Regulation durch präfrontale Areale und eine beeinträchtigte kontextuelle Einbettung durch hippocampale Netzwerke. Dies erklärt, warum ungefährliche Reize als bedrohlich fehlinterpretiert werden und weshalb das Traumaerleben im Hier-und-Jetzt wiederauflebt. Zusätzlich sind Vermeidungsverhalten und negative Verstärkung pathogenetisch bedeutsam: Kurzfristig reduziert Vermeidung Angst, langfristig verhindert sie aber korrigierende Erfahrungen und stabilisiert so die Störung.
Bei einem Teil der Betroffenen treten dissoziative Symptome wie Depersonalisation oder Derealisation auf. Bei langjähriger interpersoneller Traumatisierung können Störungen der Affektregulation, des Selbstbildes und der Beziehungsgestaltung hinzukommen, wie sie in der komplexen PTBS beschrieben werden. Auch Schlafstörungen und Albträume tragen zur Chronifizierung bei, da sie die emotionale Gedächtnisverarbeitung weiter beeinträchtigen.
Merke: Die PTBS ist keine "Willensschwäche", sondern Ausdruck einer fehlangepassten neurobiologischen und psychologischen Traumaverarbeitung mit anhaltender Alarmbereitschaft.
Symptome
Das klinische Bild der PTBS wird durch mehrere Kernsymptomgruppen bestimmt. Leitsymptome sind erstens das Wiedererleben des Traumas in Form von unwillkürlichen Erinnerungen, belastenden Bildern, Albträumen, Flashbacks oder intensiver psychischer und vegetativer Reaktion bei Konfrontation mit Auslösern. Zweitens zeigen Betroffene eine ausgeprägte Vermeidung traumaassoziierter Gedanken, Gefühle, Gespräche, Orte, Gerüche, Personen oder Situationen. Drittens besteht häufig ein anhaltendes Hyperarousal mit Schlafstörung, Schreckhaftigkeit, Hypervigilanz, Reizbarkeit, Konzentrationsstörung und innerer Anspannung.
Zusätzlich kommen häufig negative Veränderungen von Kognition und Stimmung vor: Schuld- und Schamgefühle, emotionale Taubheit, sozialer Rückzug, Interessenverlust, Hoffnungslosigkeit oder ein dauerhaftes Gefühl von Bedrohung. Manche Patientinnen und Patienten entwickeln dissoziative Symptome wie Depersonalisation, Derealisation, Amnesie für Teile des Ereignisses oder tranceartige Zustände. Körperlich berichten viele über Palpitationen, Schwitzen, Tremor, gastrointestinale Beschwerden, chronische Schmerzen und Erschöpfung.
Klinisch wichtig sind Komorbiditäten. Sehr häufig sind depressive Episoden, andere Angststörungen, Panikstörung, somatoforme Beschwerden, Substanzkonsumstörungen, Borderline-Symptomatik und Schlafstörungen. Suizidgedanken und selbstverletzendes Verhalten müssen aktiv erfragt werden. Bei Kindern können regressives Verhalten, Spielwiederholungen des Traumas, Trennungsangst oder Verhaltensauffälligkeiten dominieren. Der Verlauf kann akut, fluktuierend oder chronisch sein; ohne adäquate Behandlung persistieren die Beschwerden bei einem relevanten Anteil über Jahre.
Merke: Die Trias aus Intrusionen, Vermeidung und Übererregung nach Traumaexposition ist hochverdächtig auf eine PTBS.
Diagnostik
Die Diagnostik der PTBS ist primär klinisch-psychiatrisch und basiert auf einer strukturierten Exploration der Traumaexposition, der typischen Symptomcluster, des zeitlichen Verlaufs und der funktionellen Beeinträchtigung. Grundlage sind die Kriterien von ICD-10/ICD-11 beziehungsweise in vielen Studien ergänzend DSM-5. Zentral ist eine empathische, nicht drängende Anamnese, da detaillierte Schilderungen des Traumas ohne therapeutischen Rahmen unnötig destabilisieren können. Erfragt werden sollten Art, Zeitpunkt und Dauer des Traumas, Wiedererleben, Vermeidung, Hyperarousal, Dissoziation, depressive Symptome, Suchtmittelkonsum, Schlaf, soziale Situation und Suizidalität.
Zur standardisierten Erfassung eignen sich validierte Instrumente wie die Clinician-Administered PTSD Scale (CAPS), die PCL-5, die Impact of Event Scale-Revised (IES-R) oder spezifische Trauma-Screenings. Die psychometrische Testung ersetzt jedoch nicht das klinische Urteil. Eine körperliche und neurologische Untersuchung sowie eine somatische Basisdiagnostik sind wichtig, um Differentialdiagnosen und Komorbiditäten zu erfassen. Dazu gehören je nach Kontext Blutbild, CRP, TSH, Elektrolyte, Leberwerte, Drogen-Screening und bei Hinweisen weitere Diagnostik. Bildgebung ist nicht Goldstandard für PTBS, kann aber bei Schädel-Hirn-Trauma, neurologischen Herdsymptomen oder atypischer Präsentation indiziert sein.
Die Goldstandard-Diagnostik in der spezialisierten Versorgung ist die fachärztliche oder psychotherapeutische Diagnosestellung mittels strukturierter klinischer Exploration, idealerweise ergänzt durch standardisierte Interviews. Leitlinien wie die AWMF-S3-Leitlinie PTBS empfehlen eine systematische Erfassung von Komorbiditäten, psychosozialer Sicherheit und aktuellem Schutzbedarf. Unbedingt abzugrenzen sind akute Belastungsreaktion, Anpassungsstörung, depressive Episode, Psychose, dissoziative Störungen und Folgen eines Schädel-Hirn-Traumas.
Merke: Der wichtigste diagnostische Schritt ist die gezielte, strukturierte Trauma-Anamnese; Labor und Bildgebung dienen vor allem dem Ausschluss somatischer oder neurologischer Ursachen.
Differentialdiagnosen
Die wichtigste Differentialdiagnose ist die akute Belastungsreaktion beziehungsweise akute Belastungsstörung, die unmittelbar nach dem Ereignis auftritt und sich oft innerhalb von Tagen bis wenigen Wochen zurückbildet. Persistiert die Symptomatik über die akute Phase hinaus oder entwickelt sich das typische Muster aus Intrusionen, Vermeidung und Hyperarousal, muss an eine PTBS gedacht werden. Ebenfalls häufig ist die Abgrenzung zur Anpassungsstörung, bei der zwar belastende Lebensereignisse vorliegen, aber kein Trauma im engeren psychopathologischen Sinn und meist keine ausgeprägten Flashbacks bestehen.
Sehr relevant sind depressive Episoden und Angststörungen. Eine Depression kann mit Schlafstörung, Rückzug, Schuld und Konzentrationsproblemen einhergehen, erklärt jedoch das traumaassoziierte Wiedererleben meist nicht ausreichend. Bei der Panikstörung stehen anfallsartige Angstattacken im Vordergrund, bei der generalisierte Angststörung dauerhafte Sorgen, ohne den typischen traumabezogenen Trigger. Abzugrenzen sind zudem dissoziative Störungen, insbesondere wenn Amnesien, Depersonalisation oder funktionelle neurologische Symptome dominieren. Bei interpersoneller chronischer Traumatisierung kann eine komplexe PTBS oder eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung differenzialdiagnostisch im Vordergrund stehen; Überschneidungen sind häufig.
Somatisch müssen insbesondere Schädel-Hirn-Trauma, Epilepsie, Delir, Substanzintoxikation oder -entzug, Hyperthyreose, Schlafstörungen sowie chronische Schmerzsyndrome berücksichtigt werden. Psychotische Störungen sind abzugrenzen, wenn Halluzinationen, formale Denkstörungen oder bizarrer Wahn ohne klaren Trauma-Bezug vorliegen.
Merke: Nicht jedes Wiedererleben ist eine Psychose und nicht jede Anspannung eine Angststörung; der klare Bezug zu einer Traumaexposition ist für die PTBS-Diagnostik entscheidend.
Therapie
Die Therapie der PTBS orientiert sich an aktuellen Leitlinien, insbesondere der AWMF-S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung sowie internationalen Empfehlungen von NICE, APA und ISTSS. Therapie der ersten Wahl ist eine traumafokussierte Psychotherapie. Besonders gut belegt sind die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie (TF-KVT), Verfahren mit Exposition in sensu/in vivo, kognitive Traumatherapie und EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing). In randomisierten Studien zeigen diese Verfahren die stärksten Effekte auf Kernsymptome und Funktionsniveau. Vor Beginn sind Stabilisierung, Psychoedukation, Sicherheitsplanung und die Behandlung akuter Krisen essenziell.
Eine medikamentöse Therapie ist nicht die primäre Monotherapie, kann aber bei ausgeprägter Symptomatik, Komorbidität oder begrenztem Psychotherapie-Zugang sinnvoll sein. Am besten untersucht sind SSRI und SNRI. Häufig verwendet werden Sertralin initial 25–50 mg/Tag, Steigerung auf 100–200 mg/Tag, Paroxetin 20–40 mg/Tag oder Venlafaxin retard 75–225 mg/Tag. Die Wirkung tritt meist nach mehreren Wochen ein. Benzodiazepine werden wegen Abhängigkeitsrisiko und ungünstiger Datenlage bei PTBS nicht empfohlen. Bei traumaassoziierten Albträumen wird in manchen Settings Prazosin erwogen; die Evidenz ist jedoch uneinheitlich und die Anwendung in Deutschland off-label. Antipsychotika sollten nur zurückhaltend und komorbiditätsbezogen eingesetzt werden.
Wichtige zusätzliche Bausteine sind Behandlung komorbider Depressionen und Suchterkrankungen, Schlafhygiene, soziale Unterstützung, Rehabilitation und bei Bedarf stationäre oder teilstationäre traumaspezifische Behandlung. Bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung ist eine engmaschige Krisenintervention notwendig. Ein verpflichtendes psychologisches Debriefing kurz nach dem Trauma wird leitliniengerecht nicht generell empfohlen.
Merke: Traumafokussierte Psychotherapie ist die wirksamste Behandlung der PTBS; Medikamente sind meist ergänzend, nicht primär kurativ.
Prognose
Die Prognose der PTBS ist heterogen und hängt stark von Traumaart, Schweregrad, Komorbiditäten, Behandlungszugang und sozialem Umfeld ab. Ein Teil der Betroffenen erlebt innerhalb von Monaten eine deutliche Besserung, insbesondere bei einmaliger Traumatisierung, guter sozialer Unterstützung und frühzeitigem Zugang zu leitliniengerechter Psychotherapie. Ohne Behandlung kann die Störung jedoch chronifizieren. Kohortenstudien zeigen, dass bei einem relevanten Anteil die Symptome über Jahre persistieren; in einigen Untersuchungen besteht bei etwa ein Drittel ein chronischer Verlauf. Besonders ungünstig sind wiederholte interpersonelle Traumata, andauernde Unsicherheit, Flucht, Gewaltbeziehungen, Substanzkonsumstörungen und schwere depressive Komorbidität.
Unter evidenzbasierter traumafokussierter Psychotherapie lassen sich die Kernsymptome bei vielen Betroffenen deutlich reduzieren. Vollremissionen sind möglich, aber nicht immer erreichbar. Selbst bei residualen Symptomen kann die Lebensqualität erheblich verbessert werden, wenn Schlaf, Angstregulation, soziale Teilhabe und Funktionsniveau zunehmen. Rückfälle sind vor allem in Phasen hoher Belastung oder bei erneuter Traumakonfrontation möglich. Deshalb sind Rückfallprophylaxe, Trigger-Management und ein schriftlicher Krisenplan sinnvoll.
Von großer prognostischer Bedeutung ist die frühe Erkennung von Suizidalität, Selbstverletzung und Suchtmittelgebrauch. Unbehandelt erhöht die PTBS das Risiko für depressive Episoden, Arbeitsunfähigkeit, soziale Isolation, chronische Schmerzen und kardiometabolische Belastung. Mit adäquater Versorgung ist die Prognose jedoch häufig besser, als von Betroffenen zunächst angenommen.
Merke: Eine PTBS kann chronisch werden, ist aber gut behandelbar; die Prognose verbessert sich deutlich durch frühe, traumafokussierte Therapie und stabile soziale Unterstützung.
Prävention
Eine spezifische Primärprävention der PTBS ist nur begrenzt möglich, da traumatische Ereignisse oft unvorhersehbar sind. Dennoch lassen sich Risiken durch Gewaltprävention, Arbeitsschutz, Verkehrssicherheit, Katastrophenschutz und den Schutz vulnerabler Gruppen deutlich senken. Nach einem Trauma steht die sekundäre Prävention im Vordergrund: rasche Sicherung von Schutz, medizinischer Versorgung, Schlaf, sozialer Unterstützung und praktischer Alltagsstabilität. Leitlinien empfehlen eine bedarfsgerechte psychosoziale Frühintervention, nicht jedoch ein routinemäßiges verpflichtendes Debriefing für alle Betroffenen.
Sinnvoll sind frühzeitiges Screening von Hochrisikopersonen wie Opfern sexualisierter Gewalt, Intensivpatienten nach lebensbedrohlichen Ereignissen, Einsatzkräften oder Geflüchteten, sowie eine strukturierte Nachbeobachtung bei persistierenden Symptomen über mehrere Wochen. Eine gute Aufklärung über normale Stressreaktionen kann entlasten und die Inanspruchnahme von Hilfe erleichtern. Bei ersten Zeichen einer beginnenden Traumafolgestörung sollten frühzeitig psychotherapeutische Hilfen vermittelt werden.
Merke: Nach einem Trauma sind Sicherheit, soziale Unterstützung und frühe risikoadaptierte Hilfe wichtiger als unspezifische Sofortinterventionen bei allen Betroffenen.
Komplikationen
Die PTBS ist mit zahlreichen psychischen, somatischen und sozialen Komplikationen assoziiert. Psychiatrisch besonders bedeutsam sind depressive Episoden, Suizidgedanken, Substanzgebrauchsstörungen, Angststörungen, Essstörungen und bei schwerer interpersoneller Traumatisierung komplexe Störungen der Affektregulation und Beziehungsgestaltung. Dissoziative Symptome können das Funktionsniveau erheblich einschränken und die Behandlung erschweren. Bei einem Teil der Betroffenen kommt es zu selbstverletzendem Verhalten oder riskantem Coping, etwa Alkohol- oder Benzodiazepingebrauch.
Somatisch sind chronische Schlafstörungen, Schmerzen, Kopfschmerzen, gastrointestinale Beschwerden und unspezifische vegetative Symptome häufig. Langfristig besteht eine erhöhte Belastung durch Stressphysiologie mit Assoziationen zu kardiovaskulären Erkrankungen, metabolischen Störungen und verminderter gesundheitsbezogener Lebensqualität. Sozial können Arbeitsunfähigkeit, Beziehungsprobleme, Isolation, finanzielle Probleme und eingeschränkte Teilhabe resultieren. Bei Eltern mit unbehandelter PTBS kann zudem die familiäre Interaktion beeinträchtigt sein.
Klinisch relevant ist die Gefahr der Retraumatisierung, etwa durch Gewaltbeziehungen, unsensible Exploration oder invasive Maßnahmen ohne ausreichende Aufklärung. Auch traumabezogene Trigger in medizinischen Settings sollten beachtet werden. Unbehandelte PTBS kann die Adhärenz bei anderen Erkrankungen verschlechtern und die Inanspruchnahme des Gesundheitssystems erhöhen.
Merke: Die schwerwiegendsten Komplikationen sind Suizidalität, Suchtentwicklung, Chronifizierung und erhebliche soziale Funktionsverluste.
Häufige Fragen
Kann eine PTBS erst Monate oder Jahre nach dem Trauma beginnen?
Ja. Häufig treten Symptome innerhalb der ersten Wochen oder Monate auf, sie können aber auch verzögert beginnen. Entscheidend ist, ob typische Beschwerden wie Flashbacks, Vermeidung und Übererregung bestehen und den Alltag deutlich beeinträchtigen.
Geht eine posttraumatische Belastungsstörung von allein weg?
Bei manchen Menschen bessern sich Beschwerden mit der Zeit, vor allem bei guter Unterstützung und leichter Symptomatik. Wenn Symptome länger anhalten oder stark belasten, ist eine traumafokussierte Psychotherapie die wirksamste Behandlung und sollte frühzeitig begonnen werden.
Welche Therapie hilft am besten bei PTBS?
Am besten belegt ist eine traumafokussierte Psychotherapie, zum Beispiel traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie oder EMDR. Medikamente wie Sertralin oder Venlafaxin können zusätzlich helfen, ersetzen die Psychotherapie aber meist nicht.
Quellen
- AWMF S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung, Langfassung, aktuelle Fassung der beteiligten Fachgesellschaften
- Maercker A, Hrsg. Traumafolgestörungen. Springer, aktuelle Auflagen
- Falkai P, Wittchen HU, Hrsg. Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen bzw. klinische Psychiatrie-Lehrwerke; ergänzend DGPPN-orientierte Standardliteratur
- Yehuda R, LeDoux J. Response Variation following Trauma: A Translational Neuroscience Approach to Understanding PTSD. Neuron. 2007
- Shalev A, Liberzon I, Marmar C. Post-Traumatic Stress Disorder. N Engl J Med. 2017
- NICE Guideline NG116: Post-traumatic stress disorder. National Institute for Health and Care Excellence
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