🧩 Psychiatrie ICD-10: F05

Delir (ICD-10 F05): Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie

Das Delir ist ein akut einsetzendes, fluktuierendes neuropsychiatrisches Syndrom mit Störung von Aufmerksamkeit, Bewusstsein und Kognition, das in.

Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi
Arzt, Wissenschaftler & Gründer von SCIORA
1. April 2026 · 12 Min. Lesezeit · Aktualisiert: 1. April 2026 · Geprüft von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer
📋 Inhaltsverzeichnis

    Definition

    Das Delir ist ein akut einsetzendes, fluktuierendes neuropsychiatrisches Syndrom mit Störung von Aufmerksamkeit, Bewusstsein und Kognition, das in der ICD-10 unter F05 als organisch bedingte psychische Störung klassifiziert wird. Charakteristisch sind ein plötzlicher Beginn innerhalb von Stunden bis Tagen, eine im Tagesverlauf wechselnde Ausprägung und meist eine somatische Ursache wie Infektion, Medikamentennebenwirkung, metabolische Entgleisung oder postoperative Belastung. Klinisch werden hyperaktive, hypoaktive und gemischte Verlaufsformen unterschieden, wobei das hypoaktive Delir besonders häufig übersehen wird.

    Ein Delir ist ein medizinischer Notfall, da es mit erhöhter Morbidität, verlängertem Krankenhausaufenthalt, funktionellem Abbau und einer deutlich erhöhten Mortalität assoziiert ist. Es handelt sich nicht um eine primär psychiatrische Erkrankung, sondern um die Manifestation einer akuten zerebralen Funktionsstörung infolge einer zugrunde liegenden Störung des Organismus.

    Merke: Ein plötzlich aufgetretener Verwirrtheitszustand mit fluktuierendem Verlauf ist bis zum Beweis des Gegenteils ein Delir und muss immer auf eine organische Ursache abgeklärt werden.

    Epidemiologie

    Das Delir gehört zu den häufigsten akuten neuropsychiatrischen Syndromen im Krankenhaus. Die Prävalenz bei Aufnahme ins Allgemeinkrankenhaus liegt je nach Kollektiv bei etwa 10–20 %, bei älteren hospitalisierten Patienten häufig bei 15–30 %. Während eines stationären Aufenthalts entwickeln zusätzlich weitere Patienten ein Delir, sodass die kumulative Inzidenz bei vulnerablen geriatrischen Populationen deutlich höher liegt. Besonders relevant ist das Delir in der perioperativen und intensivmedizinischen Versorgung: Nach großen chirurgischen Eingriffen treten postoperative Delirien bei etwa 10–50 % der Patienten auf, nach Hüftfrakturen und in der Alterstraumatologie oft bei 30–60 %. Auf Intensivstationen werden Delirraten von bis zu 80 % beschrieben, insbesondere bei beatmeten Patienten.

    Das Risiko steigt mit dem Alter deutlich an. Patienten über 65 Jahre und insbesondere über 80 Jahre sind überproportional betroffen. Weitere starke Risikofaktoren sind Demenz, Multimorbidität, Immobilität, sensorische Defizite sowie Polypharmazie. Menschen mit vorbestehender Demenz entwickeln um ein Mehrfaches häufiger ein Delir; in vielen Kohorten ist Demenz der wichtigste prädisponierende Faktor. Das hypoaktive Delir macht in Studien etwa 20–50 % der Fälle aus und wird klinisch häufiger übersehen als die hyperaktive Form.

    Die Prognose ist bedeutsam: Ein Delir ist mit verlängerter Liegedauer, höherer Pflegebedürftigkeit, erhöhtem Risiko für Heimeinweisung und einer deutlich erhöhten Krankenhaus- und 6-Monats-Mortalität verbunden. Auch nach Entlassung bleibt das Risiko für kognitive Defizite und Funktionsverlust erhöht.

    Merke: Das Delir ist keine seltene Komplikation des Alters, sondern ein häufiges, prognostisch relevantes Syndrom mit besonders hoher Bedeutung in Geriatrie, Chirurgie und Intensivmedizin.

    Ätiologie

    Ätiologisch ist das Delir in den meisten Fällen multifaktoriell. Man unterscheidet prädisponierende Faktoren mit erhöhter Vulnerabilität des Gehirns und auslösende Faktoren, die die akute Dekompensation triggern. Zu den wichtigsten prädisponierenden Faktoren zählen hohes Alter, Demenz, frühere Delirepisoden, Schlaganfall, Parkinson-Syndrome, funktionelle Einschränkung, Mangelernährung, Exsikkose, Seh- und Hörstörungen sowie Polypharmazie. Bereits eine geringe zusätzliche Belastung kann bei diesen Patienten ein Delir auslösen.

    Häufige akute Ursachen sind Infektionen wie Pneumonie oder Harnwegsinfekt, metabolische Entgleisungen wie Hyponatriämie, Hyperkalzämie, Hypo- oder Hyperglykämie, Hypoxie, Hyperkapnie, akutes Nierenversagen, Leberversagen und endokrine Störungen. Ebenfalls relevant sind Schmerzen, Schlafentzug, Harnverhalt, Obstipation, Operationen, Frakturen und andere akute Stressoren. Medikamentös bedingt sind vor allem anticholinerge Substanzen, Benzodiazepine, Opioide, Glukokortikoide, Dopaminagonisten, Antihistaminika der 1. Generation und einige Antiinfektiva zu nennen. Ein Delir kann auch durch Intoxikation oder Entzug entstehen, klassisch bei Alkohol- oder Benzodiazepinentzug.

    Postoperativ spielen Anästhesie, Entzündungsreaktion, Schmerz, Transfusionen und gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus zusammen. Auf Intensivstationen begünstigen Sedierung, Beatmung, Sepsis und Immobilität die Entwicklung. Seltene, aber wichtige Ursachen sind Meningitis/Enzephalitis, epileptische Anfälle bzw. nonkonvulsiver Status epilepticus, subdurales Hämatom oder andere intrakranielle Prozesse.

    Merke: Bei Delir sollte stets nach einem somatischen Trigger gesucht werden; häufig liegen mehrere Ursachen gleichzeitig vor.

    Pathogenese

    Die Pathogenese des Delirs ist komplex und nicht vollständig geklärt. Am besten belegt ist ein Modell der akuten diffusen Hirnfunktionsstörung infolge eines Ungleichgewichts verschiedener Neurotransmittersysteme, systemischer Entzündung und gestörter neuronaler Netzwerke. Eine zentrale Rolle wird einem relativen cholinergen Defizit und einer dopaminergen Überaktivität zugeschrieben. Diese Annahme erklärt, warum anticholinerge Medikamente Delirien begünstigen und dopaminerge sowie psychotomimetische Zustände ähnliche Symptome hervorrufen können.

    Hinzu kommen neuroinflammatorische Mechanismen: Bei Infektion, Sepsis, Operation oder Trauma werden Zytokine freigesetzt, die über Blut-Hirn-Schranke, Mikrogliaaktivierung und endotheliale Dysfunktion die neuronale Signalübertragung beeinträchtigen. Besonders bei älteren Menschen und bei vorbestehender Neurodegeneration ist die zerebrale Reserve reduziert, sodass bereits moderate systemische Belastungen ein Delir triggern können. Dies wird im Konzept der Vulnerabilität abgebildet: Je höher die prädisponierende Hirnverletzlichkeit, desto geringer muss der akute Auslöser sein.

    Weitere pathophysiologische Faktoren sind Störungen des zerebralen Energiestoffwechsels, Hypoxie, Glukosemangel, Dehydratation, Elektrolytverschiebungen sowie eine Dysregulation des Schlaf-Wach-Rhythmus mit gestörter Melatoninsekretion. Bildgebend zeigen sich meist keine spezifischen Veränderungen; funktionell werden jedoch Störungen großräumiger kortiko-subkortikaler Netzwerke angenommen, die für Aufmerksamkeit, Orientierung und Wachheit erforderlich sind.

    Das Delir ist daher nicht als isolierte psychiatrische Symptomatik zu verstehen, sondern als Endstrecke einer akuten, meist reversiblen zerebralen Dekompensation. Gerade diese prinzipielle Reversibilität macht die rasche Erkennung und Behandlung so wichtig.

    Merke: Pathophysiologisch ist das Delir vor allem eine akute Netzwerkstörung des Gehirns auf dem Boden von Neurotransmitter-Ungleichgewicht, Entzündung und verminderter Hirnreserve.

    Symptome

    Klinisch präsentiert sich das Delir typischerweise mit akutem Beginn, fluktuierendem Verlauf und einer Störung der Aufmerksamkeit als Kernsymptom. Betroffene sind leicht ablenkbar, können Gesprächen nur schwer folgen und wirken desorganisiert. Hinzu kommen Bewusstseinsstörungen mit verminderter Wachheit oder im hyperaktiven Stadium psychomotorischer Unruhe. Fast immer finden sich kognitive Defizite, insbesondere Störungen von Orientierung, Kurzzeitgedächtnis, Sprache und Exekutivfunktionen. Der Verlauf schwankt häufig im Tagesverlauf, oft mit Verschlechterung am Abend und in der Nacht (sundowning).

    Man unterscheidet drei klinische Phänotypen. Beim hyperaktiven Delir dominieren Unruhe, Agitiertheit, Nesteln, Weglauftendenz, vegetative Aktivierung, Angst und mitunter Halluzinationen. Das hypoaktive Delir äußert sich dagegen durch Verlangsamung, Apathie, Müdigkeit, reduzierten Antrieb und Rückzug; diese Form ist prognostisch ungünstig und wird häufig fehlinterpretiert, etwa als Depression oder Erschöpfung. Das gemischte Delir zeigt wechselnde hyper- und hypoaktive Phasen.

    Begleitsymptome sind Schlaf-Wach-Rhythmus-Störungen, fragmentierter Nachtschlaf, Tagesschläfrigkeit, affektive Labilität, Reizbarkeit, Angst und gelegentlich paranoide Fehlinterpretationen. Optische Halluzinationen und illusionäre Verkennungen sind häufiger als akustische Halluzinationen. Vegetative Zeichen wie Tachykardie, Schwitzen, Hypertonie oder Tremor sprechen insbesondere bei Entzugsdelir für eine starke autonome Beteiligung.

    Bei älteren Patienten ist die Symptomatik oft subtil. Eine plötzliche funktionelle Verschlechterung, Nahrungsverweigerung, Sturzereignisse oder Inkontinenz können erste Hinweise sein.

    Merke: Das Leitsymptom des Delirs ist nicht primär die Halluzination, sondern die akute Aufmerksamkeitsstörung mit fluktuierendem Verlauf.

    Diagnostik

    Die Diagnostik des Delirs ist in erster Linie klinisch und muss parallel zur Ursachensuche erfolgen. Zunächst ist die Frage zu klären, ob tatsächlich ein akuter, fluktuierender Zustand mit Aufmerksamkeitsstörung vorliegt. Für das Screening hat sich die Confusion Assessment Method (CAM) etabliert; auf Intensivstationen wird häufig die CAM-ICU eingesetzt. Diagnostisch sprechen für ein Delir: (1) akuter Beginn und fluktuierender Verlauf, (2) Aufmerksamkeitsstörung sowie zusätzlich (3) desorganisiertes Denken und/oder (4) verändertes Bewusstseinsniveau. Ergänzend können die 4AT, die Richmond Agitation-Sedation Scale (RASS) und standardisierte kognitive Kurztests hilfreich sein.

    Die somatische Basisdiagnostik sollte systematisch erfolgen und umfasst Vitalparameter, neurologischen Status, Medikamentenanamnese, Fremdanamnese und Suche nach Schmerz, Harnverhalt oder Obstipation. Zum Labor gehören in der Regel Blutbild, CRP, Elektrolyte, Nieren- und Leberwerte, Glukose, Calcium, Blutgasanalyse bei respiratorischer Problematik, TSH je nach Konstellation sowie Urinuntersuchung. Bei Verdacht auf Intoxikation oder Entzug sind toxikologische Analysen sinnvoll. Bildgebung ist nicht bei jedem Delir nötig, aber bei fokal-neurologischen Defiziten, Trauma, Antikoagulation, neu aufgetretenen Krampfanfällen oder unklarer Vigilanzminderung sollte eine kraniale CT bzw. bei spezifischer Fragestellung MRT erfolgen. Ein EEG ist insbesondere bei Verdacht auf nonkonvulsiven Status epilepticus oder unklarer Enzephalopathie hilfreich.

    Einen eigentlichen „Goldstandard“ gibt es nicht; diagnostischer Referenzrahmen sind die DSM-5-Kriterien bzw. die klinische syndromale Beurteilung. Goldstandard der Versorgung ist jedoch die rasche Erkennung plus Ursachenabklärung.

    Merke: Die Diagnostik des Delirs besteht aus zwei gleich wichtigen Schritten: Syndrom erkennen und Auslöser finden.

    Differentialdiagnosen

    Die wichtigste Differentialdiagnose ist die Demenz, insbesondere wenn ältere Patienten desorientiert oder kognitiv beeinträchtigt erscheinen. Im Gegensatz zum Delir beginnt die Demenz jedoch schleichend über Monate bis Jahre, verläuft nicht typisch fluktuierend innerhalb von Stunden und geht initial nicht mit einer ausgeprägten Aufmerksamkeitsstörung einher. Dennoch kann auf dem Boden einer Demenz ein Delir auftreten; diese Kombination ist klinisch häufig. Ebenfalls abzugrenzen ist die depressive Episode bzw. Pseudodemenz mit Antriebsmangel, Verlangsamung und Konzentrationsstörung, die dem hypoaktiven Delir ähneln kann. Für ein Delir sprechen akuter Beginn, Vigilanzschwankungen und wechselnde kognitive Einbrüche.

    Zu den psychiatrischen Differentialdiagnosen zählen Schizophrenie, akute psychotische Störung und manische Episode. Diese Erkrankungen können ebenfalls mit Wahn, Halluzinationen und Unruhe einhergehen, weisen aber typischerweise keine erhebliche Bewusstseins- und Aufmerksamkeitsstörung auf. Auch dissoziative Zustände, schwere Angstzustände und posttraumatische Belastungsreaktionen können symptomatisch überlappen.

    Somatisch-neurologisch müssen insbesondere Enzephalitis, Meningitis, Schlaganfall, subdurales Hämatom, epileptische Anfälle bzw. nonkonvulsiver Status epilepticus, hepatische oder urämische Enzephalopathie, Hypoglykämie sowie Intoxikationen und Entzugssyndrome bedacht werden. Bei Tremor, vegetativer Übererregung und Halluzinationen ist an Alkoholentzugsdelir zu denken. Bei Akinese und Spracharmut kann auch ein akinetischer Mutismus oder ein katatones Syndrom imponieren.

    Merke: Die entscheidende Abgrenzung lautet häufig Delir versus Demenz: Delir ist akut, fluktuierend und aufmerksamkeitsgestört, Demenz meist chronisch-progredient.

    Therapie

    Die Therapie des Delirs richtet sich primär nach der Behandlung der auslösenden Ursache und sekundär nach Symptomkontrolle, Sicherheit und Reorientierung. Zentral sind sofortige nichtmedikamentöse Maßnahmen: ruhige Umgebung, Tageslicht, Brille und Hörgerät bereitstellen, wiederholte Reorientierung, Mobilisation, ausreichende Analgesie, Schlafhygiene, Flüssigkeits- und Nahrungszufuhr, Vermeidung unnötiger Katheter und Fixierungen sowie engmaschige Überwachung. Multikomponentige Präventions- und Interventionsprogramme senken die Delirrate nachweislich. Auslöser wie Infektionen, Exsikkose, Hypoxie, Elektrolytstörungen, Harnverhalt, Obstipation oder Entzug müssen unverzüglich behandelt werden.

    Eine pharmakologische Sedierung ist nur indiziert, wenn eine relevante Eigen- oder Fremdgefährdung, schwere psychomotorische Unruhe oder eine notwendige Diagnostik/Therapie sonst nicht möglich ist. Nach deutschsprachigen und internationalen Empfehlungen können niedrig dosierte Antipsychotika erwogen werden, obwohl die Evidenz für eine Verkürzung des Delirs begrenzt ist. Praktisch häufig eingesetzt wird Haloperidol in niedriger Dosierung, z. B. 0,5–1 mg p.o. oder i.v., bei Bedarf wiederholbar unter EKG-Kontrolle wegen QT-Verlängerung; bei älteren Patienten ist besonders niedrig zu dosieren. Alternativ können atypische Antipsychotika wie Risperidon 0,25–0,5 mg p.o., Quetiapin 12,5–25 mg p.o. oder Olanzapin 2,5–5 mg p.o. erwogen werden. Bei Parkinson-Syndrom oder Lewy-Körper-Demenz sind klassische Antipsychotika möglichst zu vermeiden; hier wird eher Quetiapin bevorzugt. Benzodiazepine sind grundsätzlich nicht Mittel der Wahl, außer bei Alkohol- oder Benzodiazepinentzug; dann sind z. B. Lorazepam 0,5–2 mg i.v./p.o. oder Diazepam-basierte Protokolle indiziert.

    Auf Intensivstationen spielt die Reduktion unnötiger Sedierung eine wichtige Rolle. Die S3-Leitlinie Analgesie, Sedierung und Delirmanagement in der Intensivmedizin sowie geriatrische Delir-Empfehlungen betonen die Priorität nichtmedikamentöser Strategien und der Ursachenbehandlung.

    Merke: Die wirksamste Delirtherapie ist meist nicht das Neuroleptikum, sondern das konsequente Auffinden und Beheben der Ursache.

    Prognose

    Die Prognose des Delirs ist ernst zu nehmen. Zwar ist das Syndrom prinzipiell reversibel, doch hängt der Verlauf stark von Grunderkrankung, Alter, Komorbiditäten, Delirdauer und Behandlungsbeginn ab. Ein Teil der Patienten erholt sich innerhalb von Tagen, bei anderen persistieren Symptome über Wochen; insbesondere bei älteren Menschen kann die kognitive und funktionelle Erholung deutlich verzögert sein. Das hypoaktive Delir wird häufig verspätet erkannt und ist mit ungünstigen Verläufen assoziiert.

    Zahlreiche Studien zeigen, dass Delir mit verlängerter Krankenhausverweildauer, höherem Bedarf an pflegerischer Unterstützung, erhöhter Rate an Stürzen und Dekubitalulzera sowie einer gesteigerten Wahrscheinlichkeit für Entlassung in eine Pflegeeinrichtung verbunden ist. Die Krankenhausmortalität und die Mortalität im Verlauf von 6 bis 12 Monaten sind gegenüber vergleichbaren Patienten ohne Delir signifikant erhöht. Insbesondere auf Intensivstationen korreliert die Delirdauer mit schlechteren funktionellen Outcomes. Darüber hinaus gilt Delir als Risikofaktor für einen langfristigen kognitiven Abbau; nach überstandenem Delir kann es zu bleibenden Aufmerksamkeits- und Gedächtnisdefiziten kommen, und das Risiko für eine nachfolgende Demenzdiagnose ist erhöht.

    Prognostisch günstig sind eine frühzeitige Diagnose, rasche Ursachenbehandlung, kurze Delirdauer und gute prästationäre Funktion. Ungünstig wirken schwere Sepsis, Multiorganversagen, ausgeprägte Gebrechlichkeit, Demenz und Immobilität. Angehörige sollten über mögliche Restsymptome und die Notwendigkeit einer Nachsorge informiert werden.

    Merke: Auch wenn ein Delir oft reversibel ist, ist es kein banales Durchgangsphänomen, sondern ein Marker für schwere Erkrankung und erhöhte Sterblichkeit.

    Prävention

    Die Prävention des Delirs ist klinisch besonders wichtig, da ein relevanter Anteil der Episoden vermeidbar ist. Besonders gefährdet sind ältere, multimorbide und kognitiv vorerkrankte Patienten sowie Personen nach größeren Operationen oder auf Intensivstationen. Evidenzbasiert sind vor allem multikomponentige nichtmedikamentöse Maßnahmen: frühzeitige Mobilisation, ausreichende Hydrierung, konsequente Schmerztherapie, Förderung des Nachtschlafs, Vermeidung unnötiger Katheter und Fixierungen, Korrektur von Seh- und Hördefiziten, Reorientierung durch Uhr, Kalender und Angehörige sowie möglichst geringe Unterbrechung des Tag-Nacht-Rhythmus.

    Perioperativ sollten delirogene Medikamente reduziert, anticholinerge Last minimiert und die Medikation regelmäßig überprüft werden. Polypharmazie, besonders Benzodiazepine und stark anticholinerge Substanzen, sollte kritisch hinterfragt werden. Bei älteren Patienten ist ein systematisches Risikoscreening sinnvoll. Auf Intensivstationen sind Sedierungsprotokolle, tägliche Sedierungsunterbrechung, frühe Spontanatmungsversuche und Mobilisation wichtige Bestandteile der Prävention. Eine routinemäßige medikamentöse Prophylaxe wird in der Regel nicht empfohlen; der Nutzen von Antipsychotika zur generellen Delirprophylaxe ist nicht überzeugend belegt.

    Merke: Die beste Delirprävention ist ein strukturiertes, nichtmedikamentöses Behandlungskonzept bei Risikopatienten.

    Komplikationen

    Delirien gehen mit zahlreichen akuten und langfristigen Komplikationen einher. Akut drohen bei hyperaktiver Symptomatik Stürze, Selbstextubation, Entfernen von Zugängen, Aggression, Aspiration und eine erschwerte Durchführung medizinischer Maßnahmen. Beim hypoaktiven Delir sind dagegen Immobilität, unerkannte Exsikkose, Mangelernährung, Aspirationspneumonie und Druckulzera besonders relevant. In beiden Formen können verlängerte Beatmungsdauer, nosokomiale Infektionen und funktioneller Abbau resultieren.

    Vegetative Entgleisungen mit Tachykardie, Hypertonie oder Hyperthermie sind vor allem beim Entzugsdelir klinisch bedeutsam. Wird zur Symptomkontrolle ein Antipsychotikum eingesetzt, müssen mögliche Nebenwirkungen wie QT-Zeit-Verlängerung, extrapyramidal-motorische Störungen, Sedierung und orthostatische Hypotonie beachtet werden. Benzodiazepine können, außer beim Entzugssyndrom, ein Delir verstärken und die Atemdepression fördern.

    Langfristig sind kognitive Residuen, Verlust der Selbstständigkeit, erhöhte Pflegebedürftigkeit und Institutionalisierung häufige Folgen. Zudem besteht ein erhöhtes Risiko für eine spätere Demenzdiagnose oder die Beschleunigung einer bereits bestehenden neurodegenerativen Erkrankung. Für Angehörige ist ein Delir oft sehr belastend; auch posttraumatische Belastungssymptome nach intensivmedizinischen Delirien sind beschrieben.

    Merke: Die Folgen des Delirs reichen weit über die akute Verwirrtheit hinaus und betreffen Mortalität, Funktionalität und Langzeitkognition.

    Häufige Fragen

    Ist ein Delir dasselbe wie Demenz?

    Nein. Ein Delir beginnt plötzlich innerhalb von Stunden bis Tagen und schwankt stark, während eine Demenz meist schleichend über Monate bis Jahre entsteht. Menschen mit Demenz haben allerdings ein deutlich erhöhtes Risiko, zusätzlich ein Delir zu entwickeln.

    Kann sich ein Delir wieder vollständig zurückbilden?

    Ja, grundsätzlich ist ein Delir oft reversibel, wenn die auslösende Ursache schnell erkannt und behandelt wird. Vor allem bei älteren oder schwer kranken Patienten kann die Erholung aber Tage bis Wochen dauern, und manchmal bleiben kognitive Einschränkungen zurück.

    Wie wird ein Delir behandelt?

    Entscheidend ist zuerst die Ursache, zum Beispiel eine Infektion, Dehydratation oder Medikamentennebenwirkung, zu behandeln. Zusätzlich helfen Ruhe, Orientierung, ausreichendes Trinken, Schlafhygiene und Mobilisation; Beruhigungsmittel oder Antipsychotika werden nur bei starker Unruhe oder Gefährdung gezielt eingesetzt.

    Quellen

    1. AWMF S3-Leitlinie Analgesie, Sedierung und Delirmanagement in der Intensivmedizin, Langversion, aktuelle Fassung.
    2. Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG), Empfehlungen/Positionspapiere zum Delir im Alter und perioperativen Delir.
    3. Inouye SK, Westendorp RGJ, Saczynski JS. Delirium in elderly people. Lancet. 2014;383:911-922.
    4. American Psychiatric Association. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5th Edition (DSM-5).
    5. Jameson JL, Fauci AS, Kasper DL et al. Harrison's Principles of Internal Medicine. 21st ed. McGraw-Hill.
    6. Herold G. Innere Medizin. Aktuelle Ausgabe. Kapitel Delir/organische psychische Störungen.
    Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel wurde von Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi verfasst und von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer fachlich geprüft, zuletzt aktualisiert am 1. April 2026. Er dient der fachlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

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