🔪 Chirurgie ICD-10: K92.2

Gastrointestinale Blutung: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie

Die gastrointestinale Blutung ist ein klinisches Syndrom mit Blutverlust aus dem Verdauungstrakt und wird nach Lokalisation in obere GI-Blutung.

Dr. Dr. Michael Vollmer
Arzt, Wissenschaftler
1. April 2026 · 12 Min. Lesezeit · Aktualisiert: 1. April 2026 · Geprüft von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer
📋 Inhaltsverzeichnis

    Definition

    Die gastrointestinale Blutung ist ein klinisches Syndrom mit Blutverlust aus dem Verdauungstrakt und wird nach Lokalisation in obere GI-Blutung proximal des Treitz-Bandes und untere GI-Blutung distal davon eingeteilt. Klinisch reicht das Spektrum von okkultem Blutverlust mit Eisenmangelanämie bis zur massiven, hämodynamisch instabilen Hämorrhagie mit hämorrhagischem Schock. Typische Manifestationen sind Hämatemesis, Meläna und Hämatochezie, wobei die Stuhlfarbe allein die Blutungsquelle nicht sicher lokalisiert. Die ICD-10-Kodierung K92.2 wird verwendet, wenn eine gastrointestinale Blutung ohne nähere Spezifikation vorliegt.

    Für die Akutmedizin ist entscheidend, dass die GI-Blutung keine Diagnose im engeren Sinn, sondern ein potenziell vital bedrohliches Leitsymptom zahlreicher Erkrankungen ist, darunter peptische Ulzera, Ösophagusvarizen, Mallory-Weiss-Läsionen, Angiodysplasien, Divertikelblutungen, Tumoren und entzündliche Darmerkrankungen. Die Priorität liegt immer auf Stabilisierung, Risikostratifizierung, rascher Endoskopie und kausaler Blutstillung.

    Merke: Bei jeder gastrointestinalen Blutung gilt: zuerst Kreislauf sichern, dann Blutungsquelle lokalisieren und endoskopisch oder interventionell behandeln.

    Epidemiologie

    Die gastrointestinale Blutung gehört zu den häufigsten internistischen und chirurgischen Notfällen. Für die obere GI-Blutung wird in europäischen Kollektiven eine jährliche Inzidenz von etwa 40 bis 150 pro 100.000 Einwohner angegeben. Die untere GI-Blutung ist etwas seltener und liegt meist bei etwa 20 bis 40 pro 100.000 Einwohnern pro Jahr, wobei die Häufigkeit mit dem Alter deutlich zunimmt. Insgesamt sind Männer etwas häufiger betroffen, insbesondere bei ulkusbedingter und alkoholassoziierter Blutung. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei nichtvarikösen Blutungen häufig über 60 Jahren.

    Etwa 70 bis 80 % aller akuten GI-Blutungen stammen aus dem oberen Gastrointestinaltrakt. Die häufigste Ursache der oberen Blutung ist das peptische Ulkus mit einem Anteil von ungefähr 30 bis 50 % der Fälle. Varizenblutungen machen je nach Kollektiv etwa 10 bis 20 % der oberen Blutungen aus, sind aber mit einer besonders hohen Morbidität und Mortalität assoziiert. Bei der unteren GI-Blutung dominieren Divertikelblutungen, Angiodysplasien, ischämische Kolitiden, postpolypektomische Blutungen und kolorektale Neoplasien.

    Die Letalität hängt stark von Alter, Komorbidität, Blutungsstärke und Ursache ab. Für nichtvariköse obere GI-Blutungen wird trotz moderner Therapie noch eine Krankenhausletalität von etwa 2 bis 10 % beschrieben; bei Varizenblutungen ist sie höher. Risikofaktoren für schwere Verläufe sind Antikoagulation, Thrombozytenaggregationshemmung, Leberzirrhose, Niereninsuffizienz, Schock bei Aufnahme und relevante Komorbiditäten nach ASA-Klassifikation.

    Merke: Die GI-Blutung ist im höheren Lebensalter besonders häufig und wird zunehmend durch NSAR, ASS, DOAKs und Komorbidität geprägt.

    Ätiologie

    Die Ursachen der gastrointestinalen Blutung unterscheiden sich wesentlich nach Lokalisation. Bei der oberen GI-Blutung stehen das peptische Ulkus von Magen oder Duodenum, erosive Gastritis oder Duodenitis, Refluxösophagitis, Mallory-Weiss-Läsionen, Ösophagus- und Fundusvarizen sowie maligne Tumoren im Vordergrund. Das peptische Ulkus entsteht meist auf dem Boden einer Helicobacter-pylori-Infektion und/oder durch nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), Acetylsalicylsäure oder andere ulzerogene Medikamente. Varizenblutungen sind Ausdruck einer portalen Hypertension, typischerweise bei Leberzirrhose.

    Bei der unteren GI-Blutung sind häufig Divertikelblutungen, Angiodysplasien, kolorektale Karzinome und Adenome, Hämorrhoiden, ischämische Kolitis, infektiöse oder chronisch-entzündliche Kolitiden sowie postinterventionelle Blutungen ursächlich. Im Dünndarm finden sich seltener Angiodysplasien, NSAID-Enteropathien, Tumoren oder Meckel-Divertikel. Eine „obskure“ GI-Blutung liegt vor, wenn trotz Ösophagogastroduodenoskopie und Ileokoloskopie keine Quelle gefunden wird.

    Bedeutende prädisponierende Faktoren sind höheres Alter, frühere Ulkuskrankheit, Leberzirrhose, chronische Niereninsuffizienz, Multimorbidität und die Einnahme von Antikoagulanzien wie Apixaban, Rivaroxaban, Edoxaban, Dabigatran oder Vitamin-K-Antagonisten. Auch duale Plättchenhemmung mit ASS und P2Y12-Inhibitoren erhöht das Blutungsrisiko deutlich. Klinisch relevant ist zudem die Kombination aus NSAR plus Kortikosteroiden oder Antikoagulanzien.

    Merke: Die häufigsten Auslöser sind Ulkus, Varizen, Divertikel, Angiodysplasie und medikamentenassoziierte Schleimhautschäden.

    Pathogenese

    Pathophysiologisch führt eine Schädigung der gastrointestinalen Mukosa oder Submukosa zur Arrosion oder Ruptur eines Blutgefäßes. Bei der Ulkusblutung entsteht durch Säure-Pepsin-Schädigung und entzündliche Gewebsdestruktion ein Defekt, der bis in arterielle Gefäße reichen kann; betroffen sind häufig Äste der A. gastroduodenalis oder submuköse Gefäße im Magen. Bei Varizenblutungen beruht die Blutung auf einer Ruptur dilatierter submuköser Venen infolge portaler Hypertension. Der erhöhte portalvenöse Druck, die dünnwandige Gefäßstruktur und Gerinnungsstörungen bei Leberinsuffizienz verstärken das Risiko.

    Die klinische Manifestation hängt von Blutungsstärke, -dauer und -ort ab. Eine obere Blutung führt klassisch zu Hämatemesis oder Meläna, da Hämoglobin im Kontakt mit Magensäure und Darmbakterien abgebaut wird. Eine sehr starke obere Blutung kann jedoch auch als Hämatochezie imponieren. Untere Blutungen verursachen häufiger frisches oder dunkelrotes Blut per anum. Bereits ein akuter Blutverlust von etwa >15 % des Blutvolumens kann Tachykardie und orthostatische Beschwerden auslösen; bei Verlusten über 30 bis 40 % drohen Hypotonie, Minderperfusion und Schock.

    Parallel entwickeln sich systemische Kompensationsmechanismen mit Sympathikusaktivierung, Vasokonstriktion und Renin-Angiotensin-Aldosteron-Aktivierung. Laborchemisch kann das Hämoglobin initial noch normal sein, weil die Hämodilution zeitverzögert einsetzt. Bei Verdacht auf obere Blutung kann ein erhöhter Harnstoff durch intestinale Resorption von Blutabbauprodukten auffallen. Wiederholte oder chronische Blutungen führen zur Eisenmangelanämie.

    Merke: Die Schwere der GI-Blutung wird nicht allein durch den Hb-Wert bestimmt, sondern vor allem durch Vitalparameter, Blutungsverlauf und Organperfusion.

    Symptome

    Die Symptomatik richtet sich nach Blutungsquelle, Geschwindigkeit des Blutverlusts und Begleiterkrankungen. Leitsymptome der oberen GI-Blutung sind Hämatemesis (frisches rotes oder kaffeesatzartiges Erbrechen) und Meläna. Bei sehr starker Blutung kann auch eine Hämatochezie auftreten, was klinisch wichtig ist, da dies nicht automatisch für eine untere Blutungsquelle spricht. Typische Begleitsymptome sind epigastrische Schmerzen bei Ulkuskrankheit, retrosternales Brennen bei Ösophagitis, Würgereiz vor Blutung bei Mallory-Weiss-Läsion und Zeichen chronischer Lebererkrankung bei Varizenblutung.

    Bei der unteren GI-Blutung steht der Blutabgang per anum im Vordergrund. Hellrotes Blut spricht eher für eine distale Quelle, dunkelrotes Blut eher für proximalere kolorektale oder massive obere Blutungen. Divertikelblutungen sind häufig schmerzlos, während ischämische, infektiöse oder entzündliche Kolitiden oft mit krampfartigen Bauchschmerzen, Tenesmen, Durchfall und Fieber einhergehen. Chronisch okkulte Blutverluste manifestieren sich durch Leistungsminderung, Blässe, Belastungsdyspnoe und Eisenmangelanämie.

    Warnzeichen einer schweren Blutung sind Tachykardie, Hypotonie, Kaltschweißigkeit, Synkope, Verwirrtheit, Oligurie und Zeichen des hämorrhagischen Schocks. Bei älteren Patienten und unter Betablockern kann die Tachykardie allerdings fehlen. Klinisch sollte immer nach Medikamenten gefragt werden, insbesondere nach ASS, Clopidogrel, NSAR, DOAKs, Phenprocoumon sowie nach Alkoholabusus und Vorerkrankungen wie Zirrhose oder bekannter Ulkusanamnese.

    Merke: Meläna spricht für Blutkontakt im oberen GI-Trakt, ist aber nicht beweisend; Hämatochezie kann auch Ausdruck einer massiven oberen GI-Blutung sein.

    Diagnostik

    Die Diagnostik beginnt mit der sofortigen Einschätzung von Airway, Breathing, Circulation (ABC). Bei jedem Verdacht auf relevante GI-Blutung sind wiederholte Vitalzeichen, großlumige venöse Zugänge, Blutgruppenbestimmung und Kreuzblut essenziell. Zum Basislabor gehören Blutbild, Gerinnung mit INR/Quick und aPTT, Thrombozyten, Kreatinin, Harnstoff, Elektrolyte, Leberwerte, Laktat sowie bei Bedarf arterielle oder venöse Blutgasanalyse. Der Hb-Wert kann initial noch unauffällig sein und darf die klinische Einschätzung nicht verzögern.

    Die Ösophagogastroduodenoskopie (ÖGD) ist bei vermuteter oberer GI-Blutung das diagnostische und zugleich therapeutische Verfahren der Wahl. Leitlinien empfehlen bei akuter oberer GI-Blutung in der Regel eine Endoskopie innerhalb von 24 Stunden, bei instabilen Patienten oder Verdacht auf Varizenblutung deutlich früher, oft innerhalb von 12 Stunden. Endoskopisch erfolgt bei Ulkusblutungen die Risikoeinschätzung nach Forrest. Bei vermuteter unterer GI-Blutung ist die Ileokoloskopie das zentrale Verfahren, nach hämodynamischer Stabilisierung und, wenn möglich, Darmvorbereitung. Bei aktiver schwerer Blutung kann eine CT-Angiographie die Blutungsquelle rasch lokalisieren; sie detektiert Blutungsraten ungefähr ab 0,3 bis 0,5 ml/min. Die konventionelle Angiographie erlaubt zusätzlich eine Embolisation.

    Bei unklarer oder persistierender Blutung trotz oberer und unterer Endoskopie kommen Kapselendoskopie, tiefe Enteroskopie oder Schnittbilddiagnostik des Dünndarms infrage. Eine digitale rektale Untersuchung gehört zur Basisdiagnostik. Risikostratifizierungen wie der Glasgow-Blatchford-Score und der Rockall-Score unterstützen das Management, ersetzen aber nicht die klinische Beurteilung.

    Merke: Goldstandard der Akutdiagnostik ist die frühzeitige Endoskopie, weil sie Diagnose, Risikoeinschätzung und Blutstillung in einer Sitzung ermöglicht.

    Differentialdiagnosen

    Die wichtigsten Differentialdiagnosen ergeben sich zunächst aus der Frage, ob es sich tatsächlich um eine Blutung aus dem Gastrointestinaltrakt handelt. Bei Hämatemesis müssen eine Hämoptyse aus dem Respirationstrakt, verschlucktes Blut etwa nach Epistaxis sowie selten eine pseudo-hämorrhagische Verfärbung durch Nahrungsmittel oder Medikamente abgegrenzt werden. Bei schwarzem Stuhl kommen Eisenpräparate, Wismut oder bestimmte Nahrungsmittel als Ursache eines Pseudomeläna in Betracht. Frisches Blut auf dem Stuhl kann aus analen Fissuren, Hämorrhoiden oder proktologischen Erkrankungen stammen und muss von einer relevanten proximalen Blutung unterschieden werden.

    Als kausale Differentialdiagnosen der oberen GI-Blutung sind insbesondere Ulkusblutung, erosive Gastritis, Mallory-Weiss-Syndrom, Ösophagus- oder Fundusvarizen, Refluxösophagitis, Dieulafoy-Läsion, aortoenterale Fistel und obere GI-Tumoren wichtig. Bei Patienten nach Aortenrekonstruktion oder EVAR ist die seltene aortoenterale Fistel eine absolute Ausschlussdiagnose, da sie hochletal verläuft. Für die untere GI-Blutung müssen Divertikelblutung, Angiodysplasie, ischämische Kolitis, chronisch-entzündliche Darmerkrankung, infektiöse Kolitis, kolorektales Karzinom, postpolypektomische Blutung und Meckel-Divertikel bedacht werden.

    Bei Kreislaufinstabilität ohne offensichtliche Blutung sind auch extraintestinale Ursachen des hämorrhagischen Schocks zu prüfen, etwa rupturiertes Aortenaneurysma, intraabdominelle Blutung oder gynäkologische Blutung. Eine isolierte Anämie ohne sichtbare Blutung kann auf okkulte GI-Blutung, aber auch auf hämatologische Erkrankungen, Hämolyse oder renale Anämie hinweisen.

    Merke: Nicht jedes Blut per os oder per anum stammt sicher aus dem Gastrointestinaltrakt; Epistaxis, Hämoptyse und Proktologika sind häufige diagnostische Fallstricke.

    Therapie

    Die Therapie orientiert sich an Schweregrad, Lokalisation und Ursache. Initial stehen Airway-Management, Sauerstoffgabe bei Hypoxie, zwei großlumige i.v.-Zugänge, Volumentherapie mit balancierten Kristalloiden und eine frühzeitige Vorbereitung auf Transfusion im Vordergrund. Nach aktueller Evidenz wird bei akuter GI-Blutung meist eine restriktive Transfusionsstrategie empfohlen: Erythrozytenkonzentrate bei stabilem Patienten in der Regel ab einem Hb von etwa <7 g/dl, bei kardiovaskulärer Vorerkrankung häufig ab <8 g/dl oder symptomorientiert. Gerinnungsstörungen werden gezielt korrigiert; bei Vitamin-K-Antagonisten kommen je nach Situation Prothrombinkomplexkonzentrat plus Vitamin K infrage, bei Dabigatran Idarucizumab 5 g i.v., bei Faktor-Xa-Inhibitoren je nach Verfügbarkeit Andexanet alfa oder PCC.

    Bei vermuteter nichtvariköser oberer GI-Blutung wird präendoskopisch häufig ein Protonenpumpenhemmer gegeben, etwa Pantoprazol 80 mg i.v. als Bolus, gefolgt von 8 mg/h über 72 Stunden oder intermittierend hochdosiert. Endoskopisch erfolgt die Blutstillung mittels Adrenalin-Injektion in Kombination mit Clips, thermischer Koagulation oder Hämostasepulver. Bei Ulkusblutung mit Hochrisikostigmata ist die kombinierte endoskopische Therapie Standard. Bei Varizenblutung sind sofort vasoaktive Medikamente indiziert, z. B. Terlipressin 2 mg i.v. alle 4 Stunden oder Octreotid je nach lokalem Standard, zusätzlich eine Antibiotikaprophylaxe wie Ceftriaxon 1 g i.v./Tag für bis zu 7 Tage. Endoskopisch ist die Ligatur der Ösophagusvarizen Mittel der Wahl. Bei Therapieversagen kommen Ballontamponade, selbstexpandierende Stents oder TIPS in Betracht.

    Bei unterer GI-Blutung erfolgt die endoskopische Blutstillung koloskopisch durch Clips, Unterspritzung oder Thermoverfahren. Bei anhaltender aktiver Blutung ohne endoskopische Kontrolle sind CT-Angiographie und anschließend interventionell-radiologische Embolisation wichtige Optionen. Eine chirurgische Therapie ist heute Reserveverfahren, aber indiziert bei persistierender hämodynamisch relevanter Blutung trotz Endoskopie/Intervention, bei Perforation, malignitätsverdächtigen Befunden oder nicht beherrschbarer Divertikel- bzw. Ulkusblutung. Relevante Leitlinien sind die ESGE-Leitlinien zur nichtvarikösen und varikösen oberen GI-Blutung sowie deutschsprachig die S2k-Leitlinie Leberzirrhose der AWMF für die Varizenblutung.

    Merke: Die definitive Therapie ist meist endoskopisch; Chirurgie und Angiographie sind essenziell, wenn die Blutung endoskopisch nicht sicher beherrscht werden kann.

    Prognose

    Die Prognose hängt entscheidend von Ursache, Blutungsintensität, Alter, Komorbidität und der Zeit bis zur effektiven Blutstillung ab. Insgesamt ist die Prognose bei rascher Diagnostik und standardisiertem Management deutlich besser als früher, bleibt aber insbesondere bei älteren multimorbiden Patienten ernst. Bei nichtvarikösen oberen GI-Blutungen liegt die Letalität in modernen Serien meist bei etwa 2 bis 10 %. Die Rezidivblutungsrate nach endoskopisch behandelter Ulkusblutung beträgt je nach Forrest-Stadium, Komedikation und adäquater PPI-Therapie ungefähr 10 bis 20 %. Ungünstige Prognosefaktoren sind Schock bei Aufnahme, hoher Transfusionsbedarf, aktive Blutung endoskopisch, Antikoagulation und relevante Begleiterkrankungen.

    Bei Varizenblutungen ist die Prognose deutlich stärker von der zugrunde liegenden Lebererkrankung abhängig. Die 6-Wochen-Mortalität ist trotz moderner Therapie weiterhin relevant und steigt mit dem Child-Pugh- oder MELD-Score. Patienten mit dekompensierter Zirrhose, Niereninsuffizienz und Enzephalopathie haben ein besonders hohes Risiko. Dagegen ist die Prognose bei Mallory-Weiss-Läsionen oder selbstlimitierenden Divertikelblutungen oft gut.

    Langfristig ist nicht nur die Beherrschung der Akutblutung wichtig, sondern auch die Sekundärprophylaxe. Dazu zählen Helicobacter-Eradikation, konsequente PPI-Protektion bei zwingender NSAR/ASS-Therapie, Anpassung antithrombotischer Medikation sowie bei Varizenblutung die Kombination aus nichtselektivem Betablocker und endoskopischer Ligatur. Eine unklare Eisenmangelanämie muss immer weiter abgeklärt werden, weil sich dahinter ein kolorektales Karzinom oder eine andere strukturelle Läsion verbergen kann.

    Merke: Nicht die Blutung allein, sondern Komorbidität und Rezidivrisiko bestimmen die Langzeitprognose.

    Prävention

    Die Prävention richtet sich nach den zugrunde liegenden Risikofaktoren. Besonders wichtig ist ein rationaler Einsatz von NSAR und Thrombozytenaggregationshemmern. Patienten mit erhöhtem Risiko für Ulkusblutungen – etwa Alter über 65 Jahre, Ulkusanamnese, gleichzeitige Einnahme von ASS, Steroiden oder Antikoagulanzien – sollten bei erforderlicher NSAR- oder ASS-Therapie eine PPI-Prophylaxe erhalten, beispielsweise Pantoprazol 20–40 mg/Tag. Bei nachgewiesener Helicobacter-pylori-Infektion senkt eine Eradikation das Rezidivrisiko ulkusbedingter Blutungen deutlich.

    Bei Leberzirrhose ist die Primär- und Sekundärprävention der Varizenblutung leitlinienrelevant. Dazu gehören Screening-Endoskopien je nach Zirrhosestadium und bei Hochrisikovarizen eine Primärprophylaxe mit Carvedilol oder anderen nichtselektiven Betablockern nach individueller Situation. Alkoholabstinenz, Behandlung viraler Hepatitiden und Vermeidung hepatotoxischer Noxen reduzieren indirekt das Blutungsrisiko. Für die untere GI-Blutung gibt es keine generelle Prophylaxe, aber die strukturierte Kolonkarzinomfrüherkennung ist klinisch bedeutsam.

    Nach akuter Blutung sollte die antithrombotische Therapie interdisziplinär überprüft werden, da sowohl unnötiges Absetzen als auch zu frühe Wiederaufnahme problematisch sein können. Die Entscheidung hängt vom thromboembolischen Risiko und der gesicherten Blutstillung ab.

    Merke: Die wirksamsten präventiven Maßnahmen sind PPI bei Risikomedikation, Helicobacter-Eradikation und konsequentes Management der Leberzirrhose.

    Komplikationen

    Akute Komplikationen der gastrointestinalen Blutung sind vor allem hämorrhagischer Schock, Myokardischämie, akutes Nierenversagen, zerebrale Minderperfusion, Aspirationsereignisse und Tod. Bereits moderater Blutverlust kann bei älteren oder kardial vorerkrankten Patienten eine Typ-2-Myokardischämie auslösen. Massive obere Blutungen bergen zusätzlich das Risiko einer Aspiration, insbesondere bei Vigilanzminderung oder fortgesetztem Hämatemesis. Bei persistierender Blutung drohen Gerinnungsstörungen, Hypothermie und Azidose im Sinne der „lethal triad“ des schweren Blutverlusts.

    Spezifische Komplikationen hängen von der Ursache ab. Bei Varizenblutung sind bakterielle Infektionen, hepatische Enzephalopathie, Aszitesdekompensation und frühe Rezidivblutung klinisch besonders relevant. Bei ulkusbedingter Blutung kann eine zugrunde liegende Perforation oder Penetration vorliegen. Unterer GI-Blutung können ischämische Kolitis, Darmischämie oder ein okkultes Karzinom zugrunde liegen, sodass das Übersehen der Ursache selbst eine schwere Komplikation darstellt.

    Auch diagnostische und therapeutische Maßnahmen sind nicht risikofrei. Endoskopische Blutstillung kann selten zu Perforation, postinterventioneller Blutung oder Sedierungskomplikationen führen. Nach interventionell-radiologischer Embolisation sind Organischämien möglich, im Kolon allerdings selten. Chirurgische Eingriffe bei instabilen Patienten sind mit erhöhter Morbidität und Mortalität verbunden.

    Langfristig führen wiederholte oder okkulte Blutungen zu chronischer Eisenmangelanämie, Leistungsminderung, Hospitalisationsbedürftigkeit und erhöhter Sturz- und Frailty-Gefahr im Alter.

    Merke: Die gefährlichste Komplikation ist der hämorrhagische Schock; die häufigste Langzeitfolge wiederholter Blutungen ist die Eisenmangelanämie.

    Häufige Fragen

    Ist eine gastrointestinale Blutung immer ein Notfall?

    Eine sichtbare Blutung aus dem Magen-Darm-Trakt sollte immer ärztlich rasch abgeklärt werden. Besonders bei Bluterbrechen, schwarzem Stuhl, Schwindel, Schwäche oder Kreislaufproblemen handelt es sich um einen akuten Notfall.

    Was bedeuten schwarzer Stuhl oder frisches Blut im Stuhl?

    Schwarzer, teerartiger Stuhl spricht oft für Blut aus dem oberen Verdauungstrakt. Frisches rotes Blut kann aus dem unteren Darm oder aus dem Analbereich stammen, bei starker Blutung aber auch aus dem oberen Magen-Darm-Trakt kommen.

    Muss bei einer GI-Blutung immer operiert werden?

    Nein. Die meisten Blutungen können heute endoskopisch gestillt werden, zum Beispiel mit Clips, Unterspritzung oder Ligatur. Eine Operation ist nur nötig, wenn Endoskopie und Radiologie die Blutung nicht sicher beherrschen oder Komplikationen vorliegen.

    Quellen

    1. Gralnek IM, Stanley AJ, Morris AJ et al. Endoscopic diagnosis and management of nonvariceal upper gastrointestinal hemorrhage: ESGE Guideline. Endoscopy. 2021.
    2. de Franchis R, Bosch J, Garcia-Tsao G et al. Baveno VII – Renewing consensus in portal hypertension. J Hepatol. 2022.
    3. Jameson JL, Fauci AS, Kasper DL et al. Harrison's Principles of Internal Medicine. 21st ed. McGraw-Hill.
    4. Schölmerich J, Schreyer AG, Fleig WE et al. DGVS/Gastroenterologie Lehrbuch, aktuelle Auflagen, Springer.
    5. AWMF S2k-Leitlinie Leberzirrhose, Langfassung, aktuelle Fassung.
    6. Brunicardi FC, Andersen DK, Billiar TR et al. Schwartz's Principles of Surgery. 12th ed. McGraw-Hill.
    Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel wurde von Dr. Dr. Michael Vollmer verfasst und von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer fachlich geprüft, zuletzt aktualisiert am 1. April 2026. Er dient der fachlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

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