Speicheldrüsentumoren: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie
Speicheldrüsentumoren sind benigne oder maligne Neoplasien der großen und kleinen Speicheldrüsen. Klinisch stehen meist eine langsam progrediente,.
Definition
Speicheldrüsentumoren sind benigne oder maligne Neoplasien der großen und kleinen Speicheldrüsen. Klinisch stehen meist eine langsam progrediente, oft schmerzlose Raumforderung in der Parotisregion oder seltener im Bereich der Submandibularis, Sublingualis oder der kleinen Speicheldrüsen im Vordergrund. Die Entitäten sind histologisch außerordentlich heterogen; die WHO-Klassifikation beschreibt zahlreiche benigne und maligne Tumorformen, wobei das pleomorphe Adenom der häufigste benigne und das Mucoepidermoidkarzinom einer der häufigsten malignen Tumoren ist.
Die ICD-10-Kodierung C08 umfasst bösartige Neubildungen sonstiger und nicht näher bezeichneter großer Speicheldrüsen; in der klinischen Praxis werden unter dem Oberbegriff Speicheldrüsentumoren jedoch auch benigne Läsionen mitbetrachtet. Für die Beurteilung der Dignität sind Wachstumsdynamik, Schmerz, Fazialisfunktion, Konsistenz, Lymphknotenstatus sowie die Bildgebung und Zytologie bzw. Histologie entscheidend.
Merke: Etwa 80 % der Speicheldrüsentumoren entstehen in der Parotis; dort sind rund 75–80 % benign, während Tumoren der kleinen Speicheldrüsen und der Sublingualis deutlich häufiger maligne sind.
Epidemiologie
Speicheldrüsentumoren sind insgesamt seltene Neoplasien. Die jährliche Inzidenz liegt je nach Register und Population bei etwa 0,5–2 Fällen pro 100.000 Einwohner für maligne Speicheldrüsentumoren; alle Speicheldrüsenneoplasien zusammen sind häufiger, machen aber nur etwa 3–6 % aller Kopf-Hals-Tumoren aus. Rund 70–80 % aller Speicheldrüsentumoren betreffen die Glandula parotis, etwa 10–15 % die Glandula submandibularis, weniger als 1 % die Glandula sublingualis und etwa 10–20 % die kleinen Speicheldrüsen der Mundhöhle, des Gaumens und des Oropharynx.
Die Wahrscheinlichkeit einer Malignität hängt stark von der Lokalisation ab: In der Parotis sind ungefähr 20–25 % der Tumoren maligne, in der Submandibularis etwa 35–45 %, in den kleinen Speicheldrüsen etwa 40–60 % und in der Sublingualis sogar bis zu 70–90 %. Das mittlere Erkrankungsalter liegt für benigne Tumoren meist zwischen dem 4. und 6. Lebensjahrzehnt, für maligne Tumoren eher im 5. bis 7. Lebensjahrzehnt. Ein klarer Geschlechtsunterschied besteht insgesamt nicht, einzelne Entitäten zeigen jedoch Präferenzen: Der Warthin-Tumor tritt häufiger bei Männern bzw. starken Rauchern auf, während pleomorphe Adenome etwas häufiger bei Frauen beschrieben werden.
Histologisch ist das pleomorphe Adenom mit etwa 45–60 % aller Speicheldrüsentumoren die häufigste benigne Läsion. Der Warthin-Tumor macht in westlichen Kollektiven etwa 5–15 % aus, überwiegend in der Parotis. Unter den malignen Tumoren gehören Mucoepidermoidkarzinom, adenoidzystisches Karzinom, Azinuszellkarzinom und salivary duct carcinoma zu den klinisch wichtigsten Entitäten.
Merke: Je kleiner und seltener die betroffene Speicheldrüse, desto höher ist statistisch die Wahrscheinlichkeit, dass der Tumor maligne ist.
Ätiologie
Die Ätiologie von Speicheldrüsentumoren ist multifaktoriell und für die Mehrzahl der Fälle nicht vollständig geklärt. Im Gegensatz zu Plattenepithelkarzinomen des oberen Aerodigestivtrakts spielen Alkohol und klassische Tabakassoziation für die meisten Speicheldrüsenkarzinome eine geringere Rolle. Eine wichtige Ausnahme ist der Warthin-Tumor, der deutlich mit Nikotinkonsum assoziiert ist; Raucher haben ein mehrfach erhöhtes Risiko, in manchen Studien etwa ein 8-fach erhöhtes Erkrankungsrisiko.
Als gesicherter Risikofaktor gilt ionisierende Strahlung. Nach therapeutischer Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich oder nach Strahlenexposition in der Kindheit ist das Risiko für spätere Speicheldrüsenneoplasien erhöht. Zudem werden berufliche Expositionen gegenüber Nickelverbindungen, Silikastaub, Asbest, Gummiindustrie- oder Holzstaubbelastung diskutiert, wenngleich die Evidenz nicht für alle Expositionen gleich stark ist. Virusassoziationen sind nur für spezielle Konstellationen relevant, etwa eine EBV-Assoziation bei lymphoepithelialen Karzinomen in endemischen Populationen.
Molekularpathologisch sind charakteristische genetische Alterationen bekannt: Pleomorphe Adenome zeigen häufig PLAG1- oder HMGA2-Rearrangements. Das Mucoepidermoidkarzinom ist oft mit einer CRTC1/3-MAML2-Fusion assoziiert, die diagnostisch und prognostisch relevant sein kann. Beim sekretorischen Karzinom findet sich typischerweise die ETV6-NTRK3-Fusion, was therapeutisch bei fortgeschrittener Erkrankung bedeutsam werden kann. Für das adenoidzystische Karzinom sind MYB- bzw. MYBL1-assoziierte Veränderungen typisch.
Begünstigende Faktoren können außerdem langjährige vorbestehende benigne Tumoren sein, insbesondere die maligne Transformation eines pleomorphen Adenoms zum Carcinoma ex pleomorphic adenoma. Die absolute Transformationswahrscheinlichkeit ist zwar gering, steigt aber mit der Tumordauer und bei Rezidiven an.
Merke: Ein lange bestehender, scheinbar „ruhiger“ Parotisknoten ist nicht automatisch harmlos; insbesondere das pleomorphe Adenom kann über Jahre entarten oder rezidivieren, wenn es unvollständig entfernt wird.
Pathogenese
Die Pathogenese der Speicheldrüsentumoren spiegelt die komplexe Histologie der Speicheldrüsen wider. Aus duktalen, azinären, myoepithelialen und basalzelligen Differenzierungslinien können sehr unterschiedliche Tumorentitäten hervorgehen. Diese Heterogenität erklärt, warum Speicheldrüsenneoplasien makroskopisch ähnlich erscheinen können, histologisch jedoch ein breites biologisches Spektrum von indolent benign bis hochaggressiv maligne aufweisen.
Das pleomorphe Adenom entsteht typischerweise aus epithelialen und myoepithelialen Tumorkomponenten mit charakteristisch gemischtem, chondromyxoidem Stroma. Es wächst meist langsam und verdrängend, besitzt aber häufig mikroskopische Pseudopodien oder Satellitenknötchen über die scheinbare Kapsel hinaus. Genau dies erklärt die relevante Rezidivneigung nach Enukleation. Der Warthin-Tumor ist dagegen ein zystisch-papillärer Tumor mit onkozytärem Epithel und lymphatischem Stroma; er ist oft multifokal oder bilateral.
Bei malignen Tumoren bestimmen Infiltrationsverhalten, perineurales Wachstum, lymphovaskuläre Invasion, Grading und molekulare Alterationen die Biologie. Das adenoidzystische Karzinom ist klassisch für ausgeprägte perineurale Ausbreitung bekannt; klinisch kann dies zu Schmerz, Dysästhesien oder späteren Hirnnervenstörungen führen. Das Mucoepidermoidkarzinom zeigt ein variables Spektrum von low-grade bis high-grade und besteht aus mukösen, epidermoid differenzierten und Intermediärzellen. Das salivary duct carcinoma ähnelt biologisch eher aggressiven duktalen Mammakarzinomen und kann HER2-Überexpression oder Androgenrezeptor-Expression aufweisen.
Tumorprogression führt zu lokaler Invasion in Haut, Kaumuskulatur, Mandibula oder Schädelbasis sowie zur zervikalen Lymphknotenmetastasierung, insbesondere bei höhergradigen Karzinomen. Fernmetastasen betreffen vor allem Lunge, Knochen und Leber. Für die Stadieneinteilung ist die TNM-Klassifikation essenziell.
Merke: Perineurales Wachstum ist ein Leitsignal für Malignität, besonders beim adenoidzystischen Karzinom, und erklärt Schmerzen oder sensible bzw. motorische Hirnnervenausfälle.
Symptome
Das klinische Leitsymptom ist in den meisten Fällen eine schmerzlose, langsam zunehmende Schwellung im Bereich der betroffenen Speicheldrüse. Bei Parotistumoren findet sich typischerweise eine präaurikuläre oder retromandibuläre Raumforderung, bei Submandibularistumoren eine tastbare Verhärtung unterhalb des Unterkieferrands. Tumoren der kleinen Speicheldrüsen präsentieren sich häufig als submuköse, derbe Raumforderung am harten oder weichen Gaumen, an der Wangenschleimhaut, Lippe oder im Oropharynx.
Benigne Tumoren wie pleomorphes Adenom oder Warthin-Tumor sind meist gut verschieblich, langsam wachsend und verursachen lange Zeit keine weiteren Beschwerden. Der Warthin-Tumor kann zystisch imponieren und gelegentlich fluktuieren. Malignitätsverdächtig sind dagegen eine rasche Größenzunahme, Schmerzen, eine derbe Fixierung, Hautinfiltration, Ulzeration der Schleimhaut, Trismus, Dysphagie oder eine tastbare zervikale Lymphadenopathie.
Ein besonders wichtiges Warnsignal ist die Fazialisparese bei Parotistumoren. Eine präoperative Einschränkung der mimischen Muskulatur ist hochgradig suspekt auf ein malignes Geschehen mit Nerveninfiltration. Weitere neurologische Symptome können Parästhesien, Hypästhesien oder neuralgiforme Schmerzen sein. Beim adenoidzystischen Karzinom kann Schmerz aufgrund perineuralen Wachstums früh auftreten, obwohl der Tumor klinisch relativ klein erscheint.
Tumoren kleiner Speicheldrüsen werden oft erst spät entdeckt, weil sie zunächst wenig Beschwerden verursachen. Im Gaumenbereich fallen eine Schwellung, Druckgefühl, Prothesenpassstörung oder nasale Sprache auf. Größere Tumoren können die Mundöffnung beeinträchtigen oder zu Schlaf- und Schluckstörungen führen.
Merke: Schmerz, Fazialisparese, rasches Wachstum und Lymphknoten sind die vier wichtigsten klinischen Alarmzeichen für einen malignen Speicheldrüsentumor.
Diagnostik
Die Diagnostik beginnt mit einer sorgfältigen Anamnese und klinischen Untersuchung. Erfragt werden Wachstumsgeschwindigkeit, Schmerz, Nikotinexposition, frühere Bestrahlung, frühere Tumoren und die Dauer des Befundes. Klinisch sind Lokalisation, Größe, Verschieblichkeit, Haut- oder Schleimhautbeteiligung, Lymphknotenstatus und insbesondere die Funktion des N. facialis zu dokumentieren. Eine komplette Hirnnervenuntersuchung ist bei Verdacht auf Malignität obligat.
Bildgebend ist die Sonographie die initiale Methode der Wahl bei oberflächlichen Läsionen und zervikalem Lymphknotenstaging. Sie erlaubt Aussagen zu Größe, Binnenstruktur, Zystik und Vaskularisation. Für die präoperative Ausdehnungsdiagnostik ist die MRT mit Kontrastmittel häufig am wertvollsten, insbesondere bei tiefem Parotislappen, Tumoren kleiner Speicheldrüsen, Schädelbasisnähe und Verdacht auf perineurales Wachstum. Die CT ist sinnvoll bei knöcherner Beteiligung oder wenn eine MRT nicht möglich ist. Bei fortgeschrittenen malignen Tumoren kann eine CT von Hals/Thorax zum Staging erfolgen; bei ausgewählten Fällen wird eine PET-CT eingesetzt.
Zur Gewebesicherung ist die Feinnadelaspirationszytologie (FNAC) weit verbreitet; sie ist minimalinvasiv und hat in erfahrenen Händen eine hohe Spezifität. Alternativ oder ergänzend kann eine Core-Needle-Biopsy durchgeführt werden, insbesondere wenn eine präzisere histologische Subtypisierung erforderlich ist. Eine offene Inzisionsbiopsie der Parotis wird wegen des Risikos von Tumorzellverschleppung und Fazialisverletzung in der Regel vermieden. Bei kleinen Speicheldrüsentumoren der Mundhöhle kann dagegen eine Inzisionsbiopsie sinnvoll sein.
Laborparameter sind unspezifisch und dienen eher der Operations- bzw. Therapiefähigkeitsbeurteilung. Der Goldstandard der definitiven Diagnosestellung ist die histopathologische Untersuchung des Resektats inklusive Immunhistochemie und bei Bedarf Molekulardiagnostik. Maligne Tumoren werden nach TNM/UICC klassifiziert.
Merke: Die Kombination aus Klinik + Sonographie + MRT + FNAC/Core-Biopsy ist der Standardweg zur präoperativen Dignitäts- und Ausdehnungsbeurteilung.
Differentialdiagnosen
Die Differentialdiagnose einer Speicheldrüsenschwellung ist breit und umfasst sowohl neoplastische als auch entzündliche, obstruktive und zystische Erkrankungen. Häufige benigne Differenzialdiagnosen sind Sialadenitis, Sialolithiasis, reaktive intraglanduläre Lymphknoten, Lymphoepithelialzysten, branchiogene Zysten in atypischer Lage sowie vaskuläre Malformationen. Eine schmerzhafte, nahrungsabhängige Schwellung spricht eher für eine Obstruktion oder Entzündung als für einen Tumor.
Im Bereich der Parotis müssen insbesondere pleomorphes Adenom, Warthin-Tumor, Mucoepidermoidkarzinom, Azinuszellkarzinom, adenoidzystisches Karzinom und salivary duct carcinoma voneinander abgegrenzt werden. Zudem können sich Metastasen in intraparotidealen Lymphknoten, vor allem von kutanen Plattenepithelkarzinomen und Melanomen des Kopfes, als vermeintlicher Parotistumor präsentieren. Auch Lymphome der Speicheldrüsen, insbesondere bei Sjögren-Syndrom, sind differentialdiagnostisch relevant.
Bei Tumoren der kleinen Speicheldrüsen am Gaumen kommen zusätzlich Plattenepithelkarzinom, Minor-salivary-gland-Mucocele, nekrotisierende Sialometaplasie, Mukoepidermoidkarzinom, polymorphes Adenokarzinom und mesenchymale Tumoren in Betracht. Die nekrotisierende Sialometaplasie ist klinisch besonders wichtig, da sie ulzerieren und ein Karzinom imitieren kann, histologisch jedoch benign ist.
Systemische Erkrankungen wie Sjögren-Syndrom, Sarcoidose, IgG4-assoziierte Sialadenitis oder HIV-assoziierte Parotisläsionen können zu Drüsenschwellungen führen und müssen in passendem klinischem Kontext erwogen werden. Bei bilateralen oder multifokalen Parotisläsionen ist neben dem Warthin-Tumor auch an systemische Ursachen zu denken.
Merke: Nicht jede Parotisschwellung ist ein primärer Speicheldrüsentumor; besonders wichtig sind Metastasen, Lymphome und entzündlich-obstruktive Erkrankungen als klinisch relevante Differentialdiagnosen.
Therapie
Die Therapie richtet sich nach Lokalisation, Histologie, Grading, TNM-Stadium, Fazialisbeteiligung und der Operabilität. Grundpfeiler ist bei resektablen Tumoren die chirurgische Entfernung in sano. Benigne Parotistumoren werden heute meist mittels extrakapsulärer Dissektion bei kleinen, mobil gelegenen Läsionen oder mittels superfizieller bzw. lateraler Parotidektomie behandelt; bei tiefem Lappen oder ausgedehnteren Tumoren kann eine totale Parotidektomie erforderlich sein. Entscheidend ist die Schonung des N. facialis, soweit onkologisch vertretbar. Eine reine Enukleation ist wegen erhöhter Rezidivrate, insbesondere beim pleomorphen Adenom, obsolet.
Bei malignen Tumoren ist eine onkologische Resektion mit Sicherheitsabstand Standard. Bei Infiltration des N. facialis muss dieser ggf. mitreseziert und, wenn möglich, primär rekonstruiert werden. Je nach Stadium und Histologie erfolgt eine selektive oder modifizierte radikale Neck-Dissection, insbesondere bei klinisch/radiologisch positivem Hals oder hohem Risiko okkulter Metastasierung. Für Submandibularis- und kleine Speicheldrüsentumoren gelten entsprechende onkologische Resektionsprinzipien, häufig in interdisziplinärer Kooperation zwischen MKG-Chirurgie, HNO, Radioonkologie und Pathologie.
Die postoperative Radiotherapie ist nach aktuellen Kopf-Hals-Onkologie-Empfehlungen indiziert bei R1/R2-Resektion, pT3/4, nodal positiver Erkrankung, high-grade-Histologie, perineuraler oder lymphovaskulärer Invasion sowie bei extraglandulärer Ausbreitung. Übliche Dosen liegen bei etwa 60–66 Gy, bei makroskopischem Resttumor bis etwa 70 Gy. Eine primäre Radiochemotherapie hat im Vergleich zu Plattenepithelkarzinomen eine geringere Evidenz; systemische Therapien werden vor allem bei rezidivierter/metastasierter oder inoperabler Erkrankung eingesetzt.
Medikamentös kommen je nach Histologie und Molekularprofil u. a. Cisplatin (z. B. 100 mg/m² alle 3 Wochen oder 40 mg/m² wöchentlich im Radiochemotherapie-Kontext), Carboplatin/Paclitaxel, CAP-Schemata oder zielgerichtete Optionen infrage. Bei HER2-positivem salivary duct carcinoma kann Trastuzumab in Kombination mit Chemotherapie erwogen werden. Bei Androgenrezeptor-positiven Tumoren kommen antiandrogene Konzepte zum Einsatz. Bei NTRK-Fusion sind Larotrectinib oder Entrectinib hochrelevante Optionen. Die Therapieplanung sollte sich an aktuellen Empfehlungen der AWMF-Leitlinien zu Speicheldrüsenkarzinomen bzw. Kopf-Hals-Tumoren, der NCCN/ESMO sowie interdisziplinären Tumorboards orientieren.
Merke: Die kurative Standardtherapie resektabler Speicheldrüsentumoren ist die Operation; bei malignen Tumoren verbessert die adjuvante Radiotherapie in Risikokonstellationen die lokale Kontrolle deutlich.
Prognose
Die Prognose von Speicheldrüsentumoren ist stark abhängig von Histologie, Grading, Tumorstadium, Resektionsstatus, Fazialisbeteiligung, Lymphknotenstatus und dem Vorliegen von Fernmetastasen. Für benigne Tumoren ist die Prognose nach vollständiger Resektion insgesamt sehr gut. Beim pleomorphen Adenom liegen die Rezidivraten nach adäquater moderner Chirurgie meist im niedrigen einstelligen Prozentbereich, während sie nach früher praktizierter Enukleation deutlich höher waren. Warthin-Tumoren rezidivieren selten, können aber multifokal oder bilateral auftreten.
Bei malignen Speicheldrüsentumoren variiert die Prognose erheblich. Low-grade-Mucoepidermoidkarzinome oder Azinuszellkarzinome haben häufig günstige Langzeitergebnisse, während high-grade-Karzinome, salivary duct carcinoma oder fortgeschrittene adenoidzystische Karzinome eine deutlich ungünstigere Prognose aufweisen. Die 5-Jahres-Überlebensraten liegen in populationsbasierten Kollektiven grob zwischen 50 und 80 %, mit erheblichen Unterschieden je nach Entität und Stadium. Für frühe, niedriggradige Tumoren sind Werte von >80–90 % möglich, bei fortgeschrittenen high-grade-Tumoren deutlich darunter.
Das adenoidzystische Karzinom ist prognostisch besonders, da es trotz oft relativ langsamen lokalen Wachstums zu späten Rezidiven und Fernmetastasen, vor allem in die Lunge, neigt. Deshalb ist eine langfristige Nachsorge über viele Jahre erforderlich. Negative Prognosefaktoren sind R1/R2-Resektion, perineurales Wachstum, nodaler Befall, hohes Grading, T3/T4-Stadium und eine präoperative Fazialisparese.
Neben dem onkologischen Ergebnis spielt die funktionelle Prognose eine zentrale Rolle. Nach Parotidektomie können temporäre Fazialisparesen relativ häufig auftreten; permanente Paresen sind seltener, aber klinisch bedeutsam. Weitere Langzeitfolgen sind Frey-Syndrom, Speichelfistel, Sensibilitätsstörungen und kosmetische Asymmetrien.
Merke: Für die Langzeitprognose zählen nicht nur „benigne vs. maligne“, sondern vor allem Histologie, Grading und vollständige Resektion.
Prävention
Eine spezifische Primärprävention für Speicheldrüsentumoren existiert nicht, da die Ursachen nur teilweise bekannt sind. Sinnvoll ist jedoch die Reduktion beeinflussbarer Risikofaktoren. Besonders gut belegt ist die Assoziation des Warthin-Tumors mit Rauchen; daher ist ein konsequenter Nikotinverzicht medizinisch plausibel. Auch unnötige Strahlenexposition im Kopf-Hals-Bereich sollte vermieden werden, wobei dies vor allem ein allgemeines radiologisches und strahlenschutzmedizinisches Prinzip darstellt.
Für Patientinnen und Patienten ist die wichtigste „sekundäre Prävention“ die frühzeitige Abklärung jeder persistierenden Speicheldrüsenschwellung, insbesondere wenn diese über Wochen bis Monate besteht, langsam zunimmt oder mit Schmerzen bzw. neurologischen Symptomen einhergeht. Eine frühe Diagnosestellung verbessert die Chance auf eine vollständige chirurgische Resektion und damit auf Heilung oder dauerhafte Tumorkontrolle.
Nach Behandlung eines Speicheldrüsentumors ist die strukturierte Nachsorge entscheidend. Sie dient der Früherkennung von Rezidiven, Zweittumoren und therapiebedingten Komplikationen. Bei malignen Tumoren werden in den ersten Jahren engmaschigere klinische Kontrollen empfohlen, ergänzt durch bildgebende Verfahren je nach Histologie, Risiko und Symptomen.
Merke: Die wichtigste praktische Präventionsmaßnahme ist nicht ein Screening, sondern die frühe Vorstellung bei persistierender Speicheldrüsenschwellung und der konsequente Rauchstopp.
Komplikationen
Komplikationen ergeben sich sowohl aus dem natürlichen Verlauf der Erkrankung als auch aus der Therapie. Unbehandelte oder spät erkannte maligne Speicheldrüsentumoren können lokal in Haut, Muskulatur, Mandibula, Schädelbasis oder den Parapharyngealraum infiltrieren. Bei Parotiskarzinomen ist die Infiltration des N. facialis besonders bedeutsam und führt zu funktionell wie psychosozial schwerwiegender Fazialisparese. Höhergradige Karzinome metastasieren in zervikale Lymphknoten und hämatogen bevorzugt in Lunge, Knochen und Leber.
Eine spezifische onkologische Komplikation benigner Tumoren ist die Rezidivbildung, insbesondere beim pleomorphen Adenom nach unvollständiger Entfernung. Rezidive sind oft multinodulär und operativ deutlich schwieriger zu behandeln als Primärtumoren. Darüber hinaus besteht bei langjährigem Verlauf ein Risiko der malignen Transformation zum Carcinoma ex pleomorphic adenoma, auch wenn dies insgesamt selten ist.
Postoperative Komplikationen nach Parotidektomie oder Resektion anderer Speicheldrüsentumoren umfassen Nachblutung, Hämatom, Wundinfektion, Serom, Speichelfistel und sensible Ausfälle, z. B. durch Läsion des N. auricularis magnus. Besonders relevant sind temporäre oder permanente Fazialisparesen. Das Frey-Syndrom mit gustatorischem Schwitzen und Rötung der Parotisregion tritt Monate bis Jahre nach der Operation bei einem relevanten Anteil der Patienten auf. Weitere Probleme sind kosmetische Einsenkungen, Narbenbeschwerden und Kieferklemme.
Nach Radiotherapie können Xerostomie, Mukositis, Dysphagie, Geschmacksstörungen, Osteoradionekrose und Weichgewebefibrosen auftreten. Bei multimodaler Therapie ist daher eine engmaschige supportive Mitbetreuung inklusive Zahnstatussanierung, Ernährungsmedizin und Logopädie wichtig.
Merke: Die klinisch wichtigsten Komplikationen sind Fazialisparese, lokoregionäres Rezidiv, Fernmetastasierung und therapiebedingte Funktionsstörungen wie Frey-Syndrom oder Xerostomie.
Häufige Fragen
Sind Speicheldrüsentumoren meistens gutartig?
Ja, insbesondere in der Ohrspeicheldrüse sind die meisten Tumoren gutartig. Trotzdem sollte jede neu aufgetretene oder langsam wachsende Schwellung ärztlich abgeklärt werden, weil die Wahrscheinlichkeit einer Bösartigkeit je nach betroffener Drüse deutlich variiert.
Woran merkt man, dass ein Speicheldrüsentumor bösartig sein könnte?
Warnzeichen sind rasches Wachstum, Schmerzen, eine harte schlecht verschiebliche Schwellung, Lymphknoten am Hals und vor allem eine Schwäche der Gesichtsmuskulatur. Sicher unterscheiden lässt sich gutartig von bösartig aber nur durch Bildgebung und Gewebeuntersuchung.
Wie wird ein Speicheldrüsentumor behandelt?
Die wichtigste Behandlung ist meist die Operation. Bei bösartigen Tumoren kommt je nach Befund zusätzlich eine Bestrahlung und in fortgeschrittenen Situationen auch eine medikamentöse Therapie infrage.
Quellen
- AWMF S3-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mundhöhlenkarzinoms und angrenzender Kopf-Hals-Tumoren / Leitlinienprogramm Onkologie, aktuelle Fassung
- NCCN Clinical Practice Guidelines in Oncology: Head and Neck Cancers, aktuelle Version
- WHO Classification of Head and Neck Tumours. 5th ed. IARC, 2022
- Barnes L, Eveson JW, Reichart P, Sidransky D. World Health Organization Classification of Tumours. Pathology and Genetics of Head and Neck Tumours. IARC Press
- Gnepp DR. Diagnostic Surgical Pathology of the Head and Neck. 3rd ed. Elsevier
- Witt RL et al. Contemporary management of benign and malignant parotid tumors. Otolaryngologic Clinics of North America / relevante Übersichtsarbeiten
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