Status epilepticus: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie
Der Status epilepticus (SE) ist ein neurologischer Notfall, bei dem ein epileptischer Anfall pathologisch prolongiert verläuft oder sich wiederholte.
Definition
Der Status epilepticus (SE) ist ein neurologischer Notfall, bei dem ein epileptischer Anfall pathologisch prolongiert verläuft oder sich wiederholte Anfälle ohne vollständige Wiedererlangung des Bewusstseins zwischen den Episoden ereignen. Nach der heute gebräuchlichen ILAE-Definition ist beim generalisiert-konvulsiven Status epilepticus bereits ab 5 Minuten (Zeitpunkt t1) von einer behandlungsbedürftigen Situation auszugehen; ab etwa 30 Minuten (t2) steigt das Risiko bleibender neuronaler Schäden deutlich an. Klinisch werden konvulsive, nicht-konvulsive sowie fokale Statusformen unterschieden.
Für die Akutmedizin ist entscheidend, dass der Status epilepticus keine rein epileptologische, sondern eine vital bedrohliche systemische Erkrankung ist: Hypoxie, Azidose, Hyperthermie, Katecholaminexzess, Rhabdomyolyse, Aspiration und Kreislaufinstabilität können innerhalb kurzer Zeit auftreten. Deshalb müssen Diagnostik und Therapie parallel erfolgen. Therapeutisch gilt ein stufenweises Vorgehen mit sofortiger Sicherung der Vitalfunktionen, rascher Gabe eines Benzodiazepins und frühzeitigem Einsatz einer Zweitlinientherapie.
Merke: Ein generalisiert-konvulsiver Anfall, der länger als 5 Minuten dauert, ist bis zum Beweis des Gegenteils als Status epilepticus zu behandeln.
Epidemiologie
Der Status epilepticus gehört zu den häufigsten neurologischen Notfällen. Die jährliche Inzidenz liegt je nach Definition, Alter und Erfassungssystem bei etwa 10 bis 40 pro 100.000 Einwohner, in manchen populationsbasierten Untersuchungen auch darüber. Es zeigt sich eine bimodale Altersverteilung: Besonders häufig betroffen sind Kleinkinder sowie ältere Erwachsene, vor allem Menschen über 60 Jahre. Bei älteren Patientinnen und Patienten dominieren akute symptomatische Ursachen wie Schlaganfall, metabolische Entgleisungen oder ZNS-Infektionen; bei Kindern spielen Fieberkrämpfe, akute Infekte und strukturelle oder genetische Epilepsiesyndrome eine größere Rolle.
Der generalisiert-konvulsive Status epilepticus ist die klinisch auffälligste Form, jedoch wird der nicht-konvulsive Status epilepticus (NCSE) wahrscheinlich unterschätzt, insbesondere auf Intensivstationen, bei Delir, Enzephalopathien oder protrahierter Vigilanzminderung. Bei kritisch kranken Patientinnen und Patienten mit ungeklärter Bewusstseinsstörung kann die EEG-basierte Nachweisrate eines NCSE je nach Kollektiv 10 bis 30 % erreichen.
Die Letalität hängt stark von Ursache, Alter, Statusform und Therapieverzögerung ab. In populationsbezogenen Kohorten liegt die Krankenhausletalität grob bei 10 bis 20 %, bei akut symptomatischen Ursachen, Anoxie oder therapierefraktären Verläufen deutlich höher. Ein refraktärer Status epilepticus entwickelt sich trotz adäquater Erst- und Zweitlinientherapie bei etwa 20 bis 40 % der Fälle. Prognostisch besonders ungünstig sind hohes Alter, Hypoxieschaden, schwere metabolische Ursachen, Sepsis, Tumorerkrankungen und ein verzögerter Therapiebeginn.
Merke: Die Prognose des Status epilepticus wird weniger von der Anfallsform allein als von Ursache, Alter und Behandlungsverzögerung bestimmt.
Ätiologie
Die Ursachen des Status epilepticus sind heterogen und müssen in der Akutsituation systematisch erfasst werden. Grundsätzlich werden akut symptomatische, remote symptomatische, progressive, medikamentös-toxische, metabolische und unbekannte Ursachen unterschieden. Bei Erwachsenen sind zerebrovaskuläre Erkrankungen die häufigste Ursache; dazu zählen insbesondere ischämischer Schlaganfall, intrazerebrale Blutung und subarachnoidale Blutung. Weitere wichtige Auslöser sind ZNS-Infektionen wie Enzephalitis oder Meningitis, Schädel-Hirn-Trauma, Hirntumoren, postoperative Zustände sowie hypoxisch-ischämische Hirnschäden.
Ein großer Anteil der Fälle tritt bei bekannter Epilepsie auf. Hier sind Non-Adhärenz, abruptes Absetzen antiseizure medications, Schlafentzug, Alkoholentzug, fieberhafte Infekte oder pharmakokinetische Interaktionen häufige Trigger. Zu den metabolischen Ursachen gehören Hypoglykämie, Hyperglykämie, Hyponatriämie, Hypokalzämie, Urämie, Leberversagen und schwere Säure-Basen-Störungen. Toxische Auslöser umfassen Alkohol, Kokain, Amphetamine, Theophyllin, Tramadol, Bupropion, Isoniazid und verschiedene Intoxikationen oder Entzugssyndrome.
Bei immunsupprimierten oder onkologischen Patientinnen und Patienten müssen autoimmune Enzephalitiden, opportunistische Infektionen und leptomeningeale Metastasierung mitgedacht werden. Im Wochenbett sind Eklampsie und hypertensive Enzephalopathien wichtige Differenzialursachen. Bei Kindern spielen zusätzlich Fieberkrämpfe, genetische Epilepsiesyndrome und Stoffwechselerkrankungen eine Rolle.
In etwa 15 bis 30 % der Fälle bleibt die Ursache initial unklar. Gerade beim neu aufgetretenen refraktären Status epilepticus (NORSE) muss früh an autoimmune, parainfektiöse oder seltene entzündliche Genesen gedacht werden.
Merke: Beim Erwachsenen ist der Status epilepticus oft Symptom einer akuten Hirnerkrankung und nicht primär Ausdruck einer idiopathischen Epilepsie.
Pathogenese
Pathophysiologisch beruht der Status epilepticus auf einer Störung des Gleichgewichts zwischen inhibitorischer und exzitatorischer neuronaler Aktivität. Eine unzureichende GABAerge Hemmung und/oder vermehrte glutamaterge Exzitation führen zu einer sich selbst aufrechterhaltenden epileptischen Netzwerkaktivität. Im Verlauf kommt es zu einer zellulären und systemischen Dynamik, die die Behandlung zunehmend erschwert: GABA-A-Rezeptoren werden internalisiert, während exzitatorische NMDA-vermittelte Mechanismen dominieren. Dies erklärt, warum Benzodiazepine mit zunehmender Anfallsdauer an Wirksamkeit verlieren und ein frühes therapeutisches Eingreifen entscheidend ist.
Parallel zur neuronalen Hyperaktivität entstehen erhebliche systemische Belastungen. In der Frühphase stehen Sympathikusaktivierung, Tachykardie, Hypertonie, Hyperglykämie und gesteigerter Sauerstoffverbrauch im Vordergrund. Bei prolongiertem Verlauf drohen dann Hypoxämie, Hypotonie, Laktatazidose, Hyperthermie, Rhabdomyolyse, Hyperkaliämie, Arrhythmien und Multiorgankomplikationen. Zerebral kann die anhaltende epileptische Aktivität zu zerebralem Energieversagen, gestörter Autoregulation, Hirnödem und letztlich strukturellem Schaden führen.
Besonders relevant ist die Unterscheidung von t1 und t2 nach ILAE: t1 markiert den Zeitpunkt, ab dem ein Anfall wahrscheinlich nicht mehr spontan sistiert und behandelt werden muss; t2 den Zeitpunkt, ab dem langfristige Folgen wie neuronale Schädigung, Netzwerkumbau und funktionelle Defizite wahrscheinlicher werden. Beim generalisiert-konvulsiven SE liegt t1 bei etwa 5 Minuten, t2 bei etwa 30 Minuten. Für fokale oder nicht-konvulsive Formen sind die Zeitgrenzen weniger scharf, oft deutlich länger, klinisch aber ebenfalls relevant.
Merke: Mit jeder Minute anhaltender epileptischer Aktivität sinkt die Wahrscheinlichkeit einer spontanen Sistierung und steigt das Risiko für Therapieresistenz und Organschaden.
Symptome
Das klinische Bild hängt von der Statusform ab. Der konvulsive Status epilepticus präsentiert sich meist mit anhaltenden oder repetitiven tonisch-klonischen Krampfaktivitäten, fehlender Reorientierung zwischen den Anfällen, Zyanose, Tachykardie, Hypertonie, Speichelfluss, Zungenbiss und möglicher Harn- oder Stuhlinkontinenz. In der Frühphase können die motorischen Phänomene eindrucksvoll sein; im weiteren Verlauf nehmen sichtbare Konvulsionen manchmal ab, während die epileptische Aktivität fortbesteht. Dies kann in einen subtilen oder nicht-konvulsiven Verlauf übergehen.
Der nicht-konvulsive Status epilepticus ist diagnostisch anspruchsvoller. Typische Symptome sind Bewusstseinsstörung, Verlangsamung, Desorientierung, Verwirrtheit, Delir, Agitiertheit, Aphasie, Blickdeviation, Automatismen, Myoklonien geringer Amplitude oder fluktuierende Vigilanz. Besonders auf Intensivstationen oder nach scheinbar sistiertem Krampfanfall muss bei persistierender Bewusstseinsstörung an einen NCSE gedacht werden. Auch fokale Statusformen mit erhaltenem Bewusstsein kommen vor, etwa mit repetitiven Zuckungen einer Extremität, sensorischen Phänomenen, Dysphasie oder visuellen Symptomen.
Begleitend können Fieber, Aspiration, Hypoxie, metabolische Entgleisungen, Laktaterhöhung und Verletzungen auftreten. Länger dauernde Anfälle führen nicht selten zu Hyperthermie, Hypotonie und respiratorischer Insuffizienz. Klinisch relevant ist, dass scheinbar "psychogene" oder diskrete Symptome einen NCSE nicht ausschließen.
Leitsymptome sind daher: Anfall > 5 Minuten, wiederholte Anfälle ohne komplettes Erwachen, ungeklärte persistierende Bewusstseinsstörung und fortbestehende neurologische Defizite nach einem Anfall.
Merke: Eine anhaltende Vigilanzminderung nach einem Krampfanfall ist so lange Status epilepticus, bis das EEG das Gegenteil belegt.
Diagnostik
Die Diagnostik des Status epilepticus erfolgt parallel zur Akuttherapie und folgt dem ABCDE-Prinzip. Zunächst stehen Atemwegssicherung, Sauerstoffgabe, Monitoring, Kapillarblutzucker und venöser Zugang im Vordergrund. Schon prähospital oder in der Notaufnahme müssen rasch reversible Ursachen ausgeschlossen werden, insbesondere Hypoglykämie. Eine orientierende Akutdiagnostik umfasst Blutgasanalyse, Elektrolyte (Na, K, Ca, Mg), Nieren- und Leberwerte, CRP/Leukozyten, CK, Laktat, Toxikologie nach Klinik, Schwangerschaftstest bei gebärfähigen Patientinnen sowie Medikamentenspiegel, sofern relevant.
Das EEG ist der Goldstandard zum Nachweis eines nicht-konvulsiven Status epilepticus und zur Beurteilung persistierender epileptischer Aktivität nach klinischem Sistieren eines Anfalls. Bei ungeklärter Bewusstseinsstörung sollte daher frühzeitig ein Routine-EEG oder, bei Intensivpatienten, möglichst ein kontinuierliches EEG erfolgen. Bildgebend ist die kranielle CT in der Akutsituation häufig die erste Wahl, um Blutung, raumfordernde Läsion oder Schlaganfall zu erkennen; die MRT ist sensitiver für entzündliche, ischämische oder strukturelle Ursachen.
Bei Fieber, Immunsuppression, Meningismus oder Verdacht auf Enzephalitis ist nach Ausschluss einer raumfordernden Läsion eine Liquordiagnostik obligat. Bei Verdacht auf autoimmune Enzephalitis sind Antikörperdiagnostik und weiterführende Tumorsuche relevant. EKG, Troponin und ggf. Echokardiographie können bei schweren Verläufen oder differenzialdiagnostisch sinnvoll sein.
Wichtig ist die zeitliche Einordnung: 0–5 Minuten Erkennen und Basismaßnahmen, 5–20 Minuten Benzodiazepin, 20–40 Minuten Zweitlinientherapie, danach Evaluation auf refraktären SE und intensivmedizinische Eskalation.
Merke: Beim konvulsiven Status ist die klinische Diagnose oft sofort möglich; beim nicht-konvulsiven Status entscheidet das EEG.
Differentialdiagnosen
Die wichtigste Differentialdiagnose eines Status epilepticus sind psychogene nicht-epileptische Anfälle (PNES). Hinweise auf PNES können asynchrone oder wechselnde Bewegungsmuster, länger anhaltende Augenpressung, erhaltene Schutzreflexe und fehlende postiktale Phase sein; allerdings ist die klinische Abgrenzung unsicher, und ein simultanes Vorliegen epileptischer und psychogener Ereignisse ist möglich. Daher darf bei vitaler Gefährdung keine relevante Therapieverzögerung entstehen.
Weitere wichtige Differenzialdiagnosen sind Synkope mit konvulsiven Zuckungen, insbesondere bei Arrhythmien oder orthostatischer Dysregulation, sowie hypoglykämische Episoden, hypertensive Enzephalopathie, Delir, Intoxikationen, Entzugssyndrome und metabolische Enzephalopathien. Bei fokalen oder nicht-konvulsiven Verläufen müssen Schlaganfall/TIA, Migräneaura, transiente globale Amnesie, Enzephalitis, Autoimmunenzephalitis und funktionelle neurologische Störungen berücksichtigt werden.
Bei Kindern sind komplizierte Fieberkrämpfe, bei Schwangeren und Wöchnerinnen Eklampsie, bei älteren Menschen postiktale Zustände, Demenzdelir und metabolisch-toxische Ursachen besonders relevant. Auch extrapyramidale Krisen, Tetanus, Schüttelfrost bei Sepsis sowie Myoklonien nach Reanimation können epileptische Aktivität imitieren.
Die differenzialdiagnostische Einordnung erfolgt anhand von Anamnese, Fremdanamnese, klinischem Verlauf, Labor, EKG, Bildgebung und insbesondere EEG. Entscheidend ist, dass Differentialdiagnosen die Notfalltherapie nicht verzögern dürfen, wenn die klinische Wahrscheinlichkeit eines Status epilepticus hoch ist.
Merke: Die wichtigste DD des sichtbaren Krampfanfalls ist die konvulsive Synkope, die wichtigste DD einer persistierenden Bewusstseinsstörung der nicht-konvulsive Status epilepticus selbst.
Therapie
Die Therapie des Status epilepticus ist ein zeitkritischer Notfallalgorithmus und orientiert sich an Empfehlungen der ILAE, der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) sowie intensivmedizinischen Standards. Zuerst erfolgen ABCDE, Sauerstoffgabe, Seitenlagerung bzw. Atemwegssicherung, Monitoring, venöser Zugang und sofortige Blutzuckerkontrolle. Bei Hypoglykämie werden z. B. 40–60 ml Glukose 40 % i.v. oder äquivalente Dosen verabreicht; bei Alkoholabhängigkeit ist Thiamin 100 mg i.v. vor oder mit Glukose sinnvoll. Fieber, Elektrolytstörungen und Intoxikationen werden parallel behandelt.
Erstlinie (etabliertes SE, 5–20 Minuten): Ein Benzodiazepin ist Therapie der Wahl. Geeignet sind Lorazepam 0,1 mg/kg i.v. (typisch 4 mg, einmal wiederholbar), alternativ Diazepam 10 mg i.v. oder Midazolam 10 mg i.m. bei fehlendem venösen Zugang. Intranasales oder bukkales Midazolam ist prähospital ebenfalls effektiv.
Zweitlinie (20–40 Minuten): Bei ausbleibender Kontrolle erfolgt eine nicht-sedierende antiseizure-Therapie, z. B. Levetiracetam 60 mg/kg i.v. (max. 4.500 mg), Valproat 30–40 mg/kg i.v. oder Fosphenytoin/Phenytoin 20 mg PE/kg bzw. mg/kg i.v.. Die randomisierte ESETT-Studie zeigte für diese Optionen eine vergleichbare Wirksamkeit im etablierten benzodiazepinrefraktären SE. Die Auswahl richtet sich nach Komorbiditäten: Valproat eher nicht bei schwerer Lebererkrankung oder Schwangerschaft, Phenytoin/Fosphenytoin mit Vorsicht bei Rhythmusstörungen, Levetiracetam ist pharmakokinetisch günstig und in der Notfallpraxis häufig bevorzugt.
Refraktärer SE: Persistiert der Status trotz Benzodiazepin plus Zweitlinientherapie, ist eine intensivmedizinische Behandlung mit Narkoseinduktion erforderlich, etwa mit Propofol, Midazolam oder Thiopental, meist unter Beatmung und EEG-Steuerung. Beim superrefraktären SE kommen zusätzliche Strategien wie Ketamin, Immuntherapie bei Autoimmunverdacht, ketogene Ernährung oder epilepsiechirurgische/interventionelle Verfahren in spezialisierten Zentren infrage.
Merke: Die wirksamste Maßnahme gegen Eskalation und Refraktärität ist die frühe, ausreichend dosierte Benzodiazepin-Gabe.
Prognose
Die Prognose des Status epilepticus ist variabel und hängt in hohem Maß von Ätiologie, Alter, Dauer, Statusform und Refraktärität ab. Günstiger ist die Prognose bei rasch behandelbaren Ursachen, bekannter Epilepsie mit Medikamentenfehler oder akuter Non-Adhärenz, während sie bei hypoxisch-ischämischem Hirnschaden, schwerem Schlaganfall, Enzephalitis, Sepsis, malignen Tumoren und im höheren Lebensalter deutlich schlechter ist. Die Letalität des generalisiert-konvulsiven SE liegt in vielen Serien bei etwa 10 bis 20 %, kann bei älteren multimorbiden Intensivpatienten oder bei anoxischer Ursache aber deutlich darüber liegen.
Auch bei Überleben sind neurologische Residuen möglich: kognitive Defizite, Gedächtnisstörungen, fokale Defizite, Verschlechterung einer vorbestehenden Epilepsie oder funktioneller Abbau. Besonders relevant ist der Übergang in einen refraktären oder superrefraktären Status, der mit längerer Beatmungsdauer, intensivmedizinischen Komplikationen und schlechterem Langzeit-Outcome verbunden ist. Der nicht-konvulsive Status epilepticus ist prognostisch heterogen; milde Formen bei bekannter Epilepsie können gutartig verlaufen, während NCSE bei schwerer Enzephalopathie Ausdruck einer gravierenden Hirnschädigung sein kann.
Für die Prognose ist die Ursache meist entscheidender als die Anfallsdauer allein, dennoch korreliert eine Therapieverzögerung mit erhöhter Morbidität. Deshalb hat die prähospitale und frühstationäre Behandlung einen erheblichen Einfluss auf das Outcome. Nach überstandenem SE sind Ursachenabklärung, Optimierung der antikonvulsiven Langzeittherapie, Schulung zur Notfallmedikation und ggf. neurologische Rehabilitation wichtig.
Merke: Nicht jeder Status epilepticus hinterlässt bleibende Schäden, aber jeder unbehandelte oder verspätet behandelte Status verschlechtert die Prognose.
Prävention
Die Prävention des Status epilepticus richtet sich vor allem nach den zugrunde liegenden Ursachen. Bei bekannter Epilepsie sind regelmäßige Einnahme der antikonvulsiven Dauertherapie, Vermeidung eines abrupten Absetzens, Behandlung von Infekten, ausreichend Schlaf und die Reduktion individueller Trigger zentral. Für Patientinnen und Patienten mit erhöhtem Risiko für protrahierte Anfälle sollte ein schriftlicher Notfallplan vorliegen, inklusive Anweisung zur Anwendung einer Notfallmedikation wie bukkalem oder intranasalem Midazolam.
Im stationären Bereich können eine engmaschige Überwachung bei akuten ZNS-Erkrankungen, frühzeitige Korrektur von Hypoglykämie, Hyponatriämie oder Hypokalzämie sowie eine strukturierte Delir- und Medikamentenprüfung präventiv wirken. Bei Alkoholentzug, Intoxikationen oder schweren Stoffwechselentgleisungen ist die rechtzeitige kausale Therapie essenziell. Schwangere mit Präeklampsie benötigen eine konsequente geburtshilflich-internistische Betreuung, um eklamptische Krampfanfälle zu verhindern.
Eine generelle Primärprävention in der Allgemeinbevölkerung existiert nicht. Relevant ist jedoch die Sekundärprävention nach überstandenem SE: genaue Ursachenabklärung, Anpassung der antiseizure medication, ggf. Fahrberatung nach geltenden rechtlichen Vorgaben und Schulung von Angehörigen zur Erkennung und Erstversorgung von Anfällen.
Merke: Die beste Prävention eines erneuten Status epilepticus ist die konsequente Behandlung der Grunderkrankung und ein klarer Notfallplan.
Komplikationen
Der Status epilepticus kann innerhalb kurzer Zeit zu schweren zerebralen und systemischen Komplikationen führen. Akut drohen Aspirationspneumonie, Hypoxämie, Ateminsuffizienz, Kreislaufinstabilität, kardiale Arrhythmien, Hyperthermie und metabolische Azidose. Durch anhaltende Muskelaktivität und Gewebeschaden können Rhabdomyolyse, Hyperkaliämie, Myoglobinurie und ein akutes Nierenversagen entstehen. Traumatische Verletzungen, Zungenbiss, Frakturen oder Luxationen sind vor allem bei heftigen konvulsiven Verläufen möglich.
Zerebral sind Hirnödem, neuronale Schädigung, prolongierte postiktale Defizite und kognitive Langzeitfolgen bedeutsam. Bei lang andauernden oder refraktären Verläufen steigt das Risiko einer persistierenden epileptischen Enzephalopathie, insbesondere bei vulnerablen Patientengruppen. Nicht selten resultieren aus der Akuttherapie selbst weitere Risiken: Benzodiazepine und Narkotika können Atemdepression, Hypotonie und prolongierte Sedierung verursachen. Bei intensivmedizinischer Behandlung drohen Beatmungskomplikationen, nosokomiale Infektionen, Thromboembolien und delirante Zustände.
Beim refraktären und superrefraktären Status epilepticus summieren sich krankheits- und therapieassoziierte Schäden. Hier sind längere Intensivaufenthalte, Tracheotomie, kritische Polyneuromyopathie und erhebliche funktionelle Einschränkungen häufig. Auch psychosoziale Folgen, etwa Verlust der Selbstständigkeit oder Einschränkungen der Fahreignung und Berufsfähigkeit, sind klinisch relevant.
Merke: Die Komplikationen des Status epilepticus entstehen sowohl durch die anhaltende Anfallsaktivität als auch durch die erforderliche Eskalationstherapie.
Häufige Fragen
Wann ist ein Anfall ein Status epilepticus?
Ein generalisiert-konvulsiver Anfall gilt bereits ab einer Dauer von mehr als 5 Minuten als behandlungsbedürftiger Status epilepticus. Auch mehrere Anfälle hintereinander ohne vollständiges Erwachen dazwischen erfüllen diese Definition.
Ist ein Status epilepticus lebensgefährlich?
Ja. Der Status epilepticus ist ein medizinischer Notfall, weil Atmung, Kreislauf und Gehirn geschädigt werden können. Je schneller die Behandlung beginnt, desto besser sind die Heilungschancen.
Kann ein Status epilepticus ohne sichtbare Krämpfe auftreten?
Ja, das nennt man nicht-konvulsiven Status epilepticus. Betroffene sind dann oft verwirrt, stark verlangsamt oder reagieren kaum, ohne deutlich zu krampfen; meist kann erst ein EEG die Diagnose sichern.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): Leitlinie Status epilepticus im Erwachsenenalter, aktuelle AWMF/DGN-Fassung
- Trinka E, Cock H, Hesdorffer D et al. A definition and classification of status epilepticus – Report of the ILAE Task Force. Epilepsia. 2015;56(10):1515-1523.
- Kapur J, Elm J, Chamberlain JM et al. Randomized Trial of Three Anticonvulsant Medications for Status Epilepticus. N Engl J Med. 2019;381:2103-2113.
- Shorvon S, Ferlisi M. The treatment of super-refractory status epilepticus: a critical review. Lancet Neurol. 2011;10(10):922-930.
- Holtkamp M, Beghi E, Benninger F et al. European expert opinion on management of status epilepticus in adults. Epilepsia. 2021;62(11):2668-2683.
- Brandt C, Bien CG, Mayer T. Epilepsien, epileptische Anfälle und Status epilepticus. In: DGNeurologie/Neurologie-Lehrwerke, aktuelle Auflagen
🔬 Prüfungsfragen zu Status epilepticus in Vorbereitung
Wir erstellen derzeit IMPP-nahe MC-Fragen zu diesem Thema. Registriere dich jetzt und erhalte als Erster Zugang.
Kostenlos registrieren & benachrichtigt werden 14 Tage kostenloser Vollzugang · Keine Kreditkarte