Anaphylaxie: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie
Anaphylaxie: Leitsymptome, Notfalltherapie mit Adrenalin, Diagnostik und Prävention nach aktuellen Leitlinien.
Definition
Die Anaphylaxie ist die schwerste Form einer akuten systemischen Überempfindlichkeitsreaktion und potenziell lebensbedrohlich. Klinisch handelt es sich um eine rasch einsetzende Reaktion mit Beteiligung mehrerer Organsysteme, insbesondere Haut, Atemwege, Kreislauf und Gastrointestinaltrakt. Die Reaktion kann immunologisch vermittelt sein, meist IgE-abhängig, oder über andere Mechanismen zur Mastzell- und Basophilenaktivierung führen. Der ICD-10-Code T78.2 bezeichnet den anaphylaktischen Schock, nicht näher bezeichnet.
Für die klinische Praxis ist entscheidend, dass eine Anaphylaxie nicht erst bei Schock vorliegt. Bereits die Kombination aus plötzlicher Exposition gegenüber einem wahrscheinlichen Auslöser und Symptomen an Haut oder Schleimhäuten plus respiratorischen oder kardiovaskulären Zeichen erfüllt häufig die klinischen Kriterien. Typisch sind Urtikaria, Angioödem, Bronchospasmus, Stridor, Hypotonie, Tachykardie, Übelkeit, Erbrechen oder Bauchkrämpfe. In schweren Fällen kommt es zum Kreislaufstillstand binnen Minuten.
Merke: Die wichtigste Sofortmaßnahme bei Anaphylaxie ist die frühzeitige intramuskuläre Gabe von Adrenalin in den anterolateralen Oberschenkel; Antihistaminika und Glukokortikoide sind nur additive Maßnahmen.
Epidemiologie
Die Anaphylaxie ist insgesamt selten, in der Notfallmedizin jedoch von hoher Relevanz, weil sie ohne sofortige Therapie tödlich verlaufen kann. Die Lebenszeitprävalenz wird in europäischen Populationen meist auf etwa 0,3 bis 2,0 % geschätzt, wobei methodische Unterschiede zwischen Registerdaten, Krankenhausdiagnosen und bevölkerungsbezogenen Erhebungen zu beachten sind. Für Deutschland und andere europäische Länder wird eine Inzidenz schwerer Anaphylaxien von ungefähr 1,5 bis 7,9 pro 100.000 Personenjahre berichtet; bei weniger schweren Verläufen liegen die tatsächlichen Zahlen wahrscheinlich höher, da milde Episoden unterdiagnostiziert bleiben.
Die häufigsten Auslöser unterscheiden sich nach Alter. Bei Kindern und Jugendlichen dominieren Nahrungsmittel wie Erdnuss, Baumnüsse, Kuhmilch, Hühnerei, Weizen und Fisch. Bei Erwachsenen sind Insektengifte von Biene und Wespe sowie Medikamente besonders relevant. Medikamentös ausgelöste Anaphylaxien treten häufig im perioperativen Umfeld auf; dabei spielen Antibiotika, Analgetika, Muskelrelaxanzien und seltener Kontrastmittel eine Rolle. Die Letalität ist insgesamt niedrig, aber klinisch bedeutsam; in europäischen Analysen wird mit ungefähr 0,05 bis 0,3 Todesfällen pro 1 Million Einwohner und Jahr gerechnet.
Risikofaktoren für schwere Verläufe sind Asthma bronchiale, insbesondere schlecht kontrolliertes Asthma, Mastozytose, höheres Lebensalter, kardiovaskuläre Vorerkrankungen, Therapie mit Betablockern oder ACE-Hemmern sowie verzögerte Adrenalingabe. Bei Insektengiftanaphylaxie und bei Patienten mit erhöhter basaler Tryptase ist das Rezidivrisiko erhöht.
Merke: Die meisten tödlichen Verläufe entstehen nicht durch Seltenheit der Erkrankung, sondern durch verzögerte Erkennung und verzögerten Adrenalineinsatz.
Ätiologie
Ätiologisch beruht die Anaphylaxie auf einer abrupten Freisetzung vasoaktiver und proinflammatorischer Mediatoren aus Mastzellen und Basophilen. Am häufigsten liegt ein IgE-vermittelter Soforttypmechanismus vor: Nach Sensibilisierung gegen ein Allergen führt der erneute Kontakt zur Kreuzvernetzung spezifischer IgE-Antikörper auf der Mastzelloberfläche und damit zur Degranulation. Klinisch wichtigste Auslöser sind Insektengifte, Nahrungsmittel und Arzneimittel. Zu den Nahrungsmitteln zählen besonders Erdnuss, Baumnüsse, Milch, Ei, Sesam, Fisch und Schalentiere. Relevante Medikamente sind Beta-Laktam-Antibiotika, NSAID, perioperative Substanzen wie Muskelrelaxanzien, seltener Biologika oder Chemotherapeutika.
Neben IgE-vermittelten Reaktionen existieren nicht-IgE-vermittelte Mechanismen, die klinisch kaum zu unterscheiden sind. Hierzu gehört die direkte Mastzellaktivierung, etwa durch manche Medikamente. Historisch wurde hierfür der Begriff „anaphylaktoid“ verwendet; dieser ist in modernen Leitlinien weitgehend verlassen worden, da das klinische Management identisch ist. Auch Kontrastmittel, Opioide und einzelne Antiinfektiva können über direkte Mastzellaktivierung reagieren. Bei körperlicher Belastung kann in Kombination mit Nahrungsmitteln eine food-dependent exercise-induced anaphylaxis auftreten.
Begünstigende Cofaktoren sind körperliche Anstrengung, Alkohol, Infekte, NSAID, emotionaler Stress, Menstruation und Hitze. Sie senken die Reaktionsschwelle und erklären, warum ein Allergen nicht bei jedem Kontakt gleich stark reagiert. Bei einem Teil der Patienten bleibt die Ursache trotz Diagnostik unklar; man spricht dann von idiopathischer Anaphylaxie. Differenzialdiagnostisch muss besonders an hereditäres Angioödem, vasovagale Synkope, Asthmaexazerbation, Sepsis und Mastozytose gedacht werden.
Merke: Ein negativer Allergietest schließt eine Anaphylaxie nicht sicher aus; Auslöser, Cofaktoren und der zeitliche Zusammenhang sind ätiologisch oft ebenso wichtig wie Laborbefunde.
Pathogenese
Pathophysiologisch steht bei der Anaphylaxie die akute Aktivierung von Mastzellen und Basophilen mit Freisetzung von Mediatoren wie Histamin, Tryptase, Leukotrienen, Prostaglandinen, Platelet-activating factor und Zytokinen im Vordergrund. Diese Mediatoren führen innerhalb von Minuten zu einer generalisierten Vasodilatation, einer erhöhten Gefäßpermeabilität, Bronchokonstriktion, Schleimhautschwellung und gesteigerter Schleimsekretion. Die Folge ist ein dramatischer intravasaler Volumenverlust mit Hypotonie, Tachykardie und in schweren Fällen distributivem Schock.
An den Atemwegen verursachen Mediatoren ein Ödem im Bereich von Zunge, Pharynx und Larynx sowie eine Kontraktion der bronchialen glatten Muskulatur. Dadurch entstehen Heiserkeit, Stridor, Giemen und Hypoxämie. Im Gastrointestinaltrakt erklären glatte Muskelkontraktion und Schleimhautödeme die typischen Symptome wie Bauchkrämpfe, Übelkeit, Erbrechen und Diarrhö. An der Haut dominieren Urtikaria, Flush und Angioödeme. Allerdings fehlen kutane Symptome in einem relevanten Anteil schwerer Verläufe, insbesondere bei rasch progredientem Kreislaufversagen.
Die Schwere der Reaktion hängt von mehreren Faktoren ab: Allergendosis, Applikationsweg, Sensibilisierungsgrad, Vorliegen von Cofaktoren und Komorbiditäten. Patienten mit Asthma entwickeln häufiger schwere respiratorische Verläufe; Patienten mit Mastozytose oder erhöhter basaler Tryptase haben ein erhöhtes Risiko schwerer systemischer Reaktionen. Betablocker können die Wirkung von Adrenalin abschwächen und die Anaphylaxie prolongieren; ACE-Hemmer können insbesondere bei Insektengiftanaphylaxie den Verlauf verschlechtern.
Biochemisch ist die Serumtryptase ein nützlicher Marker der Mastzellaktivierung. Sie steigt typischerweise innerhalb von 1 bis 2 Stunden an und fällt über mehrere Stunden wieder ab. Ein normaler Wert schließt eine Anaphylaxie aber nicht aus, besonders nicht bei nahrungsmittelinduzierten Reaktionen.
Merke: Die lebensbedrohlichen Mechanismen der Anaphylaxie sind Atemwegsobstruktion, Bronchospasmus und distributiver Schock durch Kapillarleck und Vasodilatation.
Symptome
Die Symptomatik der Anaphylaxie beginnt meist innerhalb von Minuten bis maximal wenigen Stunden nach Allergenexposition. Besonders rasche Verläufe binnen 5 bis 30 Minuten sprechen für eine schwere Reaktion. Leitsymptome betreffen mehrere Organsysteme gleichzeitig, die Ausprägung kann jedoch erheblich variieren. Am häufigsten finden sich Haut- und Schleimhautmanifestationen wie Urtikaria, generalisierter Juckreiz, Erythem, Flush und Angioödem an Lippen, Augenlidern oder Zunge. Diese sind häufig, aber nicht obligat.
Respiratorische Symptome sind prognostisch besonders bedeutsam. Dazu gehören Heiserkeit, Kloßgefühl, Dysphagie, inspiratorischer Stridor, Dyspnoe, Tachypnoe, thorakales Engegefühl und expiratorisches Giemen durch Bronchospasmus. Bei Kindern stehen respiratorische Zeichen oft im Vordergrund. Kardiovaskuläre Symptome reichen von Schwindel und Palpitationen über Hypotonie, Kollaps und Synkope bis zum Kreislaufstillstand. Gastrointestinale Beschwerden wie krampfartige Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Diarrhö sind besonders bei nahrungsmittelinduzierter Anaphylaxie häufig.
Leitlinien klassifizieren die Schwere häufig in Grad I bis IV nach Ring und Messmer. Grad I umfasst kutane Symptome, Grad II zusätzliche milde respiratorische, gastrointestinale oder kardiovaskuläre Zeichen, Grad III schwere Atemwegs- oder Kreislaufreaktionen, Grad IV Atem- oder Kreislaufstillstand. In der klinischen Realität ist jedoch weniger die Graduierung als die frühzeitige Erkennung einer dynamischen Verschlechterung entscheidend.
Wichtige Warnzeichen für einen schweren Verlauf sind rasche Progression, Atemwegsbeteiligung, Blutdruckabfall, neurologische Symptome wie Verwirrtheit oder Bewusstseinsverlust sowie fehlende Besserung nach initialer Therapie. Biphasische Verläufe mit erneutem Aufflammen der Symptomatik nach zunächst gutem Ansprechen sind möglich, werden aber insgesamt bei einer Minderheit beobachtet.
Merke: Das Fehlen von Urtikaria schließt eine Anaphylaxie nicht aus; bei fulminanten Verläufen können Atemwege und Kreislauf im Vordergrund stehen.
Diagnostik
Die Diagnose der Anaphylaxie ist in erster Linie eine klinische Notfalldiagnose. Entscheidend sind der plötzliche Symptombeginn, die zeitliche Beziehung zu einem möglichen Auslöser und die Beteiligung mehrerer Organsysteme. In der Akutsituation dürfen diagnostische Maßnahmen die Behandlung nicht verzögern. Zunächst erfolgen ABCDE-Beurteilung, Monitoring von Blutdruck, Herzfrequenz, SpO2 und Bewusstseinslage sowie die Suche nach Atemwegsgefährdung. Klinisch wegweisend sind Schleimhaut- oder Hautsymptome plus Atemwegs- oder Kreislaufbeteiligung. Bei isolierter Hypotonie nach Exposition gegenüber einem bekannten Auslöser ist ebenfalls an Anaphylaxie zu denken.
Laborchemisch kann die Serumtryptase hilfreich sein. Empfohlen wird eine erste Blutentnahme idealerweise 1 bis 2 Stunden nach Symptombeginn, gegebenenfalls eine weitere Probe im Verlauf sowie ein Basalwert nach mindestens 24 Stunden oder in beschwerdefreiem Intervall. Ein relevanter Anstieg gegenüber dem Basalwert unterstützt die Diagnose einer Mastzellaktivierung. Ein normaler Tryptasewert schließt eine Anaphylaxie jedoch nicht aus, insbesondere bei Nahrungsmittelauslösern. Weitere Akutlabore richten sich nach dem Verlauf und der Differenzialdiagnose, etwa Blutgasanalyse, Laktat, Elektrolyte, Troponin oder Entzündungsparameter.
Nach Stabilisierung folgt die allergologische Abklärung, typischerweise innerhalb von 4 bis 6 Wochen. Dazu zählen eine detaillierte Expositionsanamnese, Hauttests, spezifisches IgE, gegebenenfalls komponentenbasierte Diagnostik und in spezialisierten Zentren Provokationstests. Bei Verdacht auf Insektengiftallergie oder Mastozytose sollten basale Tryptase und gegebenenfalls weiterführende Diagnostik berücksichtigt werden. Bildgebung spielt nur indirekt eine Rolle, etwa zum Ausschluss anderer Ursachen von Dyspnoe oder Schock.
Merke: Der Goldstandard der Akutdiagnose ist die klinische Beurteilung; Tryptase ist ein unterstützender, aber kein ausschließender Marker.
Differentialdiagnosen
Die Differenzialdiagnose der Anaphylaxie umfasst mehrere akutmedizinisch relevante Zustände, die eine ähnliche Symptomkonstellation verursachen können. Besonders wichtig ist die Abgrenzung zur vasovagalen Synkope, bei der Hypotonie, Schwindel und Blässe im Vordergrund stehen. Typisch sind jedoch eher Bradykardie, kalte Haut und fehlende Urtikaria oder Bronchospasmus. Beim Asthma bronchiale oder einer schweren COPD-Exazerbation dominieren Giemen und Dyspnoe, ohne dass kutane Zeichen oder ein klarer Allergenbezug zwingend vorliegen. Bei isoliertem Larynxödem muss an hereditäres Angioödem gedacht werden, insbesondere wenn Urtikaria fehlt und die Anamnese für wiederkehrende Schwellungsattacken oder Familienanamnese spricht.
Weitere wichtige Differenzialdiagnosen sind septischer Schock, kardiogener Schock, akutes Koronarsyndrom, Lungenembolie und Panikattacke/Hyperventilationssyndrom. Eine Panikattacke kann Tachykardie, Dyspnoe und Engegefühl imitieren, erklärt aber keine Angioödeme, Hypoxämie oder ausgeprägte Hypotonie. Nach Nahrungsaufnahme sind auch Aspiration, Bolusgeschehen oder selten Scombroid-Fischvergiftung zu erwägen. Perioperativ kommen Blutungsereignisse, Medikamentennebenwirkungen und andere Formen des distributiven Schocks hinzu.
Bei Flush, Hypotonie und gastrointestinalen Symptomen ist differenzialdiagnostisch auch an ein Mastzellaktivierungssyndrom, Karzinoidsyndrom oder Phäochromozytom zu denken, wobei diese Erkrankungen meist keine typische akute Exposition und keinen abrupten Verlauf wie die Anaphylaxie zeigen. Bei Insektengiftstich muss eine ausgedehnte Lokalreaktion von der systemischen Reaktion unterschieden werden.
Praktisch gilt: Sobald nach einem wahrscheinlichen Trigger eine Kombination aus Haut-/Schleimhautsymptomen, respiratorischen Zeichen oder Kreislaufversagen auftritt, sollte bis zum Beweis des Gegenteils eine Anaphylaxie behandelt werden. Ein Zuwarten zugunsten differenzialdiagnostischer Überlegungen kann lebensgefährlich sein.
Merke: Im Zweifel ist die frühe Behandlung einer vermuteten Anaphylaxie sicherer als das riskante Abwarten auf diagnostische Eindeutigkeit.
Therapie
Die Therapie der Anaphylaxie folgt den aktuellen S2k-Leitlinien der AWMF/DDG/DGAKI und internationalen Empfehlungen der EAACI/WAO. Oberstes Prinzip ist die sofortige intramuskuläre Adrenalingabe. Erwachsene erhalten 0,5 mg Adrenalin i.m. in den anterolateralen Oberschenkel, entsprechend 0,5 ml einer 1 mg/ml-Lösung; bei Kindern werden 0,01 mg/kgKG i.m. empfohlen, maximal 0,3 mg bei kleineren und 0,5 mg bei größeren Kindern bzw. Jugendlichen. Bei unzureichendem Ansprechen kann die Dosis nach 5 bis 10 Minuten wiederholt werden. Parallel erfolgen Allergenexposition stoppen, Notruf, Lagerung nach Symptomatik, Sauerstoffgabe und engmaschiges Monitoring.
Die Lagerung ist klinisch relevant: bei Hypotonie flach mit Beinhochlagerung, bei Dyspnoe Oberkörper hoch, bei Bewusstlosigkeit stabile Seitenlage. Plötzliches Aufrichten vermeiden, da dies den Kreislaufkollaps verschlechtern kann. Sauerstoff wird hochdosiert gegeben, z. B. 6 bis 10 l/min über Maske, bei schwerer Hypoxämie mehr. Bei Hypotonie oder Schock erfolgt großzügige Volumentherapie mit kristalloiden Lösungen, initial beim Erwachsenen häufig 500 bis 1000 ml rasch, bei Bedarf mehr; bei Kindern 20 ml/kgKG. Bei persistierender Instabilität kann eine intravenöse Adrenalintherapie als Perfusor in erfahrenen Händen erforderlich sein.
Additive Medikamente sind H1-Antihistaminika wie Dimetinden 4 mg i.v. oder Clemastin 2 mg i.v. sowie Glukokortikoide, z. B. Prednisolon 250 bis 500 mg i.v. beim Erwachsenen. Diese bessern Begleitsymptome, wirken aber nicht schnell genug, um Adrenalin zu ersetzen. Bei Bronchospasmus kommen inhalative Beta-2-Sympathomimetika wie Salbutamol 2,5 bis 5 mg per Vernebler zum Einsatz. Bei Patienten unter Betablockern und refraktärem Verlauf kann Glukagon 1 bis 2 mg i.v. erwogen werden. Bei Atemwegsobstruktion ist frühzeitig an schwieriges Atemwegsmanagement bis hin zur Intubation zu denken.
Nach Stabilisierung gehören Beobachtung, Ursachenabklärung und Sekundärprävention dazu. Patienten mit gesicherter Anaphylaxie erhalten ein Notfallset mit Adrenalin-Autoinjektor, Antihistaminikum, Glukokortikoid und bei Asthma zusätzlich inhalatives Beta-2-Mimetikum. Bei Insektengiftallergie ist eine spezifische Immuntherapie hochwirksam und senkt das Risiko schwerer Reaktionen deutlich.
Merke: Adrenalin i.m. zuerst, früh und in den Oberschenkel – keine andere Maßnahme beeinflusst die Prognose so stark.
Prognose
Die Prognose der Anaphylaxie ist bei rascher Erkennung und leitliniengerechter Therapie in den meisten Fällen gut. Viele Patienten sprechen auf eine frühzeitige intramuskuläre Adrenalingabe, Sauerstoff und Volumen rasch an. Entscheidend für das Outcome ist vor allem die Zeit bis zur Adrenalingabe. Verzögerungen erhöhen das Risiko für respiratorisches Versagen, prolongierte Hypotonie, Intensivpflichtigkeit und Tod. Besonders ungünstig sind fulminante Verläufe nach parenteraler Medikamentengabe oder Insektengiftstich, bei denen Symptome innerhalb weniger Minuten eskalieren können.
Die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Verlaufs ist insgesamt gering, aber nicht vernachlässigbar. Gefährdet sind insbesondere Patienten mit schlecht kontrolliertem Asthma, vorausgegangener schwerer Anaphylaxie, Mastozytose, erhöhter basaler Tryptase, kardiovaskulären Vorerkrankungen sowie Patienten unter Betablockern. Auch jugendliche und junge erwachsene Patienten mit Nahrungsmittelanaphylaxie gelten als Risikogruppe, teils wegen verzögerter Selbsterkennung und unzureichender Notfallset-Nutzung.
Ein spezielles Prognosethema ist die biphasische Anaphylaxie, also ein Wiederauftreten der Symptomatik nach initialer Besserung ohne erneute Allergenexposition. Die Häufigkeit wird in Studien unterschiedlich angegeben, meist im Bereich von etwa 1 bis 20 %, häufiger bei schweren initialen Verläufen, verzögerter Adrenalingabe oder unzureichender Primärtherapie. Daher wird je nach Schweregrad eine klinische Überwachung empfohlen, häufig für 6 bis 24 Stunden, bei schweren oder therapierefraktären Verläufen länger.
Langfristig ist die Prognose gut, wenn Auslöser identifiziert, Cofaktoren berücksichtigt und Präventionsmaßnahmen umgesetzt werden. Bei Insektengiftallergie kann die spezifische Immuntherapie die Schutzrate auf über 90 % steigern. Eine strukturierte allergologische Nachsorge senkt Rezidivrisiko und Angstbelastung deutlich.
Merke: Die Prognose der Anaphylaxie hängt weniger vom Auslöser als von der Geschwindigkeit der Therapie und der Qualität der Sekundärprävention ab.
Prävention
Die Prävention beruht auf konsequenter Allergenkarenz, Patientenschulung und individueller Risikoreduktion. Nach jeder gesicherten oder hochgradig wahrscheinlichen Anaphylaxie sollte eine strukturierte allergologische Abklärung erfolgen, um den Auslöser sicher zu identifizieren und vermeidbare Cofaktoren zu erkennen. Bei Nahrungsmittelallergien gehören Etikettenlesen, Restaurantberatung und ein schriftlicher Notfallplan zur Basisprävention. Bei Medikamentenallergien müssen die auslösenden Substanzen sowie potenzielle Kreuzreaktionen eindeutig dokumentiert werden, idealerweise in einem Allergiepass.
Zentral ist die Verordnung eines Notfallsets mit mindestens einem Adrenalin-Autoinjektor, häufig zwei Autoinjektoren bei erhöhtem Risiko, plus Antihistaminikum und Glukokortikoid; bei obstruktiven Atemwegserkrankungen zusätzlich ein inhalatives Beta-2-Mimetikum. Patienten, Eltern, Angehörige, Lehrkräfte oder Betreuungspersonen müssen die Anwendung praktisch üben. Studien zeigen, dass viele Patienten ihren Autoinjektor entweder nicht mitführen oder im Notfall nicht korrekt anwenden; Schulung ist daher präventiv genauso wichtig wie die Verordnung selbst.
Bei Insektengiftallergie ist die spezifische Immuntherapie die wirksamste Präventionsmaßnahme und wird in Leitlinien klar empfohlen. Sie reduziert das Risiko erneuter systemischer Reaktionen bei Wespen- oder Bienengiftallergie in den meisten Fällen sehr deutlich. Zusätzlich sinnvoll sind Verhaltensmaßnahmen wie Barfußlaufen auf Wiesen vermeiden, Getränke im Freien abdecken und hektische Abwehrbewegungen bei Insektenkontakt unterlassen.
Merke: Die beste Prävention schwerer Rezidive ist die Kombination aus Auslöservermeidung, Autoinjektor-Schulung und – bei Insektengiftallergie – spezifischer Immuntherapie.
Komplikationen
Die schwerwiegendsten Komplikationen der Anaphylaxie betreffen Atemwege, Kreislauf und die sekundären Folgen der Gewebehypoperfusion. Ein rasch progredientes Larynxödem kann zu kompletter Atemwegsobstruktion führen, während ein ausgeprägter Bronchospasmus vor allem bei Patienten mit Asthma eine ventilatorische Insuffizienz verursacht. Im kardiovaskulären Bereich drohen distributiver Schock, schwere Hypotonie, Myokardischämie, Arrhythmien und Kreislaufstillstand. Das Risiko steigt mit zunehmender Verzögerung der Adrenalingabe.
Eine klinisch relevante Komplikation ist die biphasische Reaktion, bei der Stunden nach initialer Stabilisierung erneut Symptome auftreten. Deshalb ist nach jeder relevanten Anaphylaxie eine angemessene Beobachtungszeit notwendig. Unter intensivmedizinischen Bedingungen können Komplikationen auch iatrogen beeinflusst werden, etwa durch erschwerte Intubation bei oropharyngealem Ödem oder durch inadäquate Dosierung vasoaktiver Medikamente. Gleichwohl überwiegt der Nutzen einer frühen, konsequenten Therapie bei weitem.
Bei prolongierten Schockzuständen sind Laktatazidose, akute Nierenfunktionsstörung und hypoxische Organschäden möglich. Selten werden im Rahmen der Anaphylaxie ein Kounis-Syndrom mit allergieassoziiertem akuten Koronarsyndrom oder neurologische Folgeerscheinungen nach Reanimation beobachtet. Lokale oder systemische Nebenwirkungen von Adrenalin wie Tachykardie, Tremor oder Angst sind im Notfall in der Regel tolerabel; die Unterbehandlung ist wesentlich gefährlicher als eine leitliniengerechte Adrenalingabe.
Langfristig darf auch die psychische Komplikation nicht unterschätzt werden: Patienten entwickeln nicht selten erhebliche Vermeidungsängste, soziale Einschränkungen und Unsicherheit im Umgang mit möglichen Auslösern. Eine gute Nachsorge mit Aufklärung und Training kann diese Belastung deutlich senken.
Merke: Die häufigsten lebensbedrohlichen Komplikationen sind Atemwegsverschluss, schwere Bronchokonstriktion und refraktärer Schock.
Häufige Fragen
Was ist bei einer Anaphylaxie die wichtigste Sofortmaßnahme?
Die wichtigste Sofortmaßnahme ist die frühe Gabe von Adrenalin in den äußeren Oberschenkel. Danach sollten umgehend der Notruf abgesetzt, die auslösende Substanz gestoppt und die betroffene Person passend gelagert werden.
Kann eine Anaphylaxie auch ohne Hautausschlag auftreten?
Ja. Obwohl Urtikaria und Schwellungen häufig sind, können schwere Verläufe vor allem mit Atemnot, Heiserkeit, Schwindel oder Kreislaufproblemen beginnen. Deshalb ist das Fehlen eines Hautausschlags kein Ausschlusskriterium.
Brauche ich nach einer überstandenen Anaphylaxie immer einen Adrenalin-Autoinjektor?
In vielen Fällen ja, besonders wenn ein erneuter Kontakt mit dem Auslöser möglich ist oder bereits eine schwere Reaktion aufgetreten ist. Zusätzlich sind eine allergologische Abklärung und eine genaue Schulung zur Anwendung des Autoinjektors wichtig.
Quellen
- S2k-Leitlinie Akuttherapie und Management der Anaphylaxie, AWMF-Register Nr. 061-025, Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI), aktualisierte Fassung
- Ring J, Beyer K, Biedermann T et al. Guideline (S2k) on acute therapy and management of anaphylaxis. Allergo J Int. 2021
- Simons FE, Ardusso LRF, Bilò MB et al. World Allergy Organization Anaphylaxis Guidance. World Allergy Organ J. 2020
- Muraro A, Worm M, Alviani C et al. EAACI guideline: Anaphylaxis. Allergy. 2022
- Bozzola E, Traversa G, et al. Nelson Textbook of Pediatrics. Elsevier, aktuelle Auflage, Kapitel Anaphylaxis
- Jameson JL, Fauci AS, Kasper DL et al. Harrison's Principles of Internal Medicine. McGraw-Hill, aktuelle Auflage, Kapitel zu Anaphylaxis
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