Kieferfraktur: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie
Eine Kieferfraktur ist ein knöcherner Bruch des Unterkiefers (Mandibula), des Oberkiefers (Maxilla) oder des alveolären Kieferabschnitts infolge.
Definition
Eine Kieferfraktur ist ein knöcherner Bruch des Unterkiefers (Mandibula), des Oberkiefers (Maxilla) oder des alveolären Kieferabschnitts infolge eines Traumas. Klinisch relevant sind vor allem Okklusionsstörungen, Schmerzen, Schwellung, Hämatome, Krepitationen sowie funktionelle Einschränkungen beim Sprechen, Kauen und Mundöffnen. In der MKG-Chirurgie werden Kieferfrakturen topographisch unter anderem in Symphysen-, Parasymphysen-, Korpus-, Winkel-, Ramus-, Kondylen- und Le-Fort-Frakturen eingeteilt.
Die Diagnose beruht auf Anamnese, klinischer Untersuchung einschließlich Zahnstatus und Okklusion sowie bildgebend heute meist auf der CT des Gesichtsschädels. Die Therapie reicht von konservativer Behandlung bei stabilen, nicht dislozierten Frakturen bis zur offenen Reposition und internen Fixation (ORIF) mittels Miniplatten- oder Rekonstruktionsplattenosteosynthese.
Merke: Eine neu aufgetretene Bissstörung nach Gesichtstrauma ist so lange eine Kieferfraktur, bis das Gegenteil bewiesen ist.
Epidemiologie
Kieferfrakturen gehören zu den häufigsten Verletzungen des Gesichtsschädels und machen in vielen traumatologischen Kollektiven einen wesentlichen Anteil der maxillofazialen Frakturen aus. Der Unterkiefer ist aufgrund seiner exponierten Lage und ringförmigen Anatomie besonders häufig betroffen; in epidemiologischen Serien entfallen etwa 40–70 % der Gesichtsfrakturen auf die Mandibula. Innerhalb der Unterkieferfrakturen sind besonders häufig die Regionen Kondylus, Angulus und Parasymphyse betroffen, wobei die genaue Verteilung je nach Population, Unfallmechanismus und Altersstruktur variiert. Kondylenfrakturen machen in vielen Serien etwa 20–35 % der Mandibulafrakturen aus.
Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen, oft mit einem Verhältnis von ungefähr 2:1 bis 4:1. Der Altersgipfel liegt typischerweise im 2. bis 4. Lebensjahrzehnt, also zwischen etwa 20 und 40 Jahren. Bei jüngeren Erwachsenen dominieren Gewalt- und Sportunfälle, bei älteren Patientinnen und Patienten eher Sturzereignisse. Verkehrsunfälle sind weiterhin relevant, ihr relativer Anteil ist in Ländern mit konsequenter Gurt- und Helmpflicht jedoch rückläufig.
Bei Kindern sind Frakturen des Mittelgesichts insgesamt seltener, unter anderem wegen elastischerer Knochenstrukturen und eines günstigeren Weichteilmantels. Dafür haben Kondylenfrakturen im Kindesalter besondere Bedeutung, weil sie das Kieferwachstum beeinflussen können. Klinisch bedeutsam ist zudem, dass bei bis zu 50 % der Mandibulafrakturen Mehrfachfrakturen oder eine "Gegenfraktur" vorliegen können.
Merke: Wegen der ringförmigen Struktur der Mandibula sollte bei einer nachgewiesenen Unterkieferfraktur immer aktiv nach einer zweiten Frakturlinie gesucht werden.
Ätiologie
Die Ursache einer Kieferfraktur ist in aller Regel ein direktes oder indirektes Trauma auf den Gesichtsschädel. Typische Mechanismen sind Faustschläge, Stürze, Verkehrsunfälle, Fahrrad- und E-Scooter-Unfälle, Sportverletzungen sowie Arbeitsunfälle. Beim Unterkiefer führen frontale oder laterale Gewalteinwirkungen häufig nicht nur zur Fraktur am Aufprallort, sondern aufgrund der Kraftleitung auch zu einer zusätzlichen Fraktur an einer Schwachstelle, insbesondere im Bereich des Kondylus. Bei hochenergetischen Traumen sind Kombinationen mit Mittelgesichts-, Orbitaboden- oder Schädel-Hirn-Verletzungen häufig.
Prädisponierende Faktoren können die Frakturanfälligkeit erhöhen. Dazu zählen eine Atrophie des zahnlosen Unterkiefers, Osteoporose, maligne Infiltrationen, Osteomyelitis, Zysten, retinierte Weisheitszähne im Kieferwinkel sowie medikamentenassoziierte Knochenschädigungen, beispielsweise im Rahmen einer antiresorptiven Therapie. Solche Frakturen werden als pathologische Frakturen bezeichnet. Bei älteren Menschen spielt zusätzlich die verringerte Schutzfunktion des Weichteilmantels eine Rolle.
Auch der Zahnstatus beeinflusst die Frakturlokalisation: Ein impaktierter unterer Weisheitszahn kann den Knochen im Bereich des Angulus strukturell schwächen. Im Kindesalter sind aufgrund der Zahnanlagen und des Wachstums besondere anatomische Verhältnisse zu beachten. Insgesamt bestimmt die Ätiologie wesentlich das Verletzungsmuster, die Wahrscheinlichkeit von Begleitverletzungen und die Dringlichkeit der Versorgung.
Merke: Hochenergetische Kieferfrakturen sind häufig Teil eines Polytraumas und müssen immer im Kontext der ATLS-/Schockraumversorgung beurteilt werden.
Pathogenese
Pathophysiologisch entsteht die Kieferfraktur durch Überschreiten der elastischen Belastbarkeit des Knochens. Die einwirkende Kraft führt zu Druck-, Zug- und Scherbelastungen, deren Verteilung von Richtung, Stärke, Aufprallfläche und anatomischer Knochenarchitektur abhängt. Der Unterkiefer ist als hufeisenförmiger Knochen biomechanisch besonders anfällig: Trifft die Gewalt frontal auf das Kinn, wird die Kraft häufig über den Korpus in die Kondylenhälse geleitet, sodass zusätzlich oder isoliert eine Kondylenfraktur entstehen kann. Seitliche Gewalteinwirkungen führen eher zu Frakturen des Kieferwinkels oder des Korpus.
Eine wesentliche Rolle spielen die Kaumuskeln, da ihre Zugrichtung eine Dislokation der Frakturfragmente begünstigen kann. So ziehen M. masseter, temporalis und pterygoideus medialis proximal gelegene Fragmente nach kranial und medial; daraus resultieren Stufenbildung, Malokklusion und funktionelle Einschränkungen. Frakturen werden daher klinisch in günstige und ungünstige Frakturen unterteilt, je nachdem, ob Muskelzug die Dislokation verstärkt oder eher stabilisiert.
Bei Oberkiefer- und Mittelgesichtsfrakturen sind die Kraftvektoren komplexer. Die klassische Einteilung der Le-Fort-Frakturen I–III beschreibt typische Frakturebenen des Mittelgesichts. Zusätzlich können Schleimhaut, Parodont, Zähne, Nerven und Gefäße verletzt sein. Besonders relevant ist eine Läsion des N. alveolaris inferior mit Hypästhesie der Unterlippe oder des N. infraorbitalis bei Mittelgesichtsverletzungen.
Die Frakturheilung verläuft über Hämatombildung, Entzündungsphase, Kallusbildung und Remodelling. Eine gestörte Reposition, Infektion, unzureichende Immobilisation oder fortgesetzte Fehlbelastung erhöhen das Risiko für Pseudarthrose, Fehlbiss und chronische Schmerzen.
Merke: Die klinische Symptomatik erklärt sich nicht nur durch den Knochenbruch selbst, sondern maßgeblich durch Fragmentdislokation, Muskelzug und die Beteiligung von Zähnen, Schleimhaut und Nerven.
Symptome
Die Beschwerden einer Kieferfraktur hängen von Lokalisation, Dislokationsgrad und Begleitverletzungen ab. Typische Leitsymptome sind Schmerzen im Kieferbereich, eine rasch zunehmende Schwellung, Hämatome, Druckdolenz und eine Funktionsstörung beim Kauen, Sprechen oder bei der Mundöffnung. Besonders richtungsweisend ist eine neu aufgetretene Okklusionsstörung: Patientinnen und Patienten berichten, „der Biss passt nicht mehr“, einzelne Zähne treffen zu früh auf oder es besteht ein offener Biss. Daneben können Krepitationen, eine tastbare Stufenbildung, abnorme Beweglichkeit von Fragmenten und Blutungen aus Gingiva oder Mundschleimhaut auffallen.
Bei Unterkieferfrakturen sind Trismus, Schmerzen beim Mundschluss und eine Hypästhesie der Unterlippe oder des Kinns durch Beteiligung des N. alveolaris inferior häufig. Kondylenfrakturen äußern sich oft mit präaurikulären Schmerzen, eingeschränkter Mundöffnung, Abweichung des Unterkiefers zur verletzten Seite und einseitigem Vorkontakt. Bei beidseitigen Kondylenfrakturen kann ein frontaler offener Biss entstehen. Oberkiefer- und Mittelgesichtsfrakturen gehen häufiger mit Mittelgesichtsschwellung, Epistaxis, infraorbitalen Sensibilitätsstörungen, Hämatomen und Zahnreiheninstabilität einher.
Wichtig sind Zeichen möglicher Begleitverletzungen: Atemwegsgefährdung durch Blut, Schwellung oder dislozierte Fragmente, Zahnverlust mit Aspirationsrisiko, Liquorrhö bei Schädelbasisbeteiligung, Doppelbilder bei Orbitabeteiligung und neurologische Auffälligkeiten bei begleitendem Schädel-Hirn-Trauma. Offene Frakturen zeigen Schleimhautlazerationen oder eine Verbindung zur Mundhöhle und sind infektionsgefährdet.
Merke: Die Kombination aus Schmerz, Schwellung und Fehlbiss ist für die Kieferfraktur klinisch hochverdächtig; eine isolierte Schmerzsymptomatik ohne Okklusionsstörung schließt den Bruch aber nicht aus.
Diagnostik
Die Diagnostik beginnt mit der primären Traumaversorgung nach ABCDE, da bei Gesichtsverletzungen zunächst Atemweg, Blutung und neurologischer Status gesichert werden müssen. Anschließend folgen Unfallmechanismus, Zeitpunkt, Zahnstatus vor dem Trauma, Vorerkrankungen und Medikation. Bei der klinischen Untersuchung sind Gesichtsasymmetrie, Schwellung, Hämatome, Mundöffnung, Kieferbeweglichkeit, intraorale Weichteilverletzungen und vor allem die Okklusion zu beurteilen. Der Zahnstatus muss vollständig erhoben werden; fehlende oder gelockerte Zähne sind zu dokumentieren. Sensibilitätsprüfung im Versorgungsgebiet von N. infraorbitalis und N. alveolaris inferior gehört zum Standard.
Bildgebend ist bei Verdacht auf dislozierte oder komplexe Frakturen die CT des Gesichtsschädels heute in vielen Zentren der diagnostische Standard, da sie Frakturlinien, Dislokation, Mehrfachfrakturen und Begleitverletzungen zuverlässig erfasst. Bei dentoalveolären Verletzungen und ausgewählten Mandibulafrakturen können Panoramaschichtaufnahme (OPG), posteroanteriorer Schädel oder digitale Volumentomographie (DVT) ergänzend sinnvoll sein. Die CT ist besonders wichtig bei Kondylen-, Mittelgesichts- und Le-Fort-Frakturen.
Labor ist nicht primär beweisend, dient aber der OP-Vorbereitung und Begleitverletzungsdiagnostik: Blutbild, Gerinnung, CRP, Elektrolyte, Blutgruppe bei schwerem Trauma. Der Goldstandard der Fraktursicherung bei klinisch relevanter Kieferverletzung ist praktisch die querschnittsbildgebende Darstellung, meist mittels CT. Bei offenen Frakturen oder Zahnbeteiligung ist zudem die Beurteilung des Tetanusimpfstatus relevant.
Klinisch wichtig ist das systematische Suchen nach assoziierten Verletzungen: Orbitabodenfraktur, Jochbeinfraktur, Nasenbeinfraktur, Schädel-Hirn-Trauma und Halswirbelsäulenverletzung. Gerade beim Polytrauma darf die Kieferfraktur nicht isoliert betrachtet werden.
Merke: Eine normale Röntgenaufnahme schließt insbesondere Kondylen- und Mittelgesichtsfrakturen nicht sicher aus; bei klinischem Verdacht ist die CT entscheidend.
Differentialdiagnosen
Die wichtigste Differentialdiagnose ist die Kiefergelenkdistorsion oder -luxation, insbesondere wenn nach Trauma Schmerzen, Mundöffnungseinschränkung und Fehlbiss bestehen. Eine Luxation des Kiefergelenks kann klinisch ähnlich imponieren, zeigt jedoch typischerweise eine andere Gelenkstellung und kein Frakturspaltbild. Ebenfalls abzugrenzen sind Zahntraumata wie Kronenfraktur, Wurzelfraktur, Zahnlockerung oder Avulsion, die isoliert starke Schmerzen und Okklusionsprobleme verursachen können.
Bei Mittelgesichtstraumen gehören Jochbeinfraktur, Orbitabodenfraktur, Nasenbeinfraktur und isolierte Alveolarfortsatzfraktur zu den zentralen Differentialdiagnosen. Eine Jochbeinfraktur führt häufiger zu Abflachung der Wange, infraorbitaler Hypästhesie und Diplopie; die Orbitabodenfraktur eher zu Blickhebungsschmerz, Enophthalmus und Doppelbildern. Auch eine Gesichtsweichteilverletzung mit ausgeprägtem Hämatom ohne Fraktur kann palpatorisch täuschen.
Nichttraumatisch müssen bei Kieferschmerzen mit Schwellung und Sensibilitätsstörungen eine odontogene Infektion, Perikoronitis, Osteomyelitis des Kiefers, Kieferzysten, Tumoren oder eine Bisphosphonat-assoziierte Osteonekrose bedacht werden. Bei pathologischen Frakturen können primäre oder sekundäre Knochentumoren die eigentliche Ursache sein. Bei eingeschränkter Mundöffnung sind außerdem Peritonsillarabszess, Parotitis, Myoarthropathie des Kausystems und craniomandibuläre Dysfunktion relevante Differenzialdiagnosen.
Die Differenzierung erfolgt durch Anamnese, Traumakontext, klinische Untersuchung, Zahnstatus und Bildgebung. Entscheidend ist, dass eine echte Fraktur wegen möglicher Atemwegsgefährdung, Fehlheilung und Infektionsrisiken rasch erkannt wird.
Merke: Nicht jede posttraumatische Kieferschwellung ist ein Bruch – aber jede Okklusionsstörung oder Stufenbildung verlangt eine gezielte Fraktursuche.
Therapie
Die Therapie richtet sich nach Frakturlokalisation, Dislokationsgrad, Okklusionsstörung, Zahnstatus, Alter und Begleitverletzungen. Initial stehen Atemwegssicherung, Blutstillung, Analgesie und bei Polytrauma die interdisziplinäre Stabilisierung im Vordergrund. Zur Schmerztherapie eignen sich beispielsweise Ibuprofen 400–600 mg p.o. alle 8 Stunden oder Metamizol 500–1000 mg p.o./i.v. alle 6–8 Stunden, bei starken Schmerzen ggf. ergänzt durch Opioide. Offene Frakturen und kontaminierte Verletzungen erhalten perioperativ häufig eine Antibiotikaprophylaxe, z. B. Ampicillin/Sulbactam 3 g i.v. oder bei Penicillinallergie Clindamycin 600–900 mg i.v.; Dauer und Notwendigkeit variieren je nach Frakturtyp und klinischer Situation.
Konservativ können stabile, nicht oder nur gering dislozierte Frakturen ohne relevante Okklusionsstörung behandelt werden, vor allem manche nicht dislozierten Kondylenfrakturen. Dazu gehören weiche Kost für meist 4–6 Wochen, frühfunktionelle Mobilisation, Physiotherapie und engmaschige klinische Kontrollen. Eine vorübergehende intermaxilläre Fixation (IMF) kann in ausgewählten Fällen eingesetzt werden, wird aber wegen Risiken wie Aspiration, Gewichtsverlust und Gelenksteife zunehmend zurückhaltend verwendet.
Der operative Standard bei dislozierten, instabilen oder okklusionsrelevanten Frakturen ist die offene Reposition und interne Fixation (ORIF). Bei Mandibulafrakturen kommen nach AO-CMF-Prinzipien Miniplatten, Lag-Screws oder Rekonstruktionsplatten zum Einsatz. Ziel sind anatomische Reposition, Wiederherstellung der Okklusion und übungsstabile Fixation. Kondylenfrakturen werden differenziert behandelt; bei deutlicher Dislokation, Verkürzung des Ramus, persistenter Fehlokklusion oder funktionellen Problemen ist eine operative Versorgung zu erwägen. Le-Fort- und andere Mittelgesichtsfrakturen erfordern häufig eine mehrpunktige Osteosynthese.
Begleitend wichtig sind Mundhygiene, chlorhexidinhaltige Spüllösungen, Ernährungsempfehlungen und physiotherapeutische Übungsbehandlung. Aktuelle Orientierung bieten die Prinzipien der AO CMF sowie deutschsprachige Empfehlungen der DGMKG, ergänzt durch traumatologische Standards der AWMF bei Schädel-Hirn- und Polytraumaversorgung.
Merke: Das wichtigste Therapieziel ist nicht nur die knöcherne Heilung, sondern die exakte Wiederherstellung der Okklusion.
Prognose
Die Prognose einer Kieferfraktur ist bei zeitgerechter, fachgerechter Behandlung in den meisten Fällen gut bis sehr gut. Unkomplizierte, korrekt reponierte und stabil fixierte Frakturen heilen meist innerhalb von 4–8 Wochen knöchern aus; die funktionelle Rehabilitation, insbesondere nach Kondylen- oder komplexen Mittelgesichtsfrakturen, kann jedoch länger dauern. Entscheidend für das Ergebnis sind eine präzise Wiederherstellung der Zahnokklusion, ausreichende Stabilität, gute Mundhygiene und die konsequente Nachbehandlung mit funktioneller Übungstherapie.
Ungünstige Prognosefaktoren sind offene Frakturen, starke Dislokation, verspätete Diagnosestellung, Nikotinkonsum, schlechte Mundhygiene, Mehrfragmentfrakturen, pathologische Frakturen sowie relevante Begleitverletzungen. Beim zahnlosen atrophen Unterkiefer ist die Versorgung technisch anspruchsvoller und das Risiko für verzögerte Heilung erhöht. Bei Kondylenfrakturen können langfristig Einschränkungen der Mundöffnung, Gelenkgeräusche, Asymmetrien oder eine craniomandibuläre Dysfunktion persistieren, insbesondere wenn die funktionelle Nachbehandlung unzureichend ist.
Kinder haben häufig eine gute knöcherne Heilung, allerdings müssen mögliche Wachstumsstörungen nach Kondylenverletzungen langfristig beobachtet werden. Bei Erwachsenen ist die Rate schwerer Dauerschäden insgesamt niedrig, sofern Okklusionsstörungen und Infektionen früh korrigiert werden. Sensibilitätsstörungen des N. alveolaris inferior bilden sich oft zurück, können aber in einem Teil der Fälle persistieren.
Merke: Die Langzeitprognose wird vor allem durch drei Faktoren bestimmt: korrekte Okklusion, Infektfreiheit und frühfunktionelle Rehabilitation.
Prävention
Eine spezifische Primärprävention der Kieferfraktur besteht vor allem in der Vermeidung von Gesichtstraumen. Dazu gehören das konsequente Tragen von Fahrrad-, Motorrad- und Reitschutzhelmen, Schutzmasken oder Mundschutz im Kontaktsport sowie die Nutzung von Sicherheitsgurt und Airbag im Straßenverkehr. Im Freizeit- und Berufsbereich sind Sturzprophylaxe, Arbeitsschutz und die Vermeidung alkoholassoziierter Risikosituationen klinisch relevant, da ein erheblicher Teil der Gesichtstraumen unter Alkohol- oder Substanzeinfluss entsteht.
Bei älteren Menschen kann eine strukturierte Sturzprävention mit Training von Balance und Muskelkraft, Anpassung der Medikation und Wohnraumanpassung indirekt auch Kieferfrakturen reduzieren. Im zahnärztlich-mundchirurgischen Kontext ist die frühzeitige Behandlung von Zysten, Osteolysen, Tumoren oder Osteomyelitiden wichtig, um pathologische Frakturen zu vermeiden. Ebenso kann bei ausgeprägter Unterkieferatrophie eine besondere Vorsicht bei Prothesenversorgung und Manipulationen sinnvoll sein.
Sekundärpräventiv steht nach erlittener Fraktur die Vermeidung von Fehlheilung und Refraktur im Vordergrund: weiche Kost, Nikotinkarenz, gute Mundhygiene, Verzicht auf Kontaktsport bis zur Freigabe sowie regelmäßige Nachkontrollen. Nach operativer Versorgung sollten Patientinnen und Patienten auf Warnzeichen wie zunehmende Schmerzen, Fieber, Eiteraustritt, persistierende Malokklusion oder neue Sensibilitätsstörungen hingewiesen werden.
Merke: Der wirksamste Schutz vor Kieferfrakturen ist die Reduktion des Unfallrisikos – insbesondere durch Helm, Gurt und Sportmundschutz.
Komplikationen
Zu den wichtigsten Komplikationen zählen Malokklusion, Wundinfektion, Osteosyntheseversagen, verzögerte Knochenheilung, Pseudarthrose und chronische Schmerzen. Da viele Kieferfrakturen offen zur Mundhöhle sind, ist das Infektionsrisiko höher als bei anderen Skelettfrakturen. Klinisch zeigen sich dann zunehmende Schmerzen, Rötung, Schwellung, Foetor, Sekretion oder Fieber. Unzureichende Reposition oder sekundäre Fragmentverschiebung können einen persistierenden Fehlbiss verursachen, der funktionell hochrelevant ist und oft eine Revisionsoperation erfordert.
Neurologische Komplikationen betreffen vor allem den N. alveolaris inferior und äußern sich als Hypästhesie, Dysästhesie oder selten neuropathischer Schmerz im Unterlippen-Kinn-Bereich. Nach Kondylenfrakturen können Kiefergelenkfunktionsstörungen, eingeschränkte Mundöffnung, Diskusverlagerungen, Arthrose oder Gesichtsasymmetrien auftreten. Bei Kindern besteht zusätzlich das Risiko von Wachstumsstörungen des Unterkiefers. Nach Mittelgesichtsfrakturen sind Diplopie, Enophthalmus, infraorbitale Sensibilitätsstörungen und Nasenatmungsbehinderung mögliche Folgen.
Akut gefährlich sind Atemwegsverlegung durch Blut, Weichteilschwellung, retroponierte Zunge bei beidseitigen Frakturen oder aspirierten Zahn. Auch starke Blutungen und Begleitverletzungen von Orbiten, Schädelbasis und Gehirn sind relevant. Selten, aber klinisch bedeutsam, sind Nichtvereinigung, Plattenlockerung, Materialexposition und ästhetische Deformitäten.
Eine strukturierte Nachsorge mit klinischer Kontrolle von Okklusion, Mundöffnung, Sensibilität und Wundverhältnissen reduziert das Risiko bleibender Schäden erheblich.
Merke: Die häufigste funktionell relevante Spätkomplikation ist der persistierende Fehlbiss; die gefährlichste Frühkomplikation ist die Atemwegsgefährdung.
Häufige Fragen
Wie erkenne ich, ob mein Kiefer gebrochen ist?
Typische Hinweise sind starke Schmerzen nach einem Schlag oder Sturz, Schwellung, Blutung im Mund und vor allem das Gefühl, dass die Zähne nicht mehr richtig aufeinander passen. Auch Taubheit an Unterlippe oder Kinn sowie eine eingeschränkte Mundöffnung sind verdächtig. In diesem Fall sollte rasch eine MKG-chirurgische oder unfallchirurgische Abklärung erfolgen.
Muss eine Kieferfraktur immer operiert werden?
Nein. Nicht jede Kieferfraktur braucht eine Operation. Stabile, nicht verschobene Brüche ohne relevante Bissstörung können oft konservativ mit Schonung, weicher Kost und Kontrollen behandelt werden; verschobene oder instabile Frakturen werden dagegen meist operativ mit Platten stabilisiert.
Wie lange dauert die Heilung nach einer Kieferfraktur?
Die knöcherne Heilung dauert meist etwa 4 bis 8 Wochen, je nach Frakturlage und Behandlung. Die vollständige Wiederherstellung von Kaubelastung, Mundöffnung und Sensibilität kann aber länger dauern, insbesondere nach Kondylen- oder komplexen Mittelgesichtsfrakturen.
Quellen
- S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung, AWMF-Registernummer 012-019
- Böcker W, Becker J, Josten C, Mutschler W. Unfallchirurgie. Elsevier, aktuelle Auflage
- Schwenzer N, Ehrenfeld M. Zahn-Mund-Kiefer-Heilkunde und MKG-Chirurgie. Thieme, aktuelle Auflage
- Fonseca RJ, Barber HD, Powers MP, Frost DE. Oral and Maxillofacial Trauma. Elsevier
- Ellis E III, Zide MF. Surgical Approaches to the Facial Skeleton. Wolters Kluwer
- AO CMF Surgery Reference, Mandible and Midface Fractures, AO Foundation
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