Odontogene Infektionen: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie
Odontogene Infektionen: typische Ursachen, Ausbreitung, Warnzeichen, Diagnostik und Therapie in der MKG-Chirurgie kompakt erklärt.
Definition
Odontogene Infektionen sind bakterielle Infektionen, die von einem Zahn, der Pulpa, dem periapikalen Gewebe oder dem Parodont ausgehen und sich lokal oder entlang anatomischer Faszienräume ausbreiten können. Die ICD-10 K04.7 bezeichnet periapikale Abszesse ohne Fistel; klinisch umfasst der Begriff jedoch ein breiteres Spektrum von der lokal begrenzten apikalen Entzündung bis zur ausgedehnten tiefen Halsweichteilinfektion. Häufige Ausgangspunkte sind tiefe Karies mit Pulpanekrose, marginale Parodontitis, Perikoronitis retinierter Zähne und postoperative Infektionen nach zahnärztlichen Eingriffen.
Klinisch stehen Schmerzen, Schwellung, Druckdolenz, Kau- und Schluckbeschwerden im Vordergrund; bei Ausbreitung drohen Trismus, Dysphagie, Dyspnoe, Fieber und Sepsis. Entscheidend ist, dass nicht primär das Antibiotikum, sondern die Sanierung des Infektionsfokus durch Trepanation, endodontische Behandlung, Extraktion und/oder chirurgische Drainage die kausale Therapie darstellt.
Merke: Odontogene Infektionen sind potenziell lebensbedrohlich, wenn sie in tiefe Halsweichteilräume oder das Mediastinum fortschreiten. Alarmzeichen sind Mundbodenschwellung, Schluckstörung, kloßige Sprache, Trismus, Fieber und Atemnot.
Epidemiologie
Odontogene Infektionen gehören zu den häufigsten infektiösen Notfällen in der Zahnmedizin und MKG-Chirurgie. Exakte populationsbezogene Inzidenzen variieren je nach Definition, Versorgungsstruktur und Erfassung; in chirurgischen und zahnärztlichen Notaufnahmen machen dentogene Infektionen jedoch einen bedeutsamen Anteil der Akutfälle aus. Der überwiegende Teil bleibt lokal begrenzt, während nur ein kleinerer Anteil zu phlegmonösen Verläufen, Raumforderungen tiefer Halskompartimente oder stationärer Behandlungsbedürftigkeit führt. In stationären Kollektiven finden sich besonders häufig Infektionen mit Ursprung an Unterkiefermolaren, da deren Wurzelspitzen in enger Beziehung zu submandibulären und pterygomandibulären Räumen stehen.
Betroffen sind grundsätzlich alle Altersgruppen, jedoch treten odontogene Infektionen am häufigsten bei jungen und mittelalten Erwachsenen auf. Risikokonstellationen für schwere Verläufe sind Diabetes mellitus, Immunsuppression, Malnutrition, Alkohol- und Nikotinkonsum, schlechte Mundhygiene, hoher Karies- und Parodontitisindex sowie verzögerte Behandlung. Auch Patienten mit eingeschränktem Zugang zur zahnärztlichen Versorgung zeigen häufiger fortgeschrittene Befunde. Männer sind in stationären Serien oft leicht häufiger vertreten als Frauen.
Mikrobiologisch handelt es sich meist um polymikrobielle Mischinfektionen. Dominierend sind aerobe und fakultativ anaerobe viridans-Streptokokken, Streptococcus-anginosus-Gruppe sowie obligate Anaerobier wie Prevotella, Fusobacterium, Porphyromonas und Peptostreptococcus. Die Resistenzlage ist regional unterschiedlich; klinisch relevant ist die Zunahme von Beta-Laktamase-bildenden Anaerobiern, was die Auswahl der empirischen Antibiotikatherapie beeinflusst.
Merke: Nicht die Häufigkeit, sondern die Ausbreitungsdynamik entscheidet über die Gefährlichkeit. Ein scheinbar kleiner Zahnfokus kann innerhalb kurzer Zeit zu einer tiefen Halsinfektion führen.
Ätiologie
Die häufigste Ursache odontogener Infektionen ist eine tiefe dentale Karies mit nachfolgender Pulpitis, Pulpanekrose und bakterieller Besiedlung des Wurzelkanalsystems. Über das Foramen apicale gelangt die Infektion in das periapikale Gewebe und führt zunächst zu apikaler Parodontitis, später zu einem periapikalen Abszess. Eine zweite große Ursachengruppe sind parodontale Infektionen mit Taschenbildung und eitriger Exazerbation, insbesondere bei fortgeschrittener marginaler Parodontitis. Ebenfalls relevant sind Perikoronitiden im Bereich teilretinierter, meist unterer dritter Molaren, die durch mechanische Reizung, Plaqueretention und anaerobe Keimbesiedlung begünstigt werden.
Weitere Auslöser sind postinterventionelle Infektionen nach Extraktionen, Wurzelspitzenresektionen, Implantationen oder traumatischen Zahnverletzungen. Fremdkörper, avitale Zahnreste, insuffiziente Wurzelkanalfüllungen, vertikale Wurzelfrakturen und oroantrale Verbindungen können als persistierende Herdquellen wirken. Seltener entstehen dentogene Infektionen sekundär bei Osteomyelitis, Bisphosphonat-assoziierter Kiefernekrose oder in Zusammenhang mit Strahlenfolgen.
Prädisponierende Faktoren sind schlechte Mundhygiene, hohe Zuckerzufuhr, Xerostomie, reduzierte Speichelpufferung, Rauchen, unzureichend kontrollierter Diabetes mellitus, immunsuppressive Therapie, hämatologische Erkrankungen und allgemeine Abwehrschwäche. Auch Schwangerschaft, sozialmedizinische Faktoren und verzögerte zahnärztliche Konsultation beeinflussen den Verlauf. Medikamentös können insbesondere Antiresorptiva und Antiangiogenetika sekundär eine gestörte Knochenheilung und Infektpersistenz begünstigen.
Merke: Die Ursache ist meist nicht ein „spontaner Abszess“, sondern ein persistierender odontogener Fokus. Ohne Fokussanierung kommt es unter alleiniger Antibiotikatherapie häufig zu Rezidiven.
Pathogenese
Pathophysiologisch beginnt die Infektion oft mit dem Eindringen kariogener und parodontaler Keime in die Pulpa oder das periapikale Gewebe. Die lokale Entzündungsreaktion führt zu Hyperämie, Ödem und Druckanstieg im starren Pulpenraum, was die Mikrozirkulation kompromittiert und letztlich eine Pulpanekrose begünstigt. Nekrotisches Gewebe bietet anaeroben Bakterien ideale Wachstumsbedingungen. Von dort breitet sich die Infektion entlang des Wurzelkanals und über das Foramen apicale in den Alveolarknochen aus; es entstehen apikale Ostitiden, granulomatöse Veränderungen oder akute eitrige Prozesse.
Die weitere Ausdehnung richtet sich nach anatomischen Barrieren und Muskelansätzen. Perforiert der Eiter die Kortikalis oberhalb oder unterhalb bestimmter Muskelansätze, resultiert eine charakteristische Ausbreitung in definierte Logen, z. B. vestibulär, subperiostal, submandibulär, sublingual, submental, pterygomandibulär, masseterisch oder parapharyngeal. Unterkiefermolaren sind wegen ihrer Wurzelanatomie besonders relevant für submandibuläre und pterygomandibuläre Prozesse. Maxilläre Seitenzähne können in Beziehung zur Kieferhöhle stehen und eine odontogene Sinusitis verursachen.
Mikrobiologisch handelt es sich meist um polymikrobielle Biofilm-assoziierte Infektionen. Anaerobe Keime produzieren Gewebe-destruktive Enzyme und kurzkettige Fettsäuren; fakultativ aerobe Streptokokken verbrauchen Sauerstoff und schaffen so ein anaerobes Milieu. Die entzündliche Antwort des Wirtes kann bei Immunkompromittierung entgleisen und in Sepsis übergehen. Durch die Nähe zu den Atemwegen sind Mundboden- und Parapharyngealinfektionen besonders gefährlich: Ödem, Zungengrundverlagerung und Trismus können die Atemwegssicherung erheblich erschweren.
Merke: Die Schwere hängt weniger von der Größe des Zahndefekts als von der Raumausbreitung ab. Besonders kritisch sind Mundboden, parapharyngealer Raum und retropharyngealer Raum.
Symptome
Leitsymptome odontogener Infektionen sind lokale Zahnschmerzen, häufig pulsierend oder klopfend, eine umschriebene Schwellung, Druck- und Aufbissschmerz sowie eine eingeschränkte Kaufunktion. Viele Patienten berichten über eine vorangegangene Zahnempfindlichkeit auf Kälte/Wärme, danach oft einen scheinbaren Schmerzrückgang im Sinne einer Pulpanekrose und schließlich das Auftreten stärkerer, diffuser Beschwerden bei periapikaler Ausbreitung. Klinisch finden sich kariöse Defekte, insuffiziente Füllungen, Lockerung, Perkussionsempfindlichkeit, gingivale Rötung oder Fluktuation eines Abszesses.
Mit zunehmender Ausbreitung treten Gesichtsschwellung, regionale Lymphadenitis, Fieber, Krankheitsgefühl und eine Einschränkung der Mundöffnung auf. Trismus spricht für eine Beteiligung kaunaher Räume, insbesondere pterygomandibulär oder masseterisch. Eine Mundbodenschwellung, kloßige Sprache, Speichelverhalt, Dysphagie, Odynophagie und Dyspnoe sind Warnzeichen für eine potenziell lebensbedrohliche Ausdehnung, etwa im Rahmen einer Ludwig-Angina. Bei maxillärem Ursprung können ein Druckgefühl über der Kieferhöhle, eitriger Nasenausfluss, Foetor ex ore und Symptome einer odontogenen Sinusitis bestehen.
Systemische Zeichen wie Fieber > 38 °C, Tachykardie, Dehydratation und reduzierter Allgemeinzustand deuten auf einen komplizierten Verlauf hin. Bei Risikopatienten können auch relativ diskrete lokale Befunde mit erheblicher Tiefenausdehnung einhergehen. Wichtig ist die strukturierte Erfassung von Atemwegssymptomen, Schmerzen beim Schlucken, eingeschränkter Nahrungsaufnahme und Progression innerhalb der letzten 24 bis 48 Stunden.
Merke: Trismus, Dysphagie, Speichelverhalt, Mundbodenhebung und Dyspnoe sind Notfallzeichen und erfordern eine umgehende MKG-chirurgische bzw. stationäre Abklärung.
Diagnostik
Die Diagnostik basiert auf Anamnese, klinischer Untersuchung, Vitalitäts- und Röntgendiagnostik sowie bei komplizierten Verläufen auf Querschnittsbildgebung. In der Anamnese sind Schmerzbeginn, Progression, vorangegangene Zahnbehandlungen, Antibiotikaeinnahme, Fieber, Schluckbeschwerden, Atemnot, Immunsuppression und relevante Komorbiditäten zu erfassen. Klinisch müssen extraoral Schwellung, Hautrötung, Lymphknotenstatus, Kieferklemme und Zeichen einer tiefen Halsinfektion dokumentiert werden; intraoral werden Zahnstatus, Fluktuation, Fistelung, vestibuläre Vorwölbung, Mundbodenhebung und Foetor beurteilt.
Zur zahnbezogenen Bildgebung dienen in der Regel periapikale Zahnfilme oder ein Orthopantomogramm (OPG). Sie zeigen kariöse Defekte, periapikale Aufhellungen, retinierte Zähne, Osteolysen oder einen postoperativen Fokus. Bei vermuteter Tiefenausdehnung, diffuser Schwellung, unklarer Fokuslage oder klinischen Warnzeichen ist die kontrastmittelverstärkte CT von Gesicht/Hals das Verfahren der Wahl, da sie Abszessformation, Gasbildung, Kompartimentbefall und mögliche Komplikationen präzise abbildet. Sonografie kann oberflächliche Abszesse ergänzend darstellen, ersetzt aber die CT bei tiefen Logeninfektionen nicht.
Laborchemisch sind CRP, Leukozytenzahl, ggf. Prokalzitonin, Elektrolyte, Nierenretentionswerte und Blutzucker sinnvoll. Blutkulturen sind bei Fieber, Schüttelfrost oder Sepsisverdacht indiziert. Ein mikrobiologischer Abstrich aus der Mundhöhle ist wenig aussagekräftig; sinnvoller ist die Kultur aus punktiertem oder drainiertem Eiter, vor allem bei schweren, rezidivierenden oder therapieresistenten Verläufen. Der „Goldstandard“ der Fokusdiagnostik ist klinisch die Identifikation des ursächlichen Zahnes; für die Ausdehnungsdiagnostik tiefer Infektionen ist die CT mit Kontrastmittel wegweisend.
Merke: Bei unkompliziertem dentoalveolärem Abszess genügt meist die klinisch-radiologische Diagnostik. Bei Trismus, Dysphagie, Fieber oder diffuser Schwellung ist die CT mit Kontrastmittel obligat zu erwägen.
Differentialdiagnosen
Die wichtigsten Differentialdiagnosen richten sich nach Lokalisation und Schweregrad. Bei einer schmerzhaften Schwellung im Kieferbereich müssen zunächst nicht odontogene dentofaziale Infektionen abgegrenzt werden, etwa Sialadenitis der Glandula submandibularis oder parotis, Lymphadenitis, infizierte epidermale Zysten, Furunkel und Haut-/Weichteilabszesse. Im Oberkiefer sind rhinosinusogene Infektionen zu berücksichtigen; umgekehrt kann eine odontogene Sinusitis als primäre Rhinosinusitis fehlinterpretiert werden. Schwellungen im Mundboden erfordern die Abgrenzung zu Ranula, Speicheldrüsenobstruktion und seltenen zystischen Läsionen.
Zahnbezogen kommen irreversible Pulpitis, reversible Pulpitis, Cracked-Tooth-Syndrom, postoperative Schmerzen nach Extraktion sowie alveoläre Osteitis (dry socket) in Betracht. Letztere verursacht starke Schmerzen nach Zahnextraktion, jedoch typischerweise keine eitrige Fluktuation und keine ausgeprägte Weichteilschwellung. Ferner sind Parodontalabszess, perikoronales Geschehen, Osteomyelitis des Kiefers, Kiefernekrosen etwa unter Antiresorptiva sowie Kieferfrakturen nach Trauma differenzialdiagnostisch relevant.
Bei ausgeprägter Schwellung mit Allgemeinsymptomen muss an tiefe Halsinfektionen anderer Genese gedacht werden, z. B. Peritonsillarabszess, Parapharyngealabszess, Epiglottitis, infizierte branchiogene Zysten oder Fremdkörperinfektionen. Schmerzhafte oder persistierende Kieferauftreibungen können auch auf Tumoren hindeuten, etwa Plattenepithelkarzinome, Lymphome oder odontogene Tumoren. Bei sensiblen Ausfällen, starkem Kieferknochenbefall oder prolongiertem Verlauf ist eine weiterführende Diagnostik notwendig.
Merke: Nicht jede Schwellung am Kiefer ist odontogen. Fehlen ein plausibler Zahnfokus oder typische radiologische Zeichen, müssen Speicheldrüsenerkrankungen, HNO-Infektionen und Tumoren aktiv ausgeschlossen werden.
Therapie
Die Therapie folgt dem Grundsatz: Atemweg sichern, Infektionsfokus sanieren, Eiter drainieren, systemische Entzündung kontrollieren. Bei unkomplizierter lokalisierter Infektion ohne Red Flags steht die kausale Zahnsanierung im Vordergrund, also Trepanation und endodontische Behandlung bei erhaltungswürdigem Zahn oder Extraktion bei nicht erhaltungswürdigem Zahn. Liegt ein Abszess vor, ist die Inzision und Drainage essenziell; Antibiotika allein sind unzureichend. Bei Raumforderungen tiefer Logen, Trismus, Mundbodenschwellung, Dysphagie, Dyspnoe, Fieber oder reduziertem Allgemeinzustand ist die stationäre Aufnahme in eine MKG-/HNO-/chirurgische Klinik erforderlich.
Empirisch werden Antibiotika gegen Streptokokken und Anaerobier eingesetzt. Häufig verwendet werden Ampicillin/Sulbactam 3 g i.v. alle 6–8 Stunden oder Amoxicillin/Clavulansäure 875/125 mg p.o. 2–3-mal täglich bei ambulantem Verlauf. Bei Penicillinallergie kommt Clindamycin 600 mg i.v. alle 8 Stunden bzw. 300 mg p.o. 3–4-mal täglich in Betracht; regionale Resistenzentwicklung sollte jedoch berücksichtigt werden. Bei schweren Infektionen können je nach Befund Piperacillin/Tazobactam 4,5 g i.v. alle 6–8 Stunden oder ein Cephalosporin/Metronidazol-Schema sinnvoll sein. Die Therapie wird klinisch und ggf. mikrobiologisch angepasst. Analgetisch sind Ibuprofen 400–600 mg p.o. alle 8 Stunden und/oder Paracetamol 500–1000 mg p.o. alle 6–8 Stunden üblich, unter Beachtung von Kontraindikationen und Tageshöchstdosen.
Operativ erfolgt bei tiefen Logeninfektionen die extraorale oder intraorale Eröffnung und Drainage, häufig unter Intubationsnarkose. Entscheidend ist die frühzeitige interdisziplinäre Planung der Atemwegssicherung, bei schwierigen Verhältnissen ggf. fiberoptische Wachintubation oder Tracheotomie. Unterstützend sind Flüssigkeitstherapie, Blutzuckerkontrolle, Mundhygiene, Spülungen und engmaschige Verlaufskontrollen notwendig.
Leitlinienorientiert stützt sich das Vorgehen auf die Prinzipien der AWMF-Leitlinie Odontogene Infektionen, Empfehlungen der DGZMK sowie allgemeine Standards zur Behandlung tiefer Halsinfektionen und Sepsis.
Merke: Das wirksamste „Antibiotikum“ ist bei odontogener Infektion oft die Drainage des Eiters und die Beseitigung des ursächlichen Zahnes.
Prognose
Die Prognose ist bei frühzeitiger Diagnose und adäquater Fokussanierung in der Regel sehr gut. Die meisten lokal begrenzten dentoalveolären Infektionen heilen nach Trepanation, endodontischer Therapie oder Extraktion plus gegebenenfalls Drainage innerhalb weniger Tage bis Wochen komplikationslos aus. Schmerzen und Schwellung bessern sich meist innerhalb von 24 bis 72 Stunden nach effektiver chirurgischer Entlastung deutlich. Entscheidend ist weniger die initiale Größe der Schwellung als die Vollständigkeit der Herdsanierung und die Vermeidung einer verzögerten Intervention.
Ungünstige Prognosefaktoren sind Immunsuppression, schlecht eingestellter Diabetes, hohes Alter, relevante Komorbiditäten, Nikotin- und Alkoholkonsum, tiefe Halsraumbeteiligung, verzögerte Vorstellung und eine bereits bestehende Sepsis. Auch eine unzureichende Primärtherapie, etwa alleinige Antibiose ohne Drainage, erhöht das Risiko für Persistenz oder Rezidiv. Bei Infektionen im Bereich des Mundbodens, parapharyngealer Räume oder bei mediastinaler Ausbreitung ist die Morbidität deutlich erhöht; hier sind Intensivüberwachung, wiederholte operative Revisionen und längere antibiotische Therapien erforderlich.
Für den Zahn selbst hängt die Prognose von Restaurierbarkeit, parodontaler Situation, Frakturen und dem endodontischen Ausgangsbefund ab. Nicht jeder verursachende Zahn muss extrahiert werden; bei rechtzeitigem Vorgehen ist ein Zahnerhalt häufig möglich. Nach komplikationslosem Verlauf sind Spätfolgen selten, jedoch können Narben, Sensibilitätsstörungen oder funktionelle Einschränkungen nach ausgedehnten chirurgischen Eingriffen auftreten.
Merke: Die Prognose ist exzellent, wenn Fokus und Eiter früh beseitigt werden. Verzögerung und ausschließliche Selbstmedikation verschlechtern den Verlauf deutlich.
Prävention
Die Prävention odontogener Infektionen beruht vor allem auf einer konsequenten Karies- und Parodontitisprophylaxe. Dazu gehören zweimal tägliches Zähneputzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta, tägliche Interdentalraumpflege, regelmäßige professionelle zahnärztliche Kontrollen und eine frühzeitige Behandlung kariöser Läsionen. Eine zuckerarme Ernährung, Nikotinkarenz und die Behandlung von Xerostomie senken das Risiko zusätzlich. Retinierte oder teilretinierte Weisheitszähne mit rezidivierender Perikoronitis sollten rechtzeitig beurteilt und gegebenenfalls entfernt werden.
Bei Risikopatienten, insbesondere mit Diabetes mellitus oder Immunsuppression, ist eine gute Mundgesundheit besonders wichtig. Vor onkologischen Therapien, Organtransplantation oder antiresorptiver Medikation sollte eine zahnärztliche Fokussanierung erfolgen. Nach zahnärztlich-chirurgischen Eingriffen sind Mundhygieneinstruktionen, Nachsorge und die frühzeitige Vorstellung bei zunehmender Schwellung oder Fieber entscheidend.
Merke: Die beste Prävention schwerer odontogener Infektionen ist die frühe Behandlung von Karies und Parodontitis.
Komplikationen
Unbehandelt oder verspätet behandelt können odontogene Infektionen erhebliche lokale und systemische Komplikationen verursachen. Lokal drohen Abszessbildung, Ausbreitung in mehrere Fazialräume, Osteomyelitis des Kiefers, odontogene Sinusitis maxillaris, Wundheilungsstörungen sowie Fistelbildungen nach intraoral oder extraoral. Besonders problematisch ist die Ausdehnung in den sublingualen, submandibulären, pterygomandibulären, parapharyngealen und retropharyngealen Raum. Eine beidseitige Mundbodenphlegmone im Sinne einer Ludwig-Angina kann innerhalb kurzer Zeit zu lebensbedrohlicher Atemwegsobstruktion führen.
Zu den systemischen Komplikationen zählen Bakteriämie, Sepsis und septischer Schock. Über anatomische Kontinuitäten können sich tiefe Halsinfektionen in das Mediastinum fortsetzen und eine absteigende nekrotisierende Mediastinitis verursachen, die trotz moderner Intensivmedizin mit hoher Morbidität und relevanter Letalität assoziiert ist. Selten sind intrakranielle Komplikationen, etwa Sinus-cavernosus-Thrombose, Hirnabszess oder Meningitis, insbesondere bei maxillären und periorbitalen Ausbreitungsmustern.
Funktionell führen schwere Verläufe zu Trismus, Dysphagie, Dehydratation, Mangelernährung und verlängertem stationärem Aufenthalt. Postoperativ können Narben, Sensibilitätsstörungen des N. alveolaris inferior oder lingualis sowie ästhetische Beeinträchtigungen auftreten. Wiederholte Antibiotikagaben ohne Fokussanierung begünstigen Rezidive und Resistenzentwicklung.
Merke: Die gefährlichsten Komplikationen sind Atemwegsverlegung, Sepsis und Mediastinitis. Jede rasch progrediente Mundboden- oder Halsweichteilschwellung ist ein Notfall.
Häufige Fragen
Wann ist ein Zahnabszess ein Notfall?
Ein Notfall liegt vor, wenn zusätzlich zur Schwellung Schluckbeschwerden, Atemnot, Fieber, eingeschränkte Mundöffnung oder eine Schwellung am Mundboden/Hals auftreten. Dann sollte sofort eine zahnärztliche Notfallpraxis, eine MKG-Chirurgie oder eine Notaufnahme aufgesucht werden.
Reicht ein Antibiotikum allein aus?
Meistens nicht. Das Antibiotikum kann die Ausbreitung bremsen, aber der eigentliche Herd muss in der Regel durch Wurzelbehandlung, Extraktion oder Abszessdrainage beseitigt werden, sonst kommt es oft zu Rückfällen.
Kann man den verursachenden Zahn immer erhalten?
Nicht immer, aber oft. Wenn der Zahn strukturell erhaltungswürdig ist und die Infektion früh behandelt wird, ist eine endodontische Therapie häufig möglich; bei starker Zerstörung, Fraktur oder ungünstiger Prognose ist eine Extraktion sinnvoller.
Quellen
- AWMF S3-Leitlinie Odontogene Infektionen, Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (aktuelle Fassung)
- Jameson JL, Fauci AS, Kasper DL, et al. Harrison's Principles of Internal Medicine. McGraw-Hill.
- Hupp JR, Ellis E, Tucker MR. Contemporary Oral and Maxillofacial Surgery. Elsevier.
- Flynn TR. Severe odontogenic infections, part 1 and 2. Oral and Maxillofacial Surgery Clinics of North America.
- Peterson LJ, Ellis E, Hupp JR, Tucker MR. Peterson's Principles of Oral and Maxillofacial Surgery. PMPH-USA
- Boscolo-Rizzo P, Marchiori C, Montolli F, Vaglia A. Deep neck infections: a constant challenge. ORL Journal for Oto-Rhino-Laryngology and Its Related Specialties.
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