Craniomandibuläre Dysfunktion: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie
Die craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) ist ein Sammelbegriff für funktionelle Störungen des Kiefergelenks, der Kaumuskulatur und der damit.
Definition
Die craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) ist ein Sammelbegriff für funktionelle Störungen des Kiefergelenks, der Kaumuskulatur und der damit assoziierten orofazialen Strukturen. International wird häufig der Begriff temporomandibuläre Störung (temporomandibular disorders, TMD) verwendet. Klinisch stehen Schmerzen im Kiefergelenk oder in der Kaumuskulatur, Kiefergelenkgeräusche sowie Einschränkungen oder Asymmetrien der Unterkieferbeweglichkeit im Vordergrund.
CMD ist keine einheitliche Erkrankung, sondern umfasst unterschiedliche Subgruppen wie myogene Schmerzen, Arthralgie, Diskusverlagerungen und degenerative Gelenkveränderungen. Die Diagnose basiert heute primär auf Anamnese und klinischer Untersuchung; bildgebende Verfahren ergänzen die Diagnostik bei Verdacht auf strukturelle Pathologien.
Merke: CMD ist meist multifaktoriell bedingt. Nicht jede Okklusionsauffälligkeit ist behandlungsbedürftig, und nicht jede Gesichtsschmerzsymptomatik ist eine CMD.
Epidemiologie
Beschwerden aus dem Formenkreis der CMD sind in der Allgemeinbevölkerung häufig. Epidemiologische Studien zeigen, dass bis zu 50–60 % der Erwachsenen mindestens ein klinisches Zeichen einer temporomandibulären Störung aufweisen, beispielsweise Kiefergelenkgeräusche, Druckschmerz der Kaumuskulatur oder leichte Bewegungseinschränkungen. Behandlungsbedürftige, symptomatische Verläufe sind jedoch deutlich seltener und betreffen je nach Definition etwa 5–12 % der Bevölkerung.
Die höchste Prävalenz symptomatischer CMD findet sich typischerweise im jungen bis mittleren Erwachsenenalter, besonders zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. Frauen sind in klinischen Kollektiven etwa 1,5- bis 2-mal häufiger betroffen als Männer. Für diese Geschlechtsdifferenz werden hormonelle Einflüsse, Unterschiede in Schmerzwahrnehmung, psychosoziale Faktoren und ein unterschiedliches Inanspruchnahmeverhalten diskutiert.
Bei Kindern und Jugendlichen kommen Kiefergelenkgeräusche und parafunktionelle Aktivitäten wie Pressen oder Knirschen ebenfalls vor; relevante chronische Schmerzsyndrome sind aber insgesamt seltener als bei Erwachsenen. Im höheren Lebensalter nehmen degenerative Veränderungen des Kiefergelenks zu, ohne dass diese zwingend klinisch symptomatisch sein müssen.
Die CMD besitzt zudem eine hohe gesundheitsökonomische Bedeutung, da sie mit chronischem Gesichtsschmerz, Arbeitsunfähigkeit, Schlafstörungen und erhöhter Inanspruchnahme zahnärztlicher, HNO-ärztlicher, neurologischer und schmerzmedizinischer Versorgung verknüpft sein kann.
Merke: Zeichen einer CMD sind häufig, therapiebedürftige Beschwerden dagegen deutlich seltener.
Ätiologie
Die Ätiologie der craniomandibulären Dysfunktion ist multifaktoriell. Ein monokausales Modell, etwa allein durch eine „falsche Okklusion“, gilt heute als überholt. Vielmehr entsteht CMD aus dem Zusammenwirken von biomechanischen, muskulären, psychosozialen und strukturellen Faktoren.
Wichtige ätiologische Komponenten sind Parafunktionen wie Bruxismus, insbesondere nächtliches oder tagsüberes Pressen. Diese führen zu einer Überlastung von Kaumuskulatur, parodontalen Strukturen und Kiefergelenken. Ebenfalls relevant sind psychischer Stress, Angst, depressive Symptome und Schlafstörungen, die mit einer erhöhten Muskelaktivität und einer verstärkten Schmerzchronifizierung assoziiert sein können. In vielen Kohorten zeigen Patienten mit CMD eine erhöhte Prävalenz unspezifischer Schmerzsyndrome und zentraler Sensitivierung.
Strukturelle Ursachen umfassen Diskusverlagerungen, Kapsulitis/Synovitis, Hypermobilität, posttraumatische Veränderungen sowie degenerative Gelenkerkrankungen wie Arthrose. Seltener liegen entzündlich-rheumatologische Ursachen zugrunde, etwa bei rheumatoider Arthritis, juveniler idiopathischer Arthritis oder Psoriasisarthritis. Auch Zahnverlust, größere Änderungen der Bisslage, iatrogene Faktoren nach prothetischer oder kieferorthopädischer Behandlung und ausgeprägte Fehlstellungen können im Einzelfall relevant sein, sind aber meist nicht allein ursächlich.
Weitere Trigger sind Makrotraumata, langdauernde Mundöffnung, Intubationen, schlechte Schlafhygiene sowie Begleiterkrankungen wie Fibromyalgie oder Migräne. Die aktuelle Literatur betont daher ein biopsychosoziales Krankheitsmodell.
Merke: Eine CMD entsteht in der Regel nicht durch einen einzelnen Zahnkontakt, sondern durch das Zusammenwirken mehrerer Risikofaktoren.
Pathogenese
Pathophysiologisch lassen sich bei der CMD grob myogene, arthrogene und gemischte Mechanismen unterscheiden. Bei der myogenen Form kommt es infolge von Überlastung, Parafunktionen oder Fehlgebrauch zu einer erhöhten Aktivität der Kaumuskulatur, insbesondere des M. masseter, M. temporalis und der Pterygoideenmuskeln. Die Folge sind lokale Ischämie, metabolischer Stress, Freisetzung proinflammatorischer Mediatoren und myofasziale Triggerpunkte. Klinisch resultieren Druckschmerz, Ermüdbarkeit und belastungsabhängige Schmerzen.
Arthrogene CMD-Formen betreffen primär das Kiefergelenk. Eine Diskusverlagerung mit Reposition führt typischerweise zu Kiefergelenkknacken, während eine Diskusverlagerung ohne Reposition mit schmerzhafter Mundöffnungseinschränkung einhergehen kann. Entzündliche Veränderungen der Synovia und Kapsel verursachen Arthralgien; chronische Fehlbelastung kann zu Knorpeldegeneration, subchondralem Umbau und osteoarthrotischen Veränderungen führen. Bildmorphologisch sind dann Gelenkspaltveränderungen, Flattening, Osteophyten oder Erosionen möglich.
Ein wesentlicher pathogenetischer Aspekt ist die Schmerzchronifizierung. Periphere nozizeptive Reizung kann über zentrale Sensitivierung zu einer erniedrigten Schmerzschwelle, Ausweitung des Schmerzareals und Assoziation mit Kopfschmerzen, Nackenbeschwerden und generalisierten Schmerzsyndromen führen. Deshalb korrelieren morphologische Befunde nicht immer mit der subjektiven Beschwerdeintensität.
Die aktuelle Forschung stützt ein Modell, in dem periphere Dysfunktion, neuromuskuläre Adaptation und psychosoziale Modulatoren gemeinsam die klinische Ausprägung bestimmen.
Merke: Zwischen strukturellem Befund im MRT und Schmerzstärke besteht bei CMD keine lineare Beziehung.
Symptome
Die Leitsymptome der CMD sind orofaziale Schmerzen, Kiefergelenkgeräusche und Funktionseinschränkungen des Unterkiefers. Schmerzen werden häufig präaurikulär, in der Wange, Schläfe oder im Bereich der Kaumuskulatur angegeben. Typisch ist eine Zunahme beim Kauen, Sprechen, Gähnen oder bei emotionalem Stress. Bei myogener CMD dominieren dumpfe, muskuläre Schmerzen und Verspannungsgefühle; bei arthrogener CMD eher gelenknahe, punktuell lokalisierbare Schmerzen.
Häufig berichten Patienten über Kieferknacken oder Reibegeräusche. Ein reines Knacken ohne Schmerzen und ohne Funktionsverlust besitzt oft nur begrenzten Krankheitswert. Klinisch relevant wird es vor allem, wenn zusätzlich Mundöffnungseinschränkungen, Kieferblockierungen oder Deviationen des Unterkiefers auftreten. Als Orientierungswert gilt eine aktive schmerzfreie Mundöffnung von etwa 35–40 mm, eine maximale Mundöffnung von etwa 40–50 mm; darunter besteht der Verdacht auf eine Funktionsstörung.
Begleitsymptome sind Kopfschmerzen, insbesondere temporal, Nacken- und Schulterschmerzen, Ohrdruck, Tinnitus, subjektive Okklusionsstörungen, Zahnwanderungen, Schluckbeschwerden oder unspezifische Gesichtsschmerzen. Auch Abrasionen, Wangeneindrücke, Zungenimpressionen und Hinweise auf Bruxismus können auffallen. Schlafstörungen, Stressbelastung und Fatigue sind häufig assoziiert.
Wichtig ist die Differenzierung gegenüber Warnsymptomen wie Fieber, ausgeprägter Schwellung, Sensibilitätsstörungen, Gewichtsverlust, progredienter Kieferklemme oder nächtlichem Ruheschmerz, da diese auf andere Ursachen hinweisen können.
Merke: Knacken allein ist häufig und oft harmlos; Schmerz, Blockierung und Bewegungseinschränkung sprechen eher für eine behandlungsbedürftige CMD.
Diagnostik
Die Diagnostik der CMD basiert primär auf einer strukturierten Anamnese und einer klinischen Funktionsanalyse. Zentral sind Schmerzcharakter, -lokalisation und -dauer, Trigger durch Kauen oder Pressen, morgendliche Beschwerden, Kiefergelenkgeräusche, Mundöffnungseinschränkungen, Blockierungsereignisse, Parafunktionen, Stressbelastung sowie Vorbehandlungen. Hilfreich sind standardisierte Konzepte wie die DC/TMD (Diagnostic Criteria for Temporomandibular Disorders), die zwischen schmerzbezogenen Diagnosen und intraartikulären Störungen unterscheiden.
Die klinische Untersuchung umfasst Inspektion, Palpation der Kaumuskulatur und Kiefergelenke, Messung der Mundöffnung in Millimetern, Prüfung von Laterotrusion und Protrusion, Erfassung von Deviationen, Gelenkgeräuschen und Okklusionsbefund. Eine schmerzhafte Palpation von Masseter oder Temporalis unterstützt die Diagnose einer myogenen CMD. Gelenknahe Schmerzen bei Bewegung oder Palpation sprechen eher für Arthralgie.
Bildgebung ist nicht bei jedem Patienten erforderlich. Bei Verdacht auf knöcherne Pathologie, Trauma, Arthrose oder Raumforderung ist die Panoramaschichtaufnahme bzw. bevorzugt eine DVT/CT sinnvoll. Der Goldstandard zur Beurteilung des Diskus und der Weichteilstrukturen ist die MRT des Kiefergelenks, insbesondere bei Verdacht auf Diskusverlagerung ohne Reposition, Erguss, Synovitis oder bei therapierefraktären Verläufen. Sonografie hat eine begrenzte, untersucherabhängige Aussagekraft.
Laboruntersuchungen sind nicht routinemäßig nötig, aber bei Verdacht auf entzündlich-rheumatologische Ursachen sinnvoll, etwa CRP, BSG, Rheumafaktor, anti-CCP oder ANA abhängig von der Fragestellung.
Merke: Die klinische Untersuchung ist die Basis der CMD-Diagnostik; die MRT ist der Goldstandard für intraartikuläre Weichteilveränderungen.
Differentialdiagnosen
Die Differentialdiagnose der CMD ist breit, da viele Erkrankungen mit Gesichts-, Ohr- oder Kieferschmerzen einhergehen können. Besonders wichtig sind dental bedingte Schmerzen wie Pulpitis, apikale Parodontitis, Frakturen, parodontale Prozesse oder postoperative Komplikationen. Diese müssen vor Einleitung einer CMD-Therapie sicher ausgeschlossen werden. Auch Sinusitis maxillaris, Otitis, Erkrankungen der Speicheldrüsen und HNO-Pathologien können präaurikuläre oder maxilläre Schmerzen verursachen.
Neurologische und schmerzmedizinische Differenzialdiagnosen umfassen Trigeminusneuralgie, atypischen Gesichtsschmerz bzw. persistierenden idiopathischen Gesichtsschmerz, Migräne, Spannungskopfschmerz und Cluster-Kopfschmerz. Bei schmerzhaften Kaubewegungen und Schläfenschmerz im höheren Alter muss an eine Riesenzellarteriitis gedacht werden. Sensibilitätsstörungen, fokal-neurologische Defizite oder atypische Schmerzqualitäten erfordern eine erweiterte Abklärung.
Auf Seiten des Kiefergelenks sind strukturelle und systemische Erkrankungen zu bedenken: Arthrose, septische Arthritis, rheumatoide Arthritis, juvenile idiopathische Arthritis, Psoriasisarthritis, Gicht, Chondromatose, Kondylenhyperplasie, Tumoren der Parotis oder des Gelenkbereichs sowie Frakturen nach Trauma. Eine progrediente Kieferklemme kann auch durch Perikoronitis, Abszesse oder eine pterygomandibuläre Infektion verursacht sein.
Nicht zuletzt sind zervikale Ursachen relevant. HWS-Dysfunktionen, myofasziale Schmerzsyndrome und Fehlhaltungen können in den Kieferbereich projizieren oder eine CMD begleiten. Die diagnostische Kunst besteht darin, harmlose Funktionsstörungen von entzündlichen, infektiösen, neurologischen oder neoplastischen Ursachen zu unterscheiden.
Merke: Vor der Diagnose CMD müssen vor allem dental bedingte Schmerzen, HNO-Ursachen, neurologische Gesichtsschmerzen und rheumatologische Gelenkerkrankungen ausgeschlossen werden.
Therapie
Die Therapie der CMD erfolgt in den meisten Fällen konservativ, stufenweise und multimodal. Gemäß aktuellen Empfehlungen stehen Patientenaufklärung, Selbstmanagement, physiotherapeutische Maßnahmen und bei Bedarf eine okklusale Schienentherapie im Vordergrund. Patienten sollten über die meist gutartige Prognose, Schonung bei akuter Schmerzphase, Vermeidung extremer Mundöffnung, Reduktion von Pressen/Knirschen, weiche Kost für wenige Tage und Wärmeanwendung bei myogenen Beschwerden informiert werden.
Medikamentös werden bei akuten Schmerzen häufig NSAR eingesetzt, z. B. Ibuprofen 400–600 mg bis zu 3-mal täglich oder Naproxen 250–500 mg 2-mal täglich, jeweils nur kurzfristig und unter Berücksichtigung von Kontraindikationen. Alternativ ist Paracetamol 500–1000 mg bis zu 4-mal täglich möglich. Bei muskulärer Beteiligung können in Einzelfällen niedrig dosierte trizyklische Antidepressiva zur Chronifizierungskontrolle erwogen werden; dies gehört jedoch eher in schmerzmedizinische Hand. Opioide sind für die Routinebehandlung nicht angezeigt.
Die Schienentherapie erfolgt meist mit einer adjustierten Michigan-Schiene bzw. Stabilisierungsschiene, vor allem bei Bruxismus, muskulären Schmerzen oder zum Gelenkentlastungsversuch. Eine irreversible Okklusionskorrektur durch Einschleifen, umfangreiche prothetische Rekonstruktionen oder kieferorthopädische Maßnahmen ist ohne klare Indikation kritisch zu sehen. Physiotherapie mit manueller Therapie, Dehnübungen, Koordinationsübungen und Haltungsschulung ist besonders bei myogenen und funktionellen Störungen wirksam.
Bei anhaltender Arthralgie oder Diskusproblemen können spezialisierte Verfahren wie Arthrozentese oder Arthroskopie diskutiert werden; offene chirurgische Eingriffe bleiben seltenen strukturellen Sonderfällen vorbehalten. Maßgeblich sind ein biopsychosozialer Ansatz und interdisziplinäre Kooperation mit Zahnmedizin, MKG-Chirurgie, Schmerzmedizin, Physiotherapie und Psychologie. Orientierend heranzuziehen sind die AWMF-S3-Leitlinie Bruxismus sowie internationale Empfehlungen, insbesondere die DC/TMD-basierte Diagnostik und konservative TMD-Behandlungsalgorithmen.
Merke: Die wirksamste Erstlinientherapie der CMD ist meist konservativ: Aufklärung, Selbstmanagement, Physiotherapie und bei geeigneter Indikation Schienentherapie.
Prognose
Die Prognose der craniomandibulären Dysfunktion ist insgesamt günstig, insbesondere bei frühzeitiger Einordnung als funktionelle, nicht bedrohliche Störung und bei konsequenter konservativer Therapie. Ein erheblicher Teil der Patienten zeigt innerhalb von Wochen bis wenigen Monaten eine deutliche Besserung der Schmerzen und der Kieferfunktion. Insbesondere akute myogene Beschwerden sprechen oft gut auf Selbstmanagement, Physiotherapie und eine vorübergehende medikamentöse Analgesie an.
Allerdings können Beschwerden bei einem kleineren Teil der Betroffenen chronifizieren. Risikofaktoren hierfür sind hohe initiale Schmerzintensität, lange Beschwerdedauer vor Therapiebeginn, ausgeprägter Bruxismus, Schlafstörungen, Depression, Angst, Katastrophisieren, generalisierte Schmerzsyndrome sowie soziale Belastungsfaktoren. Auch wiederholte invasive oder irreversible Zahnbehandlungen ohne klare Indikation können den Verlauf ungünstig beeinflussen.
Bildgebend nachweisbare Diskusverlagerungen oder degenerative Gelenkveränderungen haben nicht automatisch eine schlechte Prognose. Viele Patienten kompensieren strukturelle Veränderungen funktionell gut. Entscheidend ist die klinische Symptomatik, nicht der Bildbefund allein. Bei entzündlich-rheumatologischen Ursachen hängt die Prognose zusätzlich von der Kontrolle der Grunderkrankung ab.
Eine offene operative Therapie ist nur selten erforderlich. Langfristig profitieren Patienten am meisten von einem realistischen Krankheitsverständnis, Triggerkontrolle, Stressreduktion und der Vermeidung unnötiger okklusaler „Korrekturen“. Regelmäßige Verlaufskontrollen sind bei persistierenden oder progredienten Beschwerden sinnvoll.
Merke: Die meisten CMD-Verläufe sind gut behandelbar; das größte Risiko liegt in der Chronifizierung durch unbehandelte Schmerz- und Stressfaktoren.
Prävention
Eine spezifische Primärprävention der CMD existiert nicht, da die Erkrankung multifaktoriell entsteht. Sinnvoll sind jedoch Maßnahmen zur Risikoreduktion. Dazu gehören die frühzeitige Erkennung und Behandlung von Bruxismus, eine gute Stressregulation, ausreichender Schlaf sowie die Vermeidung dauerhafter Parafunktionen wie Lippenbeißen, Nägelkauen oder bewusstes Zusammenpressen der Zähne tagsüber. Patienten mit hoher psychosozialer Belastung profitieren häufig von Edukation, Entspannungsverfahren und Verhaltenstechniken zur Reduktion parafunktioneller Muskelaktivität.
Zahnärztliche oder prothetische Eingriffe sollten sorgfältig geplant und nur bei klarer Indikation durchgeführt werden. Eine prophylaktische, irreversible Okklusionskorrektur zur Verhinderung von CMD ist nach heutigem Kenntnisstand nicht evidenzbasiert. Nach längerer Mundöffnung, etwa bei zahnärztlichen Behandlungen, kann bei disponierten Patienten eine vorübergehende Schonung des Kiefergelenks sinnvoll sein. Bei bekannter rheumatologischer Gelenkbeteiligung sind regelmäßige Kontrollen wichtig, um strukturelle Schäden frühzeitig zu erkennen.
Merke: Die beste Prävention besteht in der Reduktion von Parafunktionen und Stress sowie in der Vermeidung unnötiger irreversibler Zahn- oder Okklusionseingriffe.
Komplikationen
Unbehandelt oder bei ungünstiger Konstellation kann eine CMD zu einer Reihe klinisch relevanter Komplikationen führen. Die wichtigste ist die Schmerzchronifizierung mit Entwicklung eines anhaltenden orofazialen Schmerzsyndroms. Dies geht häufig mit Schlafstörungen, Konzentrationsminderung, reduzierter Lebensqualität und psychosozialer Beeinträchtigung einher. Bei zentraler Sensitivierung können sich die Beschwerden über den Kieferbereich hinaus auf Kopf, Nacken und Schultergürtel ausweiten.
Intraartikuläre Störungen können zu rezidivierenden Blockierungen, schmerzhafter Mundöffnungseinschränkung und funktionellen Beeinträchtigungen beim Essen, Sprechen oder bei zahnärztlichen Behandlungen führen. Bei chronischer Fehlbelastung oder entzündlicher Beteiligung sind degenerative Veränderungen des Kiefergelenks möglich, darunter Knorpelschäden, Osteophytenbildung, Flattening und struktureller Umbau des Kondylus. Bei juvenilen Patienten mit entzündlicher Gelenkerkrankung drohen in seltenen Fällen Wachstumsstörungen und Gesichtsasymmetrien.
Sekundär können Bruxismusfolgen auftreten: Abrasionen, Zahnrisse, Frakturen von Restaurationen, dentine Hypersensibilität und parodontale Überlastung. Nicht zu unterschätzen sind auch iatrogene Komplikationen: Überdiagnostik, unnötige Prothetik, Einschleifmaßnahmen oder wiederholte invasive Interventionen können Beschwerden verstärken statt lindern.
Bei Warnzeichen wie Fieber, Schwellung, rasch progredienter Kieferklemme, Neurologie oder Gewichtsverlust muss an andere, potenziell gefährliche Ursachen gedacht werden, da dann nicht die CMD selbst, sondern eine Fehldiagnose die eigentliche Komplikation darstellt.
Merke: Die bedeutsamste Komplikation der CMD ist nicht die Gelenkzerstörung, sondern die Chronifizierung eines orofazialen Schmerzsyndroms.
Häufige Fragen
Ist eine craniomandibuläre Dysfunktion gefährlich?
Meistens nicht. Die CMD ist zwar oft schmerzhaft und belastend, aber in den meisten Fällen keine gefährliche Erkrankung und spricht gut auf konservative Maßnahmen wie Aufklärung, Physiotherapie und Schienentherapie an. Warnzeichen wie Schwellung, Fieber, starke Kieferklemme oder Taubheitsgefühle sollten jedoch rasch ärztlich abgeklärt werden.
Hilft eine Knirscherschiene immer bei CMD?
Eine Aufbissschiene kann vor allem bei Bruxismus, muskulären Beschwerden und zur Entlastung des Kiefergelenks hilfreich sein, sie ist aber nicht für jeden Patienten die alleinige Lösung. Oft ist die Kombination aus Schiene, Übungen, Stressreduktion und Schmerztherapie am wirksamsten.
Kann CMD von allein wieder weggehen?
Ja, viele akute Beschwerden bessern sich innerhalb von Wochen spontan oder unter einfachen konservativen Maßnahmen. Wenn Schmerzen länger anhalten, die Mundöffnung eingeschränkt ist oder wiederkehrende Blockierungen auftreten, sollte eine strukturierte Diagnostik erfolgen.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie (DGFDT), Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK). AWMF-S3-Leitlinie Bruxismus – Diagnostik und Behandlung, aktuelle Fassung.
- Schiffman E, Ohrbach R, Truelove E, et al. Diagnostic Criteria for Temporomandibular Disorders (DC/TMD) for Clinical and Research Applications. Journal of Oral & Facial Pain and Headache. 2014;28(1):6-27.
- Okeson JP. Management of Temporomandibular Disorders and Occlusion. 8th ed. Elsevier.
- AWMF-Leitlinie: Rheumatoide Arthritis, Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh), aktuelle Fassung.
- Jameson JL, Fauci AS, Kasper DL, Hauser SL, Longo DL, Loscalzo J, Hrsg. Harrison's Principles of Internal Medicine. 21st ed. McGraw-Hill.
- Bag AK, Gaddikeri S, Singhal A, et al. Imaging of the temporomandibular joint: An update. World Journal of Radiology. 2014;6(8):567-582.
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