🦴 Orthopädie ICD-10: M15

Arthrose: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie

Arthrose: Ursachen, Symptome, Diagnostik und Therapie der Gelenkdegeneration – evidenzbasiert für Studium, Klinik und Praxis.

Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi
Arzt, Wissenschaftler & Gründer von SCIORA
24. März 2026 · 12 Min. Lesezeit · Aktualisiert: 24. März 2026 · Geprüft von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer
📋 Inhaltsverzeichnis

    Definition

    Die Arthrose ist eine chronisch progrediente, degenerative Erkrankung synovialer Gelenke mit strukturellen Veränderungen von Gelenkknorpel, subchondralem Knochen, Synovia, Kapsel und periartikulären Weichteilen. Sie ist keine reine „Knorpelabrieb-Erkrankung“, sondern ein Erkrankungsprozess des gesamten Gelenkorgans, der durch mechanische, metabolische, entzündliche und altersassoziierte Faktoren beeinflusst wird. Klinisch manifestiert sie sich typischerweise mit belastungsabhängigen Schmerzen, Anlaufschmerz, Funktionsminderung und im Verlauf Bewegungseinschränkung. Je nach Lokalisation spricht man z. B. von Gonarthrose, Coxarthrose oder Heberden-/Bouchard-Arthrose; der ICD-10-Code M15 bezeichnet die Polyarthrose.

    Merke: Arthrose ist nicht nur „Verschleiß“, sondern eine multifaktorielle Gelenkerkrankung mit struktureller, biomechanischer und niedriggradig inflammatorischer Komponente.

    Epidemiologie

    Die Arthrose gehört weltweit zu den häufigsten muskuloskelettalen Erkrankungen und ist eine führende Ursache für Schmerzen, Bewegungseinschränkung und Behinderung im höheren Lebensalter. In Deutschland zeigen bevölkerungsbezogene Untersuchungen und Krankenkassendaten, dass mehrere Millionen Menschen von einer klinisch relevanten Arthrose betroffen sind. Radiologische Arthrosezeichen nehmen mit dem Alter deutlich zu: Ab dem 50. Lebensjahr finden sich je nach Gelenk und Kollektiv bei einem erheblichen Anteil degenerative Veränderungen, bei über 70-Jährigen radiologisch oft bei mehr als 50 %. Klinisch symptomatisch sind jedoch deutlich weniger Personen als radiologisch auffällig.

    Die Kniearthrose zählt zu den häufigsten Formen; die Prävalenz einer symptomatischen Gonarthrose liegt in westlichen Populationen grob bei 10–20 % der Erwachsenen über 60 Jahren. Für die Hüftarthrose werden bei älteren Erwachsenen symptomatische Prävalenzen von etwa 5–10 % angegeben. Die Handarthrose betrifft insbesondere Frauen nach der Menopause und zeigt in höheren Altersgruppen Prävalenzen von 20–50 %, radiologisch teils noch häufiger. Frauen sind insgesamt, besonders bei Hand- und Kniearthrose, häufiger betroffen als Männer. Adipositas erhöht vor allem das Risiko für Kniearthrose deutlich; pro 5 kg/m² BMI-Anstieg nimmt das Erkrankungsrisiko messbar zu.

    Die Inzidenz steigt mit dem Lebensalter, gleichzeitig führen Sportverletzungen, Achsfehlstellungen und metabolische Risikofaktoren dazu, dass Arthrose auch im mittleren Lebensalter klinisch relevant wird. Aufgrund der alternden Bevölkerung und der hohen Prävalenz von Übergewicht und Bewegungsmangel ist in den kommenden Jahren mit einer weiteren Zunahme der Krankheitslast zu rechnen.

    Merke: Radiologische Arthrose ist deutlich häufiger als symptomatische Arthrose; Befund und Beschwerden korrelieren nur mäßig.

    Ätiologie

    Die Ätiologie der Arthrose ist multifaktoriell. Klassisch wird zwischen primärer Arthrose ohne eindeutig fassbare Einzelursache und sekundärer Arthrose infolge definierter Vorschädigungen oder Grunderkrankungen unterschieden. Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählt das Alter, da mit zunehmenden Lebensjahren die regenerative Kapazität von Chondrozyten sinkt und die mechanische Belastbarkeit des Knorpels abnimmt. Ein weiterer zentraler Faktor ist die Adipositas, die nicht nur die Gelenkbelastung – besonders am Knie – erhöht, sondern über Adipokine auch proinflammatorische und katabole Effekte entfaltet.

    Mechanische Ursachen sind klinisch besonders relevant: Achsfehlstellungen wie Varus- oder Valgusfehlstellung, Gelenkinstabilität, Bandläsionen, Meniskusschäden, posttraumatische Gelenkinkongruenzen sowie repetitive berufliche oder sportliche Überlastung fördern die Entstehung einer Arthrose. Sekundäre Arthrosen entwickeln sich außerdem nach Frakturen mit Gelenkbeteiligung, bei Hüftdysplasie, Femoroacetabulärem Impingement, aseptischer Knochennekrose oder nach chronisch-entzündlichen Prozessen. Metabolische und endokrine Faktoren wie Diabetes mellitus, Hämochromatose, Akromegalie oder Hyperparathyreoidismus können beteiligt sein. Auch genetische Einflüsse sind belegt, insbesondere bei Hand- und generalisierter Arthrose.

    Frauen entwickeln nach der Menopause häufiger Arthrose, was auf hormonelle Einflüsse hinweist. Schutzfaktoren sind regelmäßige, gelenkschonende Bewegung, Muskelkräftigung und Gewichtsnormalisierung. Im Gegensatz zu einer häufigen Fehlannahme ist normale körperliche Aktivität nicht grundsätzlich schädlich; problematisch sind vielmehr fehlbelastende, hochintensive oder repetitive Belastungsmuster bei vorgeschädigtem Gelenk.

    Merke: Die wichtigste modifizierbare Ursache der Arthrose ist nicht das Alter, sondern die Kombination aus Überlastung, Fehlstatik, Muskelinsuffizienz und Adipositas.

    Pathogenese

    Pathophysiologisch handelt es sich bei der Arthrose um eine Störung des Gleichgewichts zwischen Aufbau und Abbau der Gelenkgewebe. Ausgangspunkt ist häufig eine chronische mechanische Überforderung oder Mikrotraumatisierung des Gelenks. Chondrozyten reagieren darauf mit einer veränderten Synthese von Matrixbestandteilen: Die Produktion von Typ-II-Kollagen und Proteoglykanen nimmt ab, während der Abbau durch Matrix-Metalloproteinasen (MMP) und Aggrecanasen zunimmt. Dadurch verliert der Gelenkknorpel seine elastische Belastbarkeit, wird weicher, fibrilliert und zeigt im Verlauf Defekte bis hin zum vollständigen Knorpelverlust.

    Parallel kommt es zu Veränderungen des subchondralen Knochens mit Sklerosierung, Mikrofrakturen und Zystenbildung. Randständig entstehen Osteophyten, die als Reparaturversuch interpretiert werden können, klinisch jedoch die Beweglichkeit einschränken und Schmerzen mitbedingen. Die Synovialis ist bei Arthrose häufig nicht unbeteiligt: Eine niedriggradige Synovitis mit Freisetzung proinflammatorischer Mediatoren wie IL-1, TNF-α und Prostaglandinen verstärkt den Katabolismus. Die Erkrankung betrifft somit das gesamte Gelenkorgan einschließlich Kapsel, Menisken, Bändern und periartikulärer Muskulatur.

    Schmerz entsteht nicht primär aus dem avaskulären Knorpel, sondern aus schmerzempfindlichen Strukturen wie Synovia, Kapsel, subchondralem Knochen, Bändern und Muskeln. Daher können Patienten trotz geringer radiologischer Veränderungen erhebliche Beschwerden haben und umgekehrt. Im Verlauf führt die Kombination aus Schmerz, Schonung, Muskelabbau und reduzierter Propriozeption zu einem Teufelskreis aus Funktionsverlust und weiterer Fehlbelastung. Dies erklärt, warum moderne Therapiekonzepte nicht nur auf Analgesie, sondern auch auf Training, Gewichtsreduktion und biomechanische Korrektur setzen.

    Merke: Arthrose ist eine Erkrankung des gesamten Gelenkorgans; der Schmerz stammt meist nicht aus dem Knorpel selbst, sondern aus periartikulären und subchondralen Strukturen.

    Symptome

    Leitsymptom der Arthrose ist der belastungsabhängige Gelenkschmerz. Typisch sind zunächst Schmerzen bei längerer Belastung, Treppensteigen, Gehen oder Tragen von Lasten. Im Frühstadium berichten viele Betroffene über Anlaufschmerz nach Ruhephasen, der sich nach einigen Schritten bessert. Später treten Dauerschmerzen, gelegentlich auch Nachtschmerz, und eine zunehmende Einschränkung der Alltagsfunktion auf. Ebenfalls klassisch ist die Morgensteifigkeit, die bei Arthrose meist unter 30 Minuten dauert und damit kürzer ist als bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen.

    Je nach Gelenk unterscheidet sich die Klinik. Bei der Gonarthrose klagen Patienten über Kniegelenksschmerzen, Belastungsschmerz beim Bergabgehen oder Treppensteigen, Schwellneigung und gelegentlich Instabilitätsgefühl. Bei der Coxarthrose stehen Leistenschmerz, Gesäß- oder Oberschenkelschmerz, eingeschränkte Innenrotation und Schwierigkeiten beim Schuheanziehen im Vordergrund. Die Handarthrose manifestiert sich häufig mit Schmerzen, Kraftminderung und knöchernen Auftreibungen der distalen bzw. proximalen Interphalangealgelenke (Heberden- und Bouchard-Knoten) oder mit Schmerzen im Daumensattelgelenk bei Rhizarthrose.

    Klinisch fallen Bewegungseinschränkung, Krepitationen, Gelenkergüsse, Achsabweichungen, Schonhinken und Muskelatrophie auf. Episodisch kann eine aktivierte Arthrose mit Erguss, Überwärmung und verstärkten Schmerzen auftreten; dabei ist die Entzündung jedoch meist geringer ausgeprägt als bei septischer Arthritis oder rheumatoider Arthritis. Im Spätstadium entstehen Kontrakturen, Fehlstellungen und erhebliche Funktionseinbußen bis hin zum Verlust der Gehstrecke.

    Merke: Arthroseschmerz ist anfangs typischerweise belastungsabhängig, während ausgeprägte Ruheschmerzen, Fieber oder lange Morgensteifigkeit an andere Diagnosen denken lassen sollten.

    Diagnostik

    Die Diagnostik der Arthrose basiert auf Anamnese, klinischer Untersuchung und Bildgebung. Bereits die Anamnese liefert wesentliche Hinweise: belastungsabhängiger Schmerz, Anlaufschmerz, schleichender Beginn, Funktionsverlust und lokalisationsspezifische Beschwerden. In der körperlichen Untersuchung werden Inspektion, Achsverhältnisse, Umfangsvermehrung, Erguss, Druckschmerz, Bewegungsumfang, Krepitationen, Bandstabilität und Gangbild beurteilt. Bei Hüftarthrose ist eine eingeschränkte Innenrotation oft ein frühes Zeichen, bei Kniearthrose können Varus- oder Valgusfehlstellungen wegweisend sein.

    Die Standardbildgebung ist das konventionelle Röntgen des betroffenen Gelenks in mindestens zwei Ebenen, bei Belastung wenn sinnvoll. Typische radiologische Zeichen sind Gelenkspaltverschmälerung, subchondrale Sklerose, Osteophyten und subchondrale Zysten. Der radiologische Schweregrad wird häufig nach Kellgren-Lawrence eingeteilt. Das Röntgen ist in der Regel ausreichend, eine MRT ist nicht Goldstandard der Routinediagnostik, aber sinnvoll bei unklaren Beschwerden, Verdacht auf Meniskus-/Bandläsion, osteochondrale Läsionen, subchondrale Insuffizienzfraktur oder frühe Arthrose ohne eindeutigen Röntgenbefund. Sonografie kann Ergüsse und Synovitis erfassen.

    Laborwerte sind bei unkomplizierter Arthrose oft unauffällig. Entzündungsparameter wie CRP und BSG dienen primär dem Ausschluss entzündlicher oder infektiöser Ursachen. Bei Gelenkerguss und atypischer Klinik ist eine Gelenkpunktion mit Analyse von Zellzahl, Kristallen und Erregerdiagnostik essenziell, um insbesondere septische Arthritis oder Kristallarthropathien auszuschließen. Die definitive Beurteilung erfolgt klinisch-radiologisch; eine Arthroskopie ist heute nicht diagnostischer Standard.

    Merke: Das Röntgen unter Belastung ist die wichtigste Basisdiagnostik; ein auffälliges MRT ohne passende Klinik beweist keine behandlungsbedürftige Arthrose.

    Differentialdiagnosen

    Die wichtigste Differenzialdiagnose der Arthrose ist die rheumatoide Arthritis, insbesondere bei Hand- und Kniebeschwerden. Hinweise auf eine entzündlich-rheumatische Genese sind lange Morgensteifigkeit über 30–60 Minuten, symmetrischer Befall, deutliche Weichteilschwellungen, Allgemeinsymptome und erhöhte Entzündungswerte. Ebenfalls relevant sind Psoriasisarthritis, reaktive Arthritiden und andere Spondyloarthritiden. Bei akut schmerzhaft geschwollenem Gelenk muss immer an eine septische Arthritis gedacht werden; Fieber, hochgradige Entzündungszeichen oder rascher Beginn sind Warnsignale und erfordern sofortige Abklärung.

    Sehr häufig werden Arthrosebeschwerden mit Kristallarthropathien verwechselt. Die Gichtarthritis betrifft oft das Großzehengrundgelenk, kann aber auch Knie, Sprunggelenk oder Finger befallen; die Chondrokalzinose/Pseudogicht verursacht besonders bei älteren Patienten akute schmerzhafte Ergusszustände des Knies oder Handgelenks. Weitere Differenzialdiagnosen sind Bursitiden, Tendinopathien, Meniskusläsionen, Bandinstabilitäten, aseptische Knochennekrose, subchondrale Insuffizienzfraktur, Osteochondrosis dissecans und bei Hüftschmerz das femoroacetabuläre Impingement.

    Nicht selten sind die Schmerzen extraartikulär bedingt, etwa durch Lumbalradikulopathie, Spinalkanalstenose, Trochanterschmerzsyndrom, Sakroiliakalgelenk-Dysfunktion oder myofasziale Syndrome. Bei generalisierten Schmerzen und diskretem Befund sollte auch an Fibromyalgie gedacht werden. Tumoren oder Knochenmetastasen sind selten, müssen bei atypischem Verlauf, Nachtschmerz, Gewichtsverlust oder fehlender mechanischer Beeinflussbarkeit aber berücksichtigt werden.

    Merke: Ein „arthrosetypisches“ Röntgenbild schließt entzündliche, kristallinduzierte oder infektiöse Gelenkerkrankungen nicht aus; die Klinik entscheidet.

    Therapie

    Die Therapie der Arthrose orientiert sich an aktuellen Empfehlungen der AWMF, der OARSI, der EULAR sowie orthopädisch-internistischen Leitlinien und erfolgt stufenweise. Basis jeder Behandlung sind Patientenaufklärung, Gewichtsreduktion, Bewegungstherapie und Muskelkräftigung. Bereits eine Gewichtsabnahme von 5–10 % kann bei Kniearthrose Schmerzen und Funktion relevant verbessern. Empfohlen werden gelenkschonende Ausdauerformen wie Radfahren, Schwimmen, Aquajogging, ergänzt durch gezieltes Krafttraining, Koordinations- und Beweglichkeitsübungen. Bei Fehlstatik können Einlagen, Orthesen oder entlastende Hilfsmittel sinnvoll sein; Gehstöcke reduzieren die Gelenkbelastung insbesondere bei Hüft- und Kniearthrose.

    Medikamentös werden zunächst topische NSAR empfohlen, z. B. Diclofenac-Gel 1–4-mal täglich auf das betroffene Gelenk. Reicht dies nicht aus, können orale NSAR eingesetzt werden, etwa Ibuprofen 400–600 mg bis 3-mal täglich, Naproxen 250–500 mg 2-mal täglich oder Diclofenac 50 mg 2–3-mal täglich, jeweils in der niedrigsten wirksamen Dosis und kürzestmöglichen Dauer. Bei gastrointestinalem Risiko ist ein PPI-Schutz zu erwägen. Paracetamol ist nur eingeschränkt wirksam und wird nicht mehr als bevorzugte Dauertherapie empfohlen. Bei Kontraindikationen oder persistierenden Schmerzen kann Metamizol erwogen werden; Opioide sollen wegen begrenzter Wirksamkeit und Nebenwirkungen nur ausnahmsweise und kurzzeitig verwendet werden. In ausgewählten Fällen kann Duloxetin 60 mg/Tag bei chronischem muskuloskelettalem Schmerz hilfreich sein.

    Bei aktivierter Arthrose können intraartikuläre Glukokortikoidinjektionen kurzfristig Linderung bringen, z. B. Triamcinolon 20–40 mg intraartikulär, jedoch nicht zu häufig. Hyaluronsäure-Injektionen werden je nach Leitlinie kritisch bis zurückhaltend beurteilt; ein klarer Nutzen ist nicht für alle Patienten belegt. Arthroskopische Gelenkspülungen oder Debridements haben bei degenerativer Kniearthrose ohne mechanische Blockade in der Regel keinen empfohlenen Stellenwert. Bei fortgeschrittener, therapierefraktärer Arthrose mit relevanter Funktionsminderung ist die Endoprothetik effektiv: Knie- und Hüfttotalendoprothesen verbessern Schmerz und Lebensqualität bei geeigneter Indikation deutlich. Vor gelenkersetzenden Eingriffen müssen konservative Maßnahmen ausgeschöpft, Komorbiditäten optimiert und die Erwartungshaltung realistisch besprochen werden.

    Merke: Die wirksamste Langzeittherapie der Arthrose ist nicht die Tablette, sondern die Kombination aus Bewegung, Muskelaufbau, Gewichtsreduktion und angepasster Analgesie.

    Prognose

    Die Prognose der Arthrose ist heterogen und hängt von betroffenem Gelenk, Alter, Achsverhältnissen, Körpergewicht, Muskelstatus, Schmerzchronifizierung und Komorbiditäten ab. Arthrose ist meist chronisch progredient, verläuft jedoch nicht bei allen Patienten gleich schnell. Viele Betroffene haben über Jahre stabile Beschwerden auf niedrigem bis moderatem Niveau, während andere rasch eine deutliche Funktionsminderung entwickeln. Ein ungünstiger Verlauf ist insbesondere bei Adipositas, persistierender Fehlbelastung, vorausgegangenen Gelenkverletzungen, ausgeprägter Achsfehlstellung, hoher Schmerzintensität und geringer körperlicher Aktivität zu beobachten.

    Zwischen radiologischem Schweregrad und klinischer Symptomatik besteht nur eine mäßige Korrelation. Daher sollte die Prognose immer anhand von Schmerz, Gehstrecke, Alltagsfunktion und Teilhabe beurteilt werden, nicht allein anhand des Röntgenbildes. Durch konsequente konservative Maßnahmen lassen sich Schmerzen häufig deutlich lindern und die Gelenkfunktion verbessern. Besonders gut belegt sind Effekte von Krafttraining und Gewichtsreduktion bei Knie- und Hüftarthrose. Eine vollständige „Heilung“ der strukturellen Gelenkveränderungen ist nicht möglich, aber der Verlauf kann oft gebremst und die Lebensqualität relevant gesteigert werden.

    Für fortgeschrittene Arthrosen ist die operative Therapie prognostisch bedeutsam. Nach Implantation einer Hüft- oder Knieendoprothese berichten die meisten Patienten über deutliche Schmerzreduktion und Funktionsgewinn; die Überlebensraten moderner Implantate liegen je nach Registerdaten oft bei über 90 % nach 10 Jahren. Prognostisch wichtig sind perioperative Risikofaktoren wie Adipositas, Diabetes, Infektionen und Rauchen.

    Merke: Arthrose ist meist nicht lebensbedrohlich, aber häufig lebensqualitätsbestimmend; eine frühe funktionelle Therapie verbessert die Langzeitprognose erheblich.

    Prävention

    Eine kausale Primärprävention der Arthrose ist nicht vollständig möglich, aber das Risiko lässt sich durch mehrere Maßnahmen deutlich senken. Die wichtigste präventive Strategie ist die Vermeidung bzw. Reduktion von Übergewicht. Bereits eine moderate Gewichtsnormalisierung vermindert insbesondere am Knie die mechanische Last pro Schritt erheblich. Ebenfalls zentral ist regelmäßige körperliche Aktivität mit Muskelkräftigung, Koordinationsschulung und Erhalt der Gelenkbeweglichkeit. Gut trainierte periartikuläre Muskulatur verbessert die Lastverteilung und Stabilität des Gelenks.

    Im Sport und Berufsleben sollten Fehl- und Überlastungen minimiert werden. Dazu gehören korrektes Training, ausreichende Regeneration, adäquates Schuhwerk und die konsequente Behandlung von Bandverletzungen, Meniskusläsionen oder Frakturen mit Gelenkbeteiligung, um posttraumatische Arthrosen zu vermeiden. Bei Achsfehlstellungen oder Instabilitäten kann eine frühzeitige orthopädische Mitbeurteilung sinnvoll sein. Berufliche Expositionen mit häufigem Knien, schwerem Heben oder repetitiven Stoßbelastungen sollten wenn möglich ergonomisch angepasst werden.

    Sekundärpräventiv ist eine frühe Diagnosestellung wichtig, um den Teufelskreis aus Schmerz, Schonung, Muskelabbau und weiterer Überlastung zu unterbrechen. Rauchen ist kein klassischer Hauptfaktor der Arthroseentstehung, verschlechtert jedoch die allgemeine Gewebeheilung und operative Ergebnisse. Eine spezifische medikamentöse Prävention existiert derzeit nicht.

    Merke: Die wirksamste Prävention besteht aus Normalgewicht, regelmäßiger Bewegung und dem Schutz verletzter oder fehlbelasteter Gelenke.

    Komplikationen

    Die Arthrose kann zu einer Reihe klinisch relevanter Komplikationen führen. Im Vordergrund steht die progrediente Funktionseinschränkung mit abnehmender Gehstrecke, eingeschränkter Selbstständigkeit und verminderter Teilhabe am sozialen sowie beruflichen Leben. Durch Schonung und Schmerzvermeidung entwickeln viele Patienten eine Muskelatrophie, insbesondere des M. quadriceps bei Gonarthrose oder der hüftumgebenden Muskulatur bei Coxarthrose. Dies verstärkt die Instabilität und erhöht das Sturzrisiko. Bei Fehlbelastung können sekundäre Probleme wie Bursitiden, Tendinopathien, Rückenbeschwerden und kontralaterale Überlastungssyndrome entstehen.

    Eine wichtige lokale Komplikation ist die aktivierte Arthrose mit Gelenkerguss, Überwärmung und deutlicher Schmerzverstärkung. Wiederholte Reizzustände fördern Immobilität und Analgetikabedarf. Im Spätstadium drohen Kontrakturen, Achsdeformitäten und erhebliche Bewegungseinschränkungen bis hin zur Gehunfähigkeit. Bei der Handarthrose kann es zu deutlicher Greifschwäche und Einschränkung feinmotorischer Tätigkeiten kommen. Zudem ist Arthrose mit einer relevanten psychischen Belastung assoziiert; chronische Schmerzen erhöhen das Risiko für Schlafstörungen, depressive Symptome und Schmerzchronifizierung.

    Therapieassoziierte Komplikationen dürfen nicht übersehen werden. Längerfristige NSAR-Einnahme kann gastrointestinale Blutungen, Nierenfunktionsstörungen und kardiovaskuläre Ereignisse begünstigen. Intraartikuläre Injektionen bergen ein geringes, aber klinisch bedeutsames Risiko für Infektionen. Nach endoprothetischer Versorgung sind periprothetische Infektion, Luxation, Thrombose, aseptische Lockerung und periprothetische Fraktur wichtige Komplikationen.

    Merke: Die bedeutendste Komplikation der Arthrose ist oft nicht der Gelenkbefund selbst, sondern der Verlust an Mobilität, Selbstständigkeit und Lebensqualität.

    Häufige Fragen

    Ist Arthrose einfach nur altersbedingter Gelenkverschleiß?

    Nicht nur. Das Alter ist ein wichtiger Risikofaktor, aber auch Übergewicht, frühere Verletzungen, Fehlstellungen und Muskelabbau spielen eine große Rolle. Deshalb kann man den Verlauf durch Training, Gewichtsreduktion und gute Behandlung oft deutlich beeinflussen.

    Hilft Bewegung bei Arthrose oder schadet sie dem Gelenk?

    Gezielte, gelenkschonende Bewegung ist eine der wirksamsten Behandlungen bei Arthrose. Sie stärkt die Muskulatur, verbessert die Gelenkfunktion und reduziert Schmerzen. Ungünstig sind vor allem Fehl- oder Überlastungen, nicht normale Aktivität.

    Wann braucht man bei Arthrose ein künstliches Gelenk?

    Ein künstliches Gelenk kommt in Betracht, wenn starke Schmerzen, deutliche Bewegungseinschränkungen und Alltagsprobleme trotz ausgeschöpfter konservativer Therapie bestehen. Entscheidend sind nicht nur die Röntgenbilder, sondern vor allem Ihre Beschwerden und Funktion.

    Quellen

    1. AWMF S2k-Leitlinie Gonarthrose, Register AWMF, aktuelle Fassung.
    2. National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Osteoarthritis in over 16s: diagnosis and management. NICE guideline NG226, 2022.
    3. Katz JN, Arant KR, Loeser RF. Diagnosis and Treatment of Hip and Knee Osteoarthritis. JAMA. 2021;325(6):568-578.
    4. Hunter DJ, Bierma-Zeinstra S. Osteoarthritis. Lancet. 2019;393(10182):1745-1759.
    5. Firestein & Kelley’s Textbook of Rheumatology. 11th ed. Elsevier.
    6. AWMF S2k-Leitlinie Coxarthrose, Register AWMF, aktuelle Fassung.
    Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel wurde von Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi verfasst und von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer fachlich geprüft, zuletzt aktualisiert am 24. März 2026. Er dient der fachlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

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