Kondylenfraktur: Klassifikation, Diagnostik & Therapie
Kondylenfraktur des Unterkiefers: Einteilung nach Spiessl/Schroll, Diagnostik, konservative und operative Therapie nach Leitlinien.
Definition
Die Kondylenfraktur (Gelenkfortsatzfraktur) bezeichnet einen Bruch im Bereich des Processus condylaris mandibulae und ist mit einem Anteil von etwa 25–35 % aller Unterkieferfrakturen eine der häufigsten Frakturen des Gesichtsschädels. Je nach Frakturhöhe unterscheidet man Kapitulumfrakturen (intrakapsulär/diakapsulär), hohe und tiefe Collumfrakturen sowie Frakturen der Gelenkfortsatzbasis. Die Einteilung ist klinisch entscheidend, weil sie das therapeutische Vorgehen – konservativ versus operativ – maßgeblich beeinflusst.
Die klinische Relevanz der Kondylenfraktur ergibt sich aus der engen Beziehung zum Kiefergelenk: Fehlstellungen des Kondylus können zu dauerhaften Okklusionsstörungen, Mundöffnungseinschränkungen, Kiefergelenkarthropathien und Gesichtsasymmetrien führen. Besonders bei Kindern und Jugendlichen können Kondylenfrakturen durch Wachstumsstörungen des Unterkiefers langfristig eine Gesichtsskoliose oder mandibuläre Retrognathie verursachen. Die Diagnostik erfordert eine sorgfältige klinische und radiologische Evaluation, und die Therapieentscheidung orientiert sich an validierten Klassifikationen, insbesondere der Einteilung nach Spiessl und Schroll.
Merke: Kondylenfrakturen sind die häufigsten Unterkieferfrakturen und erfordern eine differenzierte Therapieentscheidung, da Fehlstellungen zu dauerhaften Okklusionsstörungen und Kiefergelenkdysfunktionen führen können.
Epidemiologie
Kondylenfrakturen machen je nach Untersuchungskollektiv 25–35 % aller Unterkieferfrakturen aus. In manchen pädiatrischen Serien liegt der Anteil noch höher bei bis zu 50 %. Die Inzidenz zeigt eine bimodale Altersverteilung: Ein erster Gipfel liegt bei Kindern und Jugendlichen zwischen 5 und 15 Jahren, ein zweiter bei Erwachsenen zwischen 20 und 40 Jahren. Männer sind insgesamt häufiger betroffen als Frauen, wobei das Verhältnis je nach Ursache variiert und etwa 2–3:1 beträgt.
Die häufigsten Ursachen sind im Erwachsenenalter Rohheitsdelikte (Schläge, Faustschlag gegen das Kinn), Verkehrsunfälle (Fahrrad, Motorrad, PKW) und Stürze. Bei Kindern überwiegen Stürze, insbesondere aus geringer Höhe (Spielplatz, Fahrrad). Sporttraumen und Arbeitsunfälle machen einen weiteren relevanten Anteil aus. Die Fraktur entsteht typischerweise durch eine indirekte Krafteinleitung: Ein Schlag auf das Kinn oder den kontralateralen Unterkieferkörper überträgt die Kraft über den aufsteigenden Ast auf den Gelenkfortsatz, der als biomechanische Sollbruchstelle nachgibt. Bilaterale Kondylenfrakturen treten in etwa 15–30 % der Fälle auf und gehen häufig mit einer gleichzeitigen Symphysen- oder Parasymphysenfraktur einher.
Merke: Kondylenfrakturen entstehen typischerweise durch indirekte Kraftübertragung (Kinntrauma) und betreffen häufig junge Männer und Kinder.
Ätiologie
Die Ätiologie der Kondylenfraktur ist nahezu ausschließlich traumatisch. Der Processus condylaris stellt aufgrund seiner dünnen Knochenstruktur im Collumbereich und der biomechanischen Hebelwirkung des Unterkiefers eine prädisponierte Frakturstelle dar. Bei einem frontalen oder seitlichen Trauma auf den Unterkiefer wird die einwirkende Kraft über den Corpus mandibulae und den Ramus ascendens zum Gelenkfortsatz geleitet, der als schwächster Punkt im Kraftfluss frakturiert. Dieser Mechanismus wird als Sollbruchstellen-Prinzip verstanden und hat eine protektive Funktion für die mittlere Schädelbasis.
Relevante Unfallmechanismen sind direkte Schläge auf das Kinn (häufigster Mechanismus für bilaterale Frakturen), seitliche Schläge auf den Unterkiefer (häufiger unilaterale Frakturen), Stürze auf das Kinn, Verkehrsunfälle mit Aufprall auf das Gesicht und Sporttraumen (Kampfsport, Mannschaftssport, Radsport). Bei Kindern ist die knöcherne Elastizität höher, sodass häufiger intrakapsulär gelegene Frakturen und Grünholzfrakturen auftreten, während bei Erwachsenen Collumfrakturen überwiegen.
Prädisponierende Faktoren für schwere Dislokationen sind vorbestehende Osteoporose, Bisphosphonat-Therapie, pathologische Knochenprozesse (Tumoren, Zysten im Bereich des aufsteigenden Astes), Osteogenesis imperfecta sowie eine geringe Knochendichte im Collumbereich. Bei Gewaltdelikten werden häufig begleitende Unterkieferfrakturen (Parasymphyse, Corpus, Angulus) beobachtet, die eine sorgfältige Panoramaaufnahme oder CT-Diagnostik erfordern.
Merke: Der Gelenkfortsatz ist die biomechanische Sollbruchstelle des Unterkiefers – ein Schlag auf das Kinn erzeugt typischerweise eine Kondylenfraktur, nicht eine Kieferbasisfraktur.
Klassifikation
Die Einteilung nach Spiessl und Schroll (1972) ist die im deutschsprachigen Raum am weitesten verbreitete Klassifikation der Kondylenfrakturen. Sie unterscheidet sechs Typen anhand von Frakturhöhe, Dislokationsgrad und Kondylusposition:
- Typ I: Fraktur des Gelenkfortsatzes ohne wesentliche Dislokation. Der Kondylus steht in korrekter Position zur Fossa. Gelenkfortsatzachse weitgehend erhalten.
- Typ II: Tiefe Collumfraktur mit Abknickung. Die Gelenkfortsatzachse ist verändert, der Gelenkkopf bleibt aber in der Fossa articularis. Der Ramus ist nach medial disloziert.
- Typ III: Hohe Collumfraktur mit Dislokation, bei der der Gelenkkopf aus der Fossa verlagert ist, jedoch Kontakt zwischen den Fragmenten besteht. Wesentliche Achsabweichung und Verkürzung des Ramus.
- Typ IV: Tiefe Collumfraktur mit Luxation des Gelenkkopfes. Der Kondylus ist vollständig aus der Gelenkpfanne luxiert und medial, anterior oder lateral verlagert. Kein Fragmentkontakt.
- Typ V: Vertikale Frakturlinie durch den Gelenkkopf (sagittale Kapitulumfraktur). Diese intrakapsulär gelegene Fraktur betrifft die Gelenkfläche direkt.
- Typ VI: Trümmerfraktur des Gelenkkopfes (Kapitulumtrümmerfraktur). Mehrfragmentäre Zerstörung der Gelenkfläche, häufig bei Hochrasanztraumen.
Neben der Klassifikation nach Spiessl und Schroll werden international auch weitere Einteilungen verwendet. Die Klassifikation nach Loukota et al. (2005/Straßburg Osteosynthese Research Group) unterscheidet anhand der Frakturhöhe drei Hauptgruppen: Gelenkfortsatzbasis (Frakturlinie unterhalb der Incisura semilunaris), Collum (schmalster Bereich des Gelenkfortsatzes) und Gelenkkopf/Kapitulum (intrakapsulär). Zusätzlich werden Frakturen nach dem Dislokationsgrad in nicht disloziert, disloziert und luxiert unterteilt. Die AO/AOCMF-Klassifikation systematisiert Unterkieferfrakturen nach anatomischer Region und Fragmentstellung und erlaubt eine standardisierte Dokumentation.
Für die Therapieentscheidung ist die Klassifikation entscheidend: Typ-I-Frakturen nach Spiessl und Schroll werden in der Regel konservativ behandelt, Typ-IV- bis VI-Frakturen haben häufiger eine operative Indikation. Bei Typ II und III hängt die Entscheidung von Dislokationsausmaß, Okklusionsstörung, Alter und Begleitverletzungen ab.
Merke: Die Einteilung nach Spiessl und Schroll in 6 Typen ist die Standardklassifikation im deutschsprachigen Raum. Je höher der Typ, desto wahrscheinlicher die operative Indikation.
Symptome
Die klinische Präsentation der Kondylenfraktur ist variabel und hängt von Frakturhöhe, Dislokationsgrad und Begleitverletzungen ab. Leitsymptome sind Schmerzen im Kiefergelenkbereich, eine Okklusionsstörung und eine eingeschränkte Mundöffnung. Typisch ist ein vorzeitiger Kontakt auf der frakturierten Seite (offener Biss kontralateral) durch Verkürzung des aufsteigenden Astes. Bilateral dislozierte Frakturen führen zu einem charakteristischen frontal offenen Biss mit ausschließlich molarem Kontakt.
Klinisch finden sich häufig präaurikuläre Schwellung, Druckschmerz über dem Kiefergelenk, ein Hämatom im äußeren Gehörgang, eine Deviation der Kinnmitte zur frakturierten Seite bei Mundöffnung und eine eingeschränkte Laterotrusion zur Gegenseite. Die Mundöffnung ist schmerzhaft limitiert, typischerweise auf 20–30 mm. Krepitationen über dem Gelenk sind möglich, werden aber nicht immer gefunden. Ein Rissquetschwunde oder Hämatom am Kinn weist auf den typischen Unfallmechanismus hin.
Bei Kindern ist die Symptomatik oft diskreter: Die Okklusionsstörung kann gering sein, und eine Schwellung präaurikulär wird leicht übersehen. Gerade bei kleinen Kindern nach Sturz auf das Kinn sollte gezielt nach einer Kondylenfraktur gefahndet werden. Bei bilateralen Frakturen kann die Symptomatik dramatischer ausfallen mit retrognather Fehlstellung des gesamten Unterkiefers und Schluckbeschwerden.
Merke: Die Trias aus Kiefergelenkschmerz, Okklusionsstörung und Mundöffnungseinschränkung nach Trauma auf das Kinn ist bis zum Beweis des Gegenteils eine Kondylenfraktur.
Diagnostik
Die Diagnostik stützt sich auf Anamnese, klinische Untersuchung und Bildgebung. Anamnestisch sind Unfallmechanismus, Kraftrichtung, Zeitpunkt des Traumas, Okklusionsveränderung und vorbestehende Kiefergelenkbeschwerden zu erfragen. Die klinische Untersuchung umfasst Inspektion (Schwellung, Hämatome, Kinnwunde, Gesichtsasymmetrie), Palpation der Kiefergelenke beidseits (Druckschmerz, Krepitation, Kondylusbeweglichkeit), Beurteilung der Okklusion (vorzeitiger Kontakt, offener Biss, Mittellinienabweichung), Mundöffnungsmessung und Prüfung der Unter- und Oberlippensensibilität (N. mentalis, N. infraorbitalis).
Die Bildgebung beginnt typischerweise mit einer Orthopantomographie (OPG), die Frakturlinie, Dislokationsrichtung und Ramus-Verkürzung darstellen kann. Allerdings wird das Collum im OPG häufig durch Überlagerungen eingeschränkt dargestellt. Der Goldstandard ist die Computertomographie (CT) mit koronaren und sagittalen Rekonstruktionen, die eine exakte Beurteilung von Frakturhöhe, Dislokationsgrad, Fragmentstellung, Gelenkspaltweite und Begleitverletzungen erlaubt. Eine 3D-Rekonstruktion kann die Operationsplanung wesentlich erleichtern. Konventionelle Röntgenaufnahmen (Schüller-Aufnahme, Clementschitsch-Aufnahme) haben durch die CT-Diagnostik an Bedeutung verloren, können aber im Notfallsetting ergänzend hilfreich sein.
Die Sonographie des Kiefergelenks kann bei Kindern oder als Verlaufskontrolle eingesetzt werden, hat aber eine limitierte Aussagekraft für die initiale Frakturdiagnostik. Ein MRT ist in der Akutdiagnostik nicht indiziert, kann aber bei Verdacht auf Diskusverlagerung, intraartikuläre Pathologie oder Wachstumsstörung im Verlauf sinnvoll sein.
Merke: Das CT mit koronaren Rekonstruktionen ist der Goldstandard der Kondylenfraktur-Diagnostik. Das OPG allein kann Frakturen des Collums und Kapitulums unterschätzen.
Differentialdiagnosen
Differentialdiagnostisch sind andere Ursachen einer akuten Kiefergelenkschmerzsymptomatik, Okklusionsstörung und Mundöffnungseinschränkung abzugrenzen. Eine Kiefergelenkluxation (Luxation des Kondylus nach anterior ohne Fraktur) kann klinisch ähnlich imponieren, zeigt aber radiologisch keinen Frakturspalt und eine typische Leerheit der Fossa. Weitere Unterkieferfrakturen, insbesondere Corpus-, Angulus- oder Parasymphysenfrakturen, können koexistieren oder isoliert ähnliche Symptome verursachen. Bei Kindern ist an eine Condylarfraktur im Sinne einer Epiphysenfugenverletzung oder an eine Grünholzfraktur zu denken.
Eine Diskusverlagerung des Kiefergelenks, eine akute CMD-Exazerbation oder ein Gelenkerguss können Mundöffnungseinschränkung und Kiefergelenkschmerzen verursachen, gehen aber nicht mit Okklusionsstörung im Sinne eines offenen Bisses einher. Bei präaurikulärer Schwellung nach Trauma muss auch eine Fraktur des Os temporale, eine Verletzung des äußeren Gehörgangs oder eine Parotis-Kontusion erwogen werden. Selten kommen pathologische Frakturen durch Tumoren, Zysten oder Metastasen im Gelenkfortsatz in Betracht.
Merke: Jede Okklusionsstörung nach Gesichtstrauma erfordert eine Bildgebung zum Ausschluss einer Kondylenfraktur — ein normales OPG schließt diese nicht sicher aus.
Therapie
Die Therapie der Kondylenfraktur richtet sich nach Frakturtyp (Klassifikation nach Spiessl und Schroll), Dislokationsgrad, Alter, Okklusion und Begleitverletzungen. Grundsätzlich stehen die konservative (funktionelle) Therapie und die operative (offene) Reposition mit Osteosynthese zur Verfügung.
Konservative Therapie
Die konservative Behandlung umfasst eine mandibulomaxilläre Fixation (MMF) mittels Drahtbogenkunststoffschienen oder intermaxillärer Verschnürung für typischerweise 1–2 Wochen, gefolgt von einer frühfunktionellen Nachbehandlung mit aktiven Mundöffnungsübungen, Gummi-Zügen und physiotherapeutischer Begleitung. Die Therapiedauer einschließlich Übungsbehandlung beträgt insgesamt etwa 4–6 Wochen. Indikationen für ein konservatives Vorgehen sind:
- Frakturen ohne relevante Dislokation (Spiessl/Schroll Typ I)
- Frakturen mit geringer Achsabweichung und erhaltener Okklusion
- Kindliche Kondylenfrakturen (hohes Remodellierungspotenzial)
- Multimorbide Patienten mit hohem Narkoserisiko
- Intrakapsulär gelegene Frakturen ohne Luxation
Operative Therapie
Die operative Reposition und Osteosynthese erfolgt über präaurikuläre, retromandibuläre oder transorale Zugangswege und beinhaltet die anatomische Reposition des Kondylus mit Fixation durch Miniplatten-Osteosynthese. Indikationen für eine operative Therapie sind:
- Luxation des Kondylus aus der Fossa (Spiessl/Schroll Typ IV)
- Ramus-Verkürzung >5 mm oder Achsabweichung >30°
- Bilaterale Kondylenfrakturen mit offenem Biss
- Dislozierte Frakturen bei zahnlosen Patienten (keine stabile Okklusion als Referenz)
- Begleitende Mittelgesichtsfrakturen, die eine MMF als alleinige Therapie erschweren
- Fremdkörper im Gelenkspalt (abgesprengtes Fragment)
- Kapitulumfrakturen mit mechanischem Gelenkblock (Typ V, VI)
Die Wahl des Zugangs hängt von der Frakturhöhe ab: Für Gelenkfortsatzbasis- und tiefe Collumfrakturen wird häufig ein retromandibulärer (Risdon-) oder transoraler endoskopisch assistierter Zugang gewählt, für hohe Collum- und Kapitulumfrakturen der präaurikuläre oder transparotideale Zugang. Komplikationen der operativen Therapie sind die Verletzung des N. facialis (Ramus marginalis mandibulae), Narbenbildung, Infektionen, Schraubenlockerung und Heterotope Ossifikation.
Nachbehandlung
Unabhängig vom gewählten Vorgehen ist eine konsequente Nachbehandlung mit frühfunktioneller Mobilisation, weicher Kost für 4–6 Wochen, regelmäßiger Okklusionskontrolle und physiotherapeutischen Mundöffnungsübungen essenziell. Radiologische Verlaufskontrollen erfolgen in der Regel nach 1, 4 und 12 Wochen, bei Kindern zusätzlich langfristig zur Überwachung des Wachstums.
Merke: Bei nicht oder gering dislozierten Frakturen (Typ I) ist die konservative Therapie Standard. Bei Luxation, deutlicher Verkürzung oder bilateralen Frakturen hat die operative Reposition bessere funktionelle Ergebnisse.
Prognose
Die Prognose der Kondylenfraktur ist bei adäquater Therapie insgesamt gut. Konservativ behandelte, gering dislozierte Frakturen heilen in der Regel mit guter Funktion und stabiler Okklusion aus. In Langzeitstudien zeigen sich bei konservativer Therapie Mundöffnungswerte von >40 mm bei über 80 % der Patienten. Operativ versorgte dislozierte Frakturen zeigen in prospektiven Vergleichsstudien tendenziell eine bessere anatomische Restitution und geringere Rate an Okklusionsstörungen als konservativ behandelte dislozierte Frakturen.
Prognostisch ungünstige Faktoren sind ausgeprägte Dislokation, Luxation, bilaterale Frakturen, Kapitulumtrümmerfrakturen, Begleitverletzungen und non-adhärente Nachbehandlung. Langzeitkomplikationen umfassen Kiefergelenkarthrose (in bildgebenden Studien bei bis zu 30–40 % nach Kondylenfrakturen nachweisbar, häufig klinisch oligosymptomatisch), persistierende leichte Mundöffnungseinschränkung, Kiefergelenkgeräusche und diskrete Seitenabweichung bei Mundöffnung.
Bei Kindern ist das Remodellierungspotenzial hoch, und die meisten Frakturen heilen funktionell gut aus. Allerdings besteht das Risiko einer Wachstumshemmung des betroffenen Kondylus mit resultierender Gesichtsasymmetrie, insbesondere bei intrakapsulären Frakturen und bei Kindern unter 6 Jahren. Langfristige klinische und radiologische Kontrollen sind daher bei kindlichen Kondylenfrakturen unverzichtbar.
Merke: Die Prognose ist bei adäquater Therapie und konsequenter Nachbehandlung gut. Bei Kindern ist das Remodellierungspotenzial hoch, aber Wachstumskontrollen sind essenziell.
Prävention
Eine spezifische Prävention der Kondylenfraktur als isoliertes Krankheitsbild existiert nicht, da es sich um traumatische Frakturen handelt. Allgemeine Präventionsmaßnahmen richten sich auf die Vermeidung von Gesichtstraumen: Das Tragen von Mundschutz im Kontaktsport (Boxen, Kampfsport, Hockey, Rugby) reduziert das Risiko von Unterkieferfrakturen. Im Straßenverkehr sind Gurtpflicht, Airbags und Fahrradhelme relevant. Sturzprophylaxe bei älteren Menschen und Sicherheitsmaßnahmen auf Spielplätzen können die Inzidenz im jeweiligen Alterssegment senken.
Bei Patienten mit bekannten Risikofaktoren für pathologische Frakturen (Osteoporose, Bisphosphonat-Therapie, Kieferzysten oder -tumoren) sollte eine erhöhte Aufmerksamkeit für Unterkieferfrakturen bei selbst geringfügigen Traumen bestehen.
Merke: Mundschutz im Sport und allgemeine Sturzprävention sind die wichtigsten Maßnahmen zur Vermeidung von Kondylenfrakturen.
Komplikationen
Zu den wichtigsten Komplikationen der Kondylenfraktur gehören persistierende Okklusionsstörungen, chronische Mundöffnungseinschränkung und Kiefergelenkarthrose. Eine nicht anatomisch ausgeheilte Fraktur kann zu einer dauerhaften Verkürzung des Ramus mit seitlich offenem Biss und Mittelliniendeviation führen. Chronische Kiefergelenkschmerzen und -geräusche (Klicken, Krepitation) treten in bis zu 30 % der Fälle auf, sind aber häufig mild und gut kompensierbar.
Ankylose des Kiefergelenks ist eine gefürchtete Komplikation, insbesondere bei intrakapsulären Frakturen, Hämarthros mit Organisation des Hämatoms und insuffizienter frühfunktioneller Nachbehandlung. Die Kiefergelenkankylose führt zu einer progredienten Mundöffnungseinschränkung bis hin zum vollständigen Trismus und erfordert dann eine aufwändige operative Behandlung. Das Risiko ist bei Kindern höher als bei Erwachsenen. Weitere Komplikationen sind eine Heterotope Ossifikation im Gelenkbereich, Wachstumsstörungen des betroffenen Unterkieferastes bei Kindern (Gesichtsasymmetrie, mandibuläre Retrognathie, Laterognathie) und eine chronische Diskusverlagerung.
Operationsspezifische Komplikationen umfassen Verletzung des N. facialis (insbesondere Ramus marginalis mandibulae mit Unterlippen-Parese), Frey-Syndrom (gustatorisches Schwitzen), Narbenbildung, Infektionen, Plattenbruch oder -lockerung und Arthrofibrose. Bei konservativer Therapie können eine unzureichende Mobilisation oder zu lange Ruhigstellung die Gelenkfunktion dauerhaft beeinträchtigen.
Merke: Kiefergelenkankylose ist die gefährlichste Langzeitkomplikation, insbesondere bei Kindern — eine konsequente frühfunktionelle Nachbehandlung ist daher essenziell.
Häufige Fragen
Muss jede Kondylenfraktur operiert werden?
Nein. Nicht oder gering dislozierte Frakturen (Typ I nach Spiessl und Schroll) werden in der Regel konservativ mit kurzzeitiger Ruhigstellung und frühfunktioneller Nachbehandlung therapiert. Eine Operation ist vor allem bei Luxation des Gelenkkopfes, deutlicher Ramus-Verkürzung oder bilateralen Frakturen indiziert.
Wie lange dauert die Heilung einer Kondylenfraktur?
Die knöcherne Heilung dauert etwa 4–6 Wochen. Die volle Belastbarkeit und Mundöffnungsfähigkeit wird nach konsequenter Nachbehandlung meist nach 8–12 Wochen erreicht. Sportfähigkeit bei Kontaktsportarten sollte frühestens nach 3 Monaten und nach radiologischer Kontrolle freigegeben werden.
Können Kinder nach einer Kondylenfraktur Wachstumsstörungen entwickeln?
Ja, insbesondere bei intrakapsulären Frakturen und bei Kindern unter 6 Jahren besteht ein Risiko für Wachstumshemmung des betroffenen Kondylus. Regelmäßige klinische und radiologische Verlaufskontrollen über mehrere Jahre sind daher bei kindlichen Kondylenfrakturen unverzichtbar.
Quellen
- Spiessl B, Schroll K. Gelenkfortsatz- und Gelenkköpfchenfrakturen. In: Nigst H (Hrsg.). Spezielle Frakturen- und Luxationslehre. Band I/1: Gesichtsschädel. Thieme, Stuttgart; 1972.
- Loukota RA, Eckelt U, De Bont LGM, Rasse M. Subclassification of fractures of the condylar process of the mandible. Br J Oral Maxillofac Surg. 2005; 43(1): 72–73.
- Leitlinie der DGMKG: Kondylenfortsatzfrakturen. AWMF-Register, aktuelle Fassung.
- Zide MF, Kent JN. Indications for open reduction of mandibular condyle fractures. J Oral Maxillofac Surg. 1983; 41(2): 89–98.
- Eckelt U, Schneider M, Zennker F, Zerfowski M. Open versus closed treatment of fractures of the mandibular condylar process – a prospective randomized multi-centre study. J Craniomaxillofac Surg. 2006; 34(5): 306–314.
- Asprino L, Melhem-Elias F, Lanças L, de Moraes M. Condylar fracture treatment: current concepts. In: Brennan PA, Schliephake H, Tiwana PS (eds). Maxillofacial Surgery. Elsevier, aktuelle Auflage.
🔬 Prüfungsfragen zu Kondylenfraktur in Vorbereitung
Wir erstellen derzeit IMPP-nahe MC-Fragen zu diesem Thema. Registriere dich jetzt und erhalte als Erster Zugang.
Kostenlos registrieren & benachrichtigt werden 14 Tage kostenloser Vollzugang · Keine Kreditkarte