🩸 Hämatologie ICD-10: D65

Disseminierte intravasale Gerinnung: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie

Die disseminierte intravasale Gerinnung (DIC) ist ein erworbenes, potenziell lebensbedrohliches Syndrom mit systemischer Aktivierung der Gerinnung,.

Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi
Arzt, Wissenschaftler & Gründer von SCIORA
1. April 2026 · 10 Min. Lesezeit · Aktualisiert: 1. April 2026 · Geprüft von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer
📋 Inhaltsverzeichnis

    Definition

    Die disseminierte intravasale Gerinnung (DIC) ist ein erworbenes, potenziell lebensbedrohliches Syndrom mit systemischer Aktivierung der Gerinnung, Ausbildung diffuser Mikrothromben und gleichzeitigem Verbrauch von Thrombozyten und Gerinnungsfaktoren. Klinisch resultieren daraus paradoxerweise sowohl Thrombosen/Organischämien als auch Blutungen. Die DIC ist keine eigenständige Primärerkrankung, sondern eine Komplikation schwerer Grunderkrankungen wie Sepsis, Trauma, Malignomen oder geburtshilflichen Notfällen.

    Charakteristisch sind eine dynamische Laborveränderung mit Abfall von Thrombozyten und Fibrinogen, Anstieg der D-Dimere/Fibrinspaltprodukte sowie häufig Verlängerung von PT/INR und aPTT. Der Schweregrad reicht von einer kompensierten, überwiegend thrombotischen Form bis zur fulminanten, hämorrhagischen Dekompensation mit Multiorganversagen.

    Merke: Die DIC ist immer ein Sekundärsyndrom. Entscheidend für die Prognose ist nicht nur die Gerinnungstherapie, sondern vor allem die rasche Behandlung der auslösenden Ursache.

    Epidemiologie

    Die genaue Inzidenz der disseminierten intravasalen Gerinnung ist schwer anzugeben, da sie als Syndrom in unterschiedlichen klinischen Kontexten auftritt und die Häufigkeit stark von Kollektiv, Definition und Laboralgorithmus abhängt. Auf Intensivstationen wird eine manifeste oder drohende DIC je nach Population bei etwa 8–19 % der kritisch kranken Patientinnen und Patienten beschrieben. Bei schwerer Sepsis bzw. septischem Schock entwickeln ungefähr 20–40 % Zeichen einer relevanten Gerinnungsaktivierung bis hin zur DIC. In der Geburtshilfe ist die DIC insgesamt selten, tritt aber bei Hochrisikokonstellationen wie Fruchtwasserembolie, Placenta abruptio, HELLP-Syndrom oder schwerer postpartaler Hämorrhagie deutlich häufiger auf.

    Bei soliden Tumoren und insbesondere bei akuter promyelozytärer Leukämie (APL) kann eine chronische oder akute DIC vorkommen. Bei APL sind Gerinnungskomplikationen zum Zeitpunkt der Diagnose häufig und klinisch besonders relevant, da schwere Blutungen, insbesondere intrakranielle Blutungen, eine frühe Haupttodesursache darstellen. Auch nach Polytrauma, großen Operationen, ausgedehnten Verbrennungen oder schweren Lebererkrankungen ist eine DIC nicht selten.

    Die Mortalität hängt primär von der Grunderkrankung und dem Ausmaß des Organversagens ab. Bei septischer DIC werden Sterblichkeitsraten von 30–50 % oder höher berichtet, bei fulminanten Verläufen mit Schock und Multiorganversagen auch darüber. Eine DIC ist daher stets als prognostisch ungünstiger Marker zu werten.

    Merke: Die DIC ist keine seltene Intensivkomplikation; besonders häufig ist sie bei Sepsis, Schock, Trauma, Malignomen und geburtshilflichen Notfällen.

    Ätiologie

    Die DIC entsteht auf dem Boden einer massiven systemischen Aktivierung der Hämostase durch unterschiedliche Trigger. Die wichtigste Ursache in der Erwachsenenmedizin ist die Sepsis, vor allem durch gramnegative und grampositive bakterielle Infektionen, aber auch durch Pilze oder schwere virale Infektionen. Entzündungsmediatoren induzieren dabei eine starke Tissue-Factor-Expression auf Monozyten und Endothel und verschieben das Gleichgewicht in Richtung Prokoagulation.

    Weitere zentrale Auslöser sind schwere Traumata, Polytrauma, Verbrennungen, Schockzustände, ausgedehnte Gewebsnekrosen sowie große operative Eingriffe. In der Geburtshilfe zählen Placenta abruptio, Fruchtwasserembolie, schwere Präeklampsie/HELLP-Syndrom, intrauteriner Fruchttod und massive postpartale Hämorrhagie zu den klassischen Ursachen. Im Bereich der Onkologie sind besonders akute promyelozytäre Leukämie, metastasierte Adenokarzinome, Muzin-produzierende Tumoren und fortgeschrittene Malignome relevant. Auch hämolytische Transfusionsreaktionen, Schlangengifte, schwere Pankreatitis, Aortenaneurysmen und selten großflächige Gefäßmalformationen können eine DIC auslösen.

    Pathophysiologisch kann man klinisch grob eine prokoagulatorisch-thrombotische Form und eine hyperfibrinolytisch-hämorrhagische Form unterscheiden. Bei Sepsis dominiert häufig die Mikrothrombosierung mit Organversagen; bei APL oder geburtshilflichen Notfällen stehen Blutungen teils stärker im Vordergrund. Häufig liegt jedoch eine Mischform vor.

    Merke: Die häufigste Ursache der DIC ist die Sepsis; differenzialätiologisch müssen aber immer auch Trauma, Geburtshilfe und Malignome bedacht werden.

    Pathogenese

    Im Zentrum der Pathogenese steht eine ungehemmte Thrombinbildung mit nachfolgender Fibrinbildung in der Mikrozirkulation. Ausgelöst wird dies meist durch Tissue Factor, der im Rahmen von Entzündung, Gewebsschädigung oder Tumorerkrankungen vermehrt freigesetzt bzw. exprimiert wird. Thrombin aktiviert Thrombozyten, verstärkt die Gerinnungskaskade und führt zur Ablagerung von Fibrin-Mikrothromben in kleinen und mittelgroßen Gefäßen. Dadurch kommt es zu Mikrozirkulationsstörungen, Gewebeischämie und Organdysfunktion.

    Gleichzeitig werden Thrombozyten, Fibrinogen, Prothrombin, Faktor V, VIII und andere Gerinnungsfaktoren verbraucht. Zusätzlich sind die physiologischen Antikoagulanzien wie Antithrombin, Protein C und TFPI vermindert oder funktionell beeinträchtigt. Bei septischer DIC ist die Fibrinolyse oft initial gehemmt, unter anderem durch PAI-1, was die Mikrothrombenbildung begünstigt. In anderen Konstellationen, etwa bei APL oder geburtshilflichen Komplikationen, kann eine ausgeprägte Hyperfibrinolyse vorliegen, wodurch schwere Blutungen entstehen.

    Im peripheren Blutbild können sich Zeichen einer mikroangiopathischen hämolytischen Anämie zeigen, da Erythrozyten beim Passieren fibrinreicher Mikrogefäße mechanisch geschädigt werden; Fragmentozyten sind möglich. Das Labor ist typischerweise dynamisch: sinkende Thrombozyten, steigende D-Dimere, fallendes Fibrinogen und verlängerte Gerinnungszeiten. Entscheidend ist, dass die DIC kein statischer Zustand ist, sondern ein zeitlich hoch variables Systemversagen der Hämostase.

    Merke: Bei der DIC laufen Thrombose und Blutung parallel: Mikrothromben verursachen Organversagen, der Verbrauch von Thrombozyten und Faktoren führt zur Blutungsneigung.

    Symptome

    Die klinische Präsentation der DIC ist heterogen und wird wesentlich von Ausmaß, Dynamik und Ursache bestimmt. Typische Leitsymptome sind Blutungszeichen und/oder Organfunktionsstörungen auf dem Boden diffuser Mikrothrombosen. Blutungen können zunächst diskret beginnen, etwa als Petechien, Sugillationen, Hämatome an Punktionsstellen oder verlängerte Blutung nach venösen Zugängen. Im Verlauf sind Schleimhautblutungen, Epistaxis, Hämaturie, gastrointestinale Blutungen, postoperative Nachblutungen oder diffuse Wundblutungen möglich. Bei fulminanten Verläufen treten lebensbedrohliche intrazerebrale, pulmonale oder intraabdominelle Blutungen auf.

    Parallel dazu können Zeichen der Mikrozirkulationsstörung dominieren: akrale Minderperfusion, Zyanose, Hautnekrosen, digitale Ischämien, Nierenfunktionsstörung mit Oligurie, respiratorische Insuffizienz, Vigilanzminderung oder Leberfunktionsstörung. Viele Patientinnen und Patienten präsentieren sich daher nicht mit klassischer Blutung, sondern mit einem progredienten Multiorganversagen, insbesondere im Rahmen einer Sepsis. Bei geburtshilflichen Notfällen kommt es oft zu einer raschen Dekompensation mit massiver Blutung. Bei malignomassoziierter oder chronischer DIC können Symptome subakut sein und eher thromboembolische Manifestationen oder schleichende Laborauffälligkeiten zeigen.

    Klinisch müssen immer auch die Symptome der Grunderkrankung mitgedacht werden: Fieber und Hypotonie bei Sepsis, Schock nach Trauma, Blutung bei APL oder obstetrische Katastrophen. Die DIC ist daher oft ein Syndrom im Syndrom und verlangt eine strukturierte Beurteilung von Blutung, Thrombose und Organfunktion.

    Merke: Eine DIC zeigt sich nicht nur durch Blutung. Gerade bei septischer DIC stehen oft Organversagen und Mikrothrombosen im Vordergrund.

    Diagnostik

    Die Diagnose der DIC beruht auf der Kombination aus klinischem Kontext, Verlaufsbeobachtung und Gerinnungslabor; ein einzelner Test beweist oder widerlegt sie nicht. Unverzichtbar ist die Suche nach einer typischen Auslösererkrankung wie Sepsis, Trauma, APL oder geburtshilflicher Komplikation. Im Labor finden sich häufig eine Thrombozytopenie, ein deutlicher Anstieg von D-Dimeren/Fibrinspaltprodukten, eine Verlängerung von PT/INR und oft auch der aPTT sowie ein vermindertes Fibrinogen. Bei schwerer DIC liegen Fibrinogenwerte oft < 1,5 g/L, schwere Blutungsrisiken nehmen insbesondere bei deutlich erniedrigten Werten zu. Thrombozytenzahlen fallen häufig unter 100 G/L, bei schweren Verläufen auch deutlich darunter.

    Wichtig ist die serielle Laborkontrolle, da der Trend diagnostisch oft wertvoller ist als ein Einzelwert. Ergänzend können Antithrombin, Blutbild mit Fragmentozyten, LDH, Bilirubin, Kreatinin, Leberwerte, Laktat und Blutgasanalyse helfen, Organbeteiligung und Differenzialdiagnosen einzuordnen. In spezialisierten Settings können viskoelastische Verfahren (ROTEM/TEG) zur raschen Beurteilung der globalen Hämostase beitragen, insbesondere bei Massivblutung und perioperativen Situationen.

    International etabliert ist der ISTH-DIC-Score, der Thrombozytenzahl, D-Dimere/FDP, PT-Verlängerung und Fibrinogen berücksichtigt. Ein Score von ≥ 5 Punkten spricht bei passendem klinischem Bild für eine manifeste DIC. In Japan sind zudem die JAAM-Kriterien besonders in der Sepsisdiagnostik verbreitet. Bildgebung dient nicht der DIC-Diagnose selbst, sondern dem Nachweis von Komplikationen wie Blutungsquellen, Organinfarkten oder Thrombosen.

    Merke: Der Goldstandard ist keine Einzeluntersuchung, sondern die klinisch-labormedizinische Gesamtschau mit wiederholten Kontrollen und Scoring-Systemen wie dem ISTH-DIC-Score.

    Differentialdiagnosen

    Die wichtigsten Differentialdiagnosen der DIC sind andere Ursachen für Thrombozytopenie, Gerinnungsstörung, Mikroangiopathie oder Blutung. Besonders relevant sind die thrombotisch-thrombozytopenische Purpura (TTP) und das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS). Beide können mit Thrombozytopenie, Fragmentozyten und Organmanifestationen einhergehen, zeigen aber im Gegensatz zur DIC oft weniger ausgeprägte Veränderungen von PT/aPTT und Fibrinogen. Bei TTP ist an eine schwere ADAMTS13-Defizienz zu denken; die Therapie unterscheidet sich grundlegend und erfordert rasch Plasmapherese.

    Ebenso wichtig ist die Abgrenzung gegenüber einer schweren Leberinsuffizienz, bei der Gerinnungsfaktoren vermindert sind und Blutungen auftreten können. Hier fehlen jedoch oft die für die DIC typischen dynamischen D-Dimer-Anstiege und der akute Verbrauchskontext. Eine Massivtransfusionskoagulopathie, dilutionale Koagulopathie oder eine isolierte Hyperfibrinolyse können insbesondere perioperativ ähnlich imponieren. Auch Heparin-induzierte Thrombozytopenie (HIT Typ II), Immunthrombozytopenie (ITP), medikamentenbedingte Thrombozytopenien sowie Antikoagulanzien-Überdosierungen müssen erwogen werden.

    In der Geburtshilfe sind HELLP-Syndrom, schwere Präeklampsie und akute Leberbeteiligungen differenzialdiagnostisch bedeutsam; nicht selten bestehen Überlappungen. Bei APL kann die Gerinnungsstörung zunächst wie eine unspezifische Blutungsdiathese erscheinen. Klinisch entscheidend ist daher die Einordnung im Gesamtkontext aus Blutung, Thrombose, Organversagen, Hämolyse und Gerinnungslabor.

    Merke: Fragmentozyten bedeuten nicht automatisch DIC. Vor allem TTP/HUS müssen wegen der völlig anderen Akuttherapie aktiv ausgeschlossen werden.

    Therapie

    Die Therapie der DIC folgt einem klaren Grundsatz: Behandlung der Ursache zuerst, parallel zur supportiven Gerinnungstherapie. Ohne rasche Kontrolle des Auslösers bleibt jede Substitution unzureichend. Bei Sepsis bedeutet dies frühzeitige antiinfektive Therapie, Fokussanierung und Schockbehandlung nach aktueller Surviving Sepsis Campaign. Bei APL ist die sofortige Gabe von All-trans-Retinsäure (ATRA) 45 mg/m²/Tag in geteilten Dosen essenziell, da sie die koagulopathische Aktivität rasch bessern kann. In geburtshilflichen Situationen stehen geburtshilfliche/interventionelle Blutstillung und intensivmedizinische Stabilisierung im Vordergrund.

    Die Substitution von Blutprodukten richtet sich nach Blutung, Eingriffen und Labor. Bei aktiver Blutung oder invasiven Maßnahmen werden oft Thrombozytenkonzentrate bei Werten < 50 G/L empfohlen; ohne Blutung kann je nach Situation eine niedrigere Schwelle, häufig 10–20 G/L, gelten. Fibrinogen sollte bei Blutung in der Regel auf > 1,5–2,0 g/L angehoben werden, z. B. mit Fibrinogenkonzentrat oder Kryopräzipitat (wo verfügbar). Fresh Frozen Plasma (FFP), typischerweise 15–20 mL/kgKG, kommt bei relevanter Blutung und verlängerter PT/aPTT zum Einsatz. Erythrozyten werden entsprechend klinischer Situation und Hb verabreicht.

    Eine therapeutische Antikoagulation mit unfraktioniertem Heparin kann bei überwiegend thrombotischer DIC, nachgewiesener Thrombose oder purpura-fulminans-ähnlichen Verläufen erwogen werden, ist aber bei aktiver Blutung zurückhaltend zu beurteilen. Zur VTE-Prophylaxe wird bei nicht blutenden Intensivpatienten häufig niedermolekulares Heparin, z. B. Enoxaparin 40 mg s.c. 1-mal täglich, empfohlen, sofern kein erhebliches Blutungsrisiko besteht. Antifibrinolytika wie Tranexamsäure sind in der klassischen DIC meist nicht Routine, können aber in ausgewählten Fällen mit dominanter Hyperfibrinolyse und nach fachkundiger Abwägung erwogen werden.

    Leitlinienorientiert relevant sind Empfehlungen der ISTH, intensivmedizinische Standards sowie nationale Empfehlungen der AWMF zur Sepsis und hämotherapeutischen Therapie. Rekombinantes aktiviertes Protein C ist obsolet. Antithrombin-Substitution wird nicht routinemäßig empfohlen.

    Merke: Die wirksamste Therapie der DIC ist die Therapie der Grunderkrankung. Gerinnungsprodukte werden situationsgerecht und nicht allein nach Laborwerten substituiert.

    Prognose

    Die Prognose der disseminierten intravasalen Gerinnung wird in erster Linie durch die Grunderkrankung, die Geschwindigkeit der Diagnosestellung und das Ausmaß des Organversagens bestimmt. Eine DIC ist stets ein Warnsignal für eine schwere systemische Erkrankung und geht mit einer deutlich erhöhten Mortalität einher. Bei septischer DIC sind Mortalitätsraten von etwa 30–50 % beschrieben; bei therapierefraktärem Schock, Multiorganversagen oder massiver Blutung kann die Sterblichkeit erheblich höher sein. Umgekehrt ist die Prognose günstiger, wenn die Ursache rasch kontrolliert werden kann, etwa nach erfolgreicher Fokussanierung oder wirksamer Therapie einer APL.

    Prognostisch ungünstig sind ein rascher Thrombozytenabfall, deutlich erhöhtes D-Dimer, schwer erniedrigtes Fibrinogen, persistierende Hypotension, steigendes Laktat sowie klinische Zeichen einer fortschreitenden Organischämie. Auch intrazerebrale Blutungen, diffuse alveoläre Hämorrhagie oder eine ausgeprägte Nieren- und Leberbeteiligung verschlechtern den Verlauf. Eine chronische DIC, etwa bei Tumorerkrankungen oder Aortenaneurysma, kann dagegen über längere Zeit kompensiert verlaufen und unter Behandlung der Ursache stabilisiert werden.

    Entscheidend ist die engmaschige Reevaluation. Verbessern sich Thrombozytenzahl, Fibrinogen und PT/aPTT unter kausaler Therapie, ist dies ein gutes Zeichen. Persistierende oder progrediente Laborentgleisungen weisen dagegen auf unzureichende Kontrolle des Triggers hin. Langzeitfolgen hängen vor allem von ischämischen Organschäden oder schweren Blutungskomplikationen ab.

    Merke: Die Prognose der DIC folgt der Prognose der auslösenden Erkrankung. Eine sich normalisierende Gerinnung unter Therapie ist ein wichtiges günstiges Verlaufszeichen.

    Prävention

    Eine spezifische Primärprävention der DIC existiert nicht, da es sich um ein Sekundärsyndrom handelt. Präventiv entscheidend ist deshalb die frühe Erkennung und Behandlung von Risikokonstellationen. In der Intensivmedizin bedeutet dies insbesondere ein konsequentes Sepsis-Screening, rasche Antibiotikagabe, adäquate Schocktherapie und Fokussanierung. Bei Polytrauma und großen Operationen tragen strukturierte Massivblutungsprotokolle, Temperaturmanagement, Azidosekorrektur und gezielte Hämostasetherapie zur Vermeidung einer koagulopathischen Eskalation bei.

    In der Geburtshilfe sind eine engmaschige Überwachung von Hochrisikopatientinnen, das frühzeitige Erkennen postpartaler Blutungen und standardisierte Notfallalgorithmen essenziell. Bei APL kann die sofortige Einleitung einer ATRA-Therapie bereits bei klinischem Verdacht lebensrettend sein und die Gerinnungskomplikation begrenzen. In der Onkologie und Gefäßmedizin sollte bei chronisch prokoagulatorischen Zuständen auf klinische Zeichen einer Verbrauchskoagulopathie geachtet werden.

    Wichtig ist außerdem die regelmäßige Kontrolle von Gerinnungsparametern bei Risikopatienten, insbesondere Thrombozyten, PT/INR, aPTT, Fibrinogen und D-Dimeren. So kann eine DIC im Frühstadium erkannt werden, bevor schwere Blutungen oder Organinfarkte auftreten. Eine unnötige Verzögerung invasiver Blutungskontrolle oder der Behandlung des Triggers verschlechtert die Prognose deutlich.

    Merke: DIC-Prävention bedeutet vor allem: Risikokonstellationen erkennen, Ursache früh behandeln und Gerinnung engmaschig überwachen.

    Komplikationen

    Die Komplikationen der DIC ergeben sich aus der gleichzeitigen Tendenz zu diffuser Thrombenbildung und schwerer Blutung. Zu den gefürchtetsten Blutungskomplikationen zählen intrakranielle Blutungen, massive gastrointestinale Blutungen, diffuse Schleimhautblutungen, postoperative Nachblutungen und geburtshilfliche Hämorrhagien. Solche Ereignisse können innerhalb kurzer Zeit zu hämorrhagischem Schock, Transfusionsbedarf und letalem Ausgang führen.

    Auf der thrombotischen Seite verursachen Mikrothromben eine systemische Mikrozirkulationsstörung mit Organischämie. Typische Folgen sind akutes Nierenversagen, respiratorische Insuffizienz bis zum ARDS, Leberfunktionsstörung, Myokardischämie, neurologische Defizite und Hautnekrosen. In ausgeprägten Fällen treten akrale Ischämien bis zur digitalen Gangrän auf. Zusätzlich können makrovaskuläre Ereignisse wie tiefe Venenthrombosen oder Lungenembolien vorkommen, insbesondere in chronischen oder tumorassoziierten Formen.

    Eine weitere Komplikation ist die Massivtransfusion mit ihren Nebenwirkungen, darunter Volumenüberlastung, Hypokalzämie, Hypothermie und transfusionsassoziierte Reaktionen. Bei prolongierten Verläufen drohen sekundäre Infektionen, prolongierte Beatmungsdauer, Dialysepflichtigkeit und persistierende Organdysfunktion. Im Labor können sich Zeichen einer mikroangiopathischen Hämolyse entwickeln.

    Die schwerwiegendste Gesamtkonsequenz ist das Multiorganversagen. Deshalb muss die DIC als intensivmedizinischer Notfall verstanden werden, bei dem hämostaseologische, intensivmedizinische und ursachenspezifische Therapie eng verzahnt sein müssen.

    Merke: Die DIC tötet entweder durch Blutung, durch Mikrothrombosen mit Organversagen oder durch die Kombination aus beidem.

    Häufige Fragen

    Ist eine disseminierte intravasale Gerinnung dasselbe wie „zu dünnes Blut“?

    Nein. Bei der DIC ist das Blut nicht einfach nur „zu dünn“. Vielmehr werden überall im Körper Gerinnsel gebildet, wodurch Gerinnungsfaktoren und Blutplättchen verbraucht werden. Dadurch können gleichzeitig Thrombosen und schwere Blutungen auftreten.

    Kann man eine DIC heilen?

    Eine DIC kann sich zurückbilden, wenn die auslösende Ursache schnell und wirksam behandelt wird, zum Beispiel eine Sepsis oder bestimmte Leukämieformen. Entscheidend ist daher nicht nur die Blutgerinnung selbst, sondern vor allem die Behandlung der Grunderkrankung.

    Welche Laborwerte sind bei einer DIC typischerweise verändert?

    Typisch sind fallende Thrombozyten, erhöhte D-Dimere, verlängerte Gerinnungszeiten wie PT/INR und oft aPTT sowie ein niedriges Fibrinogen. Wichtig ist, dass diese Werte im Verlauf kontrolliert werden, weil die Veränderungen sich rasch entwickeln können.

    Quellen

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    3. Thachil J, Toh CH, Levi M, Watson HG. The withdrawal of activated protein C from the use in disseminated intravascular coagulation: a rationale for harmonization of diagnostic and treatment guidelines. J Thromb Haemost. 2012;10(11):2390-2395.
    4. AWMF-Leitlinie Sepsis und Prävention nosokomialer Infektionen – Management der Sepsis und des septischen Schocks, aktuelle Fassung.
    5. Herold G. Innere Medizin. Aktuelle Ausgabe. Köln: Gerd Herold.
    6. Hoffbrand AV, Higgs DR, Keeling DM, Mehta AB. Hoffbrand’s Essential Haematology. 8th ed. Wiley-Blackwell.
    Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel wurde von Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi verfasst und von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer fachlich geprüft, zuletzt aktualisiert am 1. April 2026. Er dient der fachlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

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