Bulimia nervosa: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie
Bulimia nervosa ist eine psychische Erkrankung aus dem Formenkreis der Essstörungen, die durch wiederkehrende Essanfälle mit Kontrollverlust und.
Definition
Bulimia nervosa ist eine psychische Erkrankung aus dem Formenkreis der Essstörungen, die durch wiederkehrende Essanfälle mit Kontrollverlust und nachfolgende kompensatorische Maßnahmen gekennzeichnet ist. Zu diesen Maßnahmen zählen vor allem selbstinduziertes Erbrechen, Missbrauch von Laxanzien oder Diuretika, Fastenphasen oder exzessive körperliche Aktivität. Im Unterschied zur Anorexia nervosa liegt das Körpergewicht häufig im Normbereich, sodass die Erkrankung klinisch leicht übersehen werden kann.
Diagnostisch stehen nach ICD-10 F50.2 und international auch nach DSM-5 die Kombination aus Essanfällen, übermäßiger Beschäftigung mit Figur und Gewicht sowie wiederholten gegenregulatorischen Verhaltensweisen im Vordergrund. Die Erkrankung ist mit einer erheblichen somatischen und psychiatrischen Morbidität verbunden, darunter Hypokaliämie, Zahnschäden, Herzrhythmusstörungen, Depressionen, Angststörungen und Suizidalität.
Die Bulimia nervosa beginnt typischerweise im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter und verläuft oft phasenhaft mit Remissionen und Rückfällen. Eine frühe Diagnose und leitliniengerechte Therapie verbessern die Prognose deutlich.
Merke: Bei normalem BMI schließt ein unauffälliger körperlicher Eindruck eine Bulimia nervosa nicht aus. Wegweisend sind Essanfälle, kompensatorisches Verhalten und die starke Abhängigkeit des Selbstwerts von Gewicht und Figur.
Epidemiologie
Die Bulimia nervosa gehört zu den häufigsten Essstörungen im Jugend- und jungen Erwachsenenalter. Die Lebenszeitprävalenz liegt in westlichen Populationen bei Frauen ungefähr zwischen 1 und 2 %, bei Männern deutlich niedriger, meist bei 0,1 bis 0,5 %. Das Verhältnis von Frauen zu Männern wird in klinischen Stichproben häufig mit etwa 10:1 angegeben, wobei von einer Unterdiagnostik bei Männern auszugehen ist. Subklinische bulimische Symptome sind deutlich häufiger und können je nach Kohorte 3 bis 5 % oder mehr betreffen.
Der Erkrankungsbeginn liegt meist zwischen dem 16. und 25. Lebensjahr. Häufig geht eine Phase restriktiven Essverhaltens oder Diätens voraus. In Hochrisikogruppen, etwa bei Leistungssport, Tanz, Modelberufen oder bei starker körperbezogener Leistungsorientierung, ist die Prävalenz erhöht. Auch Personen mit Adipositas in der Vorgeschichte, affektiven Störungen, Impulskontrollstörungen oder Traumafolgestörungen tragen ein erhöhtes Risiko.
Bulimia nervosa ist mit einer erheblichen Krankheitslast assoziiert. Komorbide Depressionen, Angststörungen, Substanzgebrauchsstörungen und Persönlichkeitsakzentuierungen finden sich häufig. Die Suizidversuchsrate liegt deutlich über der Allgemeinbevölkerung. Obwohl die Mortalität niedriger ist als bei Anorexia nervosa, ist sie klinisch relevant, insbesondere bei schweren Elektrolytstörungen, kardialen Komplikationen und psychiatrischer Komorbidität.
Der Verlauf ist oft fluktuierend. Innerhalb mehrerer Jahre erreichen viele Betroffene eine partielle oder vollständige Remission, jedoch sind Rückfälle häufig. Früher Therapiebeginn, gute soziale Unterstützung und konsequente psychotherapeutische Behandlung verbessern die Langzeitprognose signifikant.
Merke: Bulimia nervosa manifestiert sich meist im späten Jugendalter, betrifft überwiegend Frauen, bleibt wegen oft normalen Körpergewichts aber nicht selten lange unerkannt.
Ätiologie
Die Ätiologie der Bulimia nervosa ist multifaktoriell und umfasst biologische, psychologische und soziokulturelle Einflüsse. Eine einzelne Ursache gibt es nicht. Vielmehr entsteht die Erkrankung aus dem Zusammenwirken von genetischer Vulnerabilität, gestörter Emotionsregulation, dysfunktionalem Essverhalten sowie gesellschaftlichem Schlankheitsideal.
Familiäre und Zwillingsstudien sprechen für eine erblich mitbedingte Anfälligkeit. Die Heritabilität von Essstörungen liegt je nach Studie im mittleren Bereich, oft bei 30 bis 60 %. Neurobiologisch werden Veränderungen in serotonergen und dopaminergen Systemen diskutiert, die Impulskontrolle, Belohnungsverarbeitung, Sättigung und Stimmung beeinflussen können. Auch Störungen der Stressverarbeitung über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse werden beschrieben.
Psychologische Risikofaktoren sind niedriges Selbstwertgefühl, Perfektionismus, affektive Instabilität, Impulsivität, rigides Denken und eine starke Abhängigkeit des Selbstwerts von Körperform und Gewicht. Häufig bestehen Schwierigkeiten in der Emotionsregulation; Essanfälle können als kurzfristige Strategie zur Spannungsreduktion dienen. Ebenso erhöhen depressive Störungen, Angststörungen und Traumatisierungen, insbesondere sexuelle oder körperliche Gewalterfahrungen, das Risiko.
Soziokulturell relevant sind Diätkultur, soziale Vergleiche, Gewichtsstigmatisierung und idealisierte Körperbilder in sozialen Medien. Wiederholte restriktive Diäten gelten als zentraler Trigger: Sie begünstigen Heißhunger, Kontrollverlust und nachfolgende kompensatorische Handlungen. Familiäre Konflikte, Kritik am Gewicht oder leistungsorientierte Umfelder können zusätzlich beitragen.
Merke: Der wichtigste auslösende und aufrechterhaltende Faktor ist oft der Kreislauf aus Diäten, Essanfall, Schuldgefühl und Kompensation.
Pathogenese
Pathogenetisch lässt sich die Bulimia nervosa als sich selbst verstärkender Regelkreis verstehen. Häufig beginnt die Entwicklung mit einer Diät oder stark restriktivem Essverhalten. Die kalorische Restriktion führt zu biologisch nachvollziehbarem Hunger, erhöhter gedanklicher Beschäftigung mit Nahrung und gesteigerter Vulnerabilität für Essanfälle. Während eines Essanfalls werden in relativ kurzer Zeit objektiv große Nahrungsmengen aufgenommen, begleitet von einem subjektiven Kontrollverlust.
Der Essanfall wird häufig durch belastende Affekte, interpersonelle Konflikte, Einsamkeit, Scham oder innere Spannung getriggert. Kurzfristig kann das Essen zu einer Reduktion aversiver Gefühle führen. Im Anschluss treten jedoch meist massive Schuld-, Scham- und Versagensgefühle auf. Diese führen zu gegenregulatorischem Verhalten wie Erbrechen, Fasten, Laxanzienmissbrauch oder exzessivem Sport. Die Kompensation reduziert die Angst vor Gewichtszunahme kurzfristig und wirkt damit negativ verstärkend. So stabilisiert sich der Teufelskreis.
Somatisch bewirken wiederholtes Erbrechen und Missbrauch von Abführmitteln Störungen des Wasser- und Elektrolythaushalts. Besonders klinisch bedeutsam sind Hypokaliämie, metabolische Alkalose, Dehydratation und dadurch bedingte Herzrhythmusstörungen. Chronisches Erbrechen schädigt Zähne und Ösophagus; wiederholte Volumenschwankungen und hormonelle Anpassungen beeinflussen Hunger- und Sättigungssignale zusätzlich.
Kognitiv zentral sind die überwertige Bedeutung von Gewicht und Figur, verzerrte Körperwahrnehmung sowie dichotomes Denken im Sinne von „alles oder nichts“. Schon kleine Ernährungsabweichungen werden als Kontrollverlust interpretiert und können einen Essanfall auslösen. Die Störung bleibt dadurch auch dann bestehen, wenn objektiv kein Untergewicht vorliegt.
Merke: Nicht der Essanfall allein, sondern seine Verknüpfung mit Restriktion, Scham und Kompensationsverhalten hält die Erkrankung aufrecht.
Symptome
Das Leitsymptom der Bulimia nervosa sind wiederkehrende Essanfälle mit dem Gefühl, die Nahrungsaufnahme nicht kontrollieren zu können. Betroffene konsumieren innerhalb kurzer Zeit deutlich mehr Nahrung als die meisten Menschen in vergleichbarer Situation. Diese Essanfälle treten oft heimlich auf und sind meist mit erheblicher Scham verbunden. Typisch ist außerdem die übermäßige gedankliche Beschäftigung mit Gewicht, Figur, Kalorien und Essen.
Nach Essanfällen folgen kompensatorische Maßnahmen, am häufigsten selbstinduziertes Erbrechen. Daneben kommen Laxanzien- oder Diuretikaabusus, Fastenperioden und exzessive körperliche Aktivität vor. Viele Betroffene berichten über einen Wechsel zwischen strenger Kontrolle und Kontrollverlust. Das Körpergewicht liegt häufig im Normbereich; Übergewicht oder leichtes Untergewicht sind ebenfalls möglich.
Psychisch zeigen sich häufig Scham, sozialer Rückzug, depressive Verstimmung, Reizbarkeit, innere Unruhe und Angst vor Entdeckung. Komorbid treten nicht selten Depressionen, Angststörungen, Zwangssymptome, selbstverletzendes Verhalten, Substanzkonsum und Impulsdurchbrüche auf. Die Suizidalität muss aktiv exploriert werden.
Körperliche Hinweise sind oft subtil, aber klinisch relevant: Parotisschwellung, Halsschmerzen, Heiserkeit, Zahnschmelzerosionen, Karies, Mundwinkelrhagaden, Schwielen oder Narben an den Fingerknöcheln (Russell-Zeichen), gastroösophagealer Reflux, Obstipation, Schwindel, Muskelschwäche und Palpitationen. Menstruationsstörungen sind möglich, aber weniger typisch als bei Anorexia nervosa. Bei schwerer Elektrolytstörung drohen Synkopen und Arrhythmien.
Merke: Ein normaler BMI, unauffällige Laborwerte in einer Einzelmessung oder gepflegtes Auftreten schließen eine Bulimia nervosa nicht aus. Häufig sind Scham und Heimlichkeit ausgeprägt.
Diagnostik
Die Diagnostik der Bulimia nervosa basiert primär auf einer sorgfältigen klinischen Anamnese und psychopathologischen Beurteilung. Zentrale Fragen betreffen Häufigkeit und Ausmaß von Essanfällen, Art und Frequenz kompensatorischer Maßnahmen, Figur- und Gewichtssorgen, Diätverhalten, körperliche Folgen sowie psychiatrische Komorbiditäten. Suizidalität, selbstverletzendes Verhalten und Substanzkonsum müssen aktiv erfragt werden. Hilfreich sind standardisierte Instrumente wie das Eating Disorder Examination (EDE) oder Selbstbeurteilungsverfahren wie der EDE-Q.
Die körperliche Untersuchung umfasst Gewicht, Größe, BMI, Blutdruck, Puls, Zeichen der Dehydratation, Inspektion von Zähnen, Mundhöhle, Parotisregion, Haut und Händen. Ein normales Gewicht ist häufig und darf die Diagnosestellung nicht verzögern. Bei häufigem Erbrechen sind ein EKG und eine Labordiagnostik obligat.
Laborchemisch relevant sind Elektrolyte mit besonderem Fokus auf Kalium, Natrium, Chlorid, Bicarbonat, Magnesium und Phosphat, außerdem Kreatinin, Harnstoff, Glukose, Leberwerte, Blutbild und ggf. TSH. Typisch bei Erbrechen sind Hypokaliämie und metabolische Alkalose; bei Laxanzienabusus können auch andere Muster auftreten. Eine Urinuntersuchung kann Hinweise auf Dehydratation liefern. Bei Amenorrhö oder differenzialdiagnostischen Fragen sind endokrinologische Zusatzuntersuchungen sinnvoll.
Bildgebung ist nicht routinemäßig erforderlich. Sie richtet sich nach Komplikationen, etwa bei Thoraxschmerz, Dysphagie, Hämatemesis oder V. a. Ösophagusruptur. Der diagnostische „Goldstandard“ ist nicht eine apparative Untersuchung, sondern das strukturierte klinische Interview nach ICD/DSM-Kriterien. Leitlinienrelevant sind die S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung der Essstörungen sowie internationale Empfehlungen der NICE.
Merke: Die wichtigste Diagnostik ist das gezielte Gespräch. Labor und EKG dienen vor allem der Erfassung potenziell lebensbedrohlicher Folgen wie Hypokaliämie und Arrhythmien.
Differentialdiagnosen
Differenzialdiagnostisch muss die Bulimia nervosa insbesondere von anderen Essstörungen abgegrenzt werden. Die wichtigste Abgrenzung besteht zur Binge-Eating-Störung (BES): Auch dort treten Essanfälle mit Kontrollverlust auf, jedoch ohne regelmäßige kompensatorische Maßnahmen. Von der Anorexia nervosa, binge-purge-Typ unterscheidet sich die Bulimia nervosa primär durch das Fehlen eines klinisch relevanten Untergewichts; bei deutlichem Untergewicht ist diagnostisch eher an Anorexie zu denken.
Zu berücksichtigen sind außerdem die Atypischen Essstörungen bzw. nach DSM-5 die Kategorien der „other specified feeding or eating disorders“ (OSFED). Bei manchen Patientinnen und Patienten liegen bulimische Symptome vor, ohne dass alle formalen Kriterien erfüllt sind. Klinisch können diese Verläufe dennoch schwerwiegend sein.
Psychiatrische Differenzialdiagnosen umfassen depressive Störungen, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Angststörungen, Zwangsstörung, Substanzgebrauchsstörungen und Traumafolgestörungen. Essanfälle können im Rahmen emotionaler Dysregulation oder Impulsivität auftreten, ohne dass eine klassische Bulimia nervosa vorliegt. Umgekehrt sind solche Störungen häufig komorbid und nicht bloß alternativ zu diagnostizieren.
Somatisch müssen Ursachen von Erbrechen, Gewichtsfluktuationen und Essverhaltensänderungen ausgeschlossen werden, darunter Hyperthyreose, Diabetes mellitus mit Entgleisung, gastrointestinale Erkrankungen, Malabsorptionssyndrome, ZNS-Erkrankungen und Schwangerschaft. Auch Medikamentenwirkungen, etwa durch Stimulanzien oder Abführmittelmissbrauch, sind relevant. Bei Zahnschäden, Parotisschwellung und Hypokaliämie sollte differentialdiagnostisch immer an heimliches Erbrechen gedacht werden.
Merke: Essanfälle plus regelmäßige Kompensation sprechen für Bulimia nervosa; Essanfälle ohne Kompensation sprechen eher für eine Binge-Eating-Störung.
Therapie
Die Therapie der Bulimia nervosa sollte leitliniengerecht multimodal und in der Regel primär psychotherapeutisch erfolgen. Nach der deutschsprachigen S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung der Essstörungen ist die kognitive Verhaltenstherapie für Essstörungen (CBT-E) eine Behandlung der ersten Wahl. Ziel ist die Unterbrechung des Kreislaufs aus Restriktion, Essanfall und Kompensation. Kernelemente sind Psychoedukation, regelmäßige Mahlzeitenstruktur, Exposition gegenüber „verbotenen“ Lebensmitteln, Arbeit an Figur- und Gewichtsbewertung, Emotionsregulation und Rückfallprophylaxe. Bei Jugendlichen wird häufig ein familienorientiertes Vorgehen ergänzt.
Eine ambulante Behandlung ist bei medizinischer Stabilität oft möglich. Eine stationäre oder tagesklinische Behandlung ist indiziert bei ausgeprägter somatischer Gefährdung, schwerer Elektrolytstörung, therapierefraktärem Verlauf, erheblicher Suizidalität oder massiver psychiatrischer Komorbidität. Zwingend ist die Behandlung internistischer Komplikationen. Bei Hypokaliämie erfolgt Kaliumsubstitution, z. B. oral mit Kaliumchlorid, je nach Ausmaß und klinischer Situation; bei schweren Störungen ist eine stationäre Überwachung mit EKG erforderlich.
Medikamentös ist Fluoxetin am besten untersucht. Es kann insbesondere bei Erwachsenen ergänzend eingesetzt werden; eine häufig verwendete Dosierung ist 60 mg/Tag. SSRIs können Essanfall- und Erbrechensfrequenz senken, ersetzen aber die Psychotherapie nicht. Vor Verordnung sind Komorbiditäten, QT-Risiko, Elektrolytstörungen und Interaktionen zu prüfen. Von Medikamenten mit relevantem Arrhythmierisiko oder Gewichtsnebenwirkungen ist individuell abzuwägen.
Ernährungsberatung kann unterstützen, sollte aber in ein störungsspezifisches Gesamtkonzept eingebettet sein. Reine Gewichtsfokussierung oder moralisierende Diätempfehlungen sind kontraindiziert. Die Therapie komorbider Depressionen, Angststörungen oder Substanzstörungen verbessert den Verlauf. Enge therapeutische Allianz, motivierende Gesprächsführung und strukturierte Verlaufskontrollen sind essenziell.
Merke: Therapie der ersten Wahl ist eine störungsspezifische Psychotherapie. Medikamente wie Fluoxetin 60 mg/Tag können ergänzen, aber nicht die Psychotherapie ersetzen.
Prognose
Die Prognose der Bulimia nervosa ist insgesamt besser als bei Anorexia nervosa, aber keineswegs harmlos. Unter adäquater Behandlung erreicht ein relevanter Anteil der Betroffenen innerhalb mehrerer Jahre eine partielle oder vollständige Remission. Langzeituntersuchungen zeigen, dass viele Patientinnen und Patienten nach 5 bis 10 Jahren deutlich symptomärmer sind; dennoch bleiben Rückfälle häufig, insbesondere in Belastungsphasen. Ein chronischer Verlauf ist vor allem bei spätem Behandlungsbeginn, ausgeprägter Komorbidität und anhaltender sozialer Isolation zu beobachten.
Günstige Prognosefaktoren sind ein früher Therapiebeginn, gute Motivation, unterstützendes soziales Umfeld, niedrigere Symptomschwere und das Fehlen schwerer Persönlichkeitsproblematik oder Substanzstörungen. Ungünstig wirken häufige Essanfälle, persistierendes Erbrechen, stark ausgeprägte Körperschemastörung, Depression, Traumafolgestörung, Impulsivität und wiederholte Therapieabbrüche. Auch somatische Komplikationen, insbesondere relevante Elektrolytverschiebungen, beeinflussen die Prognose negativ.
Obwohl die Mortalität niedriger ist als bei Anorexie, ist sie erhöht gegenüber der Allgemeinbevölkerung. Risiken ergeben sich aus Suizidalität, kardiovaskulären Komplikationen infolge von Hypokaliämie, Aspiration, gastrointestinalen Rupturen und den Folgen von Medikamenten- oder Substanzmissbrauch. Auch soziale und berufliche Einschränkungen können erheblich sein.
Wichtig ist die langfristige Nachsorge. Selbst nach klinischer Besserung können residuale Symptome wie Figurunzufriedenheit, restriktives Essverhalten oder gelegentliche Essanfälle fortbestehen. Eine strukturierte Rückfallprophylaxe mit frühzeitiger Reaktion auf Warnzeichen verbessert die Stabilität.
Merke: Die Bulimia nervosa ist oft behandelbar, aber rückfallgefährdet. Frühe, strukturierte und kontinuierliche Therapie ist entscheidend für eine gute Langzeitprognose.
Prävention
Eine spezifische Primärprävention der Bulimia nervosa ist nur begrenzt möglich, jedoch lassen sich Risikofaktoren gezielt adressieren. Präventive Ansätze setzen vor allem bei Körperunzufriedenheit, Diätverhalten, Gewichtsstigmatisierung und unrealistischen Schönheitsidealen an. In Schulen, Hochschulen, Sportvereinen und sozialen Medien sind Programme sinnvoll, die Medienkompetenz fördern, über die Risiken restriktiver Diäten aufklären und ein realistisches, diversitätsorientiertes Körperbild vermitteln.
Besonders wichtig ist die Früherkennung. Warnsignale sind häufiges Diäten, heimliches Essen, Toilettengänge direkt nach Mahlzeiten, stark schwankende Stimmung in Bezug auf Essen und Gewicht sowie übermäßige Sportaktivität. Hausärztinnen und Hausärzte, Kinder- und Jugendärzte, Zahnärzte, Gynäkologen und Sportmediziner spielen hier eine wichtige Rolle. Wiederholte Zahnschmelzschäden, Parotisschwellung oder ungeklärte Hypokaliämie sollten an eine Essstörung denken lassen.
Im familiären Umfeld ist eine nicht stigmatisierende Kommunikation bedeutsam. Kommentare über Gewicht, Aussehen oder „gute“ und „schlechte“ Lebensmittel können problematisch sein. Stattdessen sollten regelmäßige Mahlzeiten, flexible Essgewohnheiten und psychische Gesundheit im Vordergrund stehen. Bei Risikopersonen, etwa nach restriktiven Diäten oder bei komorbiden Depressionen, kann eine frühe psychotherapeutische Intervention die Manifestation oder Chronifizierung vermindern.
Merke: Die wirksamste Prävention ist oft die frühe Erkennung problematischer Diät- und Kompensationsmuster, bevor sich der bulimische Teufelskreis verfestigt.
Komplikationen
Die Bulimia nervosa kann eine Vielzahl somatischer und psychiatrischer Komplikationen verursachen. Klinisch besonders relevant sind Elektrolytstörungen, vor allem Hypokaliämie, Hypochlorämie und metabolische Alkalose nach wiederholtem Erbrechen. Diese Veränderungen können zu Muskelschwäche, Tetanie, Palpitationen, QT-Verlängerung und potenziell lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen führen. Bei Laxanzien- und Diuretikaabusus kommen zusätzliche Dehydratation und Nierenfunktionsstörungen hinzu.
Im oberen Gastrointestinaltrakt drohen Ösophagitis, gastroösophagealer Reflux, Schleimhauteinrisse, selten eine Mallory-Weiss-Läsion oder sogar eine Ösophagusruptur. Wiederholtes Erbrechen führt zu Parotishypertrophie, Halsschmerzen und Heiserkeit. Zahnmedizinisch typisch sind Schmelzerosionen, erhöhte Kariesrate und dentine Hypersensibilität. Dermatologisch können Schwielen an den Fingerknöcheln (Russell-Zeichen) auftreten.
Endokrinologisch und gynäkologisch kommen Menstruationsstörungen, Libidoverlust und Fertilitätsprobleme vor. Metabolisch können Gewichtsschwankungen, Ödeme und Störungen des Glukosehaushalts auftreten. Bei exzessivem Sport steigt das Risiko muskuloskelettaler Überlastungsschäden.
Psychiatrisch sind Depressionen, Angststörungen, Substanzgebrauchsstörungen, selbstverletzendes Verhalten und Suizidalität die wichtigsten Komplikationen. Sie bestimmen häufig die Schwere des Verlaufs und das Ausmaß psychosozialer Beeinträchtigung. Berufliche Leistungsfähigkeit, soziale Beziehungen und Lebensqualität können erheblich eingeschränkt sein.
Merke: Die gefährlichsten Komplikationen sind oft unsichtbar: Hypokaliämie, Arrhythmien und Suizidalität erfordern eine aktive und wiederholte Risikobeurteilung.
Häufige Fragen
Ist Bulimie nur ein Problem bei Untergewicht?
Nein. Viele Betroffene mit Bulimia nervosa haben ein normales Körpergewicht. Deshalb wird die Erkrankung oft spät erkannt, obwohl bereits ernsthafte körperliche und psychische Folgen bestehen können.
Kann man Bulimia nervosa ohne Medikamente behandeln?
Ja. Die wichtigste Behandlung ist eine störungsspezifische Psychotherapie, vor allem kognitive Verhaltenstherapie. Medikamente wie Fluoxetin können ergänzend hilfreich sein, ersetzen die Psychotherapie aber nicht.
Wann ist bei Bulimie eine sofortige ärztliche Abklärung nötig?
Dringend ist eine Abklärung bei Schwindel, Ohnmacht, Herzrasen, Brustschmerz, Blut im Erbrochenen, starker Schwäche oder Suizidgedanken. Diese Symptome können auf gefährliche Elektrolytstörungen, Herzprobleme oder andere Komplikationen hinweisen.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM), Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM): S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung der Essstörungen, AWMF-Registernummer 051-026
- Treasure J, Duarte TA, Schmidt U. Eating disorders. Lancet. 2020;395:899-911.
- American Psychiatric Association. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5th ed., Text Revision (DSM-5-TR). American Psychiatric Association; 2022.
- Herpertz S, Zeeck A, Hartmann A. Essstörungen. In: Berger M, Hrsg. Psychische Erkrankungen. Urban & Fischer/Elsevier.
- Zipfel S, Giel KE, Bulik CM, Hay P, Schmidt U. Anorexia nervosa: aetiology, assessment, and treatment. Lancet Psychiatry. 2015;2:1099-1111.
- NICE Guideline NG69: Eating disorders: recognition and treatment. National Institute for Health and Care Excellence; aktualisierte Fassung.
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