🧩 Psychiatrie ICD-10: F50.0

Anorexia nervosa: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie

Anorexia nervosa: Leitsymptome, Diagnostik und Therapie der Magersucht nach aktuellen Leitlinien kompakt erklärt.

Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi
Arzt, Wissenschaftler & Gründer von SCIORA
24. März 2026 · 12 Min. Lesezeit · Aktualisiert: 24. März 2026 · Geprüft von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer
📋 Inhaltsverzeichnis

    Definition

    Anorexia nervosa ist eine schwerwiegende psychische Erkrankung aus dem Formenkreis der Essstörungen, die durch selbst herbeigeführten Gewichtsverlust, eine ausgeprägte Furcht vor Gewichtszunahme und eine Störung der Körperwahrnehmung gekennzeichnet ist. Nach ICD-10 wird sie unter F50.0 klassifiziert; klinisch werden ein restriktiver Typ und ein Typ mit Essanfällen/Purging-Verhalten unterschieden. Typisch sind Untergewicht, rigide Kontrolle der Nahrungsaufnahme, übermäßige körperliche Aktivität sowie vielfältige somatische und psychische Folgeschäden.

    Die Erkrankung hat die höchste Mortalität unter den psychischen Störungen; Todesursachen sind insbesondere kardiale Komplikationen, Infektionen, Elektrolytstörungen und Suizid. Diagnostisch entscheidend ist die Kombination aus psychopathologischen Merkmalen und dem objektivierbaren Gewichtsdefizit. Die aktuelle Behandlung beruht auf einem multimodalen Konzept aus Ernährungsrehabilitation, Psychotherapie, medizinischer Überwachung und bei Bedarf stationärer Behandlung.

    Merke: Anorexia nervosa ist keine bloße "Essunlust", sondern eine potenziell lebensbedrohliche psychiatrische Erkrankung mit erheblichen internistischen Komplikationen.

    Epidemiologie

    Die Anorexia nervosa betrifft überwiegend weibliche Jugendliche und junge Erwachsene, kann aber auch bei Männern, präpubertären Kindern und im Erwachsenenalter auftreten. Die Lebenszeitprävalenz liegt bei Frauen in westlichen Ländern je nach Studie bei etwa 1–4 %, bei Männern deutlich niedriger, meist bei 0,1–0,3 %. Die Punktprävalenz bei jungen Frauen wird häufig mit etwa 0,3–1 % angegeben. Der Erkrankungsgipfel liegt typischerweise zwischen dem 14. und 18. Lebensjahr, ein zweiter kleinerer Gipfel kann im jungen Erwachsenenalter auftreten.

    In den letzten Jahrzehnten wurde weniger ein klarer Anstieg der klassischen Anorexia nervosa als vielmehr eine Zunahme atypischer Essstörungen beobachtet. Dennoch gehört die Anorexie weiterhin zu den wichtigsten psychiatrischen Erkrankungen des Jugendalters. Bei männlichen Patienten wird die Störung wahrscheinlich unterdiagnostiziert, unter anderem wegen anderer Körperschemata, z. B. stärkerer Fokussierung auf Muskeldefinition statt allein auf Schlankheit.

    Von hoher klinischer Relevanz ist die Mortalität: Metaanalysen nennen standardisierte Mortalitätsraten, die deutlich über der Allgemeinbevölkerung liegen. Die Gesamtmortalität wird oft mit etwa 5–10 % im Langzeitverlauf angegeben, wobei ein relevanter Anteil auf Suizide entfällt. Komorbiditäten sind häufig: depressive Störungen, Angststörungen, Zwangssymptome, Persönlichkeitsakzentuierungen und Substanzkonsumstörungen. Die Erkrankung verursacht erhebliche psychosoziale Einschränkungen mit Schulabbrüchen, Ausbildungsproblemen, Infertilität und chronischen somatischen Folgeschäden.

    Merke: Typisches Manifestationsalter ist die Adoleszenz; frühes Erkennen verbessert die Prognose deutlich.

    Ätiologie

    Die Ätiologie der Anorexia nervosa ist multifaktoriell und umfasst biologische, psychologische und soziokulturelle Einflüsse. Eine isolierte Ursache gibt es nicht. Familiäre Häufungen und Zwillingsstudien sprechen für eine genetische Vulnerabilität; die Heritabilität wird in Studien häufig im Bereich von 50–60 % diskutiert. Zudem gibt es Hinweise auf neurobiologische Besonderheiten in serotonergen und dopaminergen Systemen sowie auf Veränderungen von Belohnungsverarbeitung, Interozeption und Angstregulation.

    Psychologische Risikofaktoren sind Perfektionismus, hoher Leistungsanspruch, rigides Kontrollbedürfnis, geringe Selbstwertstabilität, Zwanghaftigkeit, soziale Unsicherheit und Schwierigkeiten in der Emotionsregulation. Bei vielen Betroffenen beginnt die Erkrankung nach zunächst scheinbar harmlosen Diäten oder nach Kommentaren über Gewicht und Körperform. Belastende Lebensereignisse, Mobbing, familiäre Konflikte, Übergänge wie Pubertät oder Auszug sowie traumatische Erfahrungen können als Auslöser oder Verstärker wirken.

    Soziokulturell spielen ein Schlankheitsideal, Diätkultur, leistungsorientierte Milieus und soziale Medien eine bedeutsame Rolle. Erhöhtes Risiko besteht in Sportarten oder Berufen mit Gewichts- oder Formfokus, z. B. Ballett, Ausdauersport, Turnen, Wrestling oder Modelbereich. Bei Jungen und Männern kann auch ein Spannungsfeld zwischen Schlankheit und Muskulosität pathogenetisch relevant sein.

    Wichtig ist, dass somatische Erkrankungen mit Gewichtsverlust nicht vorschnell als Anorexie fehlgedeutet werden dürfen. Die Diagnose setzt die typische Psychopathologie voraus.

    Merke: Anorexia nervosa entsteht durch das Zusammenwirken von Vulnerabilität, Persönlichkeit, Umweltfaktoren und auslösenden Gewichtsreduktionsversuchen.

    Pathogenese

    Pathogenetisch beginnt die Erkrankung häufig mit einer intentionalen Kalorienrestriktion, die zunächst als Erfolg erlebt wird: Gewichtsabnahme führt zu Anerkennung, einem Gefühl von Kontrolle oder zur Reduktion innerer Anspannung. Daraus entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf. Die Angst vor Gewichtszunahme nimmt trotz Untergewicht zu, und Betroffene überschätzen die Bedeutung von Körpergewicht und Figur für den Selbstwert. Parallel entwickelt sich eine Körperschemastörung, bei der der eigene Körper als "zu dick" erlebt wird, obwohl objektiv Untergewicht besteht.

    Die Mangelernährung verstärkt die Psychopathologie zusätzlich. Hungerzustände führen zu vermehrter gedanklicher Beschäftigung mit Essen, Affektverflachung, Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen, sozialem Rückzug und depressiver Symptomatik. Endokrine Anpassungen mit Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achsen-Suppression verursachen u. a. Amenorrhoe, Libidoverlust und reduzierte Knochenmineralisation. Weiterhin finden sich Bradykardie, Hypotonie, Hypothermie, gastrointestinale Hypomotilität und Elektrolytverschiebungen.

    Bei einem Teil der Patienten treten Essanfälle und kompensatorische Maßnahmen wie selbstinduziertes Erbrechen, Laxanzien- oder Diuretikamissbrauch auf. Diese erhöhen das Risiko für Hypokaliämie, metabolische Alkalose, Zahn- und Ösophagusschäden sowie Herzrhythmusstörungen. Besonders gefährlich ist die initiale Gewichtsstabilisierung oder Wiederernährung bei schwerer Mangelernährung, da dann durch Insulinanstieg und intrazelluläre Elektrolytverschiebungen ein Refeeding-Syndrom mit Hypophosphatämie, Herzinsuffizienz und neurologischen Komplikationen entstehen kann.

    Merke: Nicht nur die psychische Störung, sondern auch der Hunger selbst unterhält die Erkrankung biologisch und psychologisch.

    Symptome

    Klinisch führend sind deutlich vermindertes Körpergewicht, ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme und ein krankhaftes Verhalten zur Gewichtsreduktion. Betroffene zählen Kalorien, vermeiden energiedichte Nahrung, essen ritualisiert, schneiden Speisen in kleine Stücke oder entwickeln starre Essregeln. Häufig besteht eine übermäßige körperliche Aktivität, selbst bei deutlicher Schwäche. Viele Patienten tragen weite Kleidung, kontrollieren ihr Gewicht mehrfach täglich und erleben intensives Schuldgefühl nach dem Essen.

    Zu den psychischen Leitsymptomen gehören Körperschemastörung, fehlende Krankheitseinsicht, Perfektionismus, Zwanghaftigkeit, depressive Stimmung, Ängstlichkeit, sozialer Rückzug und Reizbarkeit. Nicht selten bestehen komorbide Zwangsstörungen, depressive Episoden, Angststörungen oder selbstverletzendes Verhalten. Beim Binge-Purge-Subtyp kommen Essanfälle, Erbrechen sowie Laxanzien- oder Diuretikaabusus hinzu.

    Somatisch zeigen sich die Folgen der Mangelernährung oft eindrucksvoll: Bradykardie, Hypotonie, Hypothermie, trockene Haut, Akrozyanose, Haarausfall, Lanugobehaarung, Obstipation, abdominale Beschwerden, Schwindel, Muskelschwäche und Leistungsminderung. Bei Mädchen und Frauen ist Amenorrhoe oder Zyklusstörung häufig, bei Männern Libidoverlust und Hypogonadismus. Laborchemisch können Anämie, Leukopenie, Hypokaliämie, Hypophosphatämie oder Transaminasenanstieg vorkommen.

    Warnzeichen für eine schwere Verlaufsform sind rascher Gewichtsverlust, BMI < 15 kg/m², Synkopen, Dehydratation, Elektrolytstörungen, suizidale Gedanken, fehlende orale Nahrungsaufnahme und Herzrhythmusstörungen.

    Merke: Die klinische Schwere bestimmt sich nicht allein über den BMI, sondern auch über Vitalparameter, Elektrolyte, Organfolgen und Psychopathologie.

    Diagnostik

    Die Diagnostik erfolgt klinisch-psychiatrisch und internistisch. Grundlage sind eine strukturierte Anamnese, Fremdanamnese, psychopathologischer Befund, Gewichtsentwicklung und körperliche Untersuchung. Erfragt werden Nahrungsaufnahme, Diätregeln, Körperschema, Angst vor Gewichtszunahme, kompensatorische Maßnahmen, Bewegungsverhalten, Menstruationsstatus, Substanzkonsum, Suizidalität und Komorbiditäten. Anthropometrisch sind Gewicht, Größe, BMI, Gewichtsverlauf sowie ggf. bei Kindern und Jugendlichen die Perzentilen relevant.

    Körperlich müssen Vitalparameter konsequent erhoben werden: Puls, Blutdruck, Temperatur, orthostatische Dysregulation und Hydratationszustand. Labordiagnostisch gehören Blutbild, Elektrolyte, Phosphat, Magnesium, Nierenretentionswerte, Leberwerte, Glukose, TSH sowie ggf. CK und Entzündungsparameter zur Basis. Bei Purging sind Kalium und Säure-Basen-Status besonders wichtig. Ein EKG ist obligat bei deutlichem Untergewicht, Purging, Synkopen oder Elektrolytstörungen; gesucht werden Bradykardie, QTc-Verlängerung und Arrhythmien. Bei längerem Verlauf oder Amenorrhoe ist eine Knochendichtemessung erwägenswert.

    Die Diagnose wird nach ICD-10/ICD-11 bzw. im internationalen Kontext nach DSM-5 gestellt. Ein zentraler Punkt ist der Ausschluss organischer Ursachen des Gewichtsverlusts. Bei Warnzeichen wie Fieber, Nachtschweiß, persistierendem Erbrechen, Diarrhö, Schmerzen oder auffälligen Laboren muss gezielt somatisch weiter abgeklärt werden.

    Der "Goldstandard" ist kein einzelner Test, sondern die fachärztliche klinische Diagnosestellung auf Basis von Anamnese, psychopathologischen Kriterien und somatischer Risikoeinschätzung.

    Merke: Bei jeder Essstörung müssen Suizidalität, Elektrolytstörungen und das Risiko eines Refeeding-Syndroms aktiv beurteilt werden.

    Differentialdiagnosen

    Wichtige Differentialdiagnosen umfassen sowohl andere Essstörungen als auch somatische Ursachen des Untergewichts. Abzugrenzen sind vor allem die Bulimia nervosa, bei der meist kein ausgeprägtes Untergewicht besteht, sowie die Binge-Eating-Störung, die typischerweise mit Übergewicht oder Adipositas assoziiert ist. Ebenfalls relevant sind ARFID (Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder), bei der die Restriktion nicht primär durch Schlankheitswunsch motiviert ist, und atypische anorektische Störungen.

    Psychiatrisch müssen depressive Störungen, Zwangsstörungen, körperdysmorphe Störung, Angststörungen, Psychosen, Autismus-Spektrum-Störungen und Persönlichkeitsstörungen bedacht werden. Bei psychotischen Störungen kann Nahrungsverweigerung etwa aus Vergiftungswahn resultieren; bei Depression steht eher Appetitverlust ohne typische Körperschemastörung im Vordergrund. Bei Zwangsstörungen bestehen rigide Rituale, jedoch nicht zwingend mit dem Ziel der Gewichtsabnahme.

    Somatisch kommen zahlreiche Erkrankungen infrage: Hyperthyreose, Diabetes mellitus Typ 1, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Zöliakie, Malignome, chronische Infektionen wie Tuberkulose oder HIV, Nebenniereninsuffizienz, Malabsorptionssyndrome sowie neurologische oder gastrointestinale Erkrankungen mit Dysphagie oder Erbrechen. Auch Medikamente und Substanzen wie Stimulanzien können Gewichtsverlust verursachen.

    Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen einer somatischen Erkrankung mit sekundärem Gewichtsverlust und einer primären Anorexia nervosa mit psychischer Gewichtsphobie. Die Anamnese zu Körperschema, Diätverhalten und kompensatorischen Maßnahmen ist hier wegweisend.

    Merke: Untergewicht allein beweist keine Anorexia nervosa; entscheidend ist die typische Psychopathologie mit Angst vor Gewichtszunahme und aktiver Gewichtsvermeidung.

    Therapie

    Die Therapie erfolgt leitliniengerecht multimodal und richtet sich nach Schweregrad, Alter, Komorbiditäten und somatischer Gefährdung. Behandlungsziele sind Gewichtsstabilisierung bzw. -zunahme, Normalisierung des Essverhaltens, Behandlung psychiatrischer Komorbiditäten und Rückfallprophylaxe. Nach den deutschsprachigen S3-Leitlinien der DGKJP/DGPPN sind bei Kindern und Jugendlichen familienbasierte Interventionen und evidenzbasierte Psychotherapien zentral; bei Erwachsenen kommen vor allem kognitive Verhaltenstherapie speziell für Essstörungen (CBT-E), fokale psychodynamische Therapie oder Maudsley-Ansätze infrage.

    Eine stationäre Aufnahme ist indiziert bei schwerem Untergewicht, raschem Gewichtsverlust, Bradykardie, Hypotonie, Elektrolytstörungen, Dehydratation, fehlender ambulanter Behandelbarkeit, Suizidalität oder relevantem Purging. Bei schwer mangelernährten Patienten muss die Ernährung vorsichtig gesteigert werden, um ein Refeeding-Syndrom zu vermeiden. In der Praxis werden Kalorienzufuhr und Gewichtsziel individuell festgelegt; häufig erfolgt unter stationären Bedingungen eine kontrollierte Steigerung. Thiamin wird bei hohem Risiko oft prophylaktisch gegeben, z. B. 100–200 mg/Tag, dazu engmaschige Kontrolle von Phosphat, Kalium und Magnesium.

    Eine spezifisch zugelassene Pharmakotherapie für die Kernsymptomatik gibt es nicht. Medikamente werden vor allem gegen Komorbiditäten eingesetzt. Olanzapin kann in Einzelfällen zur Reduktion von Zwanghaftigkeit, Grübeln und Angst sowie zur Gewichtszunahme erwogen werden, oft in niedriger Dosierung von 2,5–10 mg/Tag; die Evidenz ist moderat. SSRI wie Fluoxetin sind bei deutlichem Untergewicht für die Kernsymptomatik wenig wirksam, können aber nach Gewichtsstabilisierung bei komorbider Depression oder Zwangssymptomatik sinnvoll sein. Bei Osteopenie/Osteoporose stehen primär Gewichtsanhebung und hormonelle Erholung im Vordergrund; routinemäßige Hormontherapie ist individuell zu prüfen.

    Wesentlich sind eine strukturierte somatische Überwachung, Ernährungsberatung, Angehörigenarbeit und ein klarer Notfallplan.

    Merke: Die wirksamste Therapie der Anorexia nervosa ist Psychotherapie in Kombination mit konsequenter medizinischer Überwachung und Ernährungsrehabilitation.

    Prognose

    Die Prognose ist heterogen. Ein relevanter Teil der Patienten erreicht im Langzeitverlauf eine deutliche Besserung oder Remission, jedoch sind chronische Verläufe häufig. Je nach Kohorte erreichen etwa 50–70 % der Betroffenen im Verlauf von Jahren eine substanzielle Besserung, während 20–30 % persistierende Symptome oder einen chronischen Verlauf zeigen. Rückfälle treten besonders in den ersten Jahren nach Therapieende auf und machen eine langfristige Nachsorge notwendig.

    Günstige Prognosefaktoren sind früher Behandlungsbeginn, kürzere Krankheitsdauer, gute Familienunterstützung, geringere psychiatrische Komorbidität und die Bereitschaft, sich auf eine Gewichtsanhebung einzulassen. Ungünstig sind dagegen sehr niedriges Ausgangsgewicht, schwere Zwangssymptomatik, Binge-Purge-Verhalten, ausgeprägte Depression, Substanzmissbrauch, Autismus-Spektrum-Störungen und wiederholte stationäre Krisen.

    Internistisch können sich viele Folgen der Mangelernährung unter erfolgreicher Therapie zurückbilden, z. B. Bradykardie, Amenorrhoe und gastrointestinale Beschwerden. Allerdings können Knochendichteverluste, Infertilität, Wachstumsstörungen bei frühem Beginn und kognitive oder psychosoziale Beeinträchtigungen länger persistieren. Besonders problematisch ist ein langjähriger Verlauf während der Pubertät, weil hier die Peak-Bone-Mass und die psychosoziale Entwicklung nachhaltig beeinträchtigt werden können.

    Die Prognose wird maßgeblich durch die hohe Mortalität begrenzt. Neben somatischen Komplikationen ist Suizidalität ein zentrales Risiko. Deshalb sind frühzeitige Diagnosestellung, konsequente Therapie und strukturierte Rückfallprävention entscheidend.

    Merke: Je früher die Behandlung beginnt, desto besser sind die Chancen auf vollständige Remission und die Vermeidung irreversibler Folgeschäden.

    Prävention

    Eine spezifische Primärprävention ist nur begrenzt möglich, dennoch gibt es wirksame Ansatzpunkte. Sinnvoll sind Programme zur Förderung eines realistischen Körperbildes, zur Medienkompetenz und zur kritischen Reflexion von Schlankheitsidealen, insbesondere in Schulen, Sportvereinen und sozialen Medien. Präventionsprogramme zeigen vor allem dann Nutzen, wenn sie nicht bloß über Essstörungen informieren, sondern Selbstwert, Emotionsregulation und den Umgang mit Leistungsdruck stärken.

    Im klinischen Alltag ist die Sekundärprävention besonders wichtig: Frühwarnzeichen wie rascher Gewichtsverlust, Diätverhalten, Essrituale, exzessiver Sport, Amenorrhoe oder sozialer Rückzug sollten bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen aktiv erfragt werden. Hausärzte, Kinderärzte, Gynäkologen, Schulärzte und Sportmediziner spielen hier eine Schlüsselrolle. Eine frühe Überweisung in spezialisierte psychosomatische oder psychiatrische Strukturen kann den Verlauf deutlich verbessern.

    Angehörige sollten auf wertschätzende, nicht-konfrontative Kommunikation achten und Kommentare über Gewicht, Figur oder Kalorien vermeiden. In Risikokontexten wie Leistungs- und Gewichtsklassensport sind gesundheitsorientierte Trainings- und Ernährungsstrategien essenziell.

    Merke: Die wichtigste Prävention ist das frühe Erkennen problematischen Essverhaltens, bevor ein manifestes Untergewicht entsteht.

    Komplikationen

    Die Komplikationen der Anorexia nervosa betreffen nahezu alle Organsysteme. Kardiovaskulär sind Sinusbradykardie, Hypotonie, QTc-Verlängerung und potenziell letale Arrhythmien besonders gefürchtet. Elektrolytstörungen, vor allem Hypokaliämie bei Erbrechen oder Laxanzienmissbrauch, erhöhen das Risiko zusätzlich. Gastrointestinal treten Magenentleerungsstörungen, Obstipation, Meteorismus und bei Purging Ösophagitis, Zahnschäden und selten Mallory-Weiss-Läsionen auf.

    Endokrinologisch kommt es zu einer funktionellen Hypothalamushemmung mit Amenorrhoe, Hypogonadismus, Libidoverlust und Störungen der Schilddrüsen- und Stressachsen. Langfristig resultieren Osteopenie und Osteoporose, bei Jugendlichen auch Wachstumsverzögerung und ausbleibende Pubertätsprogression. Hämatologisch finden sich Anämie, Leukopenie und Thrombozytopenie. Neurologisch sind Konzentrationsstörungen, periphere Neuropathien und in schweren Fällen Krampfanfälle möglich. Nierenfunktionsstörungen, Dehydratation und Harnkonzentrationsstörungen kommen ebenfalls vor.

    Eine zentrale akutmedizinische Komplikation ist das Refeeding-Syndrom mit Hypophosphatämie, Ödemen, Herzinsuffizienz, Delir und Tod. Psychiatrisch sind depressive Episoden, Zwangssymptomatik, Selbstverletzungen und Suizid von besonderer Relevanz. Sozial führen chronische Verläufe häufig zu Isolation, Schul- und Ausbildungsabbrüchen sowie Belastungen des Familiensystems.

    Die Komplikationswahrscheinlichkeit steigt mit der Dauer des Untergewichts, dem Ausmaß der Gewichtsabnahme und dem Vorliegen von Purging oder exzessivem Sport.

    Merke: Lebensbedrohlich sind vor allem kardiale Komplikationen, Elektrolytstörungen und das Refeeding-Syndrom.

    Häufige Fragen

    Ist Anorexia nervosa nur ein Problem bei sehr schlanken jungen Frauen?

    Nein. Zwar beginnt die Erkrankung häufig bei weiblichen Jugendlichen, sie kann aber auch bei Männern, Kindern und Erwachsenen auftreten. Entscheidend ist nicht nur das Gewicht, sondern die krankhafte Angst vor Gewichtszunahme und das gestörte Essverhalten.

    Muss man bei Magersucht immer ins Krankenhaus?

    Nicht immer. Eine ambulante Behandlung ist möglich, wenn keine akute körperliche Gefährdung besteht und die Nahrungsaufnahme gesichert ist; bei schwerem Untergewicht, Kreislaufproblemen, Elektrolytstörungen oder Suizidalität ist jedoch oft eine stationäre Therapie notwendig.

    Kann man von Anorexia nervosa vollständig genesen?

    Ja, eine vollständige Besserung ist möglich, besonders bei früher Diagnose und konsequenter Behandlung. Allerdings sind Rückfälle nicht selten, weshalb Nachsorge und langfristige therapeutische Begleitung wichtig sind.

    Quellen

    1. Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) et al. S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung der Essstörungen, AWMF-Registernummer 051-026.
    2. Treasure J, Duarte TA, Schmidt U. Eating disorders. Lancet. 2020;395:899-911.
    3. Herpertz S, Zipfel S, de Zwaan M. Handbuch Essstörungen und Adipositas. Springer.
    4. Kasper DL, Fauci AS, Hauser SL et al. Harrison's Principles of Internal Medicine. McGraw-Hill.
    5. Philipp J, Zeiler M, Waldherr K et al. Epidemiology of eating disorders in children and adolescents. Curr Opin Psychiatry. 2023.
    6. NICE Guideline NG69: Eating disorders: recognition and treatment. National Institute for Health and Care Excellence.
    Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel wurde von Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi verfasst und von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer fachlich geprüft, zuletzt aktualisiert am 24. März 2026. Er dient der fachlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

    🔬 Prüfungsfragen zu Anorexia nervosa in Vorbereitung

    Wir erstellen derzeit IMPP-nahe MC-Fragen zu diesem Thema. Registriere dich jetzt und erhalte als Erster Zugang.

    Kostenlos registrieren & benachrichtigt werden 14 Tage kostenloser Vollzugang · Keine Kreditkarte