🫘 Urologie ICD-10: C61

Prostatakarzinom: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie

Prostatakarzinom: Leitliniengerechte Infos zu Ursachen, PSA, MRT, Biopsie, Stadien und Therapie des häufigsten Tumors des Mannes.

Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi
Arzt, Wissenschaftler & Gründer von SCIORA
24. März 2026 · 12 Min. Lesezeit · Aktualisiert: 24. März 2026 · Geprüft von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer
📋 Inhaltsverzeichnis

    Definition

    Das Prostatakarzinom ist ein meist von den Drüsenepithelien der Prostata ausgehendes Adenokarzinom und wird in der ICD-10 unter C61 klassifiziert. Es ist in Deutschland und vielen westlichen Ländern die häufigste maligne Tumorerkrankung des Mannes und zeigt ein sehr breites biologisches Spektrum – von indolenten, über Jahre kaum progredienten Tumoren bis zu hochaggressiven, früh metastasierenden Verläufen. Klinisch und therapeutisch ist die Unterscheidung zwischen lokal begrenzter, lokal fortgeschrittener, metastasierter hormonsensitiver und kastrationsresistenter Erkrankung zentral. Die Risikostratifizierung erfolgt anhand von PSA, klinischem Stadium, Histologie mit Gleason-Score/ISUP-Grading sowie bildgebender Ausbreitungsdiagnostik.

    Merke: Ein erhöhter PSA-Wert allein beweist kein Prostatakarzinom; die definitive Diagnose erfordert in der Regel den histologischen Nachweis aus einer gezielten und/oder systematischen Prostatabiopsie.

    Epidemiologie

    Das Prostatakarzinom ist die häufigste Krebserkrankung des Mannes in Deutschland. Nach Daten des Robert Koch-Instituts werden jährlich etwa 65.000–70.000 Neuerkrankungen registriert; das mittlere Erkrankungsalter liegt ungefähr bei 69 Jahren. Vor dem 50. Lebensjahr ist das Karzinom relativ selten, danach steigt die Inzidenz deutlich an. Das Lebenszeitrisiko, im Laufe des Lebens an einem Prostatakarzinom zu erkranken, liegt in westlichen Populationen bei ungefähr 12–15 %, während das Risiko, daran zu versterben, deutlich niedriger ist. Diese Diskrepanz erklärt sich durch die hohe Zahl biologisch wenig aggressiver Tumoren.

    Autopsiestudien zeigen, dass bei älteren Männern häufig histologische Prostatakarzinome nachweisbar sind, die klinisch niemals manifest geworden wären. In der Altersgruppe über 80 Jahre finden sich okkulte Tumorherde in einem erheblichen Anteil der Fälle. Die Mortalität ist in den vergangenen Jahrzehnten in vielen Ländern tendenziell gesunken, was auf frühere Diagnostik und verbesserte Therapien zurückgeführt wird. Allerdings führt intensive PSA-basierte Diagnostik auch zu Überdiagnosen und potenzieller Übertherapie von Niedrigrisiko-Tumoren.

    Familiäre Belastung ist epidemiologisch bedeutsam: Bei einem erstgradig Verwandten mit Prostatakarzinom ist das Erkrankungsrisiko etwa verdoppelt, bei mehreren betroffenen Verwandten oder frühem Erkrankungsalter noch höher. Ethnische Unterschiede sind relevant; Männer afrikanischer Abstammung zeigen in vielen Kohorten eine höhere Inzidenz und teils aggressivere Verläufe.

    Merke: Das Prostatakarzinom ist häufig, aber nicht jedes diagnostizierte Karzinom ist lebensbedrohlich – genau deshalb ist die korrekte Risikostratifizierung entscheidend.

    Ätiologie

    Die Ätiologie des Prostatakarzinoms ist multifaktoriell und nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen. Als wichtigste gesicherte Risikofaktoren gelten höheres Alter, familiäre/genetische Prädisposition und androgenabhängige Signalwege. Das Prostatagewebe ist physiologisch androgenabhängig; Testosteron und insbesondere Dihydrotestosteron (DHT) fördern Wachstum und Differenzierung des Prostataepithels. Diese hormonelle Abhängigkeit ist klinisch relevant, da sie die Grundlage der Androgendeprivationstherapie bildet.

    Genetisch bedeutsam sind Keimbahnmutationen, unter anderem in BRCA2, seltener BRCA1, sowie Veränderungen in DNA-Reparaturgenen wie ATM oder Genen des Mismatch-Reparatur-Systems. Träger einer BRCA2-Mutation haben ein erhöhtes Risiko für ein früheres und aggressiveres Prostatakarzinom. Daher ist bei positiver Familienanamnese, frühem Erkrankungsalter oder metastasierter Erkrankung die humangenetische Abklärung klinisch relevant.

    Lebensstil- und Umweltfaktoren werden diskutiert, sind aber weniger eindeutig belegt. Adipositas ist eher mit aggressiveren Verlaufsformen assoziiert als mit der Gesamtinzidenz. Für Ernährungsfaktoren, Mikronährstoffe oder Nahrungsergänzungsmittel gibt es keine robuste Evidenz, dass sie das Erkrankungsrisiko zuverlässig senken. Chronische Entzündung, oxidativer Stress und metabolische Faktoren könnten zur Karzinogenese beitragen, sind aber nicht als alleinige Ursache zu verstehen.

    Morphologisch geht dem invasiven Adenokarzinom häufig eine hochgradige prostatische intraepitheliale Neoplasie (HGPIN) voraus, die jedoch kein obligates Präkanzerosemodell für jeden Tumor darstellt. Der weitaus überwiegende Teil der Prostatakarzinome entsteht in der peripheren Zone der Prostata.

    Merke: Die wichtigsten gesicherten Risikofaktoren sind Alter, positive Familienanamnese und genetische Prädisposition; Ernährung allein erklärt das Erkrankungsrisiko nicht.

    Pathogenese

    Pathogenetisch entwickelt sich das Prostatakarzinom über eine schrittweise Akkumulation genetischer und epigenetischer Veränderungen in androgenabhängigem Drüsenepithel. Typisch sind molekulare Alterationen wie TMPRSS2-ERG-Fusionsereignisse, PTEN-Verlust, Aktivierung des PI3K/AKT-Signalwegs, Veränderungen von TP53 sowie Defekte in DNA-Reparaturmechanismen. Diese Veränderungen beeinflussen Zellzyklus, Apoptose, Invasivität und Therapiesensitivität. Histologisch handelt es sich in den allermeisten Fällen um ein azinäres Adenokarzinom.

    Die biologische Aggressivität wird im klinischen Alltag über das Grading nach Gleason bzw. die ISUP-Gruppen 1–5 abgebildet. Dabei korrelieren hohe Gleason-Muster, insbesondere das Vorliegen von Muster 4 oder 5, mit höherem Risiko für extrakapsuläres Wachstum, Samenblaseninfiltration, Lymphknotenbefall und Fernmetastasierung. Das Tumorwachstum beginnt häufig in der peripheren Zone, wodurch frühe Tumoren digital-rektal nicht immer sicher tastbar sind und initial oft asymptomatisch bleiben.

    Mit zunehmender Progression überschreitet der Tumor die Prostatakapsel, infiltriert Samenblasen, Blasenhals oder benachbarte Strukturen und metastasiert bevorzugt lymphogen in pelvine Lymphknoten sowie hämatogen in das Skelettsystem. Knochenmetastasen sind meist osteoblastisch und können zu Schmerzen, Frakturen und Rückenmarkskompression führen. Im fortgeschrittenen Verlauf entstehen unter systemischem Therapiedruck Klone, die trotz niedriger Testosteronspiegel weiter proliferieren – das sogenannte kastrationsresistente Prostatakarzinom (CRPC).

    Die Heterogenität ist ausgeprägt: Ein Teil der Tumoren wächst über Jahre langsam, andere zeigen schon früh ein systemisches Verhalten. Deshalb ist die Pathogenese direkt mit der klinischen Strategie verknüpft: Active Surveillance bei Niedrigrisiko-Tumoren versus multimodale Therapie bei intermediärem oder hohem Risiko.

    Merke: Das Prostatakarzinom ist keine einheitliche Erkrankung, sondern umfasst biologisch indolente und hochaggressive Tumoren – diese Heterogenität bestimmt Diagnostik und Therapie.

    Symptome

    Frühe lokal begrenzte Prostatakarzinome verursachen häufig gar keine Beschwerden und werden nicht selten im Rahmen einer PSA-basierten Früherkennung oder Zufallsdiagnostik entdeckt. Wenn Symptome auftreten, sind sie unspezifisch und nicht von benignen Prostataerkrankungen abgrenzbar. Typische Leitsymptome betreffen den unteren Harntrakt: abgeschwächter Harnstrahl, Pollakisurie, Nykturie, Startschwierigkeiten der Miktion, Restharngefühl oder imperativer Harndrang. Diese Beschwerden sind jedoch häufiger Ausdruck einer benignen Prostatahyperplasie (BPH) als eines Karzinoms.

    Bei lokal fortgeschrittener Erkrankung können Makrohämaturie, Hämatospermie, Dysurie, perineale Schmerzen oder Zeichen einer Harnabflussbehinderung auftreten. Eine Infiltration benachbarter Strukturen kann zu Ejakulationsstörungen, Schmerzen im kleinen Becken oder selten zu Ureterobstruktion mit postrenalem Nierenversagen führen. Klinisch besonders relevant sind Symptome der Metastasierung: Knochenschmerzen, vor allem an Wirbelsäule, Becken und Rippen, pathologische Frakturen, Fatigue, Gewichtsverlust oder Leistungsknick. Bei spinalen Metastasen sind Rückenschmerzen, sensible Ausfälle, Schwäche der Beine oder Blasen-Mastdarm-Störungen Alarmsymptome einer drohenden Rückenmarkskompression.

    Allgemeinsymptome wie Fieber oder ausgeprägter Gewichtsverlust sind eher Spätzeichen. Die digital-rektale Untersuchung kann bei fortgeschrittenerem Tumor eine derbe, knotige, asymmetrische Prostata zeigen, ist aber für die Früherkennung nur begrenzt sensitiv.

    Wichtig für die Praxis ist, dass Beschwerden des unteren Harntrakts beim älteren Mann viel häufiger durch BPH, Prostatitis, Harnwegsinfekte oder neurogene Blasenfunktionsstörungen verursacht werden als durch ein Prostatakarzinom. Umgekehrt schließt das Fehlen von Symptomen ein Karzinom keineswegs aus.

    Merke: Das Prostatakarzinom ist im Frühstadium oft asymptomatisch; neu auftretende Knochenschmerzen bei bekanntem Prostatakarzinom sind bis zum Beweis des Gegenteils metastasenverdächtig.

    Diagnostik

    Die Diagnostik des Prostatakarzinoms folgt einer gestuften, leitlinienbasierten Abklärung. Ausgangspunkt ist häufig ein auffälliger PSA-Wert, eine suspekt tastbare Prostata in der digital-rektalen Untersuchung (DRU) oder ein auffälliger Zufallsbefund in der Bildgebung. Das PSA ist organspezifisch, aber nicht tumorspezifisch; Erhöhungen finden sich auch bei BPH, Prostatitis, Harnverhalt oder nach Manipulationen. Einzelwerte sind daher nur im Kontext interpretierbar; zusätzlich relevant sind PSA-Dynamik, Prostatavolumen und klinisches Risiko.

    Vor einer Biopsie empfiehlt die aktuelle S3-Leitlinie Prostatakarzinom in der Regel eine multiparametrische MRT (mpMRT) der Prostata. Sie verbessert die Detektion klinisch signifikanter Tumoren und hilft, unnötige Biopsien zu vermeiden. Die Befunde werden nach PI-RADS klassifiziert. Bei suspekter Läsion erfolgt eine gezielte Biopsie der MRT-Läsion, in der Regel kombiniert mit einer systematischen transperinealen Stanzbiopsie. Der histologische Nachweis ist der diagnostische Goldstandard. Pathologisch werden Gleason-Score, ISUP-Gradgruppe, Tumoranteil und Zahl positiver Stanzen angegeben.

    Für das Staging werden bei intermediärem oder hohem Risiko je nach Situation PSMA-PET/CT, CT und/oder Knochenszintigraphie eingesetzt; zunehmend hat die PSMA-PET bei Hochrisiko- und Rezidivsituationen einen hohen Stellenwert. Laborchemisch sind neben PSA Nierenretentionswerte, Blutbild, AP und gegebenenfalls Testosteron im metastasierten Setting relevant. Die TNM-Klassifikation bestimmt das anatomische Stadium.

    Die diagnostische Einordnung umfasst auch die Unterscheidung zwischen klinisch insignifikantem und behandlungsbedürftigem Tumor. Dazu werden PSA, Tumorstadium, Histologie und Lebenserwartung gemeinsam bewertet. Dies ist essenziell, um zwischen Active Surveillance, kurativer Lokaltherapie und palliativer Systemtherapie zu differenzieren.

    Merke: Goldstandard der Diagnosesicherung ist die histologische Untersuchung nach Prostatabiopsie; PSA und MRT sind wichtige, aber nicht allein beweisende Bausteine.

    Differentialdiagnosen

    Die wichtigsten Differentialdiagnosen betreffen sowohl die Ursache eines erhöhten PSA-Werts als auch die Differenzierung von LUTS, Beckenbeschwerden oder ossären Symptomen. An erster Stelle steht die benigne Prostatahyperplasie (BPH). Sie ist im höheren Lebensalter sehr häufig und verursacht typischerweise Miktionsbeschwerden wie abgeschwächten Harnstrahl, Nykturie und Restharngefühl. Auch eine BPH kann zu moderat erhöhten PSA-Werten führen, insbesondere bei großem Prostatavolumen.

    Eine weitere zentrale Differentialdiagnose ist die Prostatitis, akut oder chronisch. Sie kann mit perinealen Schmerzen, Dysurie, Fieber und deutlicher PSA-Erhöhung einhergehen. In der akuten Situation sollte keine vorschnelle Karzinomdiagnose allein anhand des PSA gestellt werden. Ebenfalls abzugrenzen sind Harnwegsinfekte, Harnverhalt, kürzlich erfolgte urologische Manipulationen oder Ejakulation kurz vor der Blutabnahme als reversible Ursachen eines PSA-Anstiegs.

    Bei suspekten MRT- oder Tastbefunden kommen selten auch andere Prostataentitäten infrage, etwa atypische adenomatöse Hyperplasie, HGPIN, intraduktales Karzinom, sehr selten urotheliale Karzinome mit Infiltration der Prostata oder andere maligne Neoplasien. Im metastasierten Stadium müssen Knochenschmerzen differenzialdiagnostisch gegen degenerative Wirbelsäulenerkrankungen, Osteoporosefrakturen, entzündliche Spondyloarthritiden oder ossäre Metastasen anderer Primärtumoren abgegrenzt werden.

    Bei Hämaturie oder Blasenentleerungsstörung sind zudem Urothelkarzinom der Harnblase, Harnblasensteine und neurogene Blasenstörungen zu berücksichtigen. Bei unklaren pelvinen Lymphknotenmetastasen können Lymphome oder andere Beckenmalignome eine Rolle spielen. Histologisch ist vor allem die Unterscheidung zwischen niedrigem Risiko und klinisch relevantem Adenokarzinom entscheidend, da hiervon die Therapie unmittelbar abhängt.

    Merke: Ein erhöhter PSA-Wert hat zahlreiche Ursachen; die häufigsten Differentialdiagnosen sind BPH und Prostatitis, nicht automatisch ein Karzinom.

    Therapie

    Die Therapie richtet sich nach Tumorstadium, Risikoklasse, Lebenserwartung, Komorbidität und Patientenpräferenz. Maßgeblich sind in Deutschland die AWMF-S3-Leitlinie Prostatakarzinom, ergänzt durch Empfehlungen der EAU und bei fortgeschrittener Erkrankung internationale onkologische Leitlinien. Bei Niedrigrisiko-Tumoren (z. B. cT1–cT2a, PSA < 10 ng/ml, ISUP 1) ist häufig die Active Surveillance leitliniengerecht: regelmäßige PSA-Kontrollen, DRU, wiederholte MRT und Re-Biopsien. Ziel ist, Übertherapie zu vermeiden, ohne ein Progressionsfenster zu verpassen.

    Kurative Standardoptionen bei lokal begrenzter Erkrankung sind die radikale Prostatektomie mit pelviner Lymphadenektomie bei entsprechender Indikation sowie die definitive Strahlentherapie. Strahlentherapeutisch kommen externe Bestrahlung und in ausgewählten Fällen Brachytherapie infrage. Bei intermediärem und hohem Risiko wird die Radiotherapie häufig mit einer Androgendeprivationstherapie (ADT) kombiniert. Medikamentös erfolgt die ADT mit LHRH-Analoga wie Leuprorelin (z. B. 3,75 mg monatlich oder 11,25 mg alle 3 Monate s.c./i.m.) oder Goserelin; alternativ mit einem GnRH-Antagonisten wie Degarelix (Initialdosis 240 mg s.c., dann 80 mg monatlich) oder oral Relugolix. Zu Beginn einer LHRH-Analogatherapie kann ein Flare auftreten; daher wird teils kurzzeitig ein Antiandrogen wie Bicalutamid 50 mg/Tag eingesetzt.

    Beim metastasierten hormonsensitiven Prostatakarzinom (mHSPC) besteht heute Standard in der Therapieintensivierung zusätzlich zur ADT, z. B. mit Abirateron 1000 mg/Tag plus Prednisolon 5–10 mg/Tag, Enzalutamid 160 mg/Tag, Apalutamid 240 mg/Tag oder Darolutamid 600 mg 2-mal/Tag; in geeigneten Fällen zusätzlich oder alternativ Docetaxel 75 mg/m² alle 3 Wochen für 6 Zyklen. Beim kastrationsresistenten Prostatakarzinom (mCRPC) kommen je nach Vorbehandlung AR-gerichtete Substanzen, Docetaxel, Cabazitaxel, PARP-Inhibitoren bei homologer Rekombinationsdefizienz oder ^177Lu-PSMA-Therapie in Betracht.

    Supportiv sind Knochenschutz und Schmerztherapie wichtig. Bei ossären Metastasen können Zoledronsäure 4 mg i.v. alle 4 Wochen oder Denosumab 120 mg s.c. alle 4 Wochen erwogen werden; eine adäquate Calcium- und Vitamin-D-Substitution ist zu beachten. Nebenwirkungen wie Hitzewallungen, Libidoverlust, metabolische Veränderungen, Fatigue, Inkontinenz oder erektile Dysfunktion müssen aktiv adressiert werden.

    Merke: Bei metastasierter Erkrankung genügt heute meist nicht mehr ADT allein; die frühe Kombinationstherapie verbessert Überleben und Krankheitskontrolle.

    Prognose

    Die Prognose des Prostatakarzinoms ist insgesamt sehr heterogen und hängt vor allem von Stadium, ISUP/Gleason-Gruppe, PSA-Ausgangswert, Metastasierung, Tumorlast sowie dem Ansprechen auf die Therapie ab. Lokal begrenzte Niedrigrisiko-Tumoren haben meist eine sehr gute tumorspezifische Prognose; viele Patienten versterben trotz histologisch gesichertem Karzinom nicht an ihrer Tumorerkrankung. Die relative 5-Jahres-Überlebensrate liegt in Deutschland insgesamt bei über 90 %, bei organbegrenzter Erkrankung sogar noch höher. Demgegenüber ist die Prognose bei viszeralen Metastasen, hoher Tumorlast oder rascher Entwicklung einer Kastrationsresistenz deutlich ungünstiger.

    Nach kurativer Therapie ist die PSA-Nachsorge essenziell. Nach radikaler Prostatektomie sollte PSA idealerweise unter die Nachweisgrenze fallen; ein erneuter Anstieg spricht für ein biochemisches Rezidiv. Nach Strahlentherapie verläuft die PSA-Kinetik anders, weshalb ein Rezidiv anhand definierter Kriterien beurteilt wird. Ein biochemisches Rezidiv bedeutet nicht automatisch sofort eine symptomatische oder metastasierte Erkrankung, hat aber prognostische Relevanz.

    Auch Lebensqualität ist prognostisch und therapeutisch bedeutsam. Langfristige Folgen einer Lokaltherapie können Harninkontinenz, erektile Dysfunktion und irritative Miktionsbeschwerden sein. Unter ADT entstehen häufig metabolische Nebenwirkungen, Sarkopenie und Osteoporose, die Morbidität und Mortalität mit beeinflussen. Bei fortgeschrittener Erkrankung hat sich die Prognose in den letzten Jahren durch frühere Intensivierung der Systemtherapie, PSMA-basierte Diagnostik und neue Wirkstoffe messbar verbessert.

    Wesentlich ist die Trennung zwischen tumorspezifischer und Gesamtprognose: Bei älteren multimorbiden Patienten kann die konkurrierende Mortalität höher sein als das Risiko, am Prostatakarzinom zu versterben. Dies rechtfertigt bei ausgewählten Patienten ein abwartendes oder surveillance-basiertes Vorgehen.

    Merke: Die Prognose ist bei lokal begrenztem Niedrigrisiko-Tumor meist sehr gut, bei metastasierter und kastrationsresistenter Erkrankung jedoch deutlich schlechter.

    Prävention

    Eine spezifische, sicher wirksame Primärprävention des Prostatakarzinoms ist nicht etabliert. Empfohlen werden allgemeine Maßnahmen eines gesunden Lebensstils mit normalem Körpergewicht, regelmäßiger körperlicher Aktivität, Nichtrauchen und ausgewogener Ernährung. Diese Maßnahmen senken zwar nicht spezifisch und sicher die Prostatakarzinom-Inzidenz, verbessern aber die allgemeine onkologische und kardiovaskuläre Gesundheit.

    Bedeutender ist die informierte Früherkennung. In Deutschland wird Männern ab dem mittleren Lebensalter nach Aufklärung eine urologische Krebsfrüherkennung angeboten; bei familiärem Risiko sollte die Beratung oft früher erfolgen. Die Entscheidung für PSA-basierte Früherkennung sollte nach Nutzen-Risiko-Abwägung getroffen werden, da sie einerseits potenziell aggressive Tumoren früher entdeckt, andererseits zu Überdiagnose und Übertherapie führen kann.

    Bei starker Familienanamnese oder bekannten BRCA2-/DNA-Reparaturgen-Mutationen ist eine individualisierte Beratung einschließlich genetischer Mitbeurteilung sinnvoll.

    Merke: Die wichtigste präventive Maßnahme ist nicht ein Nahrungsergänzungsmittel, sondern die informierte, risikoadaptierte Früherkennung.

    Komplikationen

    Komplikationen ergeben sich sowohl aus der Tumorerkrankung selbst als auch aus ihrer Therapie. Lokal kann das Prostatakarzinom zu Blasenauslassobstruktion, Harnverhalt, rezidivierenden Harnwegsinfekten, Makrohämaturie und in fortgeschrittenen Fällen zu Ureterkompression mit postrenalem Nierenversagen führen. Bei Infiltration benachbarter Strukturen treten Schmerzen im kleinen Becken, Ejakulationsstörungen oder selten fistelnde Verläufe auf.

    Systemisch sind vor allem Knochenmetastasen klinisch relevant. Diese verursachen Schmerzen, pathologische Frakturen, Immobilität und können eine maligne Rückenmarkskompression auslösen – ein onkologischer Notfall, der rasche Bildgebung und Therapie erfordert. Lymphknotenmetastasen können Lymphabflussstörungen und Beinödeme hervorrufen. Im fortgeschrittenen Verlauf sind Anämie, Fatigue, Gewichtsverlust und ausgeprägte Tumorkachexie möglich.

    Therapiebedingte Komplikationen sind häufig und müssen bei der Aufklärung aktiv thematisiert werden. Nach radikaler Prostatektomie stehen Harninkontinenz und erektile Dysfunktion im Vordergrund; zusätzlich können Anastomosenstrikturen, Lymphozelen und perioperative Komplikationen auftreten. Nach Strahlentherapie sind Proktitis, Zystitis, irritative Miktionsbeschwerden, Hämaturie und späte Fibrosen möglich. Unter Androgendeprivation treten Hitzewallungen, Libidoverlust, Osteoporose, Gewichtszunahme, Insulinresistenz, Dyslipidämie, depressive Symptome und erhöhtes kardiovaskuläres Risiko auf.

    Unter systemischer Tumortherapie kommen je nach Substanz Neutropenie, Fatigue, Hypertonie, Lebertoxizität, Diarrhö oder Krampfanfälle hinzu. Knochenmodifizierende Medikamente können eine Kieferosteonekrose verursachen, weshalb vor Therapiebeginn eine zahnärztliche Sanierung empfohlen wird.

    Merke: Zu den wichtigsten Komplikationen zählen Knochenmetastasen, Rückenmarkskompression, Inkontinenz, erektile Dysfunktion und die metabolischen Folgen der ADT.

    Häufige Fragen

    Ist ein erhöhter PSA-Wert gleichbedeutend mit Prostatakrebs?

    Nein. Der PSA-Wert kann auch bei einer gutartigen Prostatavergrößerung, Entzündung, Harnverhalt oder nach Manipulationen erhöht sein. Ein Prostatakarzinom kann nur durch die Gesamtabklärung und meist erst durch eine Gewebeprobe sicher bestätigt oder ausgeschlossen werden.

    Muss jedes Prostatakarzinom sofort behandelt werden?

    Nein. Bei kleinen, wenig aggressiven Tumoren kann eine Active Surveillance sinnvoll sein, also eine engmaschige Überwachung statt sofortiger Therapie. Dadurch lassen sich unnötige Nebenwirkungen vermeiden, ohne die Heilungschancen zu verschlechtern.

    Welche Folgen können Operation oder Bestrahlung haben?

    Die wichtigsten möglichen Langzeitfolgen sind Harninkontinenz und Erektionsstörungen nach Operation sowie Blasen- oder Darmreizungen nach Bestrahlung. Das individuelle Risiko hängt von Alter, Ausgangsfunktion, Tumorstadium und der gewählten Behandlung ab.

    Quellen

    1. AWMF S3-Leitlinie Prostatakarzinom, Langversion, aktuelle Fassung der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) und Leitlinienprogramm Onkologie
    2. European Association of Urology (EAU). Guidelines on Prostate Cancer, aktuelle Ausgabe
    3. Mottet N, van den Bergh RCN, Briers E, et al. EAU Guidelines: Prostate Cancer. Eur Urol. aktuelle Leitlinienpublikation
    4. Campbell-Walsh-Wein Urology. 12. Auflage. Elsevier
    5. DeVita, Hellman, and Rosenberg's Cancer: Principles & Practice of Oncology. 12. Auflage
    6. Pernar CH, Ebot EM, Wilson KM, Mucci LA. The Epidemiology of Prostate Cancer. Cold Spring Harb Perspect Med. 2018;8:a030361
    Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel wurde von Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi verfasst und von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer fachlich geprüft, zuletzt aktualisiert am 24. März 2026. Er dient der fachlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

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