🫘 Urologie ICD-10: N44

Hodentorsion: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie

Die Hodentorsion ist eine akute Rotation von Hoden und Samenstrang um die Längsachse mit konsekutiver Abklemmung des venösen und später auch.

Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi
Arzt, Wissenschaftler & Gründer von SCIORA
1. April 2026 · 9 Min. Lesezeit · Aktualisiert: 1. April 2026 · Geprüft von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer
📋 Inhaltsverzeichnis

    Definition

    Die Hodentorsion ist eine akute Rotation von Hoden und Samenstrang um die Längsachse mit konsekutiver Abklemmung des venösen und später auch arteriellen Blutflusses. Sie stellt einen urologischen Notfall dar, da bereits nach wenigen Stunden eine ischämische Schädigung bis hin zur irreversiblen Nekrose des Hodens eintreten kann. Klinisch präsentiert sie sich typischerweise als plötzlich einsetzender, starker einseitiger Skrotalschmerz mit häufigem Hodenhochstand, Übelkeit und Erbrechen. Die definitive Therapie ist die sofortige operative Exploration mit Detorquierung und bilateraler Orchidopexie.

    Merke: Jede akute, schmerzhafte Schwellung des Skrotums ist bis zum Beweis des Gegenteils eine Hodentorsion und muss zeitkritisch abgeklärt werden.

    Epidemiologie

    Die Hodentorsion ist eine relativ seltene, aber klinisch hochrelevante Ursache des akuten Skrotums. Die jährliche Inzidenz wird in westlichen Populationen meist mit etwa 3–4 pro 100.000 Männer unter 25 Jahren angegeben; im Kindes- und Jugendalter ist sie jedoch deutlich häufiger als in höheren Altersgruppen. Zwei Altersgipfel sind typisch: der perinatale/neonatale Zeitraum sowie die Pubertät, insbesondere zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr. Etwa 60–70 % der Fälle treten bei Jugendlichen auf. Bei erwachsenen Männern ist die Erkrankung seltener, muss aber auch dort bei akutem Skrotalschmerz berücksichtigt werden.

    In Kohorten zum akuten Skrotum macht die Hodentorsion ungefähr 20–30 % der notfallmäßigen urologischen Ursachen aus; differenzialdiagnostisch häufiger ist je nach Alter die Nebenhodenentzündung. Die Hodenrettungsrate ist stark zeitabhängig: Bei einer operativen Entdrehung innerhalb von 4–6 Stunden nach Schmerzbeginn liegt die Salvagerate häufig bei über 90 %, nach 12 Stunden fällt sie deutlich ab, und nach 24 Stunden liegt sie in vielen Studien nur noch bei unter 10–20 %. Diese Zahlen variieren je nach Torsionsgrad und Restperfusion.

    Ein prädisponierender anatomischer Faktor, die sogenannte Bell-clapper-Deformität, findet sich bei einem relevanten Anteil der Betroffenen und ist oft beidseitig vorhanden. Daher wird in der Regel auch der kontralaterale Hoden prophylaktisch fixiert. Die Erkrankung ist insgesamt selten, gehört aber wegen des drohenden Organverlusts zu den wichtigsten urologischen Zeitnotfällen.

    Merke: Nicht die Häufigkeit, sondern die Zeitkritik macht die Hodentorsion zu einer der wichtigsten Diagnosen des akuten Skrotums.

    Ätiologie

    Die unmittelbare Ursache der Hodentorsion ist eine Drehung des Samenstrangs, wodurch zunächst der venöse Abfluss und im weiteren Verlauf auch die arterielle Perfusion kompromittiert werden. Voraussetzung ist meist eine erhöhte Beweglichkeit des Hodens im Skrotum. Der wichtigste prädisponierende Faktor ist die intravaginale Torsion bei sogenannter Bell-clapper-Deformität: Dabei ist die normale dorsale Fixation von Hoden und Tunica vaginalis unzureichend, sodass der Hoden frei pendeln und sich um den Samenstrang drehen kann. Diese Fehlanlage ist häufig bilateral.

    Beim Neugeborenen überwiegt demgegenüber die extravaginale Torsion, bei der sich Hoden, Hüllen und Samenstrang gemeinsam drehen. Diese Form ist Ausdruck einer noch nicht vollständig ausgereiften skrotalen Fixation und kann bereits intrauterin oder perinatal auftreten. Auslösende Momente bei älteren Kindern und Jugendlichen sind oft plötzliche Bewegungen, Sport, Trauma, Lagewechsel im Schlaf oder auch scheinbar spontane Ereignisse ohne erkennbaren Trigger. Ein direktes Trauma ist insgesamt eher selten die eigentliche Ursache, kann aber die Symptomatik provozieren oder eine bestehende Torsion klinisch manifest machen.

    Risikofaktoren sind ferner ein Maldescensus testis, vorausgegangene intermittierende Torsionen mit selbstlimitierenden Schmerzepisoden, rasches pubertäres Hodenwachstum sowie Kälte-induzierte Cremasterkontraktionen. Eine familiäre Häufung wird beschrieben, was für anatomische Prädispositionen spricht, genetische Routinediagnostik spielt jedoch keine Rolle.

    Wichtig ist die Abgrenzung zur infektiösen Genese: Anders als bei Epididymitis oder Orchitis liegt der Hodentorsion keine primär entzündliche Ursache zugrunde. Laborchemische Entzündungszeichen können initial fehlen. Klinisch entscheidend ist daher der akute Schmerzbeginn und nicht das Vorliegen von Fieber oder Dysurie.

    Merke: Die häufigste Ursache ist keine Entzündung, sondern eine anatomische Fehlfixation mit pathologisch erhöhter Hodenmobilität.

    Pathogenese

    Pathophysiologisch führt die Rotation des Hodens um den Samenstrang zu einer mechanischen Gefäßkompression. Zunächst wird wegen des niedrigeren intravasalen Drucks vor allem der venöse Abfluss behindert. Es entstehen venöse Stase, Ödem und eine rasch zunehmende Schwellung von Hoden und Nebenhoden. Mit zunehmender Torsionsdauer und höherem Torsionsgrad kommt es anschließend zur arteriellen Minderperfusion bis Ischämie. Häufig werden Drehwinkel von 180° bis 720° beschrieben; je größer die Rotation, desto schneller schreitet die Gewebeschädigung fort.

    Die Ischämie verursacht eine zelluläre Energiekrise mit ATP-Verlust, Störung der Membranpumpen, intrazellulärem Kalziumanstieg und Freisetzung proinflammatorischer Mediatoren. Bereits nach wenigen Stunden entstehen histologische Schäden an den Keimzellen; das interstitielle Gewebe mit Leydig-Zellen ist initial etwas resistenter, kann bei prolongierter Ischämie jedoch ebenfalls zugrunde gehen. Nach erfolgreicher Detorquierung kann zusätzlich ein Ischämie-Reperfusionsschaden auftreten, vermittelt durch Sauerstoffradikale, Endothelschaden und Mikrothrombosierung.

    Klinisch resultiert daraus der typische Verlauf: zunächst plötzlich einsetzende Schmerzen, rasch gefolgt von Hochstand, Schwellung und zunehmender Druckdolenz. Der Cremasterreflex ist auf der betroffenen Seite oft aufgehoben, was die Diagnose unterstützt, jedoch nicht mit absoluter Sicherheit beweist. Die funktionellen Folgen reichen von vollständiger Erholung bis zur testikulären Atrophie. Selbst nach Organerhalt können Wochen bis Monate später Volumenverlust und eingeschränkte Spermatogenese auftreten. Eine Beeinträchtigung der Fertilität ist insbesondere bei verspäteter Therapie oder bilateraler Schädigung relevant.

    Die Torsion ist somit kein rein mechanisches Ereignis, sondern eine zeitabhängige ischämische Organverletzung. Daraus ergibt sich die therapeutische Konsequenz, dass eine sichere Diagnostik zwar wichtig ist, aber keine vermeidbare Verzögerung der operativen Exploration verursachen darf.

    Merke: Entscheidend sind Torsionsgrad und Zeitdauer: Je stärker und je länger die Torsion, desto geringer die Chance auf Hodenrettung.

    Symptome

    Leitsymptom der Hodentorsion ist der plötzlich einsetzende, meist einseitige starke Hodenschmerz, häufig mit Ausstrahlung in die Leiste, den Unterbauch oder seltener in die Flanke. Viele Patienten beschreiben einen abrupten Schmerzbeginn aus völliger Gesundheit heraus, oft nachts oder in Ruhe. Typisch sind zusätzlich Übelkeit und Erbrechen, die bei Jugendlichen sehr häufig auftreten und die Verdachtsdiagnose eher stärken als abschwächen. Der betroffene Hoden ist oft hochgezogen und liegt horizontalisiert im Skrotum. Palpatorisch zeigen sich eine ausgeprägte Druckdolenz und im Verlauf eine skrotale Schwellung.

    Klinische Zeichen, die die Diagnose unterstützen, sind ein fehlender Cremasterreflex auf der betroffenen Seite sowie ein negatives oder nicht verwertbares Prehn-Zeichen. Das Prehn-Zeichen ist allerdings diagnostisch unsicher und sollte die Entscheidung zur Exploration niemals verzögern. Fieber, Dysurie oder urethraler Ausfluss sprechen eher für infektiöse Differentialdiagnosen, schließen eine Torsion aber nicht sicher aus, vor allem im frühen Stadium. Bei kleinen Kindern und Säuglingen kann die Symptomatik unspezifisch sein, etwa mit Unruhe, Nahrungsverweigerung oder Schwellung des Skrotums.

    Ein wichtiger anamnestischer Hinweis sind vorübergehende ähnliche Schmerzepisoden in der Vergangenheit. Diese können auf eine intermittierende Torsion hindeuten, bei der sich der Hoden spontan zurückdreht. Solche Patienten haben ein hohes Risiko für eine vollständige Torsion und sollten elektiv urologisch vorgestellt werden. Bei Neugeborenen imponiert die perinatale Torsion oft als schmerzlose, verhärtete, livide Skrotalveränderung.

    Die Symptomschwere korreliert nicht immer exakt mit dem Ausmaß der Ischämie. Daher gilt: Auch wenn der Schmerz nachlässt, ist eine spontane Besserung kein Entwarnungszeichen, sondern kann Ausdruck fortschreitender Gewebeschädigung sein.

    Merke: Plötzlicher starker Hodenschmerz plus Übelkeit/Erbrechen ist bis zum Ausschluss das klassische Bild einer Hodentorsion.

    Diagnostik

    Die Diagnostik der Hodentorsion ist primär klinisch-notfallmäßig. Entscheidend ist die rasche Einordnung des Patienten als mögliches akutes Skrotum. Bereits Anamnese und körperliche Untersuchung liefern die wichtigsten Hinweise: abrupt einsetzender Schmerz, fehlender Cremasterreflex, Hodenhochstand, horizontale Lage und Druckschmerz. Die Zeit seit Schmerzbeginn muss exakt erfragt und dokumentiert werden, weil sie prognostisch und therapeutisch zentral ist. Bei hochgradigem klinischem Verdacht darf weiterführende Diagnostik die operative Versorgung nicht verzögern.

    Die wichtigste bildgebende Untersuchung ist die farbkodierte Doppler-Sonographie des Skrotums. Typische Befunde sind eine verminderte oder aufgehobene Perfusion des Hodens, vergrößerter hypoechogener Hoden, reaktive Hydrozele und gelegentlich das "Whirlpool-Zeichen" des rotierten Samenstrangs. Die Sensitivität und Spezifität werden in erfahrenen Händen häufig mit über 85–90 % angegeben, sind jedoch alters-, untersucher- und stadienabhängig. Eine normale oder scheinbar erhaltene Perfusion schließt insbesondere bei partieller oder intermittierender Torsion die Diagnose nicht sicher aus.

    Laborchemisch sind CRP, Leukozytenzahl und Urinstatus vor allem zur Abgrenzung infektiöser Ursachen sinnvoll. Normale Entzündungswerte sprechen nicht gegen eine Torsion, erhöhte Werte schließen sie nicht aus. Bei Verdacht auf STI-assoziierte Epididymitis können zusätzlich Erregerdiagnostik und Abstriche nötig sein, allerdings nur, wenn die Torsion klinisch unwahrscheinlich ist.

    Der Goldstandard bei nicht sicher ausschließbarer Hodentorsion ist die sofortige operative Skrotalexploration. Sie ist diagnostisch und therapeutisch zugleich. Eine manuelle Detorquierung kann als Überbrückung bis zur OP versucht werden, ersetzt die Operation aber nicht, weil Rezidive und Fehleinschätzungen häufig sind.

    Aktuelle Orientierung geben urologische Empfehlungen sowie die Prinzipien der Notfalldiagnostik des akuten Skrotums in AWMF-nahen und europäischen Leitliniendokumenten.

    Merke: Bei hohem klinischem Verdacht ist die Operation wichtiger als perfekte Bildgebung.

    Differentialdiagnosen

    Die wichtigste Differentialdiagnose der Hodentorsion ist die akute Epididymitis bzw. Epididymo-Orchitis. Sie tritt häufiger bei sexuell aktiven jungen Männern oder älteren Patienten mit Harnabflussstörung auf und geht eher mit subakutem Beginn, Dysurie, Fieber, positivem Urinbefund und teils erhaltenem Cremasterreflex einher. Dennoch sind Überschneidungen möglich; insbesondere frühe infektiöse Verläufe können klinisch untypisch sein. Deshalb darf die Diagnose Epididymitis nur gestellt werden, wenn eine Torsion ausreichend sicher ausgeschlossen ist.

    Ebenfalls wichtig ist die Torsion der Appendix testis oder Appendix epididymidis. Sie verursacht meist lokalisierte Schmerzen am oberen Hodenpol, häufig bei jüngeren Jungen. Typisch kann das "Blue-dot-sign" sein, ein bläulicher Punkt unter der Skrotalhaut. Im Doppler findet sich in der Regel eine erhaltene testikuläre Durchblutung. Die Erkrankung ist schmerzhaft, aber nicht organbedrohend wie die echte Hodentorsion.

    Weitere Differentialdiagnosen sind inkarzerierte Leistenhernie, Hydrozele, Hämatozele, Trauma mit Hodenruptur, idiopathisches Skrotalödem, Fournier-Gangrän, Varikozele, seltener Tumorblutung oder vaskuläre Ereignisse. Beim Neugeborenen müssen perinatale Torsion, Geburtsverletzung und skrotale Blutung unterschieden werden. Bei Erwachsenen mit kolikartigen Unterbauch- oder Leistenschmerzen können auch Ureterstein, Appendizitis oder andere akute abdominale Ursachen ausstrahlen und fehlgedeutet werden.

    Klinisch relevant ist, dass keine einzelne Untersuchung die Hodentorsion mit absoluter Sicherheit ausschließt. Deshalb sollte bei atypischem Verlauf, starker Schmerzsymptomatik oder unklarer Sonographie eine niedrige Schwelle zur operativen Exploration bestehen. Ein „zu viel“ explorierter Patient ist prognostisch günstiger als ein übersehener Torsionsfall mit nachfolgendem Hodenverlust.

    Merke: Die gefährlichste Fehldiagnose ist die als Epididymitis verharmloste Hodentorsion.

    Therapie

    Die Therapie der Hodentorsion ist eine urologische Notfalloperation. Bei klinischem Verdacht erfolgt die sofortige operative Exploration des Skrotums ohne vermeidbare Verzögerung. Intraoperativ wird der Hoden detorquiert, auf Viabilität geprüft und in der Regel mittels Orchidopexie fixiert. Wegen der häufig bilateralen anatomischen Prädisposition wird standardmäßig auch der kontralaterale Hoden prophylaktisch orchidopextiert. Ist der betroffene Hoden nach Erwärmung und Reperfusion eindeutig avital, wird eine Orchiektomie erforderlich.

    Präoperativ stehen Analgesie, Nüchternheit soweit möglich und schnelle OP-Organisation im Vordergrund. Geeignet sind z. B. Metamizol 1 g i.v., Paracetamol 1 g i.v. oder bei starken Schmerzen Piritramid 3,75–7,5 mg i.v. bzw. gewichtsadaptiert nach lokalem Standard. Eine Antibiose ist bei unkomplizierter Torsion nicht primär indiziert, kann aber perioperativ nach hausinternem Regime als Prophylaxe erfolgen. Die manuelle Detorquierung kann bei Transport- oder OP-Verzögerung versucht werden, meist als Rotation nach außen („open book“), oft sind jedoch mehrere Umdrehungen nötig. Eine sofortige Schmerzbesserung und verbesserte Perfusion im Doppler sprechen für Erfolg, ersetzen aber niemals die operative Sicherung und Fixation.

    Leitlinien und Empfehlungen der EAU sowie deutschsprachige notfallurologische Standards betonen die Priorität der frühen Exploration. Eine starre Zeitgrenze gibt es therapeutisch nicht: Auch bei länger bestehender Symptomatik sollte exploriert werden, da Restvitalität möglich ist. Postoperativ erfolgen Schmerztherapie, Wundkontrolle, Schonung und sonographische Verlaufskontrollen. Nach Orchiektomie sollten bei Jugendlichen und Erwachsenen Fertilitätsaspekte, Testosteronstatus bei bilateralem Problem und bei Bedarf eine spätere Hodenprothese besprochen werden.

    Merke: Die wirksame Therapie lautet sofort operieren; Bildgebung, Beobachtung oder alleinige manuelle Reposition sind nicht ausreichend.

    Prognose

    Die Prognose der Hodentorsion hängt nahezu vollständig von der Dauer der Ischämie und dem Grad der Torsion ab. Wird innerhalb von 4–6 Stunden operiert, kann der Hoden in der Mehrzahl der Fälle erhalten werden; viele Arbeiten berichten Hodenrettungsraten von 90 % oder mehr. Zwischen 6 und 12 Stunden sinken die Chancen deutlich, und nach 24 Stunden ist die Wahrscheinlichkeit eines dauerhaften Organerhalts meist gering. Gleichwohl gibt es Einzelfälle mit Restvitalität auch jenseits dieser Zeitfenster, weshalb eine Exploration grundsätzlich sinnvoll bleibt.

    Selbst bei erfolgreicher Detorquierung ist die Langzeitprognose nicht immer vollständig unauffällig. Ein Teil der Patienten entwickelt in den folgenden Monaten eine testikuläre Atrophie, in Studien je nach Kollektiv bei etwa 10–50 % der zunächst erhaltenen Hoden. Ursachen sind das Ausmaß der initialen Ischämie und Reperfusionsschäden. Die endokrine Funktion des kontralateralen Hodens kompensiert meist ausreichend, sodass ein einseitiger Hodenverlust häufig keine manifeste Hypogonadismus-Symptomatik verursacht. Für die Fertilität ist die Prognose bei einseitiger Torsion oft gut, kann aber bei verspäteter Therapie, bilateraler Beteiligung oder vorbestehenden Störungen eingeschränkt sein.

    Psychologisch kann insbesondere bei Jugendlichen der Verlust eines Hodens erheblich belastend sein. Deshalb sind Aufklärung, sensible Nachbetreuung und bei Bedarf die Information über eine testikuläre Prothese wichtig. Nach Orchidopexie ist das Rezidiv selten, aber nicht völlig ausgeschlossen. Beschwerden im Sinne intermittierender Schmerzen sollten kontrolliert werden.

    Insgesamt gilt: Bei frühzeitiger Erkennung ist die Prognose sehr gut; bei verspäteter Diagnostik drohen Hodenverlust, Atrophie und potenzielle Fertilitätsfolgen. Der wichtigste prognostische Faktor ist daher die Zeit bis zur Operation.

    Merke: Die Prognose entscheidet sich in Stunden, nicht in Tagen.

    Prävention

    Eine spezifische Primärprävention der Hodentorsion ist nur eingeschränkt möglich, da meist eine angeborene anatomische Prädisposition zugrunde liegt. Entscheidend ist daher vor allem die Sekundärprävention durch frühes Erkennen. Jugendliche, Eltern und medizinisches Personal sollten wissen, dass plötzlich einsetzender Hodenschmerz immer ein Notfall ist. Jede Verzögerung durch Abwarten, Kühlung oder alleinige Schmerzmitteleinnahme verschlechtert die Organerhaltung.

    Bei anamnestisch typischen, selbstlimitierenden Schmerzepisoden ist an eine intermittierende Torsion zu denken. In solchen Fällen kann eine elektive bilaterale Orchidopexie Rezidive und eine spätere komplette Torsion verhindern. Auch bei operativ behandeltem Maldescensus testis oder anderen skrotalen Auffälligkeiten ist eine gute urologische Nachsorge sinnvoll. Nach überstandener Torsion auf einer Seite verhindert die kontralaterale Orchidopexie in der Regel eine spätere Torsion der Gegenseite.

    Eine Prävention durch Verzicht auf Sport oder körperliche Aktivität ist nicht etabliert und medizinisch nicht sinnvoll. Relevanter ist die Schulung in der korrekten Reaktion auf Symptome: sofortige Vorstellung in einer Notaufnahme oder urologischen Klinik.

    Merke: Die wichtigste "Prävention" ist die sofortige Notfallvorstellung bei akutem Hodenschmerz.

    Komplikationen

    Die bedeutendste Komplikation der Hodentorsion ist der irreversible Hodeninfarkt mit nachfolgender Orchiektomie oder sekundärer testikulärer Atrophie. Diese Folgen entstehen durch prolongierte Ischämie und können trotz initial erfolgreicher Detorquierung verzögert sichtbar werden. Sonographische Verlaufskontrollen sind daher wichtig, um ein späteres Schrumpfen des Hodens zu erkennen. Ein Organverlust kann psychosexuell belastend sein und insbesondere bei Jugendlichen zu Scham, Angst oder veränderter Körperwahrnehmung führen.

    Weitere mögliche Komplikationen betreffen die Fertilität. Nach einseitiger Torsion bleibt die Zeugungsfähigkeit oft erhalten, doch können Spermienparameter vorübergehend oder dauerhaft eingeschränkt sein. Diskutiert werden ischämische, immunologische und reperfusionsbedingte Mechanismen. Bei bilateraler Schädigung oder Solitärhoden ist das Risiko einer relevanten Fertilitätsminderung deutlich höher. Endokrine Störungen mit klinisch relevantem Testosteronmangel sind bei einseitigem Geschehen selten, müssen bei bilateraler Beteiligung oder bereits vorbestehender Hodenerkrankung aber bedacht werden.

    Operationsbezogene Komplikationen sind insgesamt selten und umfassen Nachblutung, Wundinfektion, Hämatom, persistierende Schmerzen und selten ein Rezidiv trotz Fixation. Nach manueller Detorquierung ohne anschließende Orchidopexie besteht ein erhebliches Rezidivrisiko. Verspätete oder fehlerhafte Diagnosestellung kann zudem rechtliche Konsequenzen haben, da die Hodentorsion ein klassischer zeitkritischer Notfall ist.

    Bei Neugeborenen kann die perinatale Torsion bereits bei Diagnosestellung irreversibel sein; hier stellt sich zusätzlich die schwierige Frage der Gegenseiten-Sicherung. In jedem Alter bleibt jedoch die zentrale Komplikation dieselbe: vermeidbarer Funktions- und Organverlust durch Zeitverlust.

    Merke: Die schwerste Komplikation ist der verlorene Hoden durch verspätete Diagnose.

    Häufige Fragen

    Wie schnell muss eine Hodentorsion behandelt werden?

    So schnell wie möglich, idealerweise innerhalb weniger Stunden. Je früher operiert wird, desto höher ist die Chance, den Hoden dauerhaft zu erhalten.

    Kann sich eine Hodentorsion von selbst zurückdrehen?

    Ja, das ist bei einer intermittierenden Torsion möglich, aber es ist nicht sicher und kein Entwarnungszeichen. Auch bei nachlassenden Schmerzen sollte sofort ärztlich untersucht werden, weil jederzeit erneut eine vollständige Torsion auftreten kann.

    Ist man nach Verlust eines Hodens unfruchtbar?

    Nicht automatisch. Viele Männer mit einem gesunden verbliebenen Hoden haben normale Hormonwerte und können Kinder zeugen, dennoch sollte die Funktion bei Bedarf urologisch kontrolliert werden.

    Quellen

    1. European Association of Urology (EAU). EAU Guidelines on Paediatric Urology / Acute Scrotum, aktuelle Fassung.
    2. AWMF-S3-Leitlinie Harnwegsinfektionen bzw. deutschsprachige Leitlinien und Handlungsempfehlungen zum akuten Skrotum/Urologie-Notfallmanagement.
    3. Campbell-Walsh-Wein Urology, 12. Auflage, Elsevier.
    4. Pschyrembel Klinisches Wörterbuch, aktuelle Auflage, De Gruyter.
    5. Cummings JM, Boullier JA. The accuracy of Doppler ultrasound in the diagnosis of testicular torsion in children. J Urol.
    6. Ringdahl E, Teague L. Testicular torsion. Am Fam Physician. 2006;74(10):1739-1743.
    Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel wurde von Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi verfasst und von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer fachlich geprüft, zuletzt aktualisiert am 1. April 2026. Er dient der fachlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

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