🩺 Dermatologie ICD-10: L10.0

Pemphigus vulgaris: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie

Der Pemphigus vulgaris ist eine seltene, potenziell lebensbedrohliche Autoimmun-Bullendermatose, bei der Autoantikörper gegen epidermale.

Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi
Arzt, Wissenschaftler & Gründer von SCIORA
1. April 2026 · 12 Min. Lesezeit · Aktualisiert: 1. April 2026 · Geprüft von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer
📋 Inhaltsverzeichnis

    Definition

    Der Pemphigus vulgaris ist eine seltene, potenziell lebensbedrohliche Autoimmun-Bullendermatose, bei der Autoantikörper gegen epidermale Adhäsionsmoleküle, vor allem Desmoglein 3 und häufig zusätzlich Desmoglein 1, gerichtet sind. Dies führt zu einer suprabasalen Akantholyse mit Ausbildung schlaffer Blasen, schmerzhafter Erosionen und oft ausgeprägtem Schleimhautbefall, insbesondere oral. Klinisch typisch sind leicht zerreißende Blasen, Erosionen und ein häufig positives Nikolsky-Zeichen.

    Merke: Beim Pemphigus vulgaris stehen oft schmerzhafte orale Erosionen am Beginn; histologisch zeigt sich eine suprabasale Spaltbildung, und diagnostisch wegweisend ist die direkte Immunfluoreszenz mit interzellulären IgG/C3-Ablagerungen im "netzartigen" Muster.

    Epidemiologie

    Der Pemphigus vulgaris gehört zu den seltenen Autoimmundermatosen. Die Inzidenz liegt in Europa meist bei etwa 0,5 bis 2 Fällen pro 100.000 Einwohner und Jahr, in einzelnen Regionen des Mittelmeerraums, des Nahen Ostens und bei bestimmten ethnischen Gruppen auch höher. Die Prävalenz wird in westlichen Ländern meist auf 5 bis 30 pro 100.000 Einwohner geschätzt, wobei regionale Unterschiede erheblich sind. In Deutschland handelt es sich um eine klar seltene Erkrankung, die jedoch wegen ihrer Morbidität klinisch hochrelevant ist.

    Das Erkrankungsalter liegt typischerweise zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr, prinzipiell sind aber auch jüngere Erwachsene und ältere Menschen betroffen. Kinder erkranken nur ausnahmsweise. Frauen sind in vielen Kohorten leicht häufiger betroffen als Männer, allerdings ohne ausgeprägte geschlechtsspezifische Dominanz. Ein Schleimhautbefall findet sich bei 50 bis 70 % initial, im Krankheitsverlauf bei der Mehrzahl der Patienten; bei vielen beginnt die Erkrankung sogar ausschließlich oral und wird dadurch zunächst zahnärztlich oder HNO-ärztlich auffällig.

    Vor Einführung moderner immunsuppressiver Therapien lag die Mortalität historisch bei bis zu 70–90 %. Durch systemische Kortikosteroide, adjuvante Immunsuppression und insbesondere Rituximab konnte die Prognose deutlich verbessert werden; in spezialisierten Zentren liegt die krankheitsassoziierte Mortalität heute deutlich niedriger, bleibt aber wegen Infektionen, Elektrolytstörungen und Therapienebenwirkungen relevant.

    Merke: Trotz seltener Inzidenz ist Pemphigus vulgaris eine dermatologische Notfall- und Systemerkrankung, weil unbehandelte ausgedehnte Erosionen zu erheblichem Flüssigkeits-, Eiweiß- und Infektionsrisiko führen.

    Ätiologie

    Die Ätiologie des Pemphigus vulgaris ist autoimmun. Pathophysiologisch zentrale Autoantigene sind die desmosomalen Cadherine Desmoglein 3 (Dsg3) und häufig zusätzlich Desmoglein 1 (Dsg1). Gegen diese Strukturproteine gerichtete IgG-Autoantikörper, vor allem der Subklassen IgG4 und teilweise IgG1, stören den Zell-Zell-Kontakt zwischen Keratinozyten. Das Ergebnis ist eine Auflösung der interzellulären Adhäsion mit Blasenbildung.

    Zur Entstehung trägt eine genetische Prädisposition bei. Assoziationen bestehen unter anderem zu bestimmten HLA-Klasse-II-Allelen, etwa HLA-DRB1*04 und HLA-DQB1-Varianten, wobei die Verteilung populationsabhängig ist. Diese genetische Suszeptibilität erklärt, weshalb die Erkrankung in bestimmten ethnischen Gruppen gehäuft vorkommt. Allein genetische Faktoren genügen jedoch nicht; diskutiert werden zusätzliche Trigger, die eine Autoimmunreaktion auslösen oder verstärken.

    Zu den möglichen Auslösern zählen Medikamente, insbesondere solche mit Thiolgruppen wie Penicillamin und historisch Captopril, seltener andere ACE-Hemmer, Antibiotika oder nichtsteroidale Antirheumatika. Auch Infektionen, UV-Exposition, physikalische Reize, Stress und hormonelle Einflüsse werden als Trigger beschrieben, die Evidenz ist jedoch heterogen. Klinisch wichtig ist die Abgrenzung zum paraneoplastischen Pemphigus, bei dem eine zugrunde liegende Neoplasie, häufig lymphoproliferativ, die Autoimmunreaktion triggert.

    Nicht selten vergehen Monate zwischen ersten oralen Läsionen und korrekter Diagnose. Eine infektiöse Ursache liegt nicht vor; der Pemphigus vulgaris ist nicht ansteckend.

    Merke: Die Erkrankung beruht nicht auf einer primären Hautinfektion, sondern auf Autoantikörpern gegen Desmogleine; relevante Auslöser können Medikamente und bei atypischem Verlauf ein paraneoplastischer Kontext sein.

    Pathogenese

    Die Pathogenese des Pemphigus vulgaris wird wesentlich durch die sogenannte Desmoglein-Kompensationstheorie erklärt. Desmoglein 3 wird besonders stark in den tiefen epidermalen Schichten und in der Schleimhaut exprimiert, während Desmoglein 1 stärker in den oberen epidermalen Schichten der Haut vorkommt. Liegen vorwiegend Antikörper gegen Dsg3 vor, resultiert häufig ein überwiegend mukosaler Pemphigus. Sind sowohl Dsg3- als auch Dsg1-Antikörper vorhanden, entsteht typischerweise ein mukokutaner Befall mit Haut- und Schleimhautläsionen.

    Autoantikörper binden an die Oberfläche von Keratinozyten und führen zu einer Störung der Desmosomenfunktion. Dies verursacht nicht nur eine rein mechanische Blockade der Zelladhäsion, sondern aktiviert auch intrazelluläre Signalwege, unter anderem über p38-MAPK, c-Myc, Src-abhängige Mechanismen und Veränderungen des Zytoskeletts. In der Folge verlieren Keratinozyten den Zellkontakt; es kommt zur Akantholyse. Histologisch entsteht eine suprabasale Spaltbildung mit der typischen Reihe basaler Keratinozyten, die an der Basalmembran haften bleiben und als "row of tombstones" beschrieben werden.

    Immunpathologisch zeigt die direkte Immunfluoreszenz interzelluläre Ablagerungen von IgG und häufig C3 in der Epidermis in einem netzartigen bzw. fischernetzartigen Muster. Die zirkulierenden Autoantikörper lassen sich im Serum mittels indirekter Immunfluoreszenz und spezifisch durch ELISA gegen Dsg1 und Dsg3 nachweisen. Die Antikörpertiter korrelieren oft, wenn auch nicht immer perfekt, mit der Krankheitsaktivität.

    Die großflächigen Erosionen führen sekundär zu Schmerz, Exsudation, Proteinverlust, bakterieller Superinfektion und Einschränkung der Nahrungsaufnahme. Damit erklärt sich, warum Pemphigus vulgaris nicht nur eine Hautkrankheit, sondern eine potenziell systemisch belastende Erkrankung ist.

    Merke: Die Blase des Pemphigus vulgaris entsteht intraepidermal suprabasal durch Akantholyse; Schleimhautbefall spricht besonders für Dsg3-Autoantikörper.

    Symptome

    Das klinische Bild des Pemphigus vulgaris ist geprägt durch schlaffe Blasen, die aufgrund ihrer fragilen Decke oft gar nicht mehr als intakte Blasen sichtbar sind, sondern sich bereits als schmerzhafte Erosionen und nässende Defekte präsentieren. In 50 bis 70 % der Fälle beginnt die Erkrankung an der Mundschleimhaut. Typisch sind persistierende, äußerst schmerzhafte Erosionen an Wangenschleimhaut, Gaumen, Gingiva, Zunge oder Lippen, die das Essen, Trinken und Zähneputzen erheblich beeinträchtigen. Nicht selten kommt es zu Gewichtsverlust und Dehydratation.

    Im kutanen Verlauf treten Blasen und Erosionen bevorzugt an Kopfhaut, Gesicht, Stamm, Axillen, Leisten und anderen intertriginösen Arealen auf. Die Hautläsionen sind häufig druckschmerzhaft, exsudativ und heilen unter Hinterlassung postinflammatorischer Hyperpigmentierungen, aber typischerweise nicht narbig ab. Das Nikolsky-Zeichen ist oft positiv: Durch tangentialen Druck lässt sich die oberste Epidermis ablösen. Das Asboe-Hansen-Zeichen kann ebenfalls nachweisbar sein, indem sich der Blaseninhalt auf Druck unter die umgebende Haut ausbreitet.

    Weitere Schleimhäute können betroffen sein, darunter Pharynx, Larynx, Ösophagus, Nasenschleimhaut, Konjunktiven, Genitalschleimhaut und Analschleimhaut. Dies führt zu Odynophagie, Heiserkeit, Epistaxis, Dysurie oder Dyspareunie. Juckreiz steht meist nicht im Vordergrund; dominierend sind Schmerz und Wundgefühl. Fieber ist eher Ausdruck einer Superinfektion oder schweren systemischen Belastung.

    Klinisch relevant ist, dass ein oraler Pemphigus vulgaris anfangs leicht als aphthöse Stomatitis, orale Candidose, erosiver Lichen planus oder Gingivitis fehlgedeutet werden kann. Die Dauer bis zur Diagnose beträgt deshalb nicht selten mehrere Monate.

    Merke: Persistierende, schmerzhafte orale Erosionen ohne erkennbare Ursache sollten immer an einen Pemphigus vulgaris denken lassen, besonders bei zusätzlicher fragiler Hautblasenbildung.

    Diagnostik

    Die Diagnostik des Pemphigus vulgaris stützt sich auf die Kombination aus Klinik, Histologie und Immunpathologie. Bei Verdacht sollte frühzeitig eine dermatologische Biopsiediagnostik erfolgen. Der histologische Goldstandard ist die Untersuchung einer frischen Blase oder perilesionalen Haut/Schleimhaut mit Nachweis einer suprabasalen Akantholyse. Typisch ist eine intraepidermale Spaltbildung mit basalen, an der Basalmembran verbleibenden Keratinozyten ("row of tombstones").

    Entscheidend ist die direkte Immunfluoreszenz (DIF) an perilesionaler, nicht ulzerierter Haut oder Schleimhaut. Sie zeigt interzelluläre Ablagerungen von IgG und oft C3 in der Epidermis in netzartigem Muster. Die DIF gilt im klinischen Alltag als diagnostisch wegweisend. Ergänzend erfolgt die Serologie mittels indirekter Immunfluoreszenz sowie ELISA auf Desmoglein-1- und Desmoglein-3-Antikörper. Hohe Dsg3-Titer sprechen häufig für Schleimhautbeteiligung, kombinierte Dsg1/Dsg3-Positivität eher für einen mukokutanen Verlauf.

    Laborchemisch dienen Blutbild, CRP, Elektrolyte, Albumin, Leber- und Nierenwerte, Glukose/HbA1c vor allem der Schweregradeinschätzung und Therapieplanung. Bei ausgedehnten Erosionen sind Hypalbuminämie, Anämie oder Elektrolytverschiebungen möglich. Vor geplanter Immunsuppression sind Hepatitis-B/C-, HIV-, Tuberkulose-Screening sowie Impfstatusprüfung sinnvoll, insbesondere vor Rituximab.

    Bei ausgeprägtem Schleimhautbefall können konsiliarisch HNO-, Zahnmedizin-, Gastroenterologie- oder Gynäkologie/Urologie-Befunde nötig sein. Der PDAI (Pemphigus Disease Area Index) kann zur standardisierten Aktivitätsbeurteilung verwendet werden. Leitliniennah ist die Diagnosesicherung durch Klinik + Histologie + DIF + serologischen Autoantikörpernachweis.

    Merke: Die wichtigste Einzeluntersuchung ist die direkte Immunfluoreszenz an perilesionaler Haut/Schleimhaut; ulzeriertes Gewebe ist dafür ungeeignet.

    Differentialdiagnosen

    Die wichtigsten Differentialdiagnosen des Pemphigus vulgaris sind andere blasenbildende und erosive Dermatosen sowie infektiöse und entzündliche Schleimhauterkrankungen. An erster Stelle steht das bullöse Pemphigoid, das typischerweise bei älteren Patienten vorkommt, mit prallen, weniger fragilen Blasen einhergeht und histologisch eine subepidermale Blase zeigt. Die direkte Immunfluoreszenz ergibt dort meist lineare Ablagerungen entlang der Basalmembranzone und nicht das interzelluläre Netzbild des Pemphigus.

    Bei vorwiegendem Schleimhautbefall müssen insbesondere das Schleimhautpemphigoid, der erosive orale Lichen planus, Aphthosen, orale Candidose, herpetische Stomatitiden und Erythema multiforme bedacht werden. Das Schleimhautpemphigoid zeigt eher narbig heilende Läsionen, insbesondere okulär. Der erosive Lichen planus weist oft feine weißliche Wickham-Streifen und ein anderes histologisches Muster auf. Eine Candidose kann ähnlich schmerzhafte orale Veränderungen verursachen, hat jedoch in der Regel einen anderen Belagcharakter und eine andere Mikrobiologie.

    Weitere wichtige DD sind Pemphigus foliaceus mit eher oberflächlicheren Erosionen und in der Regel ohne Schleimhautbefall, paraneoplastischer Pemphigus mit schwerer Stomatitis und polymorpher Hautmanifestation, lineare IgA-Dermatose, epidermolysis bullosa acquisita, schwere Arzneimittelexantheme einschließlich Stevens-Johnson-Syndrom/toxische epidermale Nekrolyse, sowie Impetigo contagiosa bei bakteriell verkrusteten Erosionen.

    Gerade bei therapieresistenten, sehr schmerzhaften Schleimhauterosionen und systemischen Begleitzeichen sollte an einen paraneoplastischen Pemphigus gedacht und eine gezielte Tumorsuche erwogen werden. Klinisch-praktisch ist die saubere Differenzierung essenziell, weil Therapie, Prognose und Komplikationsprofil der einzelnen Erkrankungen deutlich differieren.

    Merke: Schlaffe Blasen + orale Erosionen + positives Nikolsky-Zeichen sprechen eher für Pemphigus vulgaris; pralle Blasen bei älteren Patienten eher für bullöses Pemphigoid.

    Therapie

    Die Therapie des Pemphigus vulgaris zielt auf eine rasche Krankheitskontrolle, die Vermeidung neuer Blasen und die Reduktion therapiebedingter Schäden. Nach aktuellen europäischen und internationalen Empfehlungen sowie im Sinne der deutschsprachigen Leitlinien ist Rituximab heute bei mittelschwerem bis schwerem Pemphigus eine bevorzugte First-line-Therapie in Kombination mit systemischen Glukokortikoiden. Häufig verwendet werden Rituximab 1.000 mg i.v. an Tag 1 und 15 oder das Lymphom-Schema mit 375 mg/m² i.v. wöchentlich für 4 Wochen. Rezidive können erneute Gaben erforderlich machen.

    Systemische Glukokortikoide werden initial oft mit Prednisolon 0,5–1,0 mg/kgKG/Tag, bei sehr schweren Verläufen auch bis 1,5 mg/kgKG/Tag, eingesetzt. Ziel ist die rasche Unterdrückung der Krankheitsaktivität mit anschließender zügiger Dosisreduktion. Als steroid-sparende Begleit- oder Alternativtherapie kommen Azathioprin 1–3 mg/kgKG/Tag (vorher TPMT/NUDT15 beachten), Mycophenolat-Mofetil 2–3 g/Tag, seltener Cyclophosphamid, Methotrexat oder Dapson infrage. Intravenöse Immunglobuline (z. B. 2 g/kgKG pro Zyklus über 2–5 Tage) und Immunadsorption/Plasmapherese sind Reserveoptionen bei refraktären Verläufen.

    Ebenso wichtig ist die lokale Therapie: hochpotente topische Kortikosteroide an Hautläsionen, antiseptische Wundpflege, atraumatische Verbände, Schmerztherapie und intensive Mundpflege mit kortikosteroidhaltigen Haftpräparaten oder Spüllösungen. Bei oralen Läsionen können z. B. Triamcinolon in Haftpaste oder Dexamethason-Spülungen eingesetzt werden. Superinfektionen werden gezielt antibiotisch oder antimykotisch behandelt.

    Vor und unter Immunsuppression sind Impfstatus, Osteoporoseprophylaxe, Infektionsscreening, Pneumocystis-Prophylaxe in ausgewählten Fällen, Blutzucker- und Blutdruckkontrollen wichtig. Bei Langzeitsteroiden sollten Calcium 1.000 mg/Tag und Vitamin D3 800–1.000 I.E./Tag erwogen werden; je nach Risikoprofil kommen Bisphosphonate hinzu. Maßgebliche Orientierung geben die European S2K Guideline on Pemphigus, deutschsprachige AWMF-nahe Empfehlungen der Dermatologie sowie internationale Konsensuspapiere.

    Merke: Rituximab plus systemische Glukokortikoide gilt heute bei vielen Patienten als Standard der systemischen Ersttherapie; die alleinige Langzeit-Steroidtherapie sollte wegen hoher Nebenwirkungsrate vermieden werden.

    Prognose

    Die Prognose des Pemphigus vulgaris hat sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verbessert. Während die Erkrankung vor der Ära systemischer Immunsuppression häufig tödlich verlief, erreichen heute viele Patienten unter moderner Therapie eine partielle oder komplette Remission. Dennoch handelt es sich weiterhin um eine chronisch-rezidivierende Autoimmunerkrankung, die oft eine langjährige Betreuung durch dermatologische Spezialisten erfordert.

    Entscheidend für die Prognose sind frühe Diagnosestellung, rascher Therapiebeginn, Ausmaß des Schleimhaut- und Hautbefalls, Alter, Komorbiditäten und therapiebedingte Komplikationen. Patienten mit vorwiegend mukosalem Befall können trotz begrenzter Hautmanifestation erheblich beeinträchtigt sein, insbesondere durch Schmerzen, Malnutrition und Gewichtsverlust. Unter Rituximab-basierten Regimen werden in vielen Studien deutlich höhere Remissionsraten und eine geringere kumulative Steroidbelastung beobachtet als unter klassischen Regimen allein. Rezidive bleiben jedoch häufig und können Monate bis Jahre nach initialer Krankheitskontrolle auftreten.

    Die aktuelle Mortalität ist deutlich niedriger als historisch, aber nicht null. Todesursachen sind eher Infektionen, Sepsis, kardiovaskuläre Komplikationen, Thromboembolien oder Folgen einer intensiven Immunsuppression als die Blasenkrankheit allein. Regelmäßige Kontrollen von Klinik, Autoantikörpertitern, Blutbild und Organfunktionen sind daher prognostisch relevant.

    Für die Lebensqualität ist der Pemphigus vulgaris oft stark belastend: Schmerzen, gestörte Nahrungsaufnahme, Schlafstörungen, kosmetische Beeinträchtigung und Angst vor Rückfällen spielen eine große Rolle. Eine realistische Prognosekommunikation ist wichtig: Viele Patienten können stabil werden, benötigen aber häufig langfristiges Monitoring und gelegentlich erneute Behandlungszyklen.

    Merke: Die Prognose ist heute meist deutlich besser als früher, aber der Pemphigus vulgaris bleibt eine ernste, rezidivierende Erkrankung mit relevantem Risiko durch Infektionen und Therapiekomplikationen.

    Prävention

    Eine spezifische Primärprävention des Pemphigus vulgaris existiert nicht, da die Erkrankung auf einer nur teilweise beeinflussbaren Autoimmunreaktion bei genetischer Prädisposition beruht. Klinisch sinnvoll ist jedoch die Vermeidung potenzieller Trigger, soweit diese individuell identifizierbar sind. Dazu gehört insbesondere die kritische Prüfung von Medikamenten, die in Einzelfällen einen Pemphigus auslösen oder aggravieren können, etwa bestimmte thiolhaltige Substanzen.

    Wesentlich ist die Sekundärprävention durch frühe Diagnosestellung. Persistierende orale Erosionen, die länger als 2–3 Wochen bestehen, sollten differenzialdiagnostisch abgeklärt und bei Verdacht biopsiert werden. Eine frühzeitige Diagnosesicherung reduziert das Risiko ausgedehnter Haut- und Schleimhautschäden sowie systemischer Komplikationen.

    Unter laufender Therapie besteht Präventionsbedarf vor allem hinsichtlich Infektionen, Kortikosteroidnebenwirkungen und Osteoporose. Impfungen nach allgemeinem Impfkalender und unter Beachtung immunsuppressiver Therapie sind wichtig; Lebendimpfstoffe sind unter hochgradiger Immunsuppression in der Regel kontraindiziert. Gute Mundhygiene, hautschonende Pflege, Vermeidung mechanischer Reize und frühzeitige Behandlung bakterieller oder mykotischer Superinfektionen sind praktische Maßnahmen zur Rezidiv- und Komplikationsvermeidung.

    Merke: Verhindern lässt sich der Pemphigus vulgaris meist nicht, aber frühe Erkennung, Triggerkontrolle und Infektionsprophylaxe verbessern den Verlauf deutlich.

    Komplikationen

    Die Komplikationen des Pemphigus vulgaris ergeben sich sowohl aus der Erkrankung selbst als auch aus ihrer oft intensiven Therapie. Durch großflächige Erosionen entstehen Flüssigkeits- und Eiweißverluste, was zu Dehydratation, Hypalbuminämie und Elektrolytstörungen führen kann. Schmerzhafte Schleimhauterosionen verursachen häufig Mangelernährung, Gewichtsverlust und funktionelle Einschränkungen beim Essen und Trinken. Besonders bei älteren oder multimorbiden Patienten kann dies rasch zu einer klinisch relevanten Verschlechterung des Allgemeinzustands führen.

    Eine der wichtigsten Komplikationen sind sekundäre Infektionen. Die geschädigte Hautbarriere begünstigt bakterielle Superinfektionen mit Staphylococcus aureus oder Streptokokken sowie Candida-Besiedelung der Mundschleimhaut. Im schweren Verlauf drohen Cellulitis, Sepsis und prolongierte Hospitalisierung. Auch okuläre oder laryngeale Schleimhautbeteiligung kann funktionell bedeutsam sein, etwa mit schmerzhafter Dysphagie oder Heiserkeit.

    Therapiebedingt stehen vor allem Glukokortikoidnebenwirkungen im Vordergrund: Hyperglykämie, Diabetesentgleisung, arterielle Hypertonie, Osteoporose, Muskelatrophie, Katarakt, psychische Nebenwirkungen und ein erhöhtes Infektionsrisiko. Unter Immunsuppressiva und Biologika sind Zytopenien, Hepatotoxizität, Reaktivierung latenter Infektionen sowie Infusionsreaktionen möglich. Bei Rituximab ist insbesondere an Hepatitis-B-Reaktivierung, Hypogammaglobulinämie und selten schwere opportunistische Infektionen zu denken.

    Langfristig kann die Erkrankung die Lebensqualität erheblich einschränken und zu sozialem Rückzug, Depression und Angststörungen beitragen. Daher gehört zur umfassenden Versorgung neben der somatischen Therapie auch die Beachtung psychosozialer Belastungen.

    Merke: Die häufigsten schweren Komplikationen sind Infektionen, Mangelernährung/Dehydratation und Nebenwirkungen der Immunsuppression.

    Häufige Fragen

    Ist Pemphigus vulgaris ansteckend?

    Nein. Pemphigus vulgaris ist keine Infektion, sondern eine Autoimmunerkrankung. Die Blasen und Erosionen können sich zwar entzünden, aber die Grunderkrankung selbst ist nicht übertragbar.

    Heilt Pemphigus vulgaris vollständig aus?

    Viele Patienten erreichen unter moderner Therapie eine lange Remission, teilweise sogar ohne laufende Medikamente. Dennoch kann die Erkrankung wieder aufflammen, weshalb regelmäßige dermatologische Kontrollen wichtig bleiben.

    Warum ist der Mund so oft zuerst betroffen?

    Beim Pemphigus vulgaris richten sich die Antikörper häufig gegen Desmoglein 3, das in der Schleimhaut besonders wichtig ist. Deshalb entstehen oft zuerst schmerzhafte Erosionen im Mund, noch bevor Hautblasen sichtbar werden.

    Quellen

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    4. Bolognia JL, Schaffer JV, Cerroni L. Dermatology. 4th ed. Elsevier.
    5. S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie des Pemphigus vulgaris/Foliaceus, Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG)/AWMF, aktuelle Fassung.
    6. Braun-Falco O, Plewig G, Wolff HH, Landthaler M, et al. Dermatologie, Venerologie und Allergologie. Springer.
    Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel wurde von Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi verfasst und von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer fachlich geprüft, zuletzt aktualisiert am 1. April 2026. Er dient der fachlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

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