🩸 Hämatologie ICD-10: D69.3

Immunthrombozytopenie: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie

Die Immunthrombozytopenie (ITP) ist eine erworbene, meist autoimmun vermittelte Erkrankung mit isolierter Verminderung der Thrombozytenzahl unter 100.

Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi
Arzt, Wissenschaftler & Gründer von SCIORA
1. April 2026 · 11 Min. Lesezeit · Aktualisiert: 1. April 2026 · Geprüft von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer
📋 Inhaltsverzeichnis

    Definition

    Die Immunthrombozytopenie (ITP) ist eine erworbene, meist autoimmun vermittelte Erkrankung mit isolierter Verminderung der Thrombozytenzahl unter 100 x 10^9/L, verursacht durch gesteigerten peripheren Thrombozytenabbau und zusätzlich eine gestörte Thrombozytopoese. Klinisch reicht das Spektrum von asymptomatischen Zufallsbefunden bis zu mukokutanen Blutungen; schwere Organblutungen sind insgesamt selten, nehmen aber mit sehr niedrigen Thrombozytenwerten deutlich zu. Die Diagnose ist primär eine Ausschlussdiagnose und setzt das Fehlen anderer Ursachen einer Thrombozytopenie voraus. Man unterscheidet eine neu diagnostizierte ITP (< 3 Monate), persistierende ITP (3–12 Monate) und chronische ITP (> 12 Monate).

    Merke: Eine isolierte Thrombozytopenie bei sonst unauffälligem Blutbild und normalem Blutausstrich ist typisch für eine ITP – die Diagnose darf aber erst nach Ausschluss gefährlicher Differenzialdiagnosen wie TTP, HIT, Leukämie oder DIC gestellt werden.

    Epidemiologie

    Die ITP ist eine der häufigsten erworbenen isolierten Thrombozytopenien in der Hämatologie. Bei Erwachsenen liegt die Inzidenz in westlichen Populationen meist bei etwa 2–4 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner und Jahr, die Prävalenz bei ungefähr 9–20 pro 100.000. Kinder erkranken mit ähnlicher oder leicht höherer Inzidenz; dort tritt die Erkrankung oft akut nach viralen Infekten auf und remittiert häufiger spontan. Bei Erwachsenen zeigt die ITP hingegen eine deutlich höhere Tendenz zur Chronifizierung: Etwa 60–70 % der erwachsenen Patientinnen und Patienten entwickeln einen persistierenden oder chronischen Verlauf, während bei Kindern spontane Remissionen in 60–80 % der Fälle innerhalb von 6–12 Monaten beschrieben werden.

    Geschlechtsunterschiede hängen vom Alter ab. Jüngere Erwachsene sind etwas häufiger weiblich betroffen, im höheren Alter gleicht sich das Verhältnis an oder kippt leicht zugunsten männlicher Patienten. Das Erkrankungsalter zeigt zwei Häufigkeitsgipfel: einen im Kindesalter und einen im späteren Erwachsenenalter, insbesondere jenseits des 60. Lebensjahres. Klinisch relevante schwere Blutungen sind insgesamt selten, treten aber bei Thrombozytenzahlen unter 10–20 x 10^9/L deutlich häufiger auf. Das Risiko intrakranieller Blutungen liegt insgesamt nur bei etwa < 1–1,5 %, ist aber prognostisch besonders bedeutsam. Sekundäre ITP-Formen, etwa im Zusammenhang mit SLE, HIV, HCV, lymphoproliferativen Erkrankungen oder Medikamenten, machen je nach Kollektiv etwa 20 % der Fälle aus.

    Merke: Bei Erwachsenen ist die ITP meist chronisch-rezidivierend, bei Kindern häufiger selbstlimitierend.

    Ätiologie

    Die Ätiologie der ITP ist heterogen. Man unterscheidet eine primäre ITP, bei der keine auslösende Grunderkrankung gefunden wird, von der sekundären ITP, die im Rahmen anderer Erkrankungen oder Trigger auftritt. Pathophysiologisch stehen Autoantikörper gegen Thrombozytenantigene im Vordergrund, vor allem gegen die Glykoproteine GPIIb/IIIa und GPIb/IX. Diese Autoantikörper führen zu einer vermehrten Elimination von Thrombozyten, vor allem in der Milz, und können zusätzlich die Megakaryopoese im Knochenmark hemmen.

    Wichtige Ursachen und Assoziationen sekundärer Formen sind Autoimmunerkrankungen wie der systemische Lupus erythematodes oder das Antiphospholipid-Syndrom, Virusinfektionen wie HIV, Hepatitis C und seltener Hepatitis B oder CMV, ferner lymphoproliferative Erkrankungen wie CLL und Non-Hodgkin-Lymphome. Auch eine Helicobacter-pylori-Infektion kann bei einem Teil der Patientinnen und Patienten mit ITP assoziiert sein; in Regionen mit hoher H.-pylori-Prävalenz ist eine Eradikation therapeutisch relevant. Medikamentös ausgelöste immunvermittelte Thrombozytopenien müssen differenzialdiagnostisch stets mitbedacht werden, beispielsweise durch Quinin/Quinidin, Cotrimoxazol, Vancomycin, Linezolid, Valproat oder Heparin im Rahmen einer HIT.

    Bei Kindern geht einer akuten ITP häufig ein viraler Infekt voraus. Nach Impfungen kann selten eine vorübergehende ITP auftreten, klassisch nach MMR-Impfung, wobei das Risiko deutlich geringer ist als nach natürlicher Infektion. Genetische Prädispositionen und Störungen der T-Zell-Regulation tragen zur Entstehung bei, sind aber im klinischen Alltag selten direkt diagnostisch nutzbar.

    Merke: Nicht jede immunologische Thrombozytopenie ist primäre ITP – HIV, HCV, SLE, CLL und Medikamente müssen aktiv ausgeschlossen werden.

    Pathogenese

    Die Pathogenese der ITP beruht auf einem Zusammenspiel aus humoraler Autoimmunität, zellulärer Immunregulation und unzureichender kompensatorischer Thrombozytenneubildung. Zentral ist die Bildung von Autoantikörpern gegen Thrombozytenantigene, vor allem membranständige Glykoproteine wie GPIIb/IIIa oder GPIb/IX. Mit Immunglobulinen beladene Thrombozyten werden über Fc-Rezeptoren von Makrophagen erkannt und überwiegend in der Milz, teilweise auch in der Leber, phagozytiert. Diese gesteigerte periphere Destruktion erklärt den oft abrupten Abfall der Thrombozytenzahl.

    Die Erkrankung ist jedoch nicht allein eine Abbaustörung. Zusätzlich kommt es zu einer gestörten Megakaryozytenreifung und einer verminderten Thrombozytopoese im Knochenmark. Autoantikörper können Megakaryozyten direkt schädigen; außerdem spielen T-Zell-vermittelte Mechanismen eine wesentliche Rolle. Es finden sich zytotoxische T-Zellen gegen Thrombozyten und Megakaryozyten sowie eine Dysbalance regulatorischer T-Zellen. Entzündliche Zytokine fördern die Autoimmunreaktion weiter. Dadurch bleibt der physiologische Anstieg von Thrombopoetin (TPO) bei ITP im Vergleich zur Schwere der Thrombozytopenie häufig relativ gering, was therapeutisch die Wirksamkeit von TPO-Rezeptor-Agonisten erklärt.

    Klinisch resultiert aus der reduzierten Thrombozytenzahl vor allem eine Störung der primären Hämostase, weshalb mukokutane Blutungen dominieren. Die plasmatische Gerinnung ist in der Regel normal. Interessanterweise ist das Blutungsrisiko nicht allein von der absoluten Thrombozytenzahl abhängig, sondern auch von Alter, Komorbiditäten, Begleitmedikation wie Antikoagulanzien oder Thrombozytenfunktionshemmern sowie individueller Gefäßfragilität.

    Merke: ITP bedeutet nicht nur vermehrten Thrombozytenabbau, sondern auch eine verminderte Produktion – deshalb sind TPO-Rezeptor-Agonisten wirksam.

    Symptome

    Die klinische Symptomatik der ITP ist sehr variabel und korreliert nur unvollständig mit der Thrombozytenzahl. Viele Betroffene sind zunächst asymptomatisch und fallen durch eine zufällig entdeckte isolierte Thrombozytopenie auf. Typische Leitsymptome sind Zeichen einer Störung der primären Hämostase: Petechien, Purpura, spontane Hämatomneigung, verlängerte Blutung nach Bagatelltraumen sowie mukosale Blutungen. Besonders häufig sind Epistaxis, Gingivablutungen, verstärkte Blutung bei Zahnbehandlungen und bei Frauen Hypermenorrhö oder Menorrhagien. Auch Hämaturie oder gastrointestinale Blutungen können auftreten, sind aber seltener als kutane und Schleimhautblutungen.

    Die Schwere reicht von diskreten Hautblutungen bis zu potenziell lebensbedrohlichen Blutungen. Warnzeichen für eine schwere ITP sind Schleimhautblutungen, großflächige Ekchymosen, Blutungen aus mehreren Lokalisationen gleichzeitig, rascher Abfall der Thrombozytenzahl und Werte unter 10 x 10^9/L. Intrakranielle Blutungen sind insgesamt selten, müssen aber bei Kopfschmerzen, neurologischen Symptomen, Erbrechen oder Bewusstseinsveränderung sofort ausgeschlossen werden. Organomegalie, B-Symptomatik, Knochenschmerzen oder ausgeprägte Allgemeinsymptome sind für eine primäre ITP untypisch und sprechen eher für Differenzialdiagnosen wie Leukämien, Lymphome oder systemische Erkrankungen.

    Bei Kindern entwickelt sich die Symptomatik oft akut nach einem Infekt. Erwachsene zeigen häufiger einen schleichenden Verlauf mit rezidivierenden Blutungszeichen. Fatigue wird von einem relevanten Teil der Patientinnen und Patienten berichtet und kann die Lebensqualität auch unabhängig von Blutungen deutlich beeinträchtigen.

    Merke: Petechien und Schleimhautblutungen sprechen für eine Thrombozytenstörung; tiefe Muskel- oder Gelenkblutungen sind eher typisch für plasmatische Gerinnungsstörungen.

    Diagnostik

    Die Diagnostik der ITP folgt dem Prinzip der Ausschlussdiagnose. Basis ist die Bestätigung einer isolierten Thrombozytopenie < 100 x 10^9/L im kleinen Blutbild. Zunächst muss eine Pseudothrombozytopenie durch EDTA-induzierte Aggregation ausgeschlossen werden, etwa durch Wiederholung im Citratblut und mikroskopische Beurteilung. Der periphere Blutausstrich ist obligat: Er zeigt bei ITP typischerweise verminderte Thrombozytenzahl bei sonst unauffälliger Morphologie; Fragmentozyten, Blasten oder dysplastische Veränderungen sprechen gegen eine primäre ITP.

    Zur Basisdiagnostik gehören Anamnese und klinische Untersuchung mit Fokus auf Blutungszeichen, Infektionen, Medikamenten, Autoimmunerkrankungen, Alkohol, Schwangerschaft und Organomegalie. Empfohlen werden je nach Leitlinie Gerinnung, Leber- und Nierenwerte, Retikulozyten, LDH, Bilirubin, Coombs-Test bei Verdacht auf Evans-Syndrom sowie serologische Tests auf HIV und Hepatitis C. Ein Test auf Helicobacter pylori kann insbesondere bei chronischer ITP sinnvoll sein. Autoantikörper gegen Thrombozyten sind aufgrund begrenzter Sensitivität und Spezifität nicht routinemäßig zur Diagnosesicherung geeignet.

    Eine Knochenmarkuntersuchung ist bei typischer Konstellation nicht obligat, sollte aber bei atypischem Blutbild, höherem Alter, Therapieresistenz, vor Splenektomie oder Verdacht auf MDS, Leukämie oder aplastische Prozesse erwogen werden. Bildgebung ist nicht routinemäßig erforderlich, kann aber bei Organomegalie, Lymphadenopathie oder Blutungskomplikationen indiziert sein. Einen einzelnen „Goldstandard“ gibt es nicht; praktisch ist der Goldstandard die sorgfältige klinisch-labordiagnostische Ausschlussdiagnose.

    Merke: Bei ITP sind Blutbild und Ausstrich entscheidend – eine isolierte Thrombozytopenie ohne Anämie, Leukopenie oder morphologische Auffälligkeiten stützt die Diagnose.

    Differentialdiagnosen

    Die wichtigste Aufgabe in der Abklärung einer vermuteten ITP ist der Ausschluss potenziell lebensbedrohlicher oder therapieentscheidender Differenzialdiagnosen. An erster Stelle stehen Pseudothrombozytopenie und medikamenteninduzierte Thrombozytopenien. Danach folgen thrombotische Mikroangiopathien wie TTP und HUS, bei denen meist eine hämolytische Anämie mit Fragmentozyten, erhöhte LDH und Organmanifestationen vorliegen. Ebenfalls essenziell ist die Abgrenzung zur disseminierten intravasalen Gerinnung (DIC) mit verlängerter Gerinnung, erhöhten D-Dimeren und klinischem Kontext wie Sepsis oder Tumorerkrankung.

    Weitere wichtige Differenzialdiagnosen sind Heparin-induzierte Thrombozytopenie (HIT), akute Leukämien, myelodysplastische Syndrome, aplastische Anämie und Knochenmarksinfiltrationen, die typischerweise nicht isoliert die Thrombozyten betreffen. Bei Vorliegen von Lymphadenopathie oder Splenomegalie müssen CLL, Lymphome und Hypersplenismus bedacht werden. Infektiöse Ursachen umfassen HIV, HCV, EBV, CMV und Sepsis. Autoimmunologisch relevant sind SLE, Antiphospholipid-Syndrom sowie das Evans-Syndrom mit kombinierter autoimmunhämolytischer Anämie und ITP.

    In der Schwangerschaft muss die ITP von Gestationsthrombozytopenie, Präeklampsie/HELLP-Syndrom und thrombotischen Mikroangiopathien abgegrenzt werden. Bei Kindern sind außerdem angeborene Thrombozytopenien und seltene Syndrome zu bedenken. Die Differenzialdiagnose gelingt durch Kombination aus Anamnese, Medikamentencheck, Ausstrich, Gerinnung, Hämolyseparametern, Infektionsserologien und – bei atypischem Befund – Knochenmarkdiagnostik.

    Merke: Fragmentozyten, verlängerte Gerinnung, Organomegalie oder zusätzliche Zytopenien sprechen gegen eine primäre ITP und erfordern sofortige erweiterte Diagnostik.

    Therapie

    Die Therapie der ITP orientiert sich an Blutungsneigung, Thrombozytenzahl, Alter, Komorbiditäten, geplanter Intervention und Krankheitsdauer – nicht allein am Laborwert. Bei Erwachsenen ohne relevante Blutung und mit Thrombozytenzahlen über etwa 20–30 x 10^9/L ist je nach Gesamtrisiko oft zunächst Beobachtung ausreichend. Nach aktuellen Empfehlungen, u. a. der ASH-Guideline sowie deutschsprachigen hämatologischen Leitlinien und AWMF-nahen Standards, ist die Erstlinientherapie bei behandlungsbedürftiger ITP ein Glukokortikoid: z. B. Prednison/Prednisolon 1 mg/kgKG/Tag für 1–2 Wochen mit anschließend zügigem Ausschleichen oder Dexamethason 40 mg/Tag p.o. für 4 Tage, ggf. als Kurzzyklus. Eine langfristige Steroidgabe sollte wegen erheblicher Nebenwirkungen vermieden werden.

    Bei stärkerer Blutung, sehr niedrigen Werten oder vor dringendem Eingriff werden zusätzlich intravenöse Immunglobuline (IVIG) eingesetzt, typischerweise 1 g/kgKG an 1–2 Tagen oder 0,4 g/kgKG/Tag über 5 Tage. Bei Rh-positiven, nicht splenektomierten Patienten war Anti-D früher eine Option, wird heute aber deutlich seltener verwendet. Thrombozytentransfusionen sind bei ITP nur bei lebensbedrohlicher Blutung oder unmittelbar vor Notfalleingriffen sinnvoll und sollten dann mit Steroiden und/oder IVIG kombiniert werden, da transfundierte Plättchen rasch zerstört werden können.

    In der Zweitlinie haben TPO-Rezeptor-Agonisten einen hohen Stellenwert: Eltrombopag meist initial 50 mg/Tag p.o. (bei ostasiatischer Abstammung oft 25 mg), Romiplostim initial 1 µg/kg s.c. 1x/Woche, titriert nach Ansprechen, oder Avatrombopag z. B. 20 mg/Tag p.o.. Weitere Optionen sind Rituximab 375 mg/m^2 i.v. 1x/Woche für 4 Wochen oder 1000 mg an Tag 1 und 15. Die Splenektomie ist wirksam, wird heute jedoch meist erst nach Persistenz/Chronifizierung und nach Ausschöpfung medikamentöser Alternativen erwogen. Bei refraktärer ITP kommen je nach Zentrum auch Immunsuppressiva wie Azathioprin, Mycophenolat-Mofetil, Ciclosporin oder Fostamatinib infrage.

    Bei schwerer Blutung: hochdosiertes Dexamethason oder Methylprednisolon, IVIG, gegebenenfalls Thrombozytentransfusion, lokale Blutstillung und intensivmedizinische Überwachung. Vor Operationen werden je nach Eingriff meist Thrombozytenziele von > 50 x 10^9/L, bei neurochirurgischen oder augenchirurgischen Eingriffen > 100 x 10^9/L angestrebt.

    Merke: Behandelt wird die Blutungsgefährdung, nicht nur die Zahl. Steroide sind Erstlinie, TPO-Rezeptor-Agonisten heute zentrale Zweitlinienoptionen.

    Prognose

    Die Prognose der ITP ist insgesamt günstig, variiert jedoch deutlich mit Alter, Verlaufsform, Blutungsrisiko und Therapieansprechen. Kinder haben häufig eine sehr gute Prognose mit spontaner Remission in 60–80 % der Fälle innerhalb eines Jahres. Bei Erwachsenen ist die Erkrankung deutlich öfter chronisch; dennoch erreichen viele Patientinnen und Patienten unter moderner Therapie stabile Thrombozytenzahlen, eine geringe Blutungsaktivität und gute Lebensqualität. Komplette dauerhafte Remissionen sind möglich, aber weniger häufig als im Kindesalter.

    Prognostisch bedeutsam sind weniger einzelne Laborwerte als die klinische Gesamtsituation. Höheres Alter, relevante Komorbiditäten, Antikoagulation, kardiovaskuläre Risikofaktoren, Frailty und therapieassoziierte Nebenwirkungen beeinflussen den Verlauf maßgeblich. Schwere Blutungskomplikationen, insbesondere intrakranielle Blutungen, sind selten, bestimmen aber die Mortalität. Die krankheitsspezifische Mortalität ist insgesamt niedrig; sie steigt bei älteren Patienten, sekundären ITP-Formen und bei schweren Blutungen an. Zusätzlich ist die Lebensqualität durch Fatigue, Angst vor Blutungen und wiederholte Therapien oft erheblich eingeschränkt.

    Unter TPO-Rezeptor-Agonisten sprechen viele chronische ITP-Patienten an, wobei Ansprechraten in Studien häufig bei 70–90 % liegen. Nach Splenektomie erreichen etwa 60–70 % längerfristige Remissionen, allerdings um den Preis eines erhöhten Infektions- und Thromboserisikos. Einige Patienten mit refraktärer ITP benötigen dauerhaft sequenzielle oder kombinierte Therapien. Entscheidend für die Langzeitprognose sind regelmäßige Verlaufskontrollen, sorgfältiges Blutungsmonitoring und eine individualisierte Therapieplanung.

    Merke: Die meisten ITP-Patienten sterben nicht an der Erkrankung, sondern leben mit ihr – das Ziel ist eine sichere Thrombozytenzahl bei möglichst geringer Therapietoxizität.

    Prävention

    Eine spezifische Primärprävention der primären ITP existiert nicht. Präventiv relevant ist vor allem die Vermeidung von Blutungsereignissen und iatrogenen Komplikationen. Dazu gehören die kritische Prüfung potenziell thrombopenieverstärkender Medikamente wie ASS, NSAR oder unnötiger Antikoagulation sowie die konsequente Suche nach behandelbaren sekundären Ursachen, etwa HIV, HCV oder Helicobacter pylori. Bei geplanter Splenektomie sind präoperative Impfungen gegen Pneumokokken, Meningokokken und Haemophilus influenzae Typ b essenziell.

    Patientenschulung hat einen hohen Stellenwert: Betroffene sollten Warnzeichen schwerer Blutungen kennen, bei Kopftrauma niedrigschwellig ärztliche Hilfe suchen und vor Eingriffen oder neuen Medikamenten ihre ITP angeben. Kontakt- und Hochrisikosportarten sollten bei sehr niedrigen Thrombozytenzahlen gemieden werden. In der Schwangerschaft sind engmaschige Kontrollen erforderlich, um maternale und neonatale Risiken zu reduzieren. Insgesamt ist Prävention bei ITP vor allem Sekundärprävention durch frühe Diagnostik, Triggerkontrolle und strukturierte Nachsorge.

    Merke: Die beste Prävention bei ITP ist die Vermeidung von Blutungsrisiken und das konsequente Erkennen sekundärer Ursachen.

    Komplikationen

    Die wichtigste Komplikation der ITP ist die Blutung. Am häufigsten sind kutane und mukosale Blutungen, klinisch besonders relevant sind jedoch gastrointestinale, urogenitale, postoperative und vor allem intrakranielle Blutungen. Letztere treten selten auf, sind aber mit hoher Morbidität und Mortalität verbunden. Das Risiko steigt bei sehr niedrigen Thrombozytenzahlen, zusätzlicher Gerinnungshemmung, höherem Alter, arterieller Hypertonie und vorangegangenen Blutungen. In der Schwangerschaft können geburtsassoziierte maternale Blutungen und selten neonatale Thrombozytopenien auftreten.

    Eine zweite Komplikationsebene betrifft die Therapie. Glukokortikoide verursachen bei längerer Anwendung häufig Hyperglykämie, Infekte, Osteoporose, Myopathie, psychische Veränderungen und Gewichtszunahme. IVIG kann Kopfschmerzen, aseptische Meningitis, Nierenfunktionsstörungen und thromboembolische Ereignisse auslösen. TPO-Rezeptor-Agonisten sind wirksam, aber mit einem erhöhten Risiko für Thrombosen, Leberwerterhöhungen bei Eltrombopag und selten Knochenmark-Retikulinfibrose assoziiert. Nach Splenektomie besteht lebenslang ein Risiko für overwhelming post-splenectomy infection (OPSI) sowie für venöse und arterielle Thrombosen.

    Nicht zu unterschätzen sind psychosoziale Komplikationen wie Fatigue, Angst vor Blutungen, Einschränkungen im Berufs- und Alltagsleben sowie reduzierte Lebensqualität. Bei sekundärer ITP prägen zusätzlich die Grunderkrankungen den Verlauf. Deshalb umfasst das Komplikationsmanagement nicht nur Blutungskontrolle, sondern auch Impfmanagement, Osteoporoseprophylaxe unter Steroiden, Thromboserisikobewertung und strukturierte Langzeitbetreuung.

    Merke: Bei ITP bedrohen nicht nur Blutungen, sondern auch Therapiefolgen wie Steroidtoxizität, Thrombosen und postsplenektomische Infektionen die Langzeitgesundheit.

    Häufige Fragen

    Ist eine Immunthrombozytopenie gefährlich?

    Meist verläuft die Erkrankung nicht lebensbedrohlich, kann aber je nach Thrombozytenzahl und Blutungszeichen ernst werden. Besonders wichtig sind Schleimhautblutungen, starke Monatsblutungen, Blut im Stuhl oder Urin sowie Kopfschmerzen oder neurologische Symptome als Warnzeichen.

    Muss jede ITP sofort behandelt werden?

    Nein. Entscheidend sind nicht nur die Thrombozytenwerte, sondern vor allem Blutungszeichen, Begleiterkrankungen und geplante Eingriffe. Viele Patientinnen und Patienten können zunächst beobachtet werden, andere brauchen rasch Steroide oder weitere Therapien.

    Kann die ITP wieder verschwinden?

    Ja. Bei Kindern heilt die ITP oft spontan aus, bei Erwachsenen ist sie häufiger chronisch. Dennoch können auch Erwachsene unter Therapie oder gelegentlich spontan eine länger anhaltende Remission erreichen.

    Quellen

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    5. Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO). Onkopedia Leitlinie: Immunthrombozytopenie (ITP), aktuelle Online-Fassung.
    6. Cines DB, Blanchette VS. Immune thrombocytopenic purpura. N Engl J Med. 2002;346:995-1008.
    Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel wurde von Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi verfasst und von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer fachlich geprüft, zuletzt aktualisiert am 1. April 2026. Er dient der fachlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

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