Nierenzellkarzinom: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie
Das Nierenzellkarzinom (NZK) ist ein maligner epithelialer Tumor des Nierenparenchyms, der überwiegend aus dem Tubulusepithel hervorgeht. Es macht.
Definition
Das Nierenzellkarzinom (NZK) ist ein maligner epithelialer Tumor des Nierenparenchyms, der überwiegend aus dem Tubulusepithel hervorgeht. Es macht etwa 85–90 % aller primären malignen Nierentumoren bei Erwachsenen aus und umfasst histologisch mehrere Subtypen, insbesondere das klarzellige, papilläre und chromophobe Nierenzellkarzinom. Klinisch bleibt die Erkrankung häufig lange asymptomatisch und wird in bis zu über 50 % der Fälle zufällig in der Bildgebung entdeckt. Die Prognose hängt vor allem von Tumorstadium, Metastasierung, histologischem Subtyp und Risikoprofil ab.
Merke: Die klassische Trias aus Makrohämaturie, Flankenschmerz und tastbarem Tumor ist typisch, heute aber selten und weist oft auf ein bereits fortgeschrittenes Stadium hin.
Epidemiologie
Das Nierenzellkarzinom gehört zu den häufigeren urologischen Malignomen und macht etwa 2–3 % aller malignen Tumorerkrankungen bei Erwachsenen aus. In Deutschland erkranken nach Daten des Robert Koch-Instituts jährlich ungefähr 14.000–15.000 Menschen neu, Männer deutlich häufiger als Frauen. Das Erkrankungsalter liegt meist zwischen dem 6. und 7. Lebensjahrzehnt, mit einem Altersgipfel um 60–70 Jahre. Männer sind etwa 1,5- bis 2-fach häufiger betroffen als Frauen.
Histologisch ist das klarzellige Nierenzellkarzinom mit etwa 70–80 % der Fälle der häufigste Subtyp. Das papilläre Nierenzellkarzinom macht ungefähr 10–15 %, das chromophobe etwa 5 % aus. Seltene Subtypen wie Sammelrohrkarzinome oder medulläre Karzinome sind deutlich seltener, jedoch oft aggressiver.
Durch die breite Verfügbarkeit von Sonographie, CT und MRT werden heute viele Tumoren als inzidentelle Raumforderungen entdeckt. Entsprechend hat der Anteil kleiner, organbegrenzter Tumoren zugenommen. Bei Diagnosestellung liegen dennoch in etwa 20–30 % der Fälle bereits Fernmetastasen vor. Häufige Metastasierungsorte sind Lunge, Knochen, Leber, Gehirn und Nebennieren.
Zu den wichtigsten epidemiologischen Risikofaktoren zählen Rauchen, Adipositas, arterielle Hypertonie und bestimmte erbliche Tumorsyndrome. Auch chronische Nierenerkrankungen und erworbene zystische Nierenerkrankungen bei Dialysepatienten erhöhen das Risiko. Die Mortalität ist in den letzten Jahren durch verbesserte Bildgebung und moderne systemische Therapien zwar gesunken, das metastasierte Nierenzellkarzinom bleibt jedoch prognostisch ernst.
Merke: Das Nierenzellkarzinom ist oft ein Zufallsbefund; die Zahl kleiner, lokal begrenzter Tumoren steigt, dennoch ist ein relevanter Anteil bei Erstdiagnose bereits metastasiert.
Ätiologie
Die Ätiologie des Nierenzellkarzinoms ist multifaktoriell und umfasst umweltbedingte, metabolische und genetische Faktoren. Zu den am besten belegten Risikofaktoren zählt das Zigarettenrauchen. Das Erkrankungsrisiko ist bei Rauchern gegenüber Nichtrauchern etwa 1,5- bis 2-fach erhöht, wobei eine Dosis-Wirkungs-Beziehung besteht. Nach Rauchstopp nimmt das Risiko über Jahre ab, normalisiert sich jedoch nicht sofort.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Adipositas. Besonders beim klarzelligen Nierenzellkarzinom wird ein Zusammenhang mit erhöhtem Body-Mass-Index angenommen, vermutlich vermittelt über chronische Inflammation, Insulinresistenz und veränderte Adipokin-Signale. Auch die arterielle Hypertonie ist ein unabhängiger Risikofaktor; ob antihypertensive Medikamente einen zusätzlichen Einfluss haben, ist weniger klar als der Effekt der Hypertonie selbst.
Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz, vor allem unter Langzeitdialyse, haben ein erhöhtes Risiko für erworbene zystische Nierenveränderungen und daraus hervorgehende Karzinome. Berufliche Expositionen, etwa gegenüber Trichlorethylen, werden ebenfalls als Risikofaktoren diskutiert. Analgetikanephropathien spielen heute eine deutlich geringere Rolle als früher.
Genetische Faktoren sind insbesondere bei jüngeren Patienten, bilateralem Befall oder positiver Familienanamnese relevant. Das wichtigste hereditäre Syndrom ist das Von-Hippel-Lindau-Syndrom (VHL), assoziiert mit klarzelligem Nierenzellkarzinom. Weitere Syndrome sind das hereditäre papilläre Nierenzellkarzinom (MET-Mutationen), das Birt-Hogg-Dubé-Syndrom, das Hereditary Leiomyomatosis and Renal Cell Cancer Syndrome sowie seltene Translokationskarzinome.
Merke: Die wichtigsten modifizierbaren Risikofaktoren sind Rauchen, Adipositas und Hypertonie; bei frühem Erkrankungsalter oder bilateralen Tumoren muss an ein hereditäres Syndrom gedacht werden.
Pathogenese
Pathogenetisch handelt es sich beim Nierenzellkarzinom um eine heterogene Gruppe epithelialer Tumoren mit jeweils charakteristischen molekularen Veränderungen. Das klarzellige Nierenzellkarzinom, der häufigste Subtyp, ist typischerweise mit Inaktivierungen des VHL-Tumorsuppressorgens auf Chromosom 3p assoziiert. Der Funktionsverlust von VHL führt zu einer Stabilisierung von Hypoxia-inducible factors (HIF-1α/HIF-2α), wodurch proangiogene und proliferationsfördernde Signalwege aktiviert werden. Dies resultiert in einer Überexpression von Faktoren wie VEGF, PDGF und TGF-α, die die ausgeprägte Gefäßneubildung vieler klarzelliger Tumoren erklären.
Papilläre Nierenzellkarzinome zeigen andere molekulare Profile, darunter Veränderungen des MET-Signalwegs oder chromosomale Aberrationen. Das chromophobe Nierenzellkarzinom weist wiederum eigene zytogenetische Muster auf. Diese biologische Heterogenität erklärt Unterschiede in Wachstum, Metastasierungsverhalten und Ansprechen auf Therapie.
Makroskopisch sind Nierenzellkarzinome oft gut vaskularisierte, teils nekrotische Tumoren. Sie wachsen lokal infiltrativ in das Nierenparenchym und können in das Nierenbecken, perirenale Fettgewebe, die Nebenniere oder in venöse Strukturen einbrechen. Charakteristisch ist die Tumorausdehnung in die Nierenvene und gegebenenfalls weiter in die Vena cava inferior, was operativ hochrelevant ist.
Die Metastasierung erfolgt hämatogen und lymphogen. Die Lunge ist der häufigste Fernmetastasierungsort, gefolgt von Knochen, Leber und Gehirn. Zudem können sogenannte paraneoplastische Syndrome entstehen, etwa durch ektop produzierte Hormone oder Zytokine. Hierzu gehören Anämie, Polyglobulie, Hyperkalzämie, Fieber, Gewichtsverlust oder die Stauffer-Symptomatik mit nichtmetastatischer Leberfunktionsstörung.
Merke: Der VHL-HIF-VEGF-Signalweg ist für das klarzellige Nierenzellkarzinom zentral und erklärt die Wirksamkeit antiangiogener Therapien.
Symptome
Das Nierenzellkarzinom verursacht im Frühstadium häufig keine Beschwerden. Viele Tumoren werden deshalb zufällig im Rahmen einer Sonographie oder Schnittbilddiagnostik entdeckt. Wenn Symptome auftreten, sind diese oft unspezifisch und können sowohl lokal als auch systemisch bedingt sein.
Zu den klassischen Leitsymptomen zählen:
- Makrohämaturie oder intermittierende Mikrohämaturie
- Flankenschmerz oder dumpfer Druckschmerz in der betroffenen Seite
- tastbare Raumforderung im Abdomen oder in der Flanke
Die historische Trias aus Hämaturie, Flankenschmerz und palpabler Resistenz findet sich heute nur noch bei einem kleinen Teil der Patienten und spricht meist für ein fortgeschrittenes Tumorstadium.
Häufiger sind Allgemeinsymptome wie:
- ungewollter Gewichtsverlust
- Fieber unklarer Genese
- Leistungsknick und Fatigue
- Nachtschweiß
- Appetitlosigkeit
Paraneoplastische Manifestationen sind klinisch bedeutsam. Dazu gehören:
- Anämie oder seltener Polyglobulie durch Erythropoetinproduktion
- Hyperkalzämie
- arterielle Hypertonie
- erhöhte Entzündungsparameter
- Stauffer-Syndrom mit cholestatischen Leberwertveränderungen ohne Lebermetastasen
Metastasen können die Erstmanifestation sein. Dann treten je nach Organbefall Husten, Dyspnoe, Knochenschmerzen, pathologische Frakturen, neurologische Ausfälle oder Krampfanfälle auf. Eine Varikozele, insbesondere linksseitig und neu aufgetreten, kann durch venöse Abflussbehinderung bedingt sein.
Merke: Ein schmerzloser Bluturin ist immer abklärungsbedürftig; beim Nierenzellkarzinom sind systemische und paraneoplastische Symptome oft klinisch wegweisender als lokale Beschwerden.
Diagnostik
Die Diagnostik des Nierenzellkarzinoms basiert auf Anamnese, körperlicher Untersuchung, Labor, Sonographie und kontrastmittelgestützter Schnittbildgebung. Initial wird häufig eine abdominelle Sonographie durchgeführt, die eine renale Raumforderung erkennen kann. Für die weitere Charakterisierung und das Staging ist die kontrastmittelverstärkte CT von Abdomen und Becken Standard. Sie erlaubt die Beurteilung von Tumorgröße, Lokalisation, Infiltration in perirenales Fett, Nierenvene oder Vena cava sowie regionären Lymphknoten. Bei Kontrastmittelkontraindikationen oder unklaren Befunden ist die MRT eine wichtige Alternative, insbesondere zur Beurteilung eines venösen Tumorthrombus.
Zum Staging gehört bei gesichertem oder hochgradig verdächtigem Tumor in der Regel eine CT des Thorax, da die Lunge der häufigste Metastasierungsort ist. Bei Symptomen oder Laborauffälligkeiten können ergänzend Knochenszintigraphie, PET/CT in ausgewählten Situationen oder kranielle Bildgebung erforderlich sein. Die PET/CT ist beim primären RCC nicht Standardverfahren.
Laborchemisch werden typischerweise erhoben:
- Blutbild
- Kreatinin/eGFR
- Elektrolyte, insbesondere Kalzium
- Leberwerte, LDH
- Entzündungsparameter
- Urinstatus
Histologisch ist die Diagnose nach operativer Entfernung gesichert. Eine perkutane Nierenbiopsie ist vor allem dann sinnvoll, wenn das Ergebnis therapeutische Konsequenzen hat, etwa vor Ablation, Active Surveillance, systemischer Therapie oder bei unklarer Raumforderung. Die Biopsie ist heute leitliniengerecht, wenn sie das Management beeinflusst.
Für die Stadieneinteilung wird die TNM-Klassifikation verwendet. Prognostisch relevant sind zudem Fuhrman-/WHO-ISUP-Grading, histologischer Subtyp und bei metastasierter Erkrankung klinische Risikoscores wie IMDC.
Merke: Die kontrastmittelverstärkte CT ist das zentrale Verfahren für Diagnose und Staging; eine Biopsie ist selektiv indiziert, aber nicht bei jedem operablen soliden Nierentumor zwingend erforderlich.
Differentialdiagnosen
Die wichtigste Differentialdiagnose einer renalen Raumforderung ist nicht automatisch ein Nierenzellkarzinom. Klinisch und bildmorphologisch müssen benigne, entzündliche, zystische und andere maligne Läsionen abgegrenzt werden. Eine sorgfältige Differenzialdiagnostik ist essenziell, weil hiervon die Entscheidung zwischen Operation, Biopsie, Ablation oder Beobachtung abhängt.
Wichtige Differentialdiagnosen sind:
- Onkozytom: benigner epithelialer Nierentumor, bildgebend teils schwer vom RCC zu unterscheiden; eine zentrale Narbe ist nicht beweisend.
- Angiomyolipom: meist benigne mesenchymale Läsion mit Fettanteilen; fettarme Varianten können diagnostisch problematisch sein.
- Komplexe Nierenzyste nach Bosniak-Klassifikation: insbesondere Bosniak III und IV sind relevant.
- Urothelkarzinom des Nierenbeckens: häufiger mit Hämaturie, andere operative Strategie, da eher nephroureterektomisch behandelt.
- Metastasen in die Niere oder Lymphome: bei bekannter Vorerkrankung mitbedenken.
- Nierenabszess, fokale Pyelonephritis oder entzündliche Pseudotumoren.
- Wilms-Tumor: v. a. im Kindesalter relevant.
Symptomatisch sind auch nicht-neoplastische Ursachen von Hämaturie und Flankenschmerz abzugrenzen, etwa Urolithiasis, Harnwegsinfektion, Papillennekrose oder glomeruläre Erkrankungen. Bei Hyperkalzämie, Anämie oder Leberwertveränderungen ohne offensichtliche Ursache sollte an ein paraneoplastisches Geschehen gedacht werden, jedoch existieren dafür zahlreiche internistische Differenzialdiagnosen.
Bildgebung, klinischer Kontext und gegebenenfalls Nierenbiopsie sind entscheidend für die Abgrenzung. Besonders bei kleinen Nierentumoren unter 4 cm ist der Anteil benigner Läsionen relevant, weshalb die prätherapeutische Risiko-Nutzen-Abwägung wichtig ist.
Merke: Nicht jede solide Nierenraumforderung ist ein RCC; besonders Onkozytom, Angiomyolipom und komplexe Zysten müssen differenzialdiagnostisch bedacht werden.
Therapie
Die Therapie des Nierenzellkarzinoms richtet sich nach Tumorstadium, Resektabilität, histologischem Subtyp, Allgemeinzustand, Nierenfunktion und metastatischem Risikoprofil. Bei lokal begrenztem Tumor ist die Operation kurativ intendiert. Leitlinien der EAU, der Deutschen S3-Leitlinie Nierenzellkarzinom und onkologischer Fachgesellschaften empfehlen bei T1-Tumoren, wenn technisch möglich, bevorzugt die partielle Nephrektomie (Nierenteilresektion), da sie onkologisch effektiv und nephronenschonend ist. Bei größeren oder ungünstig gelegenen Tumoren erfolgt eine radikale Nephrektomie. Bei venösem Tumorthrombus kann eine ausgedehnte Operation mit Thrombektomie notwendig werden.
Für ausgewählte Patienten mit kleinen Tumoren, meist < 4 cm, kommen alternativ infrage:
- Active Surveillance bei hohem Alter, Komorbidität oder begrenzter Lebenserwartung
- Thermoablation (Radiofrequenz- oder Kryoablation), insbesondere bei hohem Operationsrisiko
Eine adjuvante systemische Therapie war lange nicht Standard. Nach aktuellen Daten und Leitlinien kann bei ausgewählten Hochrisikopatienten nach Nephrektomie eine adjuvante Immuntherapie mit Pembrolizumab erwogen werden. Typische Dosierung: 200 mg i.v. alle 3 Wochen oder 400 mg i.v. alle 6 Wochen für bis zu 1 Jahr.
Beim metastasierten Nierenzellkarzinom hat sich die Erstlinientherapie in Richtung Immuncheckpoint-Inhibition und Kombinationen mit Tyrosinkinasehemmern verschoben. Je nach IMDC-Risikokategorie und Leitlinie kommen u. a. infrage:
- Nivolumab + Ipilimumab: Nivolumab 3 mg/kg plus Ipilimumab 1 mg/kg alle 3 Wochen für 4 Zyklen, danach Nivolumab-Erhaltung
- Pembrolizumab + Axitinib: Pembrolizumab 200 mg i.v. alle 3 Wochen, Axitinib 5 mg p.o. 2-mal täglich
- Pembrolizumab + Lenvatinib: Pembrolizumab 200 mg alle 3 Wochen, Lenvatinib 20 mg p.o. 1-mal täglich
- Nivolumab + Cabozantinib: Nivolumab 240 mg alle 2 Wochen oder 480 mg alle 4 Wochen, Cabozantinib 40 mg p.o. 1-mal täglich
Weitere Substanzen in späteren Linien sind unter anderem Cabozantinib, Tivozanib, Lenvatinib + Everolimus, Belzutifan und in Einzelfällen VEGF/VEGFR-Inhibitoren wie Sunitinib oder Pazopanib. Die zytotoxische Chemotherapie spielt beim klassischen RCC kaum eine Rolle. Eine zytoreduktive Nephrektomie wird heute selektiv und nicht mehr routinemäßig durchgeführt. Solitäre oder oligometastatische Herde können chirurgisch oder stereotaktisch behandelt werden.
Nebenwirkungen der modernen Therapie erfordern engmaschige Kontrolle: Immuntherapien können Autoimmuntoxizitäten verursachen, Tyrosinkinasehemmer häufig Hypertonie, Diarrhö, Hand-Fuß-Syndrom, Mukositis und Fatigue.
Merke: Bei lokalem RCC ist die partielle Nephrektomie Standard, beim metastasierten RCC sind heute meist Immuntherapie-basierte Kombinationen die Erstlinienbehandlung.
Prognose
Die Prognose des Nierenzellkarzinoms variiert erheblich und hängt in erster Linie vom Stadium bei Diagnosestellung ab. Kleine, organbegrenzte Tumoren haben eine deutlich bessere Prognose als lokal fortgeschrittene oder metastasierte Erkrankungen. Bei vollständig resezierten T1-Tumoren sind die onkologischen Ergebnisse insgesamt günstig; die 5-Jahres-Überlebensraten liegen stadienabhängig häufig bei über 80–90 %. Mit zunehmender Tumorgröße, Infiltration über die Niere hinaus, Lymphknotenbefall oder Fernmetastasen verschlechtert sich die Prognose signifikant.
Ungünstige prognostische Faktoren sind:
- fortgeschrittenes TNM-Stadium
- Fernmetastasen bei Diagnosestellung
- hoher histologischer Grad
- sarkomatoide oder rhabdoide Differenzierung
- Tumornekrosen
- reduzierter Allgemeinzustand
- Laborparameter wie Anämie, Hyperkalzämie oder erhöhte LDH
Im metastasierten Setting wird die Prognose häufig nach dem IMDC-Risikomodell eingeschätzt. Dieses berücksichtigt unter anderem Karnofsky-Performance-Status, Anämie, Hyperkalzämie, Neutrophilie, Thrombozytose und die Zeit von Diagnose bis systemischer Therapie. Mit modernen Immuntherapie- und TKI-Kombinationen haben sich Ansprechraten und Langzeitkontrolle deutlich verbessert; dennoch bleibt die metastasierte Erkrankung in vielen Fällen nicht dauerhaft heilbar.
Nach kurativer Therapie besteht ein Risiko für Rezidive, insbesondere in den ersten Jahren. Deshalb ist eine strukturierte Nachsorge mit klinischer Kontrolle, Nierenfunktionsmonitoring und stadiengerechter Bildgebung wichtig. Gleichzeitig beeinflussen nephronenschonende Verfahren und die Vermeidung unnötiger radikaler Resektionen die langfristige renale Prognose günstig.
Merke: Der wichtigste Prognosefaktor ist das Stadium; frühe, organbegrenzte Nierenzellkarzinome sind oft heilbar, metastasierte Tumoren benötigen eine langfristige systemische Therapie.
Prävention
Eine spezifische Primärprävention des Nierenzellkarzinoms existiert nicht, jedoch lassen sich mehrere modifizierbare Risikofaktoren beeinflussen. Die wichtigste präventive Maßnahme ist der Verzicht auf Tabakkonsum. Raucherentwöhnung senkt nicht nur das RCC-Risiko, sondern auch das Risiko zahlreicher weiterer Tumorerkrankungen und kardiovaskulärer Komplikationen. Ebenso relevant ist die Gewichtsnormalisierung bei Adipositas sowie eine gute Kontrolle der arteriellen Hypertonie.
Allgemein empfohlen werden:
- Rauchstopp
- regelmäßige körperliche Aktivität
- Normalisierung des BMI
- konsequente Blutdruckeinstellung
- Behandlung metabolischer Risikofaktoren
- Vermeidung unnötiger nephrotoxischer Expositionen
Für die Allgemeinbevölkerung gibt es derzeit kein etabliertes Screeningprogramm. Bei Patienten mit erblichen Tumorsyndromen wie dem Von-Hippel-Lindau-Syndrom sind jedoch strukturierte Überwachungsprogramme mit regelmäßiger Bildgebung sinnvoll und leitliniengerecht. Auch Dialysepatienten mit erworbener zystischer Nierenerkrankung profitieren von einer erhöhten diagnostischen Wachsamkeit.
Sekundärpräventiv ist die Nachsorge nach stattgehabtem RCC bedeutsam. Sie dient der frühzeitigen Erkennung von Lokalrezidiven, Metastasen und therapiebedingten Spätfolgen sowie der Überwachung der Nierenfunktion.
Merke: Die beste Prävention des Nierenzellkarzinoms besteht in der Reduktion modifizierbarer Risikofaktoren, insbesondere Nichtrauchen, Gewichtsreduktion und Blutdruckkontrolle.
Komplikationen
Das Nierenzellkarzinom kann sowohl durch lokales Wachstum als auch durch systemische Ausbreitung und Therapie erhebliche Komplikationen verursachen. Lokal kann es zu Makrohämaturie, Blutkoagelbildung mit Harnabflussstörung, Schmerzen und Infiltration benachbarter Strukturen kommen. Operativ besonders relevant ist die Ausdehnung in die Nierenvene und die Vena cava inferior mit Ausbildung eines Tumorthrombus. Dies erschwert das chirurgische Vorgehen erheblich und erhöht das Risiko perioperativer Komplikationen.
Fernmetastasen verursachen organspezifische Probleme:
- Lungenmetastasen mit Husten, Dyspnoe oder Pleuraerguss
- Knochenmetastasen mit starken Schmerzen, pathologischen Frakturen oder Rückenmarkskompression
- Hirnmetastasen mit Krampfanfällen, Kopfschmerzen und fokalneurologischen Ausfällen
- Lebermetastasen mit cholestatischen Beschwerden oder Leberfunktionsstörung
Paraneoplastische Komplikationen umfassen Hyperkalzämie, Anämie, Polyglobulie, Fieber, Gewichtsverlust und das Stauffer-Syndrom. Diese Symptome können die Lebensqualität stark beeinträchtigen und sind teilweise prognostisch ungünstig.
Auch die Therapie selbst ist mit Risiken verbunden. Nach Nephrektomie drohen Nachblutung, Infektion, Harnfistel, Verletzung benachbarter Organe und langfristig eine Verschlechterung der Nierenfunktion. Unter Tyrosinkinasehemmern treten häufig Hypertonie, Diarrhö, Fatigue, Mukositis und Hand-Fuß-Syndrom auf. Immuncheckpoint-Inhibitoren können immunvermittelte Nebenwirkungen wie Thyreoiditis, Pneumonitis, Hepatitis, Kolitis oder Hypophysitis verursachen und erfordern rasche Diagnostik sowie gegebenenfalls Glukokortikoide.
Merke: Klinisch besonders bedeutsam sind venöser Tumorthrombus, Fernmetastasen, paraneoplastische Syndrome und die mit modernen Systemtherapien assoziierten immunologischen bzw. vaskulären Nebenwirkungen.
Häufige Fragen
Ist ein Nierenzellkarzinom heilbar?
Ja, in frühen Stadien ist ein Nierenzellkarzinom oft heilbar, vor allem wenn der Tumor vollständig operativ entfernt werden kann. Bei metastasierter Erkrankung ist eine dauerhafte Heilung seltener, aber moderne Immuntherapien können die Krankheit oft über längere Zeit kontrollieren.
Welche Beschwerden macht Nierenkrebs am Anfang?
Häufig verursacht die Erkrankung zunächst gar keine Beschwerden und wird zufällig im Ultraschall oder CT entdeckt. Mögliche Warnzeichen sind Blut im Urin, Flankenschmerzen, Gewichtsverlust, Fieber oder anhaltende Müdigkeit.
Muss bei einem Nierentumor immer die ganze Niere entfernt werden?
Nein. Bei kleinen und günstig gelegenen Tumoren wird heute möglichst eine nierenerhaltende Operation durchgeführt, also nur der Tumor mit Sicherheitsrand entfernt. Die komplette Entfernung der Niere ist vor allem bei größeren oder ungünstig gelegenen Tumoren notwendig.
Quellen
- Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): S3-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Nierenzellkarzinoms, aktuelle Fassung
- European Association of Urology (EAU). Renal Cell Carcinoma Guidelines, aktuelle Ausgabe
- Campbell-Walsh-Wein Urology. 13th ed. Elsevier
- DeVita, Hellman, and Rosenberg’s Cancer: Principles & Practice of Oncology. 12th ed. Wolters Kluwer
- Motzer RJ, Jonasch E, et al. NCCN Clinical Practice Guidelines in Oncology: Kidney Cancer, aktuelle Version
- Ljungberg B, Albiges L, Bensalah K, et al. EAU Guidelines on Renal Cell Carcinoma. Eur Urol.
🔬 Prüfungsfragen zu Nierenzellkarzinom in Vorbereitung
Wir erstellen derzeit IMPP-nahe MC-Fragen zu diesem Thema. Registriere dich jetzt und erhalte als Erster Zugang.
Kostenlos registrieren & benachrichtigt werden 14 Tage kostenloser Vollzugang · Keine Kreditkarte