🧠 Neurologie ICD-10: G61.0

Guillain-Barré-Syndrom: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie

Guillain-Barré-Syndrom: Akute aufsteigende Lähmung erkennen. Ursachen, Diagnostik, Liquor, EMG und Therapie kompakt erklärt.

Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi
Arzt, Wissenschaftler & Gründer von SCIORA
24. März 2026 · 12 Min. Lesezeit · Aktualisiert: 24. März 2026 · Geprüft von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer
📋 Inhaltsverzeichnis

    Definition

    Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ist eine akut oder subakut einsetzende, immunvermittelte Polyradikuloneuropathie mit rasch progredienten, meist symmetrischen Paresen, abgeschwächten oder fehlenden Muskeleigenreflexen und variabler sensibler sowie autonomer Beteiligung. In Europa ist die akute inflammatorische demyelinisierende Polyradikuloneuropathie (AIDP) die häufigste Form; axonale Varianten wie AMAN und AMSAN kommen seltener vor, sind jedoch prognostisch relevant. Typisch ist ein Fortschreiten über Tage bis maximal 4 Wochen, häufig nach einem Infekt der Atemwege oder des Gastrointestinaltrakts.

    Die Erkrankung ist ein neurologischer Notfall, weil eine rasche Verschlechterung bis zur Ateminsuffizienz und schweren autonomen Dysregulation möglich ist. Die Diagnose stützt sich auf Klinik, Liquorbefund und elektrophysiologische Untersuchungen; die Therapie umfasst je nach Schweregrad vor allem intravenöse Immunglobuline (IVIG) oder Plasmapherese sowie engmaschiges Monitoring.

    Merke: Beim GBS gilt jede neu aufgetretene rasch progrediente, symmetrische Schwäche mit Areflexie bis zum Beweis des Gegenteils als behandlungsbedürftiger Notfall.

    Epidemiologie

    Das Guillain-Barré-Syndrom ist insgesamt selten, aber klinisch hochrelevant. Die jährliche Inzidenz liegt in Europa und Nordamerika meist bei etwa 1–2 pro 100.000 Personen, mit einem Anstieg im höheren Lebensalter auf bis zu 3–4 pro 100.000/Jahr. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen; das Verhältnis beträgt ungefähr 1,3–1,8 : 1. Die Erkrankung kann in jedem Alter auftreten, zeigt jedoch einen Häufigkeitsgipfel im Erwachsenenalter und bei älteren Menschen.

    In etwa 60–70 % der Fälle lässt sich anamnestisch ein vorausgehender Infekt in den 1–4 Wochen vor Symptombeginn erheben. Besonders relevant sind Campylobacter-jejuni-Enteritiden, aber auch Infektionen mit CMV, EBV, Mycoplasma pneumoniae, Influenza oder seltener Zika-Virus. Nach Campylobacter-Infektionen treten häufiger axonale Formen auf. Saisonale Schwankungen sind insgesamt gering, können jedoch je nach auslösendem Erreger regional variieren.

    Klinisch bedeutsam ist die Morbidität: Etwa 20–30 % der Patientinnen und Patienten benötigen im Verlauf eine Beatmung. Trotz moderner Intensivmedizin liegt die Letalität je nach Kohorte bei etwa 3–7 %. Rund 60–80 % erreichen langfristig eine gute funktionelle Erholung, während 15–20 % persistierende Paresen, Fatigue oder neuropathische Schmerzen behalten. Rückfälle sind selten und sprechen eher für verwandte Entitäten wie die CIDP.

    Merke: Obwohl GBS selten ist, gehört es zu den wichtigsten Ursachen einer akuten schlaffen Tetraparese im Erwachsenenalter.

    Ätiologie

    Die Ätiologie des Guillain-Barré-Syndroms ist immunologisch vermittelt und meist mit einem vorausgehenden Trigger assoziiert. In den meisten Fällen geht der Erkrankung ein respiratorischer oder gastrointestinaler Infekt voraus. Der am besten belegte Zusammenhang besteht mit Campylobacter jejuni; daneben spielen Cytomegalievirus, Epstein-Barr-Virus, Mycoplasma pneumoniae, Influenzaviren, Hepatitis-E-Virus und in bestimmten Regionen auch Zika-Virus eine Rolle. Seltener werden chirurgische Eingriffe, Traumata oder andere immunologische Stimuli als Auslöser diskutiert.

    Die Erkrankung ist nicht primär genetisch bedingt, wenngleich individuelle immunologische Suszeptibilitäten wahrscheinlich sind. Historisch wurden auch Impfungen als potenzielle Trigger untersucht. Das absolute Risiko eines GBS nach Impfung ist insgesamt sehr niedrig und liegt deutlich unter dem Risiko nach natürlicher Infektion, etwa bei Influenza oder COVID-19. In Leitlinien wird deshalb keine generelle Impfvermeidung empfohlen; vielmehr ist eine differenzierte Nutzen-Risiko-Abwägung notwendig.

    Pathophysiologisch zentral ist die Fehlsteuerung der Immunantwort gegen Bestandteile peripherer Nerven oder Myelinscheiden. Je nach Subtyp richten sich Antikörper und zelluläre Immunreaktionen bevorzugt gegen Schwann-Zellen, Myelin, Ranvier-Schnürringe oder Axolemmstrukturen. Bei axonalen Varianten wurden Antikörper gegen Ganglioside wie GM1, GD1a oder GQ1b beschrieben; Letztere sind besonders mit dem Miller-Fisher-Syndrom assoziiert.

    Merke: Häufigster auslösender Faktor ist ein Infekt 1–4 Wochen vor Symptombeginn; besonders wichtig ist Campylobacter jejuni.

    Pathogenese

    Die Pathogenese des Guillain-Barré-Syndroms beruht auf einer autoimmunen Attacke gegen das periphere Nervensystem. Das Leitschema ist die molekulare Mimikry: Antigene bestimmter Erreger ähneln strukturell Gangliosiden oder anderen Nervenbestandteilen, sodass nach Infektion gebildete Antikörper und aktivierte Immunzellen fälschlich gegen periphere Nerven gerichtet werden. Dadurch kommt es zu einer Entzündungsreaktion an Nervenwurzeln, Spinalganglien, peripheren Nerven und an der motorischen Endstrecke.

    Bei der in Europa häufigsten Form, der AIDP, stehen segmentale Demyelinisierung, endotheliale Aktivierung, Makrophageninfiltration und Schädigung von Schwann-Zellen im Vordergrund. Die Folge sind Leitungsverlangsamung, verlängerte distale Latenzen, F-Wellen-Störungen und Leitungsblöcke in der Elektroneurographie. Bei den axonalen Formen (AMAN, AMSAN) richtet sich der Angriff stärker gegen die Axonmembran im Bereich der Ranvier-Schnürringe, was zu einer teils schwereren und prolongierten Schwäche führen kann.

    Autonome Nervenfasern können ebenfalls betroffen sein. Daraus resultieren Herzrhythmusstörungen, Blutdruckschwankungen, gastrointestinale Motilitätsstörungen, Harnverhalt oder sudomotorische Störungen. Die Liquorveränderung mit Albuminozytologischer Dissoziation – erhöhtes Protein bei normaler oder nur gering erhöhter Zellzahl – reflektiert eine gestörte Blut-Nerven-Schranke und entzündliche Wurzelbeteiligung.

    Merke: Demyelinisierung verursacht vor allem Leitungsstörungen, axonale Schädigung eher langwierigere Defizite und oft eine ungünstigere funktionelle Erholung.

    Symptome

    Leitsymptom des Guillain-Barré-Syndroms ist eine rasch progrediente, symmetrische Muskelschwäche, die typischerweise distal beginnt und sich über Stunden bis Tage aufsteigend auf Beine, Arme und Rumpf ausbreitet. Häufig berichten Betroffene zunächst über Gangunsicherheit, Treppensteigeprobleme oder Schwierigkeiten beim Aufstehen. Fast regelhaft finden sich abgeschwächte oder erloschene Muskeleigenreflexe. Sensible Symptome sind oft vorhanden, stehen aber meist klinisch hinter der Schwäche zurück; typisch sind Parästhesien, Dysästhesien und distal betonte Taubheitsgefühle.

    Viele Patientinnen und Patienten klagen zu Beginn über Rücken-, Schulter- oder radikuläre Schmerzen. Hirnnervenbeteiligungen sind häufig, insbesondere eine uni- oder bilaterale Fazialisparese; auch bulbäre Symptome mit Dysarthrie, Dysphagie und abgeschwächtem Hustenstoß kommen vor. Beim Miller-Fisher-Syndrom dominieren Ophthalmoplegie, Ataxie und Areflexie.

    Klinisch besonders wichtig ist die autonome Dysfunktion. Sie tritt bei bis zu 50–70 % der Fälle auf und kann sich als Tachy- oder Bradykardie, Arrhythmie, Blutdrucklabiliät, orthostatische Hypotension, Harnverhalt, Obstipation oder Ileus zeigen. Etwa 20–30 % entwickeln eine relevante respiratorische Schwäche bis zur Beatmungspflicht. Warnzeichen sind eine rasche Progression, bulbäre Beteiligung, paradoxe Atmung, flacher Husten und abnehmende Vitalkapazität.

    Merke: Areflexie plus symmetrische Schwäche ist der klassische klinische Kernbefund; Schmerzen und autonome Symptome sind häufig und dürfen nicht als „atypisch“ fehlinterpretiert werden.

    Diagnostik

    Die Diagnostik des Guillain-Barré-Syndroms ist primär klinisch und muss rasch erfolgen, da der Verlauf innerhalb von Stunden bis Tagen eskalieren kann. Schlüsselbefunde sind subakut progrediente, symmetrische Paresen, meist beginnend an den Beinen, und verminderte oder fehlende Reflexe. Bereits bei Verdacht sind stationäre Aufnahme und engmaschiges Monitoring indiziert. Zur Basisdiagnostik gehören neurologischer Status, Hirnnervenprüfung, Atemfunktionsmonitoring, EKG-Überwachung und Labor zum Ausschluss von Differenzialdiagnosen.

    Der Liquor zeigt klassisch eine albuminozytologische Dissoziation mit erhöhtem Gesamteiweiß bei normaler oder nur leicht erhöhter Zellzahl; in der ersten Krankheitswoche kann der Liquor jedoch noch unauffällig sein. Eine Zellzahl von >50/µl spricht eher gegen ein typisches GBS und sollte an infektiöse oder andere entzündliche Ursachen denken lassen. Die Elektroneurographie/EMG ist für die Subtypisierung essenziell und zeigt bei AIDP demyelinisierende Muster mit verlangsamten Leitgeschwindigkeiten, verlängerten F-Wellen und Leitungsblöcken; axonale Formen weisen reduzierte Amplituden auf.

    Zur Überwachung der Atemfunktion sind Vitalkapazität, inspiratorische Kraft und klinische Zeichen der Erschöpfung entscheidend. Eine Vitalkapazität <20 ml/kg, ein rascher Abfall oder ausgeprägte bulbäre Symptome sind Alarmsignale. Eine MRT der Wirbelsäule kann Wurzelkontrastmittelaufnahme zeigen, dient aber vor allem dem Ausschluss anderer Ursachen. Diagnostische Orientierung bieten die Brighton-Kriterien; Goldstandard im engeren Sinn existiert nicht, die Diagnose ergibt sich aus Klinik plus Liquor plus Elektrophysiologie.

    Merke: Ein anfangs normaler Liquor oder initial noch uncharakteristische Neurographie schließt ein GBS nicht aus.

    Differentialdiagnosen

    Die wichtigsten Differentialdiagnosen betreffen andere Ursachen einer akuten schlaffen Lähmung oder einer rasch progredienten Tetraparese. Zentral ist die Abgrenzung zur akuten transversen Myelitis oder einer spinalen Kompression durch Bandscheibenvorfall, Epiduralabszess, Tumor oder Hämatom. Hinweise gegen GBS sind ein sensibles Niveau, ausgeprägte Pyramidenbahnzeichen, frühe Blasen-Mastdarm-Störung mit spinalem Muster oder pathologische Reflexsteigerung. Hier ist eine dringliche MRT der Wirbelsäule obligat.

    Neuromuskuläre Differentialdiagnosen sind die Myasthenia gravis und das botulinische Syndrom. Bei Myasthenie dominieren belastungsabhängige okulobulbäre Symptome ohne sensible Ausfälle und ohne Areflexie; beim Botulismus finden sich häufig Pupillenstörungen und ein eher descendierendes Muster. Eine critical illness neuropathy/myopathy ist im intensivmedizinischen Kontext relevant, entwickelt sich aber typischerweise nicht als initiale ambulante Akuterkrankung.

    Metabolische und toxische Ursachen umfassen Hypokaliämie, Porphyrie, Arsen- oder Organophosphatintoxikation sowie Diphenhydramin- oder Colchicin-Toxizität. Infektiöse und entzündliche DD sind Poliomyelitis, HIV/CMV-Polyradikulitis, Lyme-Neuroborreliose und Vaskulitis-Neuropathien. Ein chronischer oder schubweiser Verlauf über >8 Wochen spricht eher für eine CIDP oder eine akute Manifestation einer chronischen immunvermittelten Neuropathie.

    Merke: Bei jeder vermeintlichen GBS-Diagnose müssen Myelonläsion, respiratorische Myasthenie, Botulismus und schwere Elektrolytstörung aktiv ausgeschlossen werden.

    Therapie

    Das Guillain-Barré-Syndrom erfordert in der Regel eine stationäre, bei schwerem Verlauf intensivmedizinische Behandlung. Die kausale immunmodulatorische Standardtherapie besteht aus intravenösen Immunglobulinen (IVIG) oder Plasmapherese/Plasmaaustausch. Nach internationalen Leitlinien und deutschsprachiger Praxis ist IVIG mit 0,4 g/kgKG/Tag über 5 Tage ein etabliertes Regime. Alternativ kann eine Plasmapherese mit meist 4–6 Austauschen über 1–2 Wochen durchgeführt werden. Beide Verfahren sind in ihrer Wirksamkeit etwa gleichwertig; eine routinemäßige Kombination bringt keinen gesicherten Zusatznutzen. Glukokortikoide allein sind beim klassischen GBS nicht wirksam und werden nicht empfohlen.

    Ebenso wichtig wie die Immuntherapie ist die supportive Behandlung. Dazu gehören engmaschige Überwachung von Vitalkapazität, Blutgasen, Herzrhythmus und Blutdruck, Thromboseprophylaxe, Frühmobilisation, Schluckdiagnostik und konsequente Schmerztherapie. Neuropathische Schmerzen können z. B. mit Gabapentin 300 mg 1–3-mal täglich auftitriert, Pregabalin 25–75 mg 2-mal täglich auftitriert oder bei Bedarf Opioiden behandelt werden. Bei Beatmungsgefahr ist die Schwelle zur Verlegung auf eine Intensivstation niedrig.

    Physio-, Ergo- und Logopädie sind früh einzubinden. Bei autonomen Krisen sind individualisierte Maßnahmen erforderlich, z. B. vorsichtige Volumentherapie, Vasopressoren oder Antiarrhythmika unter Monitoring. Maßgeblich sind Empfehlungen der AWMF-Leitlinien zur Diagnostik und Therapie in der Neurologie sowie internationaler Leitlinien der EAN/PNS.

    Merke: IVIG oder Plasmapherese ja – Steroide allein nein. Die Prognose hängt wesentlich von konsequenter Überwachung und Komplikationsvermeidung ab.

    Prognose

    Die Prognose des Guillain-Barré-Syndroms ist insgesamt günstiger als die akute Dramatik des Krankheitsbildes vermuten lässt, bleibt aber heterogen. Der klinische Nadir wird typischerweise innerhalb von 2–4 Wochen erreicht; danach folgt meist eine Plateauphase und anschließend eine oft langsame Rekonvaleszenz über Monate. Etwa 60–80 % der Betroffenen erreichen innerhalb von 6–12 Monaten wieder eine weitgehend selbstständige Mobilität. Dennoch behalten 15–20 % relevante Residuen wie Fußheberparesen, Feinmotorikstörungen, Fatigue oder neuropathische Schmerzen.

    Ungünstige Prognosefaktoren sind höheres Alter, rasche Progression, frühzeitige Beatmungspflicht, ausgeprägte axonale Schädigung in der Neurographie, schwere bulbäre Beteiligung und niedrige motorische Summenscores zu Beginn. Bei schweren axonalen Verlaufsformen kann die funktionelle Erholung deutlich verzögert sein und über 1–3 Jahre andauern. Die Letalität liegt trotz moderner Behandlung bei etwa 3–7 %; Todesursachen sind vor allem Ateminsuffizienz, Sepsis, kardiale Arrhythmien und thromboembolische Komplikationen.

    Rezidive sind selten und betreffen nur einen kleinen Anteil der Patientinnen und Patienten, grob 2–5 %. Bei wiederholten Schüben oder Progredienz über mehr als 8 Wochen sollte die Diagnose kritisch überprüft und an CIDP gedacht werden. Für die Langzeitprognose entscheidend sind frühe Therapie, strukturierte Rehabilitation und realistische Aufklärung über den oft langsamen Erholungsverlauf.

    Merke: Viele Patientinnen und Patienten erholen sich gut, aber die Rekonvaleszenz ist oft langwierig und Residuen sind nicht selten.

    Prävention

    Eine spezifische Primärprävention des Guillain-Barré-Syndroms existiert nicht. Da die Erkrankung häufig postinfektiös auftritt, ist die allgemeine Infektprävention von Bedeutung: sorgfältige Lebensmittelhygiene zur Reduktion von Campylobacter-Infektionen, konsequente Händehygiene und leitliniengerechter Impfschutz gegen impfpräventable Erkrankungen. Ein genereller Verzicht auf Impfungen ist nicht angezeigt, da das Risiko eines GBS nach natürlicher Infektion in der Regel höher ist als nach Impfung.

    Für bereits erkrankte Patientinnen und Patienten steht die Sekundärprävention von Komplikationen im Vordergrund. Dazu zählen frühe Erkennung respiratorischer Verschlechterung, Thromboseprophylaxe, Dekubitusprophylaxe, konsequente Atemtherapie und frührehabilitative Maßnahmen. Nach durchgemachtem GBS sollte bei zukünftigen Impfentscheidungen eine individuelle ärztliche Risiko-Nutzen-Abwägung erfolgen, besonders wenn ein enger zeitlicher Zusammenhang zu einer früheren Impfung vermutet wurde.

    Merke: Wichtiger als eine kaum mögliche Primärprävention ist beim GBS die frühe Komplikationsprophylaxe im stationären Setting.

    Komplikationen

    Die Komplikationen des Guillain-Barré-Syndroms sind der Hauptgrund für die hohe klinische Dringlichkeit. Die gefährlichste Komplikation ist die respiratorische Insuffizienz infolge Zwerchfell- und Atemhilfsmuskelschwäche; sie betrifft etwa 20–30 % der Patientinnen und Patienten und kann eine invasive Beatmung erforderlich machen. Frühzeichen sind flache Atmung, abgeschwächter Husten, nächtliche Hypoventilation, fallende Vitalkapazität und bulbäre Dysfunktion mit Aspirationsrisiko.

    Ebenfalls häufig und potenziell lebensbedrohlich ist die autonome Dysfunktion. Sie kann zu massiver Blutdrucklabilität, Brady- oder Tachyarrhythmien, Asystolien, Synkopen und plötzlichem Herztod führen. Weitere Komplikationen sind Aspirationspneumonie, Sekundärinfektionen, Harnverhalt, paralytischer Ileus und ausgeprägte neuropathische Schmerzen. Bei Immobilität drohen tiefe Venenthrombosen und Lungenembolien; daher ist eine konsequente Thromboseprophylaxe obligat.

    Im Langzeitverlauf sind funktionelle Restdefizite, Kontrakturen, Muskelatrophie, Fatigue sowie psychische Belastungen wie Angst und depressive Symptome relevant. Auf der Intensivstation kommen zusätzliche Risiken wie Dekubitus, Delir und ventilatorassoziierte Pneumonien hinzu. Prognostisch besonders ungünstig sind schwere axonale Schäden und prolongierte Beatmung.

    Merke: Die akute Gefahr beim GBS entsteht weniger durch die Lähmung selbst als durch Atemversagen und autonome Entgleisungen.

    Häufige Fragen

    Ist das Guillain-Barré-Syndrom heilbar?

    Viele Betroffene erholen sich im Verlauf gut, oft aber erst über Wochen bis Monate. Trotz wirksamer Behandlung können Restbeschwerden wie Müdigkeit, Schmerzen oder leichte Lähmungen bestehen bleiben.

    Muss man mit Guillain-Barré immer auf die Intensivstation?

    Nicht jede Patientin und nicht jeder Patient benötigt eine Intensivstation, aber eine stationäre Überwachung ist fast immer sinnvoll. Bei Atemschwäche, Schluckstörungen, rascher Verschlechterung oder autonomen Kreislaufproblemen ist eine intensivmedizinische Behandlung notwendig.

    Kann Guillain-Barré nach einem Infekt auftreten?

    Ja. Häufig beginnt das Syndrom 1 bis 4 Wochen nach einem Magen-Darm- oder Atemwegsinfekt. Besonders bekannt ist der Zusammenhang mit Campylobacter-Infektionen, aber auch andere Erreger kommen infrage.

    Quellen

    1. S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie in der Neurologie: Guillain-Barré-Syndrom, Miller-Fisher-Syndrom und andere akute immunvermittelte Neuropathien, Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN/AWMF), aktuelle Fassung
    2. van Doorn PA. Diagnosis, treatment and prognosis of Guillain-Barré syndrome (Nature Reviews Neurology, 2013)
    3. Willison HJ, Jacobs BC, van Doorn PA. Guillain-Barré syndrome. Lancet. 2016;388:717-727
    4. Leonhard SE, Mandarakas MR, Gondim FAA, et al. Diagnosis and management of Guillain-Barré syndrome in ten steps. Nature Reviews Neurology. 2019;15:671-683
    5. Ropper AH, Samuels MA, Klein JP. Adams and Victor's Principles of Neurology. McGraw-Hill, aktuelle Auflage
    6. Masuhr KF, Neumann M. Duale Reihe Neurologie. Thieme, aktuelle Auflage
    Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel wurde von Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi verfasst und von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer fachlich geprüft, zuletzt aktualisiert am 24. März 2026. Er dient der fachlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

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