🦴 Rheumatologie ICD-10: M35.3

Polymyalgia rheumatica: Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie

Die Polymyalgia rheumatica (PMR) ist eine entzündlich-rheumatische Erkrankung des höheren Lebensalters, die klinisch vor allem durch beidseitige.

Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi
Arzt, Wissenschaftler & Gründer von SCIORA
1. April 2026 · 12 Min. Lesezeit · Aktualisiert: 1. April 2026 · Geprüft von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer
📋 Inhaltsverzeichnis

    Definition

    Die Polymyalgia rheumatica (PMR) ist eine entzündlich-rheumatische Erkrankung des höheren Lebensalters, die klinisch vor allem durch beidseitige Schmerzen und ausgeprägte Morgensteifigkeit im Schulter- und/oder Beckengürtel gekennzeichnet ist. Typisch sind stark erhöhte Entzündungsparameter, ein rasches Ansprechen auf Glukokortikoide und das Fehlen einer primär erosiven Arthritis. Pathophysiologisch besteht eine enge Beziehung zur Riesenzellarteriitis (Giant Cell Arteritis, GCA), mit der PMR in einem Krankheitsspektrum großer Gefäßentzündungen gesehen wird.

    Die Diagnose ist klinisch und wird durch Labor, Sonographie und den Ausschluss wichtiger Differentialdiagnosen gestützt. Wegweisend sind die EULAR/ACR-Klassifikationskriterien sowie aktuelle rheumatologische Leitlinien, wobei die Klassifikation nicht mit einer gesicherten Individualdiagnose gleichzusetzen ist.

    Merke: Bei jeder PMR müssen aktiv Symptome einer Riesenzellarteriitis erfragt werden, insbesondere neue Kopfschmerzen, Kauschmerzen, Sehstörungen oder Druckschmerz der A. temporalis, da unbehandelt irreversible Erblindung drohen kann.

    Epidemiologie

    Die Polymyalgia rheumatica ist eine der häufigsten entzündlich-rheumatischen Erkrankungen im höheren Lebensalter. Fast ausschließlich sind Menschen über 50 Jahre betroffen; der Erkrankungsgipfel liegt meist zwischen dem 70. und 80. Lebensjahr. Frauen erkranken etwa 2- bis 3-mal häufiger als Männer. In nordeuropäischen Populationen ist die Erkrankung besonders häufig. Die jährliche Inzidenz wird in Europa und Nordamerika meist mit etwa 40 bis 100 pro 100.000 Personen über 50 Jahre angegeben, in skandinavischen Populationen teils noch höher. Die Lebenszeitprävalenz liegt je nach Region ungefähr bei 0,5 bis 1 % der älteren Bevölkerung.

    Klinisch bedeutsam ist die enge Verknüpfung mit der Riesenzellarteriitis: Etwa 15 bis 20 % der Patientinnen und Patienten mit PMR entwickeln im Verlauf eine klinisch manifeste Riesenzellarteriitis. Umgekehrt finden sich bei etwa 40 bis 60 % der Patienten mit Riesenzellarteriitis PMR-Symptome. Diese Überlappung hat unmittelbare Konsequenzen für Diagnostik und Therapie, weil eine GCA notfallmäßiges Handeln erfordert.

    Ethnische und geographische Unterschiede sprechen für genetische Einflüsse, unter anderem Assoziationen mit HLA-DRB1-Varianten. In hausärztlichen und internistisch-rheumatologischen Settings ist PMR eine häufige Ursache für neu aufgetretene Schulter- und Hüftgürtelschmerzen mit Entzündungszeichen bei älteren Menschen.

    Merke: Eine neu aufgetretene symmetrische Schultergürtel-Symptomatik mit Morgensteifigkeit bei Patientinnen oder Patienten über 50 Jahren ist so lange PMR-verdächtig, bis eine bessere Erklärung gefunden wurde.

    Ätiologie

    Die Ätiologie der Polymyalgia rheumatica ist nicht vollständig geklärt. Nach heutigem Verständnis handelt es sich um eine immunvermittelte entzündliche Erkrankung, bei der genetische Prädisposition, altersassoziierte Veränderungen des Immunsystems und Umweltfaktoren zusammenwirken. Eine zentrale Rolle scheint die Aktivierung des angeborenen und adaptiven Immunsystems mit Freisetzung proinflammatorischer Zytokine zu spielen, insbesondere Interleukin-6 (IL-6), daneben vermutlich IL-1 und TNF-α. Der deutliche Anstieg von BSG und CRP sowie das gute Ansprechen auf Glukokortikoide stützen dieses Konzept.

    Genetisch wurden Assoziationen mit HLA-Klasse-II-Allelen, insbesondere HLA-DRB1, beschrieben. Die Erkrankungshäufung in Nordeuropa und bei Menschen skandinavischer Abstammung spricht ebenfalls für eine genetische Komponente. Darüber hinaus wird diskutiert, dass infektiöse Trigger oder saisonale Faktoren immunologische Prozesse anstoßen könnten; ein konsistenter kausaler Erregernachweis existiert jedoch nicht. Impfassoziierte Einzelfallberichte wurden publiziert, erlauben aber keine generelle Kausalitätsaussage.

    Wichtig ist die Abgrenzung zu Erkrankungen, die PMR imitieren, etwa seronegative rheumatoide Arthritis, Myositiden, Hypothyreose, Paraneoplasien oder degenerative Schultererkrankungen. Diese Differenzialdiagnosen sind ätiologisch eigenständig und dürfen nicht mit einer PMR verwechselt werden. Auch die enge Verbindung zur Riesenzellarteriitis ist ätiologisch relevant: Beide Erkrankungen werden häufig als Spektrum derselben immunologisch vermittelten Entzündung betrachtet, wobei bei der GCA zusätzlich eine granulomatöse Gefäßwandentzündung großer und mittelgroßer Arterien im Vordergrund steht.

    Merke: PMR ist keine primäre Muskelerkrankung; die Schmerzen entstehen überwiegend durch entzündete periartikuläre Strukturen wie Bursen, Sehnenscheiden und Gelenkkapseln.

    Pathogenese

    Pathogenetisch steht bei der Polymyalgia rheumatica eine systemische Entzündungsreaktion mit besonderer Beteiligung periartikulärer Strukturen im Schulter- und Beckengürtel im Vordergrund. Bildgebende Untersuchungen, vor allem Ultraschall, MRT und FDG-PET/CT, zeigen häufig subakromiale/subdeltoide Bursitiden, Bizeps-Tenosynovitiden, Glenohumeral-Synovitiden, Trochanterbursitiden und Hüftsynovitiden. Diese entzündlichen Veränderungen erklären die typischen Schmerzen und die erhebliche Morgensteifigkeit besser als eine primäre Myositis, zumal die Kreatinkinase in der Regel normal ist.

    Immunologisch findet sich eine Aktivierung dendritischer Zellen, Makrophagen und T-Zell-vermittelter Signalwege mit vermehrter Produktion von IL-6, das eng mit Krankheitsaktivität und Akutphase-Reaktion korreliert. Diese Zytokinlage trägt zu Allgemeinsymptomen wie Fatigue, subfebrilen Temperaturen, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust bei. Die ausgeprägte Erhöhung von CRP und BSG ist Ausdruck dieser systemischen Entzündung.

    Die Überschneidung mit der Riesenzellarteriitis ist pathogenetisch bedeutsam. Bei einem Teil der PMR-Patienten lässt sich in der Bildgebung eine subklinische Großgefäßvaskulitis nachweisen, auch wenn typische kranielle Symptome fehlen. Dies unterstützt das Konzept eines gemeinsamen Krankheitskontinuums. Klinisch folgt daraus, dass bei PMR-Symptomen stets auf Gefäßmanifestationen geachtet werden muss.

    Das oft dramatisch rasche Ansprechen auf niedrig dosierte Glukokortikoide ist charakteristisch, aber nicht pathognomonisch. Es reflektiert die hohe Steroidsensitivität der zugrunde liegenden Entzündung. Ein atypischer Verlauf, fehlende Besserung binnen weniger Tage oder ein persistierend hoher Steroidbedarf sollten deshalb immer Anlass geben, die Diagnose kritisch zu überprüfen.

    Merke: Die PMR verursacht typischerweise Schmerz und Steifigkeit durch Bursitis/Synovitis, nicht durch Muskelfasernekrose; eine normale CK passt daher gut zur Diagnose.

    Symptome

    Leitsymptome der Polymyalgia rheumatica sind beidseitige Schmerzen und eine ausgeprägte Morgensteifigkeit im Schultergürtel, häufig zusätzlich im Nacken und Beckengürtel. Die Morgensteifigkeit dauert typischerweise mehr als 45 Minuten, oft sogar mehrere Stunden. Viele Betroffene berichten, dass alltägliche Aktivitäten wie Ankleiden, Haare kämmen, Aufstehen aus dem Stuhl oder Umdrehen im Bett plötzlich stark erschwert sind. Die Schmerzen sind eher tief sitzend und diffus, nicht selten nächtlich betont.

    Begleitsymptome sind Fatigue, allgemeines Krankheitsgefühl, subfebrile Temperaturen, Appetitlosigkeit und ungewollter Gewichtsverlust. Eine manifeste Muskelschwäche im neurologischen Sinn steht hingegen nicht im Vordergrund; häufig wird eine "Schwäche" beschrieben, die in Wahrheit schmerz- und steifigkeitsbedingt ist. Periphere Gelenkbeschwerden können vorkommen, etwa an Handgelenken oder Knien, sollten jedoch bei dominanter Ausprägung an alternative Diagnosen denken lassen.

    Besondere Aufmerksamkeit gilt Warnsymptomen einer assoziierten Riesenzellarteriitis. Dazu gehören neu aufgetretene temporale oder okzipitale Kopfschmerzen, Kauschmerz (Claudicatio masticatoria), Berührungsschmerz der Kopfhaut, Doppelbilder, Visusminderung, Amaurosis fugax sowie Allgemeinsymptome mit starker Entzündungsaktivität. Diese Konstellation ist ein rheumatologischer und internistischer Notfall.

    Klinisch finden sich bei PMR oft schmerzhafte Bewegungseinschränkungen der Schultern und Hüften, jedoch keine ausgeprägten Gelenkschwellungen wie bei klassischer rheumatoider Arthritis. Die körperliche Untersuchung sollte immer auch eine orientierende Gefäßuntersuchung, Palpation der A. temporalis und eine neurologische Einschätzung umfassen.

    Merke: Typisch für PMR ist nicht die isolierte Schmerzintensität, sondern die Kombination aus symmetrischem Schulter-/Hüftgürtelschmerz, langer Morgensteifigkeit und systemischer Entzündungsaktivität.

    Diagnostik

    Die Diagnose der Polymyalgia rheumatica beruht auf Anamnese, klinischer Untersuchung, Entzündungsparametern, Bildgebung und dem Ausschluss wichtiger Differentialdiagnosen. Ein einzelner beweisender Test existiert nicht. Typisch sind ein Erkrankungsbeginn über 50 Jahre, bilaterale Schulterbeschwerden, Morgensteifigkeit über 45 Minuten und erhöhte BSG und/oder CRP. Häufig liegt die BSG bei > 40 mm/h, teils deutlich darüber; das CRP ist meist klar erhöht. Allerdings können in einer kleinen Minderheit die Entzündungswerte normal oder nur diskret erhöht sein.

    Im Labor sollten neben BSG und CRP ein Blutbild, Leber- und Nierenwerte, CK, TSH sowie je nach Konstellation Rheumafaktoren und ACPA bestimmt werden. Eine normwertige CK spricht gegen eine entzündliche Myopathie. Häufig finden sich eine normozytäre Anämie und Thrombozytose als Entzündungszeichen. Der Ultraschall der Schultern und Hüften ist besonders wertvoll; typische Befunde sind subdeltoide Bursitis, Bizeps-Tenosynovitis, Glenohumeral- oder Hüftsynovitis sowie Trochanterbursitis. Diese Befunde sind in die 2012 ACR/EULAR-Klassifikationskriterien eingeflossen.

    Bei Verdacht auf Riesenzellarteriitis sind sofortige weiterführende Untersuchungen erforderlich: Duplexsonographie der Temporalarterien und gegebenenfalls axillären Arterien, bei unklaren Fällen MRT/MRA, CT-Angiographie oder FDG-PET/CT. Die Temporalarterienbiopsie ist bei kranieller GCA weiterhin ein wichtiger Referenztest, jedoch nicht für die isolierte PMR. Ein therapeutischer Test mit Prednisolon kann die Diagnose unterstützen, ersetzt aber keine strukturierte Abklärung. Eine fehlende deutliche Besserung innerhalb weniger Tage unter z. B. 12,5 bis 25 mg Prednisolon/Tag macht eine reine PMR weniger wahrscheinlich.

    Merke: Der diagnostische "Goldstandard" für die isolierte PMR existiert nicht; bei Verdacht auf begleitende GCA sind Gefäßbildgebung und ggf. Biopsie entscheidend.

    Differentialdiagnosen

    Die wichtigste Aufgabe in der Diagnostik ist die Abgrenzung gegenüber Erkrankungen, die eine PMR klinisch imitieren. An erster Stelle steht die seronegative rheumatoide Arthritis des höheren Lebensalters (EORA). Hinweise hierauf sind persistierende Synovitiden kleiner Gelenke, erosive Veränderungen und eine weniger typische Schulter-/Hüftgürtelbetonung. Auch Kristallarthropathien, insbesondere CPPD mit Schulter- oder Handgelenkbeteiligung, können ein PMR-ähnliches Bild verursachen.

    Ebenso relevant sind entzündliche Myopathien wie Polymyositis oder immunvermittelte nekrotisierende Myopathien. Hier sprechen eine objektivierbare Muskelschwäche, erhöhte CK, Myalgien mit Belastungsintoleranz sowie EMG-/MRT- oder Biopsiebefunde gegen PMR. Hypothyreose, Vitamin-D-Mangel, Fibromyalgie und generalisierte Arthrose können ebenfalls diffuse Schmerzen und Steifigkeit verursachen, zeigen jedoch typischerweise keine ausgeprägte Akutphase-Reaktion. Degenerative Schultererkrankungen wie Rotatorenmanschettenläsionen oder Adhesive Capsulitis sind meist lokalisierter und nicht systemisch entzündlich.

    Besonders wichtig ist der Ausschluss von Infektionen und Malignomen. Endokarditis, Spondylodiszitis, okkulte bakterielle Infektionen oder Tumorerkrankungen können mit Gewichtsverlust, erhöhtem CRP und Allgemeinsymptomen imponieren. Paraneoplastische Syndrome müssen vor allem bei atypischem Verlauf, fehlendem Steroidansprechen oder auffälligen Organbefunden bedacht werden. Ferner sollte an Riesenzellarteriitis selbst gedacht werden, wenn neben PMR-Symptomen Kopfschmerzen, Kauschmerz oder Sehstörungen bestehen.

    Praktisch gilt: Atypische Manifestationen wie Erkrankungsbeginn unter 50 Jahren, asymmetrische Beschwerden, normale Entzündungswerte bei ausgeprägter Symptomatik, hohe Glukokortikoidbedarfe oder fehlendes rasches Ansprechen sind Warnzeichen gegen eine unkomplizierte PMR.

    Merke: Eine scheinbar typische PMR, die auf Standarddosen von Glukokortikoiden nicht rasch anspricht, ist so lange eine Differentialdiagnose, bis das Gegenteil bewiesen ist.

    Therapie

    Die Therapie der Polymyalgia rheumatica orientiert sich an aktuellen Empfehlungen von EULAR/ACR sowie nationalen rheumatologischen Leitlinien. Mittel der ersten Wahl sind Glukokortikoide. Bei isolierter PMR wird in der Regel Prednisolon 12,5 bis 25 mg/Tag p.o. eingesetzt; viele Patientinnen und Patienten sprechen auf 15 mg/Tag innerhalb von 24 bis 72 Stunden deutlich an. Eine zu hohe Initialdosis sollte vermieden werden, weil sie Nebenwirkungen erhöht und Differentialdiagnosen maskieren kann. Nach klinischer Besserung und Rückgang von CRP/BSG erfolgt eine langsame Dosisreduktion, z. B. auf 10 mg/Tag innerhalb von 4 bis 8 Wochen und anschließend in kleinen Schritten von 1 mg alle 4 bis 8 Wochen, angepasst an Symptome und Entzündungsparameter. Die Gesamtdauer der Therapie liegt häufig bei 12 bis 24 Monaten, nicht selten länger.

    Bei Rezidiven wird meist auf die zuletzt wirksame Dosis zurückgegangen oder moderat erhöht. Zur Steroidersparnis kann insbesondere bei rezidivierendem Verlauf oder hohem Nebenwirkungsrisiko Methotrexat eingesetzt werden, typischerweise 7,5 bis 15 mg einmal wöchentlich, oft mit Folsäure 5 mg/Woche am Folgetag. Zunehmend wird auch Tocilizumab diskutiert; es ist bei GCA etabliert und kann in ausgewählten refraktären PMR-Fällen sinnvoll sein, wobei Zulassungsstatus und nationale Empfehlungen zu beachten sind.

    Begleitend sind Osteoporoseprophylaxe und kardiometabolisches Nebenwirkungsmanagement essenziell: ausreichende Calciumzufuhr, Vitamin D (z. B. 800 bis 1.000 I.E./Tag), Frakturrisikobewertung und bei erhöhtem Risiko ein Bisphosphonat wie Alendronat 70 mg 1-mal/Woche. Blutdruck, Blutzucker, Gewicht und Infektionsrisiko sollten regelmäßig kontrolliert werden. Nichtsteroidale Antirheumatika sind höchstens adjuvant, aber keine Primärtherapie.

    Bei Verdacht auf Riesenzellarteriitis muss unverzüglich höher dosiert behandelt werden, z. B. Prednisolon 40 bis 60 mg/Tag; bei akuter Visusbeteiligung sind meist Methylprednisolon 500 bis 1.000 mg i.v./Tag für 3 Tage indiziert. Parallel erfolgt die dringliche Gefäßdiagnostik.

    Merke: Eine PMR wird mit niedrig dosierten Glukokortikoiden behandelt; bei Verdacht auf Riesenzellarteriitis gelten dagegen höhere Dosen und Notfallcharakter.

    Prognose

    Die Prognose der Polymyalgia rheumatica ist insgesamt gut, sofern die Erkrankung früh erkannt, korrekt von Differentialdiagnosen abgegrenzt und leitliniengerecht behandelt wird. Unter Glukokortikoiden bessern sich Schmerzen und Morgensteifigkeit häufig innerhalb weniger Tage eindrucksvoll. Viele Patientinnen und Patienten erreichen im Verlauf eine stabile Remission, allerdings sind Rezidive häufig. Je nach Kollektiv und Nachbeobachtungsdauer treten Rückfälle bei etwa 30 bis 50 % der Betroffenen auf, besonders während der Dosisreduktion unter 10 mg Prednisolon/Tag oder nach zu raschem Ausschleichen.

    Die Langzeitprognose wird weniger durch die PMR selbst als durch zwei Faktoren bestimmt: erstens durch eine übersehene oder später auftretende Riesenzellarteriitis, zweitens durch die Nebenwirkungen der Langzeit-Glukokortikoidtherapie. Zu Letzteren gehören Osteoporose, Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie, Katarakt, Gewichtszunahme, Hautatrophie und erhöhte Infektanfälligkeit. Deshalb sind strukturierte Verlaufskontrollen essenziell. Ein persistierend hoher Steroidbedarf oder wiederholte Schübe sprechen für einen komplizierten Verlauf und sollten zur Reevaluation der Diagnose sowie zur Erwägung steroid-sparender Strategien führen.

    Ungünstige Prognosemarker sind nicht einheitlich definiert, umfassen aber hohe Entzündungsaktivität, frühe Rezidive, Begleitmanifestationen einer GCA und relevante Komorbiditäten. Unter adäquater Behandlung ist die funktionelle Erholung meist gut, und viele Patientinnen und Patienten können ihre Alltagsaktivitäten wieder vollständig aufnehmen. Wichtig bleibt jedoch die langfristige ärztliche Begleitung, da Rückfälle auch nach längeren stabilen Phasen auftreten können.

    Merke: Die PMR selbst ist meist gut kontrollierbar; prognostisch entscheidend sind Rezidive, Steroidnebenwirkungen und das rechtzeitige Erkennen einer Riesenzellarteriitis.

    Prävention

    Eine spezifische Primärprävention der Polymyalgia rheumatica ist derzeit nicht bekannt, da die genaue Ursache ungeklärt ist und keine gesicherten modifizierbaren Risikofaktoren existieren. Das Erkrankungsalter und die genetische Prädisposition sind nicht beeinflussbar. Präventiv im weiteren Sinn ist jedoch die frühe Erkennung: Bei neu aufgetretenen symmetrischen Schulter- oder Hüftgürtelschmerzen mit Morgensteifigkeit bei Personen über 50 Jahren sollte frühzeitig an PMR gedacht und eine rheumatologische Abklärung veranlasst werden.

    Besonders wichtig ist die Sekundärprävention von Komplikationen der Therapie. Vor Beginn und während einer Glukokortikoidbehandlung sollten Osteoporoserisiko, Impfstatus, Blutdruck, Blutzucker und kardiovaskuläre Risikofaktoren überprüft werden. Empfohlen sind ausreichende Bewegung, Sturzprophylaxe, Nikotinverzicht, moderater Alkoholkonsum und eine ausreichende Calcium- und Vitamin-D-Zufuhr. Bei erhöhtem Frakturrisiko ist eine knochenschützende Therapie leitliniengerecht einzuleiten.

    Schließlich gehört zur Prävention schwerer Verläufe die konsequente Aufklärung über Warnsymptome einer Riesenzellarteriitis. Neue Kopfschmerzen, Sehstörungen oder Kauschmerzen müssen sofort medizinisch abgeklärt werden.

    Merke: Vorbeugbar ist PMR kaum, aber ihre Folgeschäden und die Komplikationen der Steroidtherapie lassen sich durch frühe Diagnose und engmaschige Kontrolle deutlich reduzieren.

    Komplikationen

    Die wichtigsten Komplikationen der Polymyalgia rheumatica ergeben sich zum einen aus der Krankheit selbst, zum anderen aus ihrer Therapie. Die klinisch gefährlichste krankheitsassoziierte Komplikation ist die Riesenzellarteriitis. Wird diese nicht rechtzeitig erkannt, drohen ischämische Augenkomplikationen bis hin zur irreversiblen Erblindung, seltener auch zerebrovaskuläre Ereignisse oder Aortenkomplikationen. Deshalb ist die aktive Suche nach GCA-Symptomen bei jeder Verlaufskontrolle obligat.

    Weitere Probleme sind funktionelle Einschränkungen im Alltag mit Immobilität, Schlafstörungen, Muskelabbau durch Inaktivität und Verlust an Selbstständigkeit, insbesondere bei älteren Menschen mit Komorbiditäten. Ein chronisch aktiver oder wiederholt rezidivierender Verlauf kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.

    Sehr bedeutsam sind die Nebenwirkungen der Langzeit-Glukokortikoidtherapie. Dazu zählen Osteopenie/Osteoporose mit Frakturrisiko, Diabetes mellitus, Verschlechterung einer arteriellen Hypertonie, Katarakt, Glaukom, Hautfragilität, proximale Steroidmyopathie, Stimmungsschwankungen und Infektanfälligkeit. Das Risiko steigt mit Dosis und Therapiedauer; bei älteren Patientinnen und Patienten sind diese Effekte besonders relevant. Daher sollten Verlaufskontrollen standardisiert erfolgen und steroid-sparende Strategien früh erwogen werden, wenn das Rezidivrisiko hoch ist.

    Ein weiteres Problem ist die Fehldiagnose. Wird eine paraneoplastische Erkrankung, eine Infektion oder eine rheumatoide Arthritis fälschlich als PMR behandelt, kann eine initiale unspezifische Besserung unter Steroiden die richtige Diagnose verzögern. Aus diesem Grund ist eine wiederholte diagnostische Reevaluation bei atypischem Verlauf essenziell.

    Merke: Die schwerste Komplikation im PMR-Spektrum ist nicht der Schulterschmerz, sondern die übersehene Riesenzellarteriitis mit Erblindungsrisiko.

    Häufige Fragen

    Ist Polymyalgia rheumatica eine Muskelkrankheit?

    Nicht im eigentlichen Sinn. Obwohl Betroffene starke Muskel- und Gliederschmerzen verspüren, liegt die Entzündung meist in gelenknahen Strukturen wie Schleimbeuteln und Sehnenscheiden, nicht in den Muskelfasern selbst. Deshalb ist die Kreatinkinase im Blut meist normal.

    Wie schnell wirkt Prednisolon bei Polymyalgia rheumatica?

    Oft sehr schnell: Viele Patientinnen und Patienten berichten innerhalb von 1 bis 3 Tagen über eine deutliche Besserung von Schmerzen und Morgensteifigkeit. Bleibt dieser Effekt aus, sollte die Diagnose noch einmal kritisch überprüft werden.

    Kann Polymyalgia rheumatica wieder verschwinden?

    Ja, viele Betroffene erreichen unter Behandlung eine Remission. Allerdings sind Rückfälle häufig, besonders beim Ausschleichen der Kortisontherapie, weshalb regelmäßige Kontrollen wichtig sind.

    Quellen

    1. Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh). Empfehlungen/Leitlinien zur Polymyalgia rheumatica und Riesenzellarteriitis.
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    3. Dasgupta B, Cimmino MA, Maradit-Kremers H, et al. 2012 provisional classification criteria for polymyalgia rheumatica: ACR/EULAR collaborative initiative. Ann Rheum Dis. 2012;71:484-492.
    4. Hellmich B, Agueda A, Monti S, et al. 2018 Update of the EULAR recommendations for the management of large vessel vasculitis. Ann Rheum Dis. 2020;79:19-30.
    5. Firestein & Kelley’s Textbook of Rheumatology. 11. Auflage. Elsevier.
    6. Harrison’s Principles of Internal Medicine. 21. Auflage. McGraw-Hill.
    Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel wurde von Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi verfasst und von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer fachlich geprüft, zuletzt aktualisiert am 1. April 2026. Er dient der fachlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

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