🎗️ Onkologie ICD-10: C92.1

Chronische myeloische Leukämie (CML): Ursachen, Symptome, Diagnostik & Therapie

Chronische myeloische Leukämie: Definition, BCR-ABL1, Symptome, Diagnostik und Therapie mit Tyrosinkinasehemmern kompakt erklärt.

Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi
Arzt, Wissenschaftler & Gründer von SCIORA
24. März 2026 · 12 Min. Lesezeit · Aktualisiert: 24. März 2026 · Geprüft von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer
📋 Inhaltsverzeichnis

    Definition

    Die chronische myeloische Leukämie (CML) ist eine klonale myeloproliferative Neoplasie der hämatopoetischen Stammzelle, die in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle durch das BCR::ABL1-Fusionsgen infolge der Translokation t(9;22)(q34;q11) mit Bildung des Philadelphia-Chromosoms charakterisiert ist. Pathophysiologisch führt die konstitutiv aktive Tyrosinkinase zu gesteigerter Proliferation myeloischer Vorläuferzellen, verminderter Apoptose und einer typischen peripheren Leukozytose mit Linksverschiebung. Klinisch verläuft die Erkrankung meist über eine chronische Phase, kann aber ohne adäquate Therapie in eine Akzelerationsphase und schließlich in eine Blastenkrise übergehen.

    Die CML gehört trotz ihres malignen Charakters zu den onkologischen Erkrankungen mit den größten therapeutischen Fortschritten der letzten Jahrzehnte: Unter Tyrosinkinasehemmern (TKI) erreichen viele Patientinnen und Patienten heute eine nahezu normale Lebenserwartung. Die Diagnose wird durch den Nachweis von BCR::ABL1 mittels Zytogenetik, FISH oder RT-PCR gesichert.

    Merke: Die CML ist die klassische BCR::ABL1-positive Leukämie; der molekulare Nachweis des Fusionsgens ist diagnostisch entscheidend und zugleich Grundlage der zielgerichteten Therapie.

    Epidemiologie

    Die chronische myeloische Leukämie ist eine vergleichsweise seltene hämatologische Neoplasie. Die jährliche Inzidenz liegt in Europa und Nordamerika bei etwa 1–2 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner. Damit macht die CML ungefähr 10–15 % aller Leukämien bei Erwachsenen aus. In Deutschland ist von mehreren hundert bis über eintausend Neuerkrankungen pro Jahr auszugehen, abhängig von Erfassungsmethode und Bevölkerungsstruktur. Die Prävalenz nimmt seit Einführung der Tyrosinkinasehemmer deutlich zu, weil Patientinnen und Patienten wesentlich länger überleben; sie liegt daher höher als früher aus Inzidenzdaten allein zu erwarten war.

    Das mittlere Erkrankungsalter liegt meist zwischen 55 und 65 Jahren, prinzipiell kann die Erkrankung aber in jedem Lebensalter auftreten. Kinder und Jugendliche sind selten betroffen; pädiatrische Fälle machen nur einen kleinen Anteil aus. Ein leichter Männerüberschuss wird in vielen Kohorten beschrieben. Zum Diagnosezeitpunkt befinden sich heute etwa 85–90 % der Betroffenen in der chronischen Phase, während Akzelerationsphase und Blastenkrise als Primärmanifestation deutlich seltener sind.

    Vor Einführung der TKI lag die mediane Überlebenszeit häufig nur bei etwa 3–5 Jahren. Unter moderner Therapie erreichen viele Patientinnen und Patienten eine 10-Jahres-Überlebensrate von über 80–90 %, insbesondere bei früher Diagnose, guter Adhärenz und optimalem molekularem Ansprechen. Diese günstige Entwicklung hat die CML von einer vormals rasch progredienten Leukämie zu einer häufig langfristig kontrollierbaren chronischen Erkrankung verändert.

    Merke: Die CML ist selten, aber wegen der effektiven TKI-Therapie heute eine Erkrankung mit deutlich erhöhter Prävalenz und oft sehr guter Langzeitprognose.

    Ätiologie

    Die unmittelbare Ursache der CML ist in den meisten Fällen die reziproke Translokation t(9;22)(q34;q11), durch die das BCR-Gen auf Chromosom 22 mit dem ABL1-Gen auf Chromosom 9 fusioniert. Das resultierende BCR::ABL1-Fusionsprotein besitzt eine konstitutiv aktive Tyrosinkinasefunktion und stellt den zentralen onkogenen Treiber der Erkrankung dar. Je nach Bruchpunkt entstehen unterschiedliche Transkripte, bei der klassischen CML meist p210 BCR::ABL1. Diese genetische Veränderung entsteht somatisch in einer hämatopoetischen Stammzelle; eine klassische erbliche Übertragung ist für die überwiegende Mehrzahl der Fälle nicht typisch.

    Eindeutig gesicherte Risikofaktoren sind insgesamt begrenzt. Am besten belegt ist eine Exposition gegenüber ionisierender Strahlung, wie aus Beobachtungen nach Atombombenexposition oder therapeutischer Strahlenexposition hervorgeht. Für andere Umweltfaktoren, chemische Noxen oder Lebensstilfaktoren ist die Evidenz deutlich schwächer und oft nicht konsistent. Anders als bei manchen anderen myeloischen Neoplasien spielen definierte prädisponierende Syndrome in der Alltagsdiagnostik eine geringere Rolle.

    Wichtig ist die Abgrenzung zu anderen myeloproliferativen Neoplasien: Während Polycythaemia vera, essenzielle Thrombozythämie und primäre Myelofibrose häufig mit JAK2-, CALR- oder MPL-Mutationen assoziiert sind, ist die CML typischerweise BCR::ABL1-positiv. Im Verlauf können zusätzliche zytogenetische Aberrationen oder Kinase-Domänen-Mutationen entstehen, insbesondere unter Therapiedruck oder bei Progression.

    Merke: Die CML ist keine unspezifische „Leukämie unklarer Ursache“, sondern eine molekular definierte Erkrankung mit dem onkogenen Treiber BCR::ABL1.

    Pathogenese

    Die Pathogenese der CML beruht auf der konstitutiven Aktivierung der ABL1-Tyrosinkinase durch das BCR::ABL1-Fusionsprotein. Dieses aktiviert zahlreiche intrazelluläre Signalwege, darunter RAS/MAPK, PI3K/AKT, JAK/STAT und weitere proliferationsfördernde Netzwerke. Die Folge ist eine gesteigerte Teilung myeloischer Vorläuferzellen, eine verminderte Apoptose, veränderte Zelladhäsion im Knochenmark und eine zunehmende Freisetzung unreifer myeloischer Zellen in das periphere Blut. Typisch ist deshalb die ausgeprägte Leukozytose mit kompletter myeloischer Reifungsreihe, häufig begleitet von Basophilie und Eosinophilie.

    Die Erkrankung beginnt meist in einer chronischen Phase, in der die Differenzierung noch relativ geordnet abläuft. Im weiteren Verlauf können zusätzliche genetische Ereignisse, klonale Evolution und genomische Instabilität zur Akzelerationsphase führen. Schließlich kommt es bei Verlust der Differenzierung und massiver Zunahme unreifer Zellen zur Blastenkrise, die biologisch einer akuten Leukämie entspricht. Diese kann myeloisch oder lymphatisch imponieren.

    Auch die Milzvergrößerung lässt sich pathogenetisch erklären: Zum einen durch Sequestration der stark vermehrten Blutzellen, zum anderen durch extramedulläre Hämatopoese. Laborchemisch resultieren aus dem hohen Zellumsatz häufig LDH-Erhöhung, Hyperurikämie und mitunter Stoffwechselkomplikationen. Die zielgerichtete TKI-Therapie blockiert die BCR::ABL1-Kinase und greift damit direkt am pathogenetischen Kernmechanismus an.

    Merke: Die CML ist ein Paradebeispiel für eine Erkrankung, bei der ein einzelner dominanter molekularer Treiber sowohl die Biologie als auch die Therapie bestimmt.

    Symptome

    Die klinische Symptomatik der CML ist vor allem in der chronischen Phase oft unspezifisch oder initial sogar asymptomatisch. Nicht selten wird die Erkrankung zufällig im Rahmen eines Blutbildes entdeckt. Wenn Beschwerden auftreten, dominieren Leistungsknick, Müdigkeit, verminderte Belastbarkeit, Gewichtsverlust, subfebrile Temperaturen und Nachtschweiß. Diese sogenannten B-Symptome sind jedoch nicht obligat. Charakteristisch ist außerdem ein Druck- oder Völlegefühl im linken Oberbauch durch Splenomegalie; bei ausgeprägter Milzvergrößerung kann es zu früher Sättigung, abdominalem Druckgefühl oder Schmerzen kommen.

    Hämatologisch können Symptome sowohl durch die hohe Zellzahl als auch durch Funktionsstörungen entstehen. Manche Patientinnen und Patienten klagen über Kopfschmerzen, Schwindel, Sehstörungen oder Konzentrationsprobleme. Selten führt eine extreme Leukozytose zu Leukostase, die sich pulmonal mit Dyspnoe oder neurologisch mit Vigilanzminderung bemerkbar machen kann. Blutungsneigung oder thrombotische Ereignisse sind möglich, aber weniger typisch als bei anderen myeloproliferativen Neoplasien. Knochenschmerzen, Gichtanfälle oder Nierenkoliken können bei erhöhtem Zellumsatz und Hyperurikämie auftreten.

    Mit Übergang in Akzelerationsphase oder Blastenkrise nehmen die Symptome zu: Fieber, ausgeprägte Müdigkeit, Infektanfälligkeit, Blutungszeichen, Anämiesymptome und rasch zunehmende Splenomegalie werden häufiger. Klinisch relevant ist, dass die CML in der chronischen Phase im Blutbild häufig dramatisch wirken kann, während die Beschwerden nur diskret ausgeprägt sind.

    Leitsymptome:

    Begleitsymptome und Warnzeichen:

    Merke: Eine ausgeprägte Leukozytose mit Linksverschiebung und Splenomegalie bei oft nur mäßigen Beschwerden ist für die chronische Phase der CML typisch.

    Diagnostik

    Die Diagnostik der CML kombiniert Blutbild, Knochenmarkuntersuchung, Zytogenetik und Molekulardiagnostik. Im peripheren Blut findet sich typischerweise eine teils massive Leukozytose, häufig zwischen 50.000 und >200.000/µl, mit Linksverschiebung über alle Reifungsstufen der Granulopoese. Charakteristisch sind außerdem Basophilie und oft Eosinophilie. Die Thrombozytenzahl kann erhöht, normal oder vermindert sein; eine Anämie ist variabel ausgeprägt. Laborchemisch sind oft LDH, Harnsäure und Vitamin-B12-Bindungsproteine erhöht.

    Morphologisch zeigt der Blutausstrich die komplette myeloische Reifungsreihe. Zur Diagnosesicherung und Stadieneinteilung wird in der Regel eine Knochenmarkaspiration und -biopsie durchgeführt. Diese dient der Morphologie, der Erfassung von Fibrose, dem Ausschluss anderer Neoplasien und insbesondere der konventionellen Chromosomenanalyse. Der Nachweis des Philadelphia-Chromosoms bzw. der t(9;22) ist klassisch, aber nicht in jedem Fall allein ausreichend; entscheidend ist der Nachweis von BCR::ABL1 mittels RT-PCR oder FISH. Die quantitative RT-PCR ist zugleich essenziell für das Therapiemonitoring auf der International Scale (IS).

    Für die Risikostratifikation werden u. a. ELTS-, Sokal-, Hasford- oder EUTOS-Scores verwendet. Bildgebung ist ergänzend sinnvoll, etwa Sonographie zur Bestimmung der Milzgröße. Bei Verdacht auf Progression sind Blastenanteil, zusätzliche zytogenetische Aberrationen und ggf. eine BCR::ABL1-Kinase-Domänen-Mutationsanalyse relevant. Der diagnostische Goldstandard ist heute nicht ein einzelner Test, sondern die Kombination aus hämatologischer, zytogenetischer und molekularer Bestätigung.

    Wichtige diagnostische Bausteine:

    Merke: Die Diagnose CML ist erst durch den Nachweis von BCR::ABL1 gesichert; die quantitative PCR ist unverzichtbar für Verlaufsbeurteilung und Therapieentscheidungen.

    Differentialdiagnosen

    Die wichtigste Differentialdiagnose der CML ist eine leukämoide Reaktion bei Infektion, Entzündung, Tumorerkrankung oder Steroidtherapie. Auch hierbei kann eine deutliche Leukozytose mit Linksverschiebung vorliegen, jedoch fehlen typischerweise das BCR::ABL1-Fusionsgen, die persistierende Basophilie und die für die CML typische klonale Zytogenetik. Klinische Anamnese, Entzündungsparameter, Verlauf und molekulare Diagnostik helfen bei der Abgrenzung.

    Ebenfalls abzugrenzen sind andere myeloproliferative Neoplasien wie primäre Myelofibrose, Polycythaemia vera und essenzielle Thrombozythämie. Diese sind zumeist BCR::ABL1-negativ und zeigen häufiger JAK2-, CALR- oder MPL-Mutationen. Bei prominenter Neutrophilie kommen außerdem chronische neutrophile Leukämie (CNL) und atypische CML (aCML) bzw. nach aktueller Klassifikation andere MDS/MPN-Überlappungssyndrome in Betracht. Die atypische CML ist gerade durch das Fehlen von BCR::ABL1 definiert und zeigt dysgranulopoetische Veränderungen.

    Bei hohem Blastenanteil müssen akute myeloische Leukämie (AML) und akute lymphatische Leukämie (ALL) bedacht werden, insbesondere in der Blastenkrise. Weitere Differenzialdiagnosen sind chronische myelomonozytäre Leukämie (CMML), schwere Infektionen, reaktive Splenomegalien sowie selten medikamenteninduzierte Blutbildveränderungen.

    Klinisch relevante DD:

    Entscheidend für die Abgrenzung ist letztlich der molekulare Nachweis von BCR::ABL1. Ohne diesen sollte die Diagnose einer klassischen CML kritisch hinterfragt werden.

    Merke: Nicht jede Leukozytose mit Linksverschiebung ist eine CML; die Unterscheidung gelingt zuverlässig erst durch Zytogenetik und Molekulardiagnostik.

    Therapie

    Die Therapie der CML richtet sich nach Krankheitsphase, Risikokonstellation, Komorbiditäten, Nebenwirkungsprofil und molekularem Ansprechen. In der chronischen Phase ist ein Tyrosinkinasehemmer (TKI) Standard der Erstlinientherapie. Nach aktuellen Empfehlungen internationaler Fachgesellschaften und der deutschsprachigen onkologischen Versorgungspraxis kommen insbesondere Imatinib 400 mg 1-mal täglich p.o., Dasatinib 100 mg 1-mal täglich p.o., Nilotinib 300 mg 2-mal täglich p.o. oder Bosutinib 400 mg 1-mal täglich p.o. infrage. Die Auswahl erfolgt individuell: Bei kardiovaskulären Risikofaktoren ist z. B. Nilotinib mit Vorsicht zu verwenden, bei pleuropulmonaler Vorerkrankung Dasatinib wegen Pleuraergüssen und pulmonaler Hypertonie kritisch zu prüfen.

    Therapieziel ist das rasche Erreichen eines tiefen molekularen Ansprechens. Wichtige Meilensteine sind z. B. BCR::ABL1 ≤10 % nach 3 Monaten, <1 % nach 6 Monaten und ≤0,1 % (MMR) nach 12 Monaten auf der International Scale. Bei unzureichendem Ansprechen oder Unverträglichkeit sind Adhärenz, Arzneimittelinteraktionen und eine Mutationsanalyse zu prüfen; anschließend erfolgt ggf. der Wechsel auf einen anderen TKI. Bei T315I-Mutation ist Ponatinib besonders relevant, meist initial 45 mg täglich, je nach Risiko und Ansprechen dosisadaptiert; wegen arterieller Verschlussereignisse ist eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich. Asciminib als STAMP-Inhibitor ist bei vorbehandelter CML ebenfalls eine wichtige Option, z. B. 40 mg 2-mal täglich p.o.

    In Notfallsituationen mit extremer Hyperleukozytose kann vorübergehend Hydroxyurea, z. B. 20–40 mg/kgKG/Tag, eingesetzt werden, ersetzt aber nicht die definitive TKI-Therapie. Die allogene Stammzelltransplantation ist heute v. a. bei Progression, TKI-Versagen, Hochrisikokonstellationen oder fortgeschrittener Phase indiziert. In Akzelerationsphase und Blastenkrise sind TKI plus intensive leukämiespezifische Therapie und Transplantationsplanung zentral.

    Für ausgewählte Patientinnen und Patienten mit stabiler tiefer molekularer Remission über mehrere Jahre kommt ein kontrollierter Therapieabsetzversuch (treatment-free remission, TFR) infrage. Dies erfordert sehr engmaschige PCR-Kontrollen. Relevante Bezugspunkte sind Empfehlungen von ELN, NCCN sowie deutschsprachige onkologische Leitlinien und AWMF-nahe Versorgungspfade.

    Merke: Die CML ist eine Modellkrankheit der Präzisionsmedizin: TKI-Therapie plus standardisiertes molekulares Monitoring bestimmen Prognose und weitere Therapieentscheidungen.

    Prognose

    Die Prognose der CML hat sich seit Einführung der Tyrosinkinasehemmer grundlegend verbessert. Während vor der TKI-Ära viele Patientinnen und Patienten innerhalb weniger Jahre progredient erkrankten, erreichen heute insbesondere Betroffene in der chronischen Phase häufig eine nahezu normale Lebenserwartung. In großen Kohorten und Registerdaten liegen 10-Jahres-Überlebensraten oft über 80–90 %, wobei Alter, Komorbiditäten, Adhärenz, TKI-Verträglichkeit und die Tiefe des molekularen Ansprechens wesentliche Einflussfaktoren sind.

    Ein besonders günstiges Zeichen ist das frühe Erreichen definierter molekularer Ziele, vor allem eines BCR::ABL1-Wertes ≤10 % nach 3 Monaten und einer major molecular response (MMR; ≤0,1 % IS) innerhalb des ersten Jahres. Patientinnen und Patienten, die diese Meilensteine nicht erreichen, haben ein erhöhtes Risiko für Progression und benötigen eine kritische Reevaluation. Prognostische Scores wie ELTS helfen, das Risiko CML-bedingter Mortalität einzuschätzen.

    Die Prognose verschlechtert sich deutlich mit Übergang in Akzelerationsphase oder Blastenkrise. Letztere ähnelt biologisch einer akuten Leukämie und ist mit deutlich geringeren Remissions- und Überlebenschancen verbunden. Dennoch können auch hier moderne TKI, intensive Systemtherapien und allogene Transplantation in Einzelfällen langanhaltende Remissionen ermöglichen.

    Langfristig relevant ist nicht nur die Kontrolle der CML, sondern auch das Management von Therapienebenwirkungen, z. B. kardiovaskulärer, pleuropulmonaler oder metabolischer Komplikationen bestimmter TKI. Darüber hinaus hat die Möglichkeit einer treatment-free remission bei ausgewählten Betroffenen die prognostische Perspektive erweitert: Ein Teil der Patientinnen und Patienten kann nach stabiler tiefer Remission die Therapie zeitweise oder dauerhaft absetzen, muss aber engmaschig kontrolliert werden.

    Merke: Die Prognose der CML hängt heute weniger von der Diagnose an sich ab als vom molekularen Ansprechen unter TKI-Therapie und von der Vermeidung einer Krankheitsprogression.

    Prävention

    Eine spezifische Primärprävention der chronischen myeloischen Leukämie ist nicht etabliert, da die Erkrankung meist durch eine zufällige somatische genetische Veränderung entsteht und nur wenige gesicherte beeinflussbare Risikofaktoren bekannt sind. Der am besten belegte exogene Risikofaktor ist die Exposition gegenüber ionisierender Strahlung. Daraus folgt, dass unnötige Strahlenbelastung im medizinischen und beruflichen Kontext grundsätzlich vermieden werden sollte. Im klinischen Alltag bedeutet dies einen rationalen Einsatz bildgebender Verfahren mit ionisierender Strahlung unter Beachtung des ALARA-Prinzips.

    Eine generelle Screening-Empfehlung für die asymptomatische Bevölkerung gibt es nicht, da die CML selten ist und kein praktikables bevölkerungsweites Früherkennungsprogramm existiert. Indirekt relevant ist jedoch die Sekundärprävention in Form früher Diagnosestellung: Eine persistierende Leukozytose, Basophilie oder Splenomegalie sollte zeitnah hämatologisch abgeklärt werden. Ebenso wichtig ist die Tertiärprävention durch konsequente Therapieadhärenz, standardisiertes PCR-Monitoring und frühzeitiges Management von Nebenwirkungen, um Progression und Komplikationen zu vermeiden.

    Patientenberatung umfasst außerdem die Kontrolle kardiovaskulärer Risikofaktoren, insbesondere wenn TKI mit vaskulären Nebenwirkungen eingesetzt werden. Rauchstopp, Blutdruckkontrolle, Diabetesmanagement und Lipidsenkung sind keine spezifischen Maßnahmen gegen die Entstehung der CML, aber relevant für den sicheren Langzeitverlauf unter Therapie.

    Merke: Eine echte Primärprävention der CML gibt es nicht; entscheidend sind frühe Abklärung auffälliger Blutbilder und konsequentes molekulares Monitoring unter Therapie.

    Komplikationen

    Die wichtigsten Komplikationen der CML ergeben sich entweder aus der Erkrankung selbst oder aus ihrer Therapie. Die schwerwiegendste krankheitsbedingte Komplikation ist die Progression von der chronischen Phase in die Akzelerationsphase und schließlich in die Blastenkrise. Letztere geht mit einem hohen Blastenanteil, schwerer Knochenmarkinsuffizienz, Infektions- und Blutungsrisiko sowie einer deutlich schlechteren Prognose einher. In seltenen Fällen kann bereits initial eine extreme Hyperleukozytose mit Leukostase auftreten, die neurologische Ausfälle, respiratorische Insuffizienz oder Mikrozirkulationsstörungen verursacht.

    Weitere Komplikationen der Erkrankung sind Splenomegalie mit abdominellen Beschwerden, Milzinfarkt in seltenen Fällen, Hyperurikämie, Nephrolithiasis und metabolische Probleme bei hohem Zellumsatz. Anämie, Thrombozytopenie oder Funktionsstörungen der Thrombozyten können zu Müdigkeit, Dyspnoe oder Blutungsneigung führen. Infektionen spielen vor allem in fortgeschrittenen Stadien oder unter intensiver Therapie eine Rolle.

    Therapieassoziierte Komplikationen variieren je nach TKI: Imatinib verursacht häufig Ödeme, Muskelkrämpfe, Diarrhö oder Exantheme. Dasatinib ist relevant wegen Pleuraergüssen und seltener pulmonaler arterieller Hypertonie. Nilotinib und Ponatinib sind mit arteriellen Verschlussereignissen, Hyperglykämie und metabolischen Störungen assoziiert. Bosutinib führt oft zu gastrointestinalen Nebenwirkungen und Transaminasenanstieg. Unter allen TKI können Zytopenien, Hepatotoxizität und Interaktionen über CYP-Systeme auftreten.

    Langfristig klinisch bedeutsam sind daher ein strukturiertes Nebenwirkungsmonitoring, EKG- und Stoffwechselkontrollen sowie die Bewertung von kardiovaskulären Risikofaktoren. Bei inadäquatem Management können nicht nur Lebensqualität und Adhärenz leiden, sondern auch das Erreichen tiefer molekularer Remissionen gefährdet sein.

    Merke: Die gefährlichste Komplikation der CML ist die Blastenkrise; im Langzeitverlauf sind jedoch auch TKI-spezifische Organ- und Gefäßnebenwirkungen prognostisch relevant.

    Häufige Fragen

    Ist die chronische myeloische Leukämie heute heilbar?

    Die CML ist heute oft sehr gut kontrollierbar, und viele Betroffene haben unter moderner Therapie eine nahezu normale Lebenserwartung. Eine sichere Heilung ist nicht in jedem Fall gegeben, aber einige Patientinnen und Patienten können nach tiefer, stabiler molekularer Remission die Medikamente unter enger Kontrolle sogar absetzen.

    Muss ich bei CML immer eine Chemotherapie bekommen?

    In der chronischen Phase steht heute meist keine klassische Chemotherapie, sondern eine zielgerichtete Therapie mit Tyrosinkinasehemmern im Vordergrund. Eine intensivere Chemotherapie wird vor allem bei fortgeschrittenen Stadien wie der Blastenkrise oder in besonderen Therapiesituationen relevant.

    Warum sind bei CML so häufige Blutkontrollen nötig?

    Die Behandlung wird nicht nur nach Beschwerden, sondern vor allem nach dem molekularen Ansprechen gesteuert. Regelmäßige Blutbilder und BCR::ABL1-PCR-Kontrollen zeigen früh, ob die Therapie ausreichend wirkt oder ob ein Medikamentenwechsel nötig sein könnte.

    Quellen

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    5. Kaushansky K, Lichtman MA, Prchal JT, et al. Williams Hematology. 10th ed. McGraw-Hill.
    6. Arber DA, Orazi A, Hasserjian RP, et al. The International Consensus Classification of Myeloid Neoplasms and Acute Leukemias. Blood. 2022.
    Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel wurde von Dr. mult. Dr. h.c. Babak Saravi verfasst und von PD Dr. Dr. Andreas Vollmer fachlich geprüft, zuletzt aktualisiert am 24. März 2026. Er dient der fachlichen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

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